Ganz am Rande

Liao Yiwu: Fräulein Hallo und der Bauernkaiser | Wenn man die Lebensgeschichte des Schriftstellers Liao Yiwu kennt, wird man beim Lesen seines jüngsten Buchs den Eindruck nicht los, er habe sich auf die Suche nach seinen Wurzeln begeben. Ende der 50er Jahre als Kind von so genannten „Personen ohne dauerhafte Aufenthaltserlaubnis“ in der chinesischen Provinz Sichuan geboren, war seine Kindheit vor allem von der Hungersnot Anfang der 60er geprägt, durch die Millionen Menschen starben. Die Eltern nicht anerkannt, immer wieder vertrieben, zur Zwangsarbeit verurteilt oder inhaftiert, ist Yiwu nicht nur einmal dem Tod von der Schippe gesprungen.

Das Nicht-Geduldetsein, das Hungern, und zwar nicht nur nach Nahrung, sondern auch Anerkennung, zieht sich durch sein gesamtes Leben. Und ähnlich ergeht es auch den Protagonisten, denen er sein Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser gewidmet hat. Seit zehn Jahren wandert Yiwu durchs Land, bevorzugt durch seine Heimat Sichuan, sucht das Gespräch mit Menschenhändlern, Prostituierten, einem Trauermusiker, Klomann und anderen, die am Rande der Gesellschaft leben. Als sein Buch 2007 zunächst in China erschien und umgehend zensiert wurde, hieß es noch „Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft“. Sein Klomann ist geradezu das Sinnbild für alle. Er, der ihre Exkremente entsorgt, damit sie nicht im wörtlichen Sinn in der eigenen Scheiße stecken bleiben. Denn leicht hat es keiner in diesem Buch. Es gibt kaum jemanden, der nicht im Gefängnis oder Umerziehungslager gewesen ist. Allein, was die Falun-Gong-Anhängerin an Qualen und Folter durchgemacht hat, macht sprachlos. Nicht nur einmal wurde sie „grün und blau“ geschlagen oder „wie ein Ball aus Fleisch hin- und hergetreten“. Was sie und alle anderen überlebt haben, grenzt an Übermenschliches.

Dabei erinnert Yiwus Unterfangen, die Geschichte Chinas vom Bodensatz her zu schreiben, an Bertolt Brechts Stück „Der gute Mensch von Sezuan“, der die Welt ein bisschen besser machen will. Tatsächlich sagt eine der Prostituierten irgendwann zu Yiwu: „ Mein Herr, Sie sind ein guter Mensch... Wenn man aus uns beiden eine Person machen würde, das wäre chic, wir würden die Gesellschaft verstehen und wären auch noch gebildet.“ Nach Brecht ist das unmöglich, aber den Versuch allemal wert. Petra Welzel

S. FISCHER VERLAG, 544 SEITEN, 22,95 €


Marcel Feige: Trieb | Das soll Kriminalliteratur leisten: Missstände in unserer Gesellschaft so schildern, dass man bei der Entlarvung realer verbrecherischer Machenschaften spannend unterhalten wird. Der Berliner Autor Marcel Feige kann das. Sein spröder Kommissar Kalkbrenner ermittelt in Berlin-Mitte zum dritten Mal und kommt einem Pädophilen-Ring auf die Spur, eine Szene, deren skrupellose Geschäfte mit kleinen Ausreißern aus dem Ostblock Feige monatelang recherchierte. Äußerst geschickt verknüpft er mehrere parallele Handlungsstränge und führt auf falsche Spuren, ohne sich zu verzetteln. Großartig ist sein Einfühlungsvermögen sowohl in die Gemüter der kindlichen Opfer wie in die perfide Denkstruktur der Täter; sehr berührend beschreibt er die wüste Trauer der Mutter eines ermordeten Jungen – und aus alldem entsteht ein rasanter Thriller mit starken Charakteren. ul

THRILLER, GOLDMANN, MÜNCHEN 2009, 670 SEITEN, 8,95 EURO


Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht | Kathrin Schmidts Heldin Helene Wesendahl ist Psychologin und Schriftstellerin wie die Autorin selbst. Ausgerechnet Helene erinnert sich nicht mehr, nicht an ihr Leben, nicht an sich selbst. Nach einer Hirnblutung ist sie halbseitig gelähmt und hat die Sprache verloren. Als sie im Krankenhaus erwacht, beginnt ihr mühsamer Weg zurück in die Erinnerung an ihr Leben vor den Operationen. An Mann und fünf Kinder, Berufe, Eltern, Alltag. Und an die andere Liebe zu Viola, der Mann-Frau. Alles scheint nach und nach wieder auf. Die Sprache bildet sich wieder, der Fluss der Worte formt sich und schließlich entwickelt sich auch die Fähigkeit, das Gedachte zu sagen, sich anderen verständlich zu machen. Die ärztliche Idee, Helene zu entmündigen, wird vom Tisch gefegt. Aber ihr Leben wird nicht mehr sein wie zuvor. Eine spannende, eindringlich erzählte Geschichte. cvz

ROMAN, KIEPENHEUER & WITSCH, 348 SEITEN, 16,95 EURO


Wolfgang Ullrich: Uta von Naumburg | Die gotischen Stifterfiguren im Naumburger Dom blieben jahrhundertelang fast unbeachtet, bis sie, erst zaghaft, dann geradezu zwanghaft wiederentdeckt und „wiederbelebt“ wurden. Besonders die Figur der Uta wurde nun „eine deutsche Ikone“ – wie das Buch von Wolfgang Ullrich im Untertitel heißt. Zur Zeit des Nationalsozialismus pilgerte man zu ihr wie zu einer Heiligen. Sie eignete sich als Projektionsfigur, weil man über die historische Person der Markgräfin nichts wusste und die Figur so bestens in Dienst genommen werden konnte. Der ganze Dom und die zwölf Stifterfiguren wurden eingespannt in einen Kult des „Ewigen Deutschland“, wobei Uta zugetraut wurde, dies auch ganz allein zu verkörpern. Die Geschichte dieser ideologischen Aneignung wird äußerst spannend – und oft auch komisch – erzählt. klix

SACHBUCH, WAGENBACH VERLAG, BERLIN 2009, 190 SEITEN, 11,90 EURO