Zusammenbleiben

Alle unter einem Dach

Wie wollen wir im Alter leben? Einsamkeit muss nicht sein, inzwischen gibt es viele unterschiedliche Wohnprojekte, die auch die Generationen einander wieder näher bringen. Zum Beispiel eine Hausgemeinschaft. Ein persönlicher Bericht

foto: Manfred Witt / VISUM

Von Henning Scherf

Wir werden immer älter. Nicht nur in Europa, sondern rund um die Welt verändern sich die Gesellschaften. Wohin mit den vielen Alten? Die grünen Wiesen mit Pflegeheimen vollzubauen, ist nur für die Investoren attraktiv. Die Menschen wollen in überwiegender Zahl da alt werden, wo sie gelebt haben, wo sie sich auskennen, wo sie Menschen um sich haben, die sie kennen. Darum bleiben viele, solange es irgendwie geht, in ihrer Wohnung. Allerdings sind da immer mehr allein: die Kinder weit weg, der Ehepartner tot.

Ich wünsche mir so viele Alternativen zu dieser Wohnsituation alter Menschen wie möglich. Eine Alternative habe ich mit zehn Freunden vor mehr als 23 Jahren für meine Frau und mich gefunden. Wir wohnen seit 1987 mit unseren Freunden unter einem Dach, mitten in der Bremer Innenstadt (s. Foto). Wir haben bis auf eine Ausnahme unsere Autos abgeschafft. Stattdessen kümmern wir uns mehr um unsere Fahrräder, was besonders denen gut tut, die inzwischen neue Hüften eingebaut bekommen haben. Uns ist der gemeinsame Garten wichtig. Alle Nachbarn haben die Gärten als Pkw-Parkplätze umgenutzt. Wir wollen Platz für Kinder, Enkelkinder und Freunde haben. Alle rücken zusammen, wenn Familienfeste, Ostern und Weihnachten anstehen. Meine sieben Enkelkinder fühlen sich hier pudelwohl. Alle, auch die Singles, nehmen an den lebhaften Gästen Anteil. Demnächst kommen noch zwei kleine dazu. Wir frühstücken regelmäßig jeden Sonnabendmorgen zusammen. Dazu laden wir uns der Reihe nach gegenseitig ein, und wenn Gäste im Haus sind, kommen die natürlich dazu. Immer wieder ist auch ein gemeinsamer Urlaub mit Selbstverpflegung und Fahrrädern und Kindern und Enkelkindern drin. Wir sind so zu einer Art Wahlfamilie zusammengewachsen.

Unterstützung in der Nachbarschaft

Finanziert haben drei Paare von uns dieses Haus mit den verkauften drei Eigenheimen. Die anderen Freunde sind als Mieter ins Haus gezogen. Je länger wir hier wohnen, umso entspannter ist die monatliche Belastung. Die laufenden Kosten werden durch eine selbstverwaltete Umlage verteilt. Probleme hatten wir damit noch nie. Bei neuen Kosten, wie Einbau eines Fahrstuhls, verständigen wir uns unter den Eigentümern.

Die Nagelprobe unseres Wohnprojektes kam zwei Jahre nach unserem Einzug: Da wurde eine von uns sterbenskrank. Sie hat sich gewünscht, bei uns wohnen zu bleiben und möglichst keine fremden Hilfen ins Haus zu holen. Bis zu ihrem Tod haben wir alle, jeder auf seine Weise, die immer mühseliger werdenden Tage mit ihr geteilt. Als sie starb, wurde ihr Sohn, der auch bei uns wohnte, ebenfalls sterbenskrank. Mit beiden haben wir fast sieben Jahre Pflege und Sterbebegleitung erlebt. Wir sind dabei zusammengewachsen. Wir haben Unterstützung in der Nachbarschaft durch einen Palliativ-Mediziner und eine Pflegeeinrichtung gefunden. Wir haben alle Schwächen ambulanter Pflege erlebt und sind doch fest dabei geblieben, dass dies die zu wünschende Form des Alt-und Gebrechlichwerdens ist.

Ich fahre zurzeit durch die Republik und besuche alternative Wohn- und Pflegegemeinschaften. Wenn es geht, bleibe ich mehrere Wochen dort wohnen und nehme an allem teil. Es ist auch für an Demenz erkrankte alte Menschen eine gute Perspektive, ihren Tag mit vertrauten wenigen Mitbewohnern zu gestalten. Ich habe die therapeutische Kraft von Beschäftigungen wie Essenszubereitung (Kartoffelnschälen, Gemüseputzen etc.) kennengelernt. Auch als schwer Behinderter eine Aufgabe zu haben, bedeutet Lebenshilfe. Das gilt für Gartenarbeit, aber für gemeinsames Singen und Spiele spielen ebenso. Fernsehen wollte keiner meiner Mitbewohner.

Um solche familienähnlichen Projekte möglich zu machen, braucht es eine Mischung von hauptamtlicher professioneller Unterstützung, freiwilliger Hilfe der Angehörigen und Freunde und eine wenn auch noch so geringe Selbsthilfe. Inzwischen weiß ich von 900 Projekten dieser Pflegewohngemeinschaften. Die Zahlen nehmen rasant zu, auch, weil klassische gemeinnützige Pflegeheime sich öffnen und einen behutsamen Übergang vom Alleinleben zu Hause zum Zusammenleben in der Nachbarschaft und weiter zum Leben in einer Wohn- und Pflegegemeinschaft anbieten. Wenn es dann gar nicht mehr geht, steht auch die Vollzeitpflege mit einem differenzierten Angebot zur Verfügung.

Kinder mögen Alte

Ich bin überzeugt davon, dass wir alle hier eine große Gestaltungschance für unser eigenes Altersleben haben. Ich rate allen Politikern, insbesondere den Kommunalpolitikern, dass sie diesen Bedarf als Chance zur Stabilisierung ihrer Nachbarschaften ernst nehmen. Keiner entkommt dieser altersveränderten Gesellschaft. Darum dürfen wir das auch nicht allein den Sozialpolitikern überlassen.

Ich wünsche mir auch, dass wir mit den Generationen zusammenbleiben. Bitte keine Altengettos á la USA! Wir können uns gegenseitig helfen. Aber auch Kinder sind für alte Leute die allerbesten Therapeuten, sie regen uns an, mobilisieren schlummernde Kräfte in uns. Und keiner soll glauben, dass Kinder Alte nicht mögen. Man muss nur früh genug vertraut miteinander werden, dann kann es für beide Teile bereichernd sein. Die Alten können die Elterngeneration unterstützen. Und die berufstätigen Eltern müssen sich nicht sorgen, dass ihre Kinder unbeaufsichtigt sind.

Unbedingt zusammenbleiben

Meine Gewerkschaft ist, seitdem ich vor über 50 Jahren Mitglied wurde und vieles miterlebt habe, mehr als eine Lohn­tarifkampftruppe. Wir werden immer auch über unsere Beschäftigungsprobleme hinaus gesamtgesellschaftlich verantwortlich sein. Darum ist die Lage der Älteren, der nicht mehr Berufstätigen, ein gewerkschaftliches Aufgabenfeld erster Güte. So wie in den Anfängen der Arbeiterbewegung alle zusammen gestanden haben, um Kinderarbeit zu bekämpfen, Schulpflicht durchzusetzen, lebenslange Sicherung der bedrohlichen Risiken durch Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter zu erkämpfen, so wünsche ich mir, dass wir zusammenbleiben, wenn wir die Folgen der älter gewordenen Gesellschaft menschlich und fair gestalten.

Unser Autor Dr. Henning Scherf ist der ehemalige Bürgermeister der Stadt Bremen und autor von Grau ist bunt, Herder Verlag 2007