"Etwas Besseres, als Kämpfe mit meiner Musik
zu unterstützen, kann es nicht geben."

FOTO: CHRISTIAN DITSCH

Der Agit-Rapper

Rap ist Pose. Und die ist oft sexistisch, autoritär und aufgeblasen. Dass es anders geht, zeigt Holger Burner. Der Hamburger setzt sich mit seiner Musik für sozialistische Alternativen und Gewerkschaften ein

von MAIK SÖHLER

Es gibt Rapper, die mit ihrer Musik für Reichtum, Protz und die Erniedrigung von Frauen oder Schwulen und Lesben stehen. Frauen sind "Bitches", wer nicht heterosexuell ist, wird diffamiert. Fragt man nach, was das soll, dann heißt es entweder, das sei nicht so gemeint oder es sei authentisch - auf der Straße spreche man so.

Die Stars der deutschen HipHop- Szene mal eben vergessen - es gibt einen Rapper, der solche autoritären Posen nicht braucht: Holger Burner (28). Wenn man ihn abwägend und differenziert vorstellen soll, müsste man von einem Sozial-Rapper sprechen, von engagierten Songs und von Texten, die für Chancengleichheit und Gerechtigkeit Stellung beziehen. Nachzuhören sind sie auf seiner vor kurzem erschienenen ersten CD Cypher-Propaganda. Aber auch das mal kurz vergessen. Warum nicht so direkt und ehrlich sein, wie Burner es selbst ist. Dann muss man ihn als einen linksradikalen Klassenkampf-Rapper vorstellen, der mit seiner Musik Propaganda macht - für den Sozialismus, für Gewerkschaften, für politische Aktivität, gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Resignation. So einfach ist das.

Holger Burner

1978 als David Schultz geboren. Wächst in Kassel zusammen mit seinem acht Jahre älteren Bruder bei der allein erziehenden Mutter auf. Seinen Vater kennt er nicht. Die Mutter ist überwiegend erwerbslos, die Lebensverhältnisse sind, wie er sagt, "sehr arm". Aber sie hatte das Ziel, die Kinder zu Bildungsaufsteigern zu machen, "und das hat geklappt". Er zieht mit 17 von zu Hause aus, neben der Schule ein bis zweimal pro Woche Fließbandarbeit im Druckhaus Dierichs, schließlich Abitur. 13 Monate Zivi in einem Kasseler Sportkindergarten. Seit 2001 in Hamburg. Dort zuerst Studium der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Abbruch, seither Studium der Sozialpädagogik. Burner jobbt daneben 70 Stunden im Monat "als Mädchen für alles" in einem Büro, das Schüleraustausche organisiert. Wohnt in einer Dreier-WG in St. Pauli. Monatseinkommen "so um Hartz IV rum, manche Monate auch drunter". Hofft auf ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung, damit weniger Zeit für den Job draufgeht und mehr für Studium und Musik bleibt. www.holger-burner.de und www.myspace.com/holgerburner

Burner statt Börner

Holger Burner, der beim Diskutieren und Agitieren offenbar nie müde wird, heißt eigentlich David Schultz. Warum dieses Pseudonym? Der Rapper erklärt es gern: "Ich komme aus Kassel, genauso wie der ehemalige SPD-Bundesgeschäftsführer und hessische Ministerpräsident Holger Börner, Börner mit ö. Er war reaktionär, wollte mal eigenhändig mit einer Dachlatte Demonstranten verprügeln. Im HipHop bedeutet Burner, dass man was richtig gut drauf hat. Der Name war viel zu gut, um ihn dem Börner mit ö zu überlassen. Wenn Leute den Namen Holger Burner/Börner aus Kassel hören, dann sollen sie an mich denken, und nicht an ihn. Bei einem Teil der jüngeren Generation ist es nun so."

Zum Rap und HipHop ist er früh gekommen, "so mit elf, zwölf Jahren, als gerade Schluss war mit Asterix-Hörspielkassetten", sagt Burner. Er fuhr mit einem Freund seines Bruders nach Berlin, im Auto lief was von den US-HipHoppern Gang Starr. "Ich habe die Texte anfangs gar nicht verstanden und einfach nur alles mitgenommen, was gut klingt": Public Enemy, KRS-One, ab Mitte der Neunziger auch deutschsprachige Bands. Geblieben ist die Leidenschaft für The Coup - kommunistische Ami-Rapper, die mit ihm das Verständnis teilen, Rap sei ein musikalisches "Verarbeiten von dem, was man erlebt".

Nicht jeder, der Rap hört, wird selbst Musiker. Solche Einwände bügelt der Marxist Burner, der Lenin als Vorbild nennt, kurz ab: "In Kassel war ich schon als Kiddie unter den Aktiven in der Kultur, und da stellt sich die Frage gar nicht, ob man selbst nichts macht." Das ist ein typischer Satz für ihn, denn er enthält die Wendungen, die Burner im Gespräch am häufigsten gebraucht: aktiv sein, die Frage stellt sich nicht.

Denn ihm, der in einem Stadtteil aufgewachsen ist, in dem viele Griechen und Spanier leben, stellte sich die Frage eben einfach nicht, ob man Engagement gegen Rassismus und Neonazis zeigen sollte, als in den frühen Neunzigern "die Faschos aufmarschierten". Für ihn war es selbstverständlich, auch "erklären zu wollen, woher der Rassismus kommt und wem er nützt" und deswegen im Alter von 15 Jahren in der trotzkistischen Jugendorganisation "Sozialistische Alternative Voran" aktiv zu werden. Natürlich hat er erst bei der Gewerkschaftsjugend mitgemacht und ist dann 1998 ÖTV-Mitglied geworden - obwohl die ÖTV-Sekretärin damals gelacht und zu ihren Kollegen gesagt habe: "Jemand kommt und will bei uns eintreten." Und, klar: Auch ver.di ist er treu geblieben. Keine Frage.

Ziel Heiligendamm

Waren es in seiner Kasseler Zeit bei Rap-Events noch spontane Griffe zum Mikro, "wenn mich der Sexismus einiger HipHopper zu sehr ankotzte", so datiert sein "ehrlicher Rap-Anfang" auf 2002 in Hamburg. Später kamen Auftritte bei so genannten Battles, Improvisations-Wettbewerben, hinzu. Der erste eigene Text wurde im Sommer 2004 in Berlin beim Tag der offenen Tür des Wirtschaftsministeriums vorgetragen - und gleich von der Polizei konfisziert, weil Versammlungen vor dem Ministerium verboten waren und sein Auftritt als eine solche eingestuft wurde. Adidas hat mal einen Track von ihm, offensichtlich ohne ihn vorher zu hören, auf die Unternehmenswebsite gestellt. Der Song handelt von Ausbeutungsmethoden in El Salvador und China, Ausbeutung durch Adidas. "Das ist Kommunikationsguerilla im besten Sinne", meint Burner und freut sich über die gelungene Subversion.

Er tritt regelmäßig für Gewerkschaften auf, mal am 1. Mai, mal bei Protestkundgebungen, mal bei Bildungsdemonstrationen. Den Arbeitskampf der Beschäftigten der BSH (Bosch-Siemens-Hausgeräte) in Berlin hat er musikalisch unterstützt, Solidaritätsauftritte an Berufschulen gehören genauso zum Programm wie Konzerte für die Hamburger Hafenstraße oder ein Gig im Jugendzentrum Reinbek.

"Immer rein ins Getümmel, da sind die Leute. Regeneration brauche ich nur im Sinne von Schlaf. Wenn ich irgendwo hingehen kann, mache ich das lieber, als zu Hause rumzuhängen." Am glücklichsten wäre Burner, wenn er bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm auf eine der Bühnen kommen könnte. "Ich würde aber auch gerne mal in einer besetzten Fabrik rappen. Etwas Besseres, als Kämpfe mit meiner Musik zu unterstützen, kann es nicht geben", sagt er und lacht.

Unternehmungsgeist pur. Sein nächstes Album, das im Sommer erscheinen soll, hat einen konsequenten Titel: Klassenkampf-Rap.