Ein glänzender Grantler

Der Lebenslauf von Georg Schramm ist nicht besonders geradlinig: Zeitsoldat, Psychologe,
Betriebsrat und nun – ernorm erfolgreicher Kabarettist. Georg Schramm ist der Rentner
Dombrowski, der den Mächtigen der Republik die Leviten liest

"Andere gehen zum Therapeuten, ich tobe
mich auf der Bühne aus und kann mich
danach wieder ganz unauffällig verhalten."

Foto: ACHIM KÄFLEIN

von Michaela Böhm

Auch diesen Text wird er nicht lesen. Tut er nie. Er schaut sich auch keine Fernsehaufzeichnung an. Und niemals den Mitschnitt seiner Bühnenauftritte. Das wäre eine Strafe. Jeden Fehler würde er entdecken: Diese Stelle falsch betont, hier den Satz nicht richtig begonnen, dort nicht in die Kamera geschaut.

So selbstkritisch Georg Schramm (59) auch ist, mit diesem Abend ist er zufrieden. Mit sich und auch mit dem Publikum, das im Stehen applaudiert und gar nicht mehr aufhört. Der spät berufene Kabarettist erhält längst die Anerkennung, die er verdient. Im Düsseldorfer Kommödchen, einer Perle unter den deutschen Kleinkunstbühnen, hat das Wechselspiel zwischen ihm und dem Publikum noch besser funktioniert als sonst. Er liebt die kleinen Theater, jeder Platz belegt, die Leute dicht an dicht, der Schramm da oben zum Greifen nah. Kein Raunen entgeht ihm, nicht das verzögerte Lachen links vorne und der Brüller ganz hinten, den sein Nachbar mit strengem Blick zur Ruhe zwingt: An der falschen Stelle gelacht, Blödmann.

Politisches Kabarett ist unbequem. Bissig. Aufklärend. Schramm ist noch unbequemer, bissiger. Der Komparativ des Kabaretts. Und zugleich höchst vergnüglich. "Schließlich buchen die Leute kein Volkshochschulseminar." Sie wollen unterhalten werden. Lachen und auslachen. "Politiker und Herrschende auslachen ist eine der wenigen Waffen derer, die nix haben", sagte Schramm in einem Interview. Bloß nicht einlullen lassen vom Politikergeschwätz, aber auch nicht in die Falle populärer Politikerschelte tappen.

Schramm seziert das politische Geschehen. Seine Schnitte sind präzise und tief. "Nichts ist so ängstlich wie das scheue Reh des Kapitals." Damit das Fluchttier nicht davonrennt, dürfen wir nicht aufmucken, sondern müssen schön leise sein. Aber es geht auch anders: "Man könnte es schlachten. Das scheue Reh." Sagt Schramm, oder vielmehr seine Figur Rentner Lothar Dombrowski. Solche Sätze haben Schramm den Ruf des Linken und Kapitalismuskritikers eingebracht.

Wer in seinen Hauptfiguren den echten Georg Schramm sucht, wird fündig und liegt trotzdem daneben.

Eine von ihnen ist August: Arbeiter, Hesse und Sozialdemokrat. Nicht gerade sprachgewandt. August spürt den Klassengegensatz mehr, als dass er ihn erklären kann und trauert alten Zeiten nach, als er noch aus der letzten Reihe der Betriebsversammlung "Ausbeuter" gerufen hat ("Tatsach! So Wörter hammer g'habt." Pause. "Früher.").

Arbeiterkind mit Abitur

August ist die verletzlichste unter Schramms Figuren. Nicht nur, weil sich der Kabarettist dafür den Charakter seines Vaters geborgt hat. Der selbst SPD-Mitglied und Hilfsarbeiter war. Der tragisch-komische August verkörpert auch das gesamte Elend der Sozialdemokratie, für das Schramm einen neuen Wahlslogan gefunden hat: "Ohne uns wäre es schlimmer. Deshalb: SPD." Darüber lachen die Leute. Schramm tut das weh. Weil es eigentlich zum Heulen ist, was die SPD mit sich veranstaltet. In seinem Herzen sei er ein kleiner, ängstlicher Sozialdemokrat, sagt Schramm. "Der möchte, dass es gerecht zugeht für die kleinen Leute, aber ‚die da oben' auch nicht überfordern will." Gewählt hat er die SPD trotzdem nur einmal. 1980, um den CSU-Mann Franz-Josef Strauss zu verhindern. Das reicht.

Und doch hat Georg Schramm der SPD viel zu verdanken. Einer wie er, einziges Arbeiterkind am Gymnasium, dessen Schulweg ihn im properen Bad Homburg an Golfclub, Tennisclub, Spielcasino und Kurpark vorbeiführte. Schon der Schulweg weist ihn täglich in die Klassenschranken. Ohne die Bildungspolitik der SPD hätte Schramm kein Abitur und nicht studieren können.

Über die Augusts dieser Welt kann Dombrowski nur den Kopf schütteln. "Mit solchen Leuten kann man doch keinen Widerstand organisieren." Wenn Schramm nur den Arm anwinkelt und den schwarzen Handschuh überstreift, klatscht das Publikum schon in Vorfreude auf den grantelnden Rentner Lothar Dombrowski, den die Verzweiflung über Hartz, Rente und ungerechte Vermögensverteilung in die Radikalität getrieben hat. "Was muss man den Leuten denn noch sagen, dass sie sich einreihen und mitmarschieren?" Der nichts so sehr hasst wie Leisetreter, Opportunisten und "politische Hampelmänner, die uns auf der Berliner Puppenkiste Demokratie vorspielen". Unnachsichtig brüllt Dombrowski stellvertretend für alle seine Wut heraus. "Dombrowski verklärt die Verhält- nisse nicht, er benennt sie ebenso wie die Schuldigen und überlässt uns der Ratlosigkeit", sagt Schramm. Schlau, oder? "Andere gehen zum Therapeuten, ich tobe mich auf der Bühne aus und kann mich danach wieder ganz unauffällig verhalten." Sagt´s und lehnt sich im Stuhl zurück. Seine Figuren hat er im Theater zurück gelassen. Hier im Frühstücksraum eines Düsseldorfer Hotels ist er nicht August, nicht Dombrowski und schon gar nicht Oberstleutnant Sanftleben ("Wir haben zwei Weltkriege in den Sand gesetzt, da ist erst mal die Luft raus. Ha. Ha."). Nicht tragisch, nicht misanthropisch, nicht zackig. Sondern freundlich, aufmerksam. Einer, der zum Reden nicht ermuntert werden muss und auch nicht jedes Wort erst dreht und wendet, bevor er es ausspricht.

Heimlicher Lauscher

Zurück zur Bühne. Auch heute haben wieder nicht alle Zuschauer den Grantler Dombrowski ertragen. Ein Ärztepaar hat sich in der Pause verdrückt. Weil Dombrowski eben nicht nur die Ministerin abwatscht, sondern die gesamte "Räuberbande" im Gesundheitssystem beim Namen nennt. Und das ist manch einem dann doch zu radikal. Allerdings auch sorgfältig recherchiert.

Debattieren die Kabarettgänger nach der Vorstellung auf der Straße und an der Theke weiter, kann es sein, dass Schramm zuhört. Heimlich. Wenn er kein Wort sagt und nicht so schnarrend lacht wie sein Oberstleutnant, erkennt ihn niemand. Das will er so. Heimlich lauschen können. Seinem Dombrowski wäre das zu defensiv.

Georg Schramm verpflichtet sich nach dem Abitur für drei Jahre als Zeitsoldat bei der Bundeswehr, schließt den Einzelkämpferlehrgang als Jahrgangsbester ab, fällt jedoch "wegen charakterlicher Nichteignung" beim Offizierslehrgang durch. Studiert Psychologie und arbeitet zwölf Jahre lang als Psychologe in einer privaten, neurologischen Reha-Klinik. Er ist Betriebsratsmitglied, gewerkschaftlicher Vertrauensmann und liebäugelt kurz mit einer Karriere als hauptamtlicher ÖTV-Gewerkschaftssekretär. Spät startet er in seine dritte Laufbahn als politischer Kabarettist. Sechs Soloprogramme, sechs Jahre beim Scheibenwischer, seit 2007 macht er mit Urban Priol die ZDF-Polit-Satire-Sendung Neues aus der Anstalt. Die Geschichten aus dem Foyer einer psychiatrischen Tagesklinik, ausgezeichnet mit dem Deutschen Fernsehpreis 2007, schauen jeden Monat im Schnitt knapp drei Millionen Menschen an. Schramm hat nahezu alle namhaften Kabarettpreise im deutschsprachigen Raum erhalten. Der gebürtige Hesse lebt in Badenweiler.

www.georg-schramm.de