Im Märzen der Bauer...

Politik und Wissenschaft sind uneins über Nutzen und Schaden grüner Gentechnik. Umweltschützer und Verbraucher lehnen genmanipulierte Pflanzen mehrheitlich ab. Eine Streitschrift

VON BENEDIKT HAERLIN

Foto: ditsch / version-foto.de

Ein neues Gespenst geht um in Europa: sein Name ist "Mon 810". Für die einen ist es der Vorbote der Landwirtschaft von morgen, für die anderen ein veritables Monster. Die Rede ist von einer gentechnisch veränderten Maissorte der Firma Monsanto; der einzigen, deren Anbau in der Europäischen Union genehmigt ist.

Ungarn, Österreich, Griechenland, Polen und Luxemburg haben "Mon 810" allerdings längst wieder verboten. Im Januar verfügte auch der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy ein Verbot wegen Sicherheitsbedenken. Selbst in Deutschland war "Mon 810" für einige Monate verboten. Doch kurz vor der diesjährigen Anbau-Saison hat ihn das Bundesamt für Verbraucherschutz wieder freigegeben - gegen die Bedenken des Bundesamtes für Naturschutz. Über die Schädlichkeit der Gentechnik-Maissorte streitet die Wissenschaft seit der Zulassung vor zehn Jahren. Die EU-Kommission ringt darum, die dieses Jahr fällige Verlängerung zu erteilen. Umweltkommissar Stavros Dimas hegt massive Zweifel an seiner Nachhaltigkeit.

Rund 4000 Hektar Gentechnikmais haben Landwirte, vornehmlich in den neuen Bundesländern, dieses Jahr zum Anbau angemeldet. Gemessen an der Maisanbaufläche von 1,7 Millionen Hektar in Deutschland bewegt sich das zwar im Promillebereich. Aber immerhin stiege Deutschland damit, nach Spanien, zum zweitgrößten Gentechnikanbau-Land der EU auf. Eine zweifelhafte Ehre in den Augen einer soliden Mehrheit von Bürgerinnen und Bürgern, die am liebsten gar keine Gentechnik in ihrem Essen und auf ihren Feldern sähe. Mit Widerstand ist zu rechnen.

Schmetterlinge sterben

Die Technologie von "Mon 810" stammt aus den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. US-Wissenschaftlern gelang es damals, Gene des einst in Thüringen entdeckten Bodenbakteriums "Bacillus Thuringiensis", kurz "Bt", in Mais und später auch in Baumwolle zu übertragen. Sie produzieren dort ein Insekten-Gift, das unter anderem den Mais-Zünsler tötet. Der setzt in manchen Regionen, besonders in feucht-warmen Jahren, der Maisernte zu, indem er sich in die Stengel bohrt und dort zu einem unscheinbaren Schmetterling heranwächst. Aber auch andere Schmetterlinge sterben daran. Boden- und Wasserorganismen vertragen das Bt-Gift ebenfalls nicht gut. Dem Zünsler kann man auch mit anderen Methoden beikommen. Doch die sind etwas arbeitsintensiver.

Kaum zu glauben, aber wahr, außer der Bt-Technologie hat die Agro-Gentechnik bis heute nur noch einen einzigen weiteren Verkaufsschlager zu bieten: die Roundup-Reday Technik, ebenfalls aus dem Hause Monsanto. Round-up ist weltweit das meistverkaufte Pestizid, ein so genanntes Totalherbizid: Roundup sprühen und alles Grün verdorrt im Nu - fast alles jedenfalls. Mais, Soja und Raps, die gentechnisch gegen Roundup immun gemacht wurden, machen Unkrautbekämpfung scheinbar zum Kinderspiel. In den USA, Argentinien und Brasilien geschieht dies vornehmlich mit dem Flugzeug. Gewaltige Flächen werden so mit Roundup "gesäubert". Keine gute Grundlage für Artenvielfalt. Eine analoge Technik bietet die Bayer AG. Deren "Liberty Link"-Pflanzen sind immun gegen das hauseigene Totalherbizid Glufosinat.

Auch diese Technik stammt aus den 80er Jahren und hat ihren Zenit wohl überschritten. Immer mehr so genannte Unkräuter wurden, ganz ohne Gentechnik, durch den Dauergiftregen selbst gegen "Roundup" resistent. Die Folge: Während ursprünglich die Menge der ausgebrachten Pestizide durch Roundup-Ready reduziert werden konnte, ist sie in den USA mittlerweile auf das anderthalbfache angestiegen. Dabei greift man nun wieder zu härteren Mitteln. Gut fürs Geschäft, schlecht für die Umwelt.

Weltweit werden mit Bt- und Roundup-Ready-Pflanzen heute nach Angaben der Industrie über 100 Millionen Hektar bestellt. Das ist viel. Die gesamte Agrarfläche Deutschlands beträgt eben mal 17 Millionen Hektar. Dreiviertel dieser Gentechnikflächen entfallen auf die riesigen Monokulturen der USA, Argentiniens und Brasiliens. 80 Prozent sind Mais und Soja, aus denen vor allem Viehfutter, Sprit, Fructose-Süßstoff, Stärke und Öl produziert wird. Soja- oder Mais-Bestandteile finden sich in rund Dreivierteln aller industriell hergestellten Lebensmittel.

Nicht mal ins Katzenfutter

Doch im Supermarkt ist die "Schlacht um die Gentechnik" längst geschlagen: Keine einzige Supermarkt-Kette und kein einziger Lebensmittelkonzern bieten heute in Deutschland Gentechnik-Produkte an. Die Verbraucher haben gesprochen, in ganz Europa. Während Bio mittlerweile in aller Munde ist, sucht man Gentechnik in den Regalen von Aldi, Lidl oder Edeka vergebens.

Europas Kennzeichnungsvorschriften sind streng: Alles, was direkt aus gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellt wird, muss gekennzeichnet werden, selbst wenn das manipulierte Erbgut im Endprodukt gar nicht mehr nachzuweisen ist. Das gilt auch für Speiseöl und Emulgatoren, für Süßmittel und Stärke.

Die meisten Arbeitsplätze durch Agro-Gentechnik entstanden deshalb bisher bei ihrer Vermeidung: Tests und Zertifikate zum Nachweis der Gentechnikfreiheit von Lebensmitteln sind ein boomendes Geschäft. Kleine Verunreinigungen (bis 0,9 Prozent pro Zutat) werden zwar toleriert. Aber auch dieses Risiko geht kein Lebensmittelhersteller freiwillig ein. Selbst Hunde- und Katzenfutterhersteller wollen sich keine Blöße geben.

Dennoch werden jährlich gut 15 Millionen Tonnen gentechnisch veränderter Soja und etliche Millionen Tonnen Gentechnik-Maisreste nach Europa importiert. Wo bleiben sie? In der Tiermast. Ohne den Import von Millionen Tonnen an Soja aus Übersee könnten Europas Fleischfabriken dicht machen. Fleisch, Eier und Milch von Tieren, die mit Gentechnik gefüttert wurden, müssen nach den EU-Vorschriften nicht gekennzeichnet werden. Nur für Bioprodukte darf kein Gentechnikfutter eingesetzt werden.

Bisher konnten Molkereien und Fleischproduzenten, die bewusst auf Gentechnik-Futter verzichten, ihre Produkte nicht einmal als "gentechnikfrei" ausloben, um so den Verbrauchern eine Wahl zu bieten. Das hat sich jetzt geändert. Das neue Gentechnikgesetz, das im Januar verabschiedet wurde, ermöglicht jetzt wenigstens die Kennzeichnung "ohne Gentechnik". Bleibt abzuwarten, wie breit das Angebot in der Fleisch- und Milchbranche angenommen wird.

Ansonsten brachte das neue Gentechnikgesetz, mit dem die große Koalition ihrem rot-grünen Vorgänger die "Technologiefeindlichkeit" nehmen wollte, nicht viel Neues. Nach wie vor müssen Gentechnikflächen öffentlich angemeldet werden und müssen Gentechnik-Anbauer für Schäden bei ihren gentechnikfreien Nachbarn haften. Das hätten Bayer, BASF und Monsanto gerne gestrichen. Doch als Landwirtschaftsminister Seehofer ihnen anbot, statt dessen einen gemeinsamen Haftungsfonds einzurichten, aus dem solche Schäden bezahlt werden, verweigerten sie sich. Bis heute ist keine Versicherung der Welt bereit, die möglichen Schäden zu versichern. Folgerichtig empfiehlt der Deutsche Bauernverband seinen Mitgliedern weiterhin, auf Gentechnik zu verzichten.

Kein Mittel gegen Hunger

Im Mai dieses Jahres wird die heikle Haftungsfrage in Bonn auf internationalem Parkett verhandelt. Das Biosicherheitsprotokoll der UN-Konvention für Biologische Vielfalt, soll endlich internationale Haftungsregeln für den Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen regeln. Das hatten die Industrienationen im Jahre 2000 den Entwicklungsländern versprochen.

Die Aussichten auf eine Einigung der 140 Regierungen, die das Protokoll unterzeichnet haben, stehen schlecht. Nicht nur die mächtige Lobby der Agrar-Multis will dies verhindern. Selbst die EU und auch Deutschland sperren sich gegen verbindliche Regeln. Dass die Industrieländer nicht für Schäden haften wollen, die beim Export der Technik entstehen, wird den Glauben an derartigen Fortschritt kaum stärken.

Aber brauchen wir die Gentechnik nicht, um den Hunger in der Welt zu bekämpfen? Auch so eine Geschichte aus dem letzten Jahrhundert. Rund 4000 Wissenschaftler aller Länder und Disziplinen berieten auf Initiative der Vereinten Nationen und der Weltbank vier Jahre lang nach dem Vorbild des Weltklima-Rates über die Zukunft der Landwirtschaft. Ihr Abschlussbericht kommt zu dem Schluss, dass die Gentechnik zur Bekämpfung des Hungers, zum Erhalt der Vielfalt und zur Anpassung an den Klimawandel wenig zu bieten hat.

Monsanto und die Firma Syngenta kündigten daraufhin in letzter Minute ihre Mitarbeit. Auch die US-Regierung droht mit Boykott. Ob das der Wahrheitsfindung dient? Der Bericht der Wissenschaftler liegt auf dem Tisch. Die Zukunft, sagen sie, gehört den Kleinbauern, der Qualität, der Vielfalt, intelligenter Züchtung, regionaler Anpassung und freiem Zugang zu Wissen und Erfahrung. Industrielle Monokulturen sind von gestern und gefährden die Ernährungssicherheit und die Umwelt.

Der Autor ist Mitarbeiter der "Zukunftsstiftung Landwirtschaft" und hat für Greenpeace die Kampagne gegen Genmais koordiniert.

Kartoffel-Stärken und -Schwächen

Kurz vor seiner Zulassung in der EU steht jetzt ein Gentechnikprodukt von BASF, das sich dadurch auszeichnen soll, nicht in den Lebens- und Futtermittelkreislauf zu geraten. "Amflora" heißt die Industrie-Kartoffel. Während normale Kartoffeln zwei Stärkekomponenten (Amylose und Amylopektin) enthalten, soll Amflora ausschließlich Amylopektin enthalten und damit den Einsatz von Kartoffelstärke für glänzenderes Papier, langsamer trocknende Klebstoffe und Kosmetikprodukte wirtschaftlicher machen. Amflora soll ausschließlich im Vertragsanbau von ausgewählten Landwirten angebaut und in einer geschlossenen Kette verarbeitet werden.

Bei Anbauversuchen zur strikten Trennung von Amflora von Speisekartoffeln konnte BASF leider keinen vollständigen Erfolg vermelden. Aus den Pannen, die bereits im kontrollierten Versuchsanbau auftraten, zog man den Schluss, eine Zulassung der Verunreinigung von Lebensmitteln mit Amflora bis zu 0,9 Prozent zu beantragen.

Zwar stimmten im Juli mehr EU-Minister gegen als für die Zulassung von "Amflora". Weil aber keine Zweidrittel-Mehrheit gegen die Zulassung stimmte, kann die EU-Kommission das Produkt dennoch zulassen. Vorbehalte hatte u.a. die Europäische Arzneimittelbehörde, weil "Amflora" eine Resistenz gegen Antibiotika enthält, die die Behörde als medizinisch wichtig einstuft.

Mit der Entscheidung der EU-Kommission wird im Frühjahr gerechnet. Der Anbau des BASF-Saatgutes läuft bereits in Mecklenburg-Vorpommern.

Mehr zum Thema

Kritiker:

Informationsdienst Gentechnik, der von einer Reihe von Umwelt- und Verbraucher-Organisationen herausgegeben wird. www.keine-gentechnik.de

Aktion Bantam-Mais. Dem Anbau von Gentechnikmais halten Gärtnerinnnen und Gärtner den Anbau von samenfestem Süßmais entgegen. Eine Mitmachaktion mit süßem Geschmack und Pfiff. www.bantam-mais.de

Zur Pfingst-Demonstration und einem Festival und Weltkongress der Vielfalt lädt während der Verhandlungen des Protokolls zur Biologischen Sicherheit. www.planet-diversity.org

Freunde:

Viele Detail-Informationen bietet die von der Industrie geförderte Webseite www.transgen.de

BASF präsentiert Amflora: www.corporate.basf.com/de/stories/loesungen/amflora/

Positives über die Sicherheit von Gentechnik finden Sie unter www.biosicherheit.de

Offizielles:

Eine trockene Gesetzes-Übersicht und ein Standortregister aller Gentechnikanbauflächen bietet das Bundesamt für Verbraucherschutz: www.bvl.bund.de

Den Bericht des "International Assessment of Agricultural Science and Technology" gibt es bisher nur auf Englisch unter www.agassessment.org

Die offizielle Seite des Internationalen Protokolls zur Biosicherheit der Konvention für Biologische Vielfalt lautet:www.cbd.int/biosafety

EU-Vorschriften und Informationen zu Gentechnik in Lebensmitteln und Landwirtschaft: http://ec.europa.eu/food/food/biotechnology/index_de.htm