Der Ausnahmslose

Dietrich Schoch war bundesweit der einzige Ombudsmann einer Arge - bis er aus Protest über die dortigen Zustände hinschmiss. Über einen aufrechten Sozialexperten

Dietrich Schoch, geboren 1943. Verwaltungslehre, Beamtenausbildung. Ab 1962 Kommunalbeamter, erst im mittleren, dann im gehobenen Dienst. Studium an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Bochum. Regierungsdirektor der Verwaltungsfachhochschule Hessen. Rund 200 Veröffentlichungen zu Sozialhilfe und Verwaltungsrecht. Ehrenämter u.a. bei der Arbeiterwohlfahrt, dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge. Schoch war Mitglied der ÖTV.

Von Annegret Böhme

Dietrich Schoch holt eines seiner Werke aus dem Regal. Sozialhilfe - Hilfe zum Lebensunterhalt. Er hockt sich auf die Lehne der Couch, blättert und fährt mit dem Finger über Abschnitte: Tipps, Warnungen, Musterwidersprüche. "Die Nachfrage war groß", sagt er. "So ‘was möchte ich noch zu Hartz IV machen." In Schochs Arbeitszimmer stehen zwei Schreibtische, der Computer läuft. Auf dem Fußboden liegen Papierstapel, Gesetzbücher stehen im Regal. Schoch ist 66 Jahre alt, die Beamtenlaufbahn liegt hinter ihm. "Ein Traumberuf", sagt er, "Kommunalverwaltung spiegelt alles wider, was Menschen betrifft". Er war Sachbearbeiter auf einem Sozialamt, stieg zum Regierungsdirektor und Hochschuldozenten auf. Als Experte für Sozial- und Verwaltungsrecht hatte er längst einen Namen, aber eines seiner vielen Ehrenämter hat ihn populär gemacht: Er war Ombudsmann bei der Duisburger Arge. Arge heißen die Arbeitsgemeinschaften von Arbeitsagentur und Sozialamt, die mit den Hartz-Reformen eingerichtet wurden. Schoch trat Ende 2007 an, um zwischen Leistungsempfängern und Behörde zu vermitteln, als einziger Arge-Ombudsmann bundesweit. "Im ersten halben Jahr habe ich wie ein Beamter gearbeitet", sagt Schoch. Er hörte sich Klagen über unverständliche Bescheide oder unkorrektes Verhalten an, erstellte kleine Rechtsgutachten und gab den Fall an die Behörde zurück. Mehrfach wurden falsche Bescheide korrigiert. "Das hat der Arge Sozialgerichtsverfahren erspart."

Doch zu seinen Aufgaben gehörten auch die Auswertung der Erfahrungen und Verbesserungsvorschläge. Also schrieb Schoch Fehler auf, die er im System erkannte. Er lehnt im Sessel, die Beine von sich gestreckt - wirkt bedächtig. So wird er mit einer Aktentasche voller Unterlagen vor die Trägerversammlung der Arge getreten sein und vor den Sozial­ausschuss der Stadt, um den Gremien seine Auswertung vorzulegen - sachlich im Ton, keine Wertung, keine Schärfe. "Die Arbeitsverwaltung der Duisburger Arge ist sehr gut", sagt er, "aber mit den Aufgaben eines Sozialamts hat sie Probleme". Die Fallmanager sind, anders als gesetzlich vorgesehen, keine persönlichen Ansprechpartner. Sie wechseln ständig und sind oft telefonisch nicht erreichbar. Eingereichte Unterlagen bleiben unbearbeitet, manche verschwinden. Soforthilfe klappt nicht. Schochs Fazit ist nüchtern. Erst wenn er in Details geht, zeigt er Mitgefühl oder Ärger. Erzählt von dem Gymnasiasten, dessen Mutter vor dem Vater ins Frauenhaus floh. Der Junge sollte mit seinem prügelnden Vater eine Bedarfsgemeinschaft bilden. Doch er übernachtete lieber bei Bekannten und schmiss die Schule. "Die waren dabei, sein Leben zu verpfuschen."

Die Arge nahm ihm seine Kritik übel

"Ich kann doch nicht hinnehmen,
wenn der Verwaltungsapparat nicht korrekt arbeitet."

Auf dem Couchtisch stapeln sich Bücher und Kommentare, dazwischen Bibelzitate von A bis Z. In Schochs Familie wurde man Arzt oder Pfarrer - die Berufe, die seine beiden Töchter wählten. Schoch ist ein Mensch, der mit seinem "Hier stehe ich und kann nicht anders" heftige Reaktionen auslöst. Für seine Kritik am System interessierte sich vor allem die Presse. Sämtliche Wohlfahrtsverbände gaben ihm Recht, aber Arge und Oberbürgermeister sahen nur "Einzelfehler". Sie nahmen Schoch übel, dass er an die Öffentlichkeit ging, und stellten ihm Anfang des Jahres zwei ehemalige Arge-Mitarbeiter als Ombudsleute zur Seite. Schoch kündigte, weil er keine Möglichkeit mehr sah, das Amt so auszuüben, wie er es versteht: Ein Ombudsmann sei keine Sprechstundenhilfe. "Er ist weisungsunabhängig und der Politik verantwortlich, nicht der Behörde." Sein Gerechtigkeitsempfinden kennt keine Ausnahmen. Er hat Leistungsempfänger immer an ihre Pflichten erinnert. "Da kann ich doch nicht hinnehmen, wenn der Verwaltungsapparat nicht korrekt arbeitet." Schoch sagt das ohne Eifer, stattdessen schmückt er seine Ausführungen mit Zitaten von Eugen Roth, Gedichten von Christian Morgenstern. Er hat Humor. Als er wegen seiner Streiche von der Handelsschule flog, schickte ihn sein Vater, ein Arzt, zum Bau. Wenn er sich dort über jemanden lustig machte, hieß es: "Brauchst ‘ne Kelle Speis in die Fresse?" Und das kam auch vor. "Das brennt", sagt Schoch. Aber von der Erfahrung hat er profitiert. Die Männer waren rau, aber mitfühlend. Wenn er wunde Hände hatte, gaben sie ihm leichtere Arbeiten. Schoch akzeptiert andere Menschen als Lehrmeister. An der Düsseldorfer Fachhochschule hat er angehenden Sozialarbeitern Verwaltungs- und Sozialrecht beigebracht. Mehr als einmal diskutierten sie über Leistungen für den Hund eines obdachlosen Sozialhilfeempfängers. "Für den Hund sind keine Leistungen vorgesehen", hat Schoch erklärt. Es gehe doch nicht um den Hund, war die Antwort, es gehe um den, der nichts habe außer seinem Hund! "Ich habe von ihnen gelernt, die Sache wie ein Mensch zu betrachten." Die Sonne scheint durch die großen Fenster. An der Wand hängen bunte Zeichnungen seiner Enkelin. Monate lang hat er allein in dem Haus in Duisburg-Homberg gelebt. Seine Frau, mit der er seit 43 Jahren verheiratet ist, war schwer krank. "Meine Familie ist für mich das Wichtigste", sagt er und macht eine lange Pause. Als er klein war, erlebte er Flucht und Umzüge. Mitten in der Nachkriegszeit, er war fünf, verlor er seine Mutter.

Noch heute rufen Rat Suchende an

Mit sieben Jahren landete er in Duisburg. Er hat die Verbindung zu dieser Stadt immer gehalten, auch als er in Hessen lehrte. Schoch passiert die Bogenbrücke über die Ruhr am Hafen, die Abendsonne scheint auf volle Frachtschiffe. "Es ist eine der schönsten Städte Deutschlands. Aber 13 Prozent Arbeitslose", sagt er. Noch heute rufen Rat Suchende bei ihm an. Er verweist sie an seine Nachfolger und an die Wohlfahrtsverbände, manchen erklärt er ihre Rechte und Pflichten. Die Paragraphen, die andere so überfordern, kann er aus dem Effeff. "Wenn sie mit Respekt und Mitgefühl angewendet werden, liegt die Lösung manchmal nah." Wie bei dem Gymnasiasten, der dabei war, ein Obdachloser ohne Ausbildung zu werden. Damals rief Schoch beim Diakonischen Werk an. Die besorgten dem Jungen eine Wohnung, dann ging er wieder zur Schule - das Abitur machen.