Das Risiko

Agenturen wie Moody's und Standard & Poor's bewerten Finanzanlagen. Bei den amerikanischen Ramschhypotheken sahen sie kein Problem. Erst jetzt geraten ihre Arbeitsmethoden in die Kritik

von NICOLA LIEBERT

Obdachlos in Los Angeles. Bis zu 200
Menschen leben zeitweise in einer Zeltstadt

Foto: Lucy Nicholson / REUTERS

Die Suche nach den Schuldigen an der derzeitigen Krise auf den Finanzmärkten hält an. Ganz vorn auf der Liste der Verdächtigen: Rating-Agenturen wie Standard & Poor's oder Moody's, die die Qualität von Finanzanlagen beurteilen. Deren Aufgabe wäre es schließlich gewesen, die Banken und Finanzinvestoren vor den Risiken zu warnen, die mit den amerikanischen Ramschhypotheken verbunden waren.

Diese so genannten Subprime-Hypotheken, die in den USA an Häuslebauer ohne festes Einkommen und ohne Sicherheiten vergeben wurden, waren der Auslöser der aktuellen Krise. Die Immobilienfinanzierer hatten diese Hypotheken an Hedgefonds, Banken oder sonstige risikofreudige Finanzinvestoren weiterverkauft. Und die Rating-Agenturen hatten all dem ihren Segen gegeben.

Doch damit wiegten sie die Investoren in eine trügerische Sicherheit. Denn was passiert eigentlich, wenn die Immobilienblase in den USA platzt? Seit Juli 2007 wissen wir es: Erst gerieten überschuldete amerikanische Haushalte in Zahlungsschwierigkeiten, oft bis hin zur Zwangsversteigerung, dann die Immobilienfinanzierer und schließlich all die, die in die Hypothekenpapiere investiert hatten - darunter namhafte Banken wie Bear Stearns in den USA und die deutsche IKB-Bank. In kürzester Zeit war aus der US-Hypothekenkrise eine globale Finanzmarkt- krise geworden.

Empfehlung trotz Schieflage

Daher überrascht es nicht, dass die Finanzminister der Europäischen Union, als sie im Oktober in Luxemburg über Lehren aus der Finanzmarktkrise diskutierten, zum eindeutigen Ergebnis kamen: Man braucht eine bessere Kontrolle der Rating-Agenturen.

Diese Agenturen sind dafür zuständig, die Kreditwürdigkeit oder Bonität von Staaten oder Unternehmen zu beurteilen. Nicht nur für Anleger, sondern auch für Banken sind diese Informationen äußerst wichtig. Sie müssen für jeden Kredit, den sie vergeben, Kapital zurücklegen. Und seit diesem Jahr gilt: je höher das Risiko, desto höher die Eigenkapitalanforderungen. Bei der Risikobewertung können sich die Banken auf die Ratings der Agenturen stützen. Von AAA (sprich "Triple A") für beste Bonität bis D für zahlungsunfähig reichen die Noten. Dazwischen liegen zahlreiche Risikoabstufungen, die - je nach Agentur - zum Beispiel A2, BB+ oder Caa lauten können.

Die Wertpapiere, die der deutsche Staat zur Kreditfinanzierung seines Haushalts ausgibt, Bundesanleihen oder Bundesschatzbriefe etwa, haben allesamt die Note AAA. Die gute Note zahlt sich für den Staat aus: Wegen des geringen Risikos muss er nur vergleichsweise niedrige Zinsen zahlen. Umgekehrt investieren auch Banken am liebsten in Triple A-Wertpapiere, denn dafür müssen sie weniger Kapital als Sicherheitspolster zurücklegen.

Erstaunlich ist jedoch, dass auch viele der kriselnden Hypothekenanleihen mit der Bestnote bewertet waren, ja es teilweise immer noch sind, obwohl die diesen Wertpapieren zu Grunde liegenden Immobilienkredite zum Teil längst in Schieflage geraten sind. Um zu verstehen, wie es zu dieser katastrophalen Fehleinschätzung kommen konnte, muss man sich die Ratingagenturen ein wenig näher ansehen.

Es gibt zwar eine ganze Reihe solcher Agenturen - die Creditreform Rating AG zum Beispiel oder auch die Forschungsgruppe Investor Relations der TU Ilmenau. Doch in den Medien und von den Anlageberatern der Banken wird man stets nur dieselben drei Namen hören: Standard & Poor's, Moody's und Fitch. Es handelt sich bei diesem Trio um rein private, gewinnorientierte US-Konzerne. Ihre Dienste lassen sie sich von den Auftraggebern bezahlen - mithin von denen, die sie bewerten sollen. Natürlich weisen die Agenturen jeden Verdacht, sie stellten ihren Auftraggebern quasi Gefälligkeitsgutachten aus, weit von sich.

Die Kritik reißt jedoch nicht ab. "Solange Rating-Agenturen von denen bezahlt werden, die die Papiere verkaufen, wird sich nichts wirklich ändern", sagt etwa der Würzburger Wirtschaftsprofessor Ekkehard Wenger. Fragen wirft vor allem die Art auf, wie sie Verbriefungen bewertet haben, die jetzt das ganze Finanzsystem zum Wackeln bringen.

Um Verbriefungen handelt es sich, wenn Forderungen wie Unternehmenskredite oder eben auch Hypotheken gebündelt und in handelbare Wertpapiere umgewandelt werden. In großem Stil gekauft wurden diese dann zum Beispiel von Banken wie der Sachsen LB oder der IKB, die dadurch um ein Haar pleite gingen. Was die aktuelle Krise zeigt, ist: Niemand scheint zu wissen, welche Risiken sich wirklich hinter diesen Papieren verbergen. Die Rating-Agenturen haben inzwischen angekündigt, ihre Bewertungsmethoden zu ändern, um das Vertrauen des Marktes wieder herzustellen. Moody's etwa erwägt, künftig verbriefte Produkte mit Warnhinweisen zu versehen.

Als "Augenwischerei" tat der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, diese freiwilligen Bemühungen ab. Die grundsätzlichen Probleme liegen nämlich tiefer. Die Rating-Agenturen verkaufen selbst zwar keine Wertpapiere, aber sie beraten die Ausgeber bei der Verbriefung von Forderungen. Sie helfen dabei, Wertpapiere unterschiedlicher Qualität so zusammenzupacken, dass für das Gesamtpaket ihren eigenen Regeln zufolge gerade noch die bestmögliche Note vergeben werden kann. Was genau in dem Paket ist, schauen sich die Investoren kaum noch an. Sie verlassen sich blind auf das Gütesiegel der Rating-Agenturen.

Investoren vertrauen den Agenturen blind

Ende März machte die Internationale Organisation der Wertpapierhandels- und Börsenaufsichtsbehörden (IOSCO) die nationalen Finanzmarktaufseher in einem Konsultationspapier auf diese Probleme aufmerksam. Ziel ist eine Verschärfung des ziemlich laschen freiwilligen Verhaltenskodex', den die IOSCO für die Agenturen aufgestellt hat. Insbesondere sollen sie sich nicht mehr selbst an der Kreation komplexer Finanzinstrumente beteiligen, deren Qualität sie später bewerten. Auch der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, betonte, die Rating-Agenturen müssten Interessenkonflikte besser vermeiden und den Investoren mehr Informationen über die Zusammensetzung von verbrieften Wertpapieren zur Verfügung stellen.

Kritikern gehen solche Appelle nicht weit genug. Bei einer Anhörung im Finanzausschuss des Bundestages im Februar nannte Professor Jörg Huffschmid von der Universität Bremen zwei Alternativen: die Rating-Agenturen entweder der öffentlichen Finanzaufsicht zu unterstellen oder aber öffentliche Rating-Agenturen zu schaffen.

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac sieht insgesamt Nachholbedarf bei der Regulierung der Finanzmärkte. Der Staat dürfe sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen, indem er wichtige Aufgaben wie die Beurteilung von Finanzinstrumenten einigen wenigen privaten US-Konzernen überlässt. "Rating muss Teil der öffentlichen Finanzmarktaufsicht werden", fordert Attac-Finanzmarktexperte Peter Wahl.

Michael Schlecht, Bereichsleiter Wirtschaftspolitik bei ver.di, spricht konkret die Bundesregierung an: "Wir fordern von der Regierung eine Initiative für eine öffentlich-rechtliche Rating-Agentur in Europa." Diese müsse verpflichtet werden, die Risiken vorsichtig einzuschätzen und auch soziale und ökologische Kriterien zu berücksichtigen.

"Sichergestellt werden muss in jedem Fall, dass solch eine neue Agentur unabhängig von Finanzmarktakteuren und privaten Gewinninteressen funktioniert", betont ver.di-Wirtschaftsexperte Norbert Reuter: "Als Sofortmaßnahme ist eine strikte Trennung von Beratungs- und Bewertungsgeschäft zu gewährleisten." Sinnvoll wäre es auch, sich nicht nur auf die Risikobewertungen zu verlassen. ver.di fordert daher eine Art TÜV für neue Finanz- und Investmentprodukte. "Um neue Risiken früh erkennen zu können, müssen neue Finanzprodukte angemeldet und von staatlichen Stellen geprüft werden", so Reuter. "Es darf ja auch nicht jedes selbstgebastelte Auto in den Verkehr."

Finanzminister Peer Steinbrück lehnt eine staatliche Rating-Agentur jedoch kategorisch ab. "Die würde nie die Reputation genießen, um als unabhängige Institution akzeptiert zu werden", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Eine erstaunliche Aussage, hat sich doch gezeigt, dass gerade die privaten Agenturen alles andere als unabhängig von ihren Auftraggebern sind. Die EU-Kommission war da schon einmal weiter. 1987 befasste sie sich in einer Studie mit der Gründung einer eigenen europäischen Rating-Agentur. Die Wirtschaftsverbände lehnten den Vorstoß damals ab - mit der Begründung, nur der private Markt könne ein geeignetes Institut schaffen. Die aktuelle Finanzmarktkrise wäre eine gute Gelegenheit, dass die EU-Mitglieder dies noch einmal überdenken.

"Als Sofortmaßnahme ist eine strikte Trennung von Beratungs- und Bewertungsgeschäft zu gewährleisten."

ver.di-Wirtschaftsexperte Norbert Reuter