Nach der Arbeit ist vor der Arbeit

Fitnesstrainerin, Krankenschwester, Pflegerin und Putzfrau in einer Person.
Wer das Wort Multijobber hört, denkt an Amerika. Doch diese Realiätt ist längst in Deutschland angekommen.

Mit Vielarbeitern in Frankfurt am Main auf Schicht

Der Erstjob. Tagsüber fährt Ahmed Özkaratas für 1700 Euro netto
im Monat Bus. Das reicht nicht für seine fünfköpfige Familie

Der Zweitjob. Abends putzt Ahmed Özkaratas für 180 Euro im Monat
in einer Kindertagesstätte die Toiletten und die Böden

von Annegret Böhme (Text) und Frank Rumpenhorst (Fotos)

Die letzte Pause heute. Sieben Minuten hat Ahmed Özkaratas, um auf die Toilette zu gehen, einen Kaffee zu holen und eine Zigarette zu rauchen. Es ist kalt und sonnig. Um 14 Uhr 44 steigt er wieder in den warmen Bus: noch eine Runde vom Bahnhof in Frankfurt-Höchst nach Schwanheim und zurück. Schon an der ersten Haltestelle füllt sich der Wagen. Es sind Leute in Ausflugslaune, es ist Sonntag. Özkaratas ist kurz nach fünf aufgestanden. Zwei- bis dreimal im Monat arbeitet er am Wochenende.

Ahmed Özkaratas ist 33 Jahre alt und seit zehn Jahren Busfahrer. Er bedient das Gefährt fast automatisch. Geschmeidig rollt der Bus aus der Haltebucht. Özkaratas bekommt 11,22 Euro in der Stunde und verdient mit Zuschlägen etwa 2300 Euro brutto. Das reicht nicht, auch nicht mit Kindergeld. Özkaratas hat drei Kinder. Ruhig sitzt er hinterm Steuer. Auf den ersten Blick wirkt er wie jemand, der wenig spricht. Dabei ist er einer von denen, die offen reden: über den Zweitjob. Abends putzt er in einem Hort. Als Betriebsratsvorsitzender weiß er, dass auch Kollegen dazuverdienen. "Anders geht das gar nicht, wenn du Alleinverdiener bist."

Die Zahl derer, die zusätzlich zu ihrer Arbeit arbeiten gehen, wächst. Rund 2,3 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte haben laut Bundesagentur für Arbeit einen nur geringfügig entlohnten Nebenjob. Ihre Zahl steigt - um ein gutes Viertel in den letzten drei Jahren. Ende 2005 waren es noch etwa 1,8 Millionen. Nach Angaben der Minijob-Zentrale hat jeder dritte Minijobber zudem eine Hauptbeschäftigung. Allerdings bilden diese Zahlen die Realität nicht wirklich ab. Freiberufliche und selbstständige Tätigkeiten werden von der amtlichen Statistik nicht erfasst. Von unangemeldeten Nebenjobs ganz zu schweigen.

Özkaratas hat eine 40-Stunden-Woche, aber für die 88 Quadratmeter große Wohnung muss er Wohngeld beziehen. Je nachdem, wie viele Arbeitstage ein Monat hat und wie viel Schichtzulage dabei ist, kommt er auf 1600 bis 1700 Euro netto, seine Frau arbeitet zurzeit nicht - die jüngste Tochter ist erst zwei Jahre alt, die älteren zwei gehen in die Grundschule. "Klar, in diesem Land ist noch keiner verhungert", sagt er. Aber wenn die Endabrechnungen und die Kfz-Steuer ins Haus flattern, muss er sich stets etwas leihen. Er braucht ein Auto, zum Bus-Depot und zurück sind es 50 Kilometer.

Sein Blick geht immer wieder in den großen Spiegel, mit dem er den Bus einsehen kann. Er checkt kurz, wer einsteigt und wie die Leute drauf sind. "Ich trage Verantwortung", sagt er und kutschiert den Bus durch die schmalen Straßen von Frankfurt-Höchst, ein altes Industriezentrum, nach Frankfurt-Niederrad, sozialer Wohnungsbau. Drei Jungs steigen ein, die Hände in den Taschen, die Schultern hoch und die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Manchmal gibt es Ärger. Auch Özkaratas hat schon die Polizei gerufen.

Freundlich soll er sein, gut Deutsch muss er können, manchmal auch mit anpacken. "Und keinen Moment unkonzentriert", sagt er, greift mit dem Arm übers Lenkrad und chauffiert den Bus durch eine enge Kurve.

Von der Busfahrerkluft schnell in Jeans und Pulli

Sein Arbeitgeber ist die In-der-City-GmbH, ICB, eine Tochter der kommunalen Verkehrsgesellschaft Frankfurt, VGF. Wäre Özkaratas Fahrer der VGF, würde er fast 3000 Euro brutto verdienen, denn er bekäme unter anderem Zuschläge für seine Kinder. Doch die Buslinien des kommunalen Verkehrsunternehmens werden inzwischen fast ausschließlich von Beschäftigten der Tochtergesellschaft gefahren. Der VGF gehören ohnehin nur noch 60 Prozent des Gesamtnetzes. Der Rest ist bei europaweiten Ausschreibungen an private Busunternehmen gegangen.

Özkaratas rechte Hand liegt auf dem Fahrscheindrucker. Ein kleines Display dort zeigt die Verspätung an. Obwohl er pünktlich abgefahren ist, sind es schon fünf Minuten. Am nächsten Halt kramt eine alte Frau nach dem Kleingeld. Es geht nur um Minuten, aber es macht ihm Druck, der Rücken verspannt. Wenn sich jemand beschwert, dann natürlich beim Fahrer.

Die drei Minuten Lenkunterbrechung in der Wendeschleife muss er ausfallen lassen. Ein paar Haltestellen weiter, auf der Rückfahrt, drängelt plötzlich ein ganzer Pulk herein. Alle wollen ein Ticket. Die abendliche Wintersonne scheint Özkaratas ins Gesicht.

Die letzte Ampel ist rot. Özkaratas druckt schon mal seinen Beleg, holt seine Kasse aus dem Fahrscheindrucker und lässt sie in die Tasche gleiten. Obwohl er anderthalb Stunden die Hände nicht vom Steuer genommen, sich nicht vom Fahrersessel erhoben und kein einziges mal gestreckt hat, kommt er mit vier Minuten Verspätung wieder in Höchst an. Die Ablösung wartet. Der Kollege haut ihm auf die Schulter und raunzt: "Was ist los?" Özkaratas schnappt seine Tasche und den Pappbecher mit Kaffee, noch halb voll, aber ganz kalt. "Was soll sein", sagt er, "wie immer."

Es ist schon dunkel, als Ahmed Özkaratas seinen Putzkollegen trifft. Die Busfahrerkluft hat er gegen Jeans und Pulli getauscht. Die beiden Männer stellen die kleinen Holzstühle im Hort auf die Tische, Özkaratas holt einen großen Besen und fegt Bastelschnipsel unterm Tisch zusammen. 180 Euro verdient er so im Monat dazu. Der Kollege ist auch Busfahrer, aber bei einem der privaten Unternehmen. Er verdient noch weniger, auch er hat drei Kinder. "Jeder Busfahrer macht einen Nebenjob", sagt er. "Wie soll das denn sonst gehen?"

Nachts als Kurier oder doch lieber als Autowäscher

Im Hort muss Özkaratas die Toiletten sauber machen und den Boden fegen. "Nein, ich habe damit kein Problem", sagt er und bückt sich nach dem Handfeger. Ihn ärgert etwas anderes: "Ich verlange ja kein Pilotengehalt." Aber arbeiten gehen und trotzdem am Monatsende immer zählen müssen - "das macht keinen Spaß." Seit drei Jahren hat die Familie keine Urlaubsreise gemacht.

Gemeinsam kippen die Männer Papierkörbe aus. Özkaratas' Kollege hält die Müllbeutel auf und sagt: "Es muss Schlüsselarbeit sein." Wenn er den Schlüssel hat, kann er kommen, wann er will: ab 17 Uhr, am Wochenende oder auch nachts. Sein Arbeitgeber hat sein Gesuch nach einem Nebenjob abgelehnt - er soll flexibel sein. "Die haben mir angeboten, ich könnte ja bei ihnen Überstunden machen", sagt er und fasst sich an die Stirn: "Aber was käme dabei rum." Das Putzen ist ein Minijob, steuer- und sozialabgabenfrei. Und mit Schlüssel ist er sehr wohl flexibel.

Thomas Schmidt ist Betriebsrat
bei Neckermann-Logistik.
Er verbringt zunehmend Zeit mit
Sozialarbeit für die Kolleg/innen,
die mit ihrem Gehalt nicht über
die Runden kommen

Auch bei Neckermann Logistik sind Zweitjobs ein Thema. Knapp 1300 Beschäftigte stellen in den riesigen Lagerhallen Warensendungen zusammen und laden sie in Postcontainer, für 10,33 Euro brutto in der Stunde. Untereinander reden sie über Jobs, fragen sich gegenseitig nach den Optionen: nachts als Kurier, am Wochenende in Tankstellen, Autowaschanlagen, im Veranstaltungsdienst, abends putzen. Nach außen wird das Thema vorsichtig behandelt.

"In dieser Gesellschaft stellt sich keiner gern öffentlich hin und sagt: Ich bin arm, ich brauche zwei Jobs, um über die Runden zu kommen", sagt Thomas Schmidt, ver.di-Mitglied und freigestellter Betriebsrat bei Neckermann Logistik. Dabei sind bereits fünf Prozent der Vollzeiterwerbstätigen von Armut bedroht. Das sind mehr als eine Million Menschen, zählt man jene dazu, die mehr als 50 Prozent arbeiten, kommt man auf mehr als zwei Millionen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Die Tendenz ist steigend. Und nun die Wirtschaftskrise.

Thomas Schmidt erklärt: Die Versandhelfer bekommen für eine 37,5-Stunden-Woche 1684 Euro brutto. Die Zahl kommt wie aus der Pistole geschossen. "Weiß ich auswendig", sagt er und lacht laut los: "Immerhin!" Der Verdienst hat sich seit 2004 nicht geändert. Bei Neckermann musste ein Jahr auf eine Tariferhöhung verzichtet werden, dann wurde die Logistik ausgegliedert. Das neue Tochterunternehmen aber ist nie dem Arbeitgeberverband beigetreten, daher nicht an Tarife gebunden und nimmt an Tariflohnerhöhungen nicht teil. Doch allein 2008 stiegen die Verbraucherpreise monatlich im Schnitt um 2,6 Prozent über das Vorjahresniveau. Die durchschnittliche Inflationsrate im Jahr davor betrug 2,3 Prozent.

Da sind knapp 1700 Euro brutto beileibe nicht viel Geld, schon gar nicht in einer Stadt wie Frankfurt am Main, sagt Schmidt. 20 Prozent seiner Kolleg/innen arbeiten bei Neckermann Logistik Teilzeit. Das verschärft das Problem. Die Leiharbeitnehmer kriegen nur 1200 Euro brutto für Vollzeitarbeit, sind aber in kurzer Zeit auf gleichem Leistungsniveau wie die Festangestellten. Das macht Druck auf die Löhne. Und wer mit so einem Verdienst eine Familie durchbringen muss, braucht staatliche Hilfe. Elke Hannack, bei ver.di verantwortlich für Sozialpolitik und Mitglied des Bundesvorstandes, sieht die Entwicklung mit Sorge und fordert dringend einen gesetzlichen Mindestlohn sowie wirksame Maßnahmen gegen das Abdrängen von immer mehr Menschen in prekäre und nicht Existenz sichernde Beschäftigung. "So müssen zum Beispiel Minijobs in sozial gesicherte Beschäftigungen umgewandelt werden", fordert die Gewerkschafterin.

"Keiner verliert seine Menschenwürde, weil er arm ist", sagt Schmidt. Aber es bedeutet Stress. "Es strapaziert die Nerven, bei jeder Ausgabe nachdenken zu müssen." Der Schulausflug der Kinder wird zum Problem. Und die Leute sind zunehmend überfordert mit finanziellen Angelegenheiten. Thomas Schmidt ist einer, der mit den Augen lachen kann. Das hilft. "Wir verbringen immer mehr Zeit mit Sozialarbeit." Schulden, Inkasso, Kontosperrung. Vor einiger Zeit bat ein Kollege Schmidt um Rat. Er wollte Freitagnacht von elf bis sechs in einer Bäckerei jobben. Aber da Versandhandel ein Saisongeschäft ist, muss manchmal auch samstags gepackt werden, ab sechs Uhr. Schmidt hat ihm abgeraten, es hätte Ärger gegeben. "Der war ganz verzweifelt: Thomas, was soll ich tun. Ich habe zwei Kinder. Ich will ja arbeiten." Nebentätigkeit muss im Haus angemeldet werden - eigentlich. "Keine Ahnung, ob das schon mal jemand versucht hat", sagt Schmidt. Wer trotz Ablehnung einen Zweitjob annimmt, schafft einen Kündigungsgrund. "Die Leute sind so angewiesen auf diese paar Euro, dass sie das nicht riskieren", glaubt Schmidt.

Katharina L. hat gleich vier Nebenjobs und will nicht erkannt werden. Mit einem Lederlappen fährt sie über hohe weiße Aktenschränke. Sprüht, wischt. Ein Dutzend Schranktüren von außen, dann alle von innen. Sie macht das gründlich, sie ist Krankenschwester. Es ist Nachmittag und graues Winterlicht fällt durch die großen Fensterscheiben. Katharina L. putzt dieses Büro alle 14 Tage. 25 Euro bekommt sie dafür. Ein Freund hat ihr den Job besorgt, weil er wusste, dass sie Geld braucht.

Vormittags arbeitet Katharina L. als Betriebskrankenschwester, 30 Stunden in der Woche. Sie verdient nach Tarif und kommt auf 1300 Euro netto. Sie ist Witwe und hat ein Kind, das noch zur Schule geht. Für Miete, Versicherungen, private Altersvorsorge, Strom, Telefon, Monatskarte für den Sohn, Auto - auch sie ist Berufspendlerin - fallen schon über 1300 Euro im Monat an. Witwen- und Halbwaisenrente von rund 500 Euro kommen zwar hinzu. Aber sie will jeden Monat 250 Euro zurücklegen für Extras, für den Sohn, für neue Zahnkronen von 1800 Euro und für den Sommerurlaub: zu Verwandten ans Mittelmeer.

Sie holt Wischwasser und wirft einen orangefarbenen Lappen auf den Boden, der Fichtennadelduft verströmt. Momentan hat sie vier Nebenjobs: Alle 14 Tage arbeitet sie am Wochenende bei einem privaten Pflegedienst, versorgt alte Menschen. Hin und wieder arbeitet sie samstags auf Station in einer Klinik. Zudem ist sie Kursleiterin in einem Fitnessstudio.

Auf eine volle Stelle kann sie bei ihrem Arbeitgeber nicht gehen und wechseln will sie nicht. "Da würde ich wahrscheinlich ein bis zwei Gehaltsstufen einbüßen und weniger Urlaub bekommen. Aber was mich wirklich abschreckt, sind die befristeten Verträge." 50 Jahre und allein erziehend: "Wenn's schief geht, sitze ich auf der Straße. Das kann ich mir nicht leisten."

Sie arbeitet ruhig und ohne Hast, redet überlegt, wirkt pragmatisch. Sie stützt sich auf den Schrubberstiel und holt tief Luft. "Ich bin froh, dass es im Moment so gut läuft." Während sie die Kaffeemaschine auswischt, teilt sie dem Sohn übers Handy mit, wann sie heute Abend zu Hause sein wird. Er ist schon 15. "Ich habe trotzdem dauernd ein schlechtes Gewissen." Sie ist oft am Wochenende und abends unterwegs.

Dem Rollenwechsel aber kann Katharina L. etwas abgewinnen. "Es macht mir Spaß, ab und zu wieder mit einem weißen Kittel rumzulaufen und mit Frau Schwester angesprochen zu werden." Auf Station legt sie Infusionen, als Pflegerin misst sie Blutdruck, versorgt. So kommt sie aus den medizinisch-technischen Abläufen nicht raus.

Aber der Nebenverdienst schwankt, mal sind es knapp 200 Euro im Monat, mal kommt sie auf 350. "Nee, ich liege nachts nicht wach", sagt sie und lässt sich in einen Sessel fallen. "Ich mache mir nur manchmal Gedanken, wie das werden soll, wenn ich älter werde. Ich weiß, dass man dann mehr Ruhepausen braucht."

Das Geschirr ist gespült, der Boden glänzt nass, als sie die Tür hinter sich zuzieht. Es dämmert. Die freiberufliche Kursleiterin Katharina L. muss jetzt zum nächsten Job, ins Fitnessstudio. Dort wird sie anderen Frauen zeigen, wie sie mit Atemübungen zur Ruhe kommen und Balance finden.

Putzen für den Zahnersatz

Die Zahl der Menschen in Deutschland, die erwerbstätig sind und nach ihrer Arbeit noch einem Neben- oder Minijob nachgehen, wächst stetig an. Sie arbeiten im so genannten Niedriglohnsektor, sind in Leiharbeit oder Teilzeit beschäftigt. Aber es sind auch immer mehr Menschen darunter, die der Politik hierzulande als Normalverdiener mit einem auskömmlichen Verdienst gelten. Sie gehen des Abends putzen oder helfen am Wochenende im Pflegedienst aus, damit sie etwa den Zahnersatz oder aber als Familienvater und Alleinverdiener eine angemessene Ausstattung der Kinder bezahlen können.