Frigga Haug

Die Grande Dame der Linken

Bis heute formuliert die berühmte Feministin und Soziologin Thesen für eine zeitgemäße Frauenbewegung

"Jeden Morgen sind vier Stunden Schreib- und Forschungszeit. Die frischen Stunden."

Foto: Nils Bahnsen

von Gudrun Fischer

"Ein Kind ist eine Falle", sagt Frigga Haug, 73. Sie sitzt im Büro des Argument Verlags, den sie vor über 50 Jahren mit gegründet hat. Es ist ein kleines Hamburger Haus, in dem ihr Verlagsschreibtisch steht. Ringsherum Berge von Büchern. Frigga Haugs Blick schweift in den verwilderten Garten. "Du kannst dein Kind nicht irgendwo abstellen, du liebst es ja." Sie war 25 Jahre, als sie während ihres Studiums in Berlin ihre Tochter bekam. Die junge Frau ging aufs Land, heiratete, ließ sich bald wieder scheiden und stand dann alleine da, ohne Geld, ohne Studienabschluss, ohne Selbstvertrauen. Sie kehrte zurück nach Berlin und nahm ihr Studium wieder auf. Eines Tages, als sie besonders niedergeschlagen war, gab sie sich einen Ruck - sie sprach auf einer Kundgebung gegen den Vietnamkrieg vor 2000 Leuten. "Auf diese Weise habe ich mich wieder als politische Person in die Gesellschaft verortet", sagt Frigga Haug.

Von Theorien begeistert

Manche ihrer Sätze klingen abstrakt. Und doch schafft sie es, ihren Geschichten aus der Vergangenheit die Aufregung mitzugeben, die damals geherrscht haben muss. Zum Beispiel als ihre Frauengruppe, der "Aktionsrat zur Befreiung der Frau", mit dem Sozialistischen Studentenbund (SDS) aneinander geriet. "Wir schickten zwei Delegierte, Helke Sander und Sigrid Rüger im September 1968 auf eine Konferenz des SDS nach Frankfurt. Das war die berühmte Tomatenrede von Helke Sander. Da waren solche Sätze drin wie: Wir Frauen sind eine Klasse. Aber der Hauptpunkt in der Rede war: Wir wollen nicht auf einen späteren Sozialismus vertröstet werden, sondern wir wollen jetzt und heute den Vorschein einer besseren Gesellschaft leben." Als Männer während der Rede lachten und laut dazwischen riefen, erzählt Haug, wurde es Sigrid Rüger, die ein Kilo Tomaten bei sich hatte, zu bunt. "Sie hat die Tomaten auf sie geschmissen." Die abfällige Reaktion der Genossen radikalisierte den Aktionsrat der Frauen. "Und dann gründeten sich in den 70er und 80er Jahren in der BRD immer mehr Frauengruppen, immer mehr Lesben gaben sich zu erkennen."

Doch Frigga Haugs Leidenschaft, erzählt sie, waren weniger die Aktionen als vielmehr die Theorien. Begeistert las sie mit ihren feministischen Genossinnen die Klassiker: Marx, Brecht, Engels. Und weil sie sich als Frauen darin kaum wieder fanden, verfassten sie selber Bücher. Eines davon hieß Sexualisierung des weiblichen Körpers und wurde zum Renner in der Frauenbewegung. In diesen Aufbruchsjahren schrieb Frigga Haug nicht weniger als ihr Psychologie-Diplom, ihre Doktorarbeit und ihre Habilitation. Ein großer Verlag publizierte ihre Diplomarbeit zur Rollentheorie in einer Auflage von 60000 Exemplaren. Dann kamen die ersten Jobs. Zunächst am psychologischen Institut der FU Berlin. "Dort gründete ich ein Projekt zur Erforschung der Veränderung der Arbeitsanforderungen durch die Computereinführung in Industrie und Verwaltung. Wir dachten, das mache die Arbeiterinnen und Arbeiter frei. Was für ein Irrtum!"

Wir werden das ändern

Als Frigga Haug Anfang der 80er Jahre an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg tätig war, da war ihre Tochter fast erwachsen und sie national und international bekannt. Sie begann zwischen Berlin und Hamburg zu pendeln. "Du siehst mich in der sozialistischen und in der Gewerkschaftsbewegung. Und die Frauensache war parallel." Das gleichzeitige Wirken in verschiedenen Gruppen und Strömungen mag dazu beigetragen haben, dass sie zu allen eine gewisse Distanz bewahrte und sie analysierte. Zum Beispiel auf Frauenkongressen. "Eine Frau nach der anderen ging nach vorne und sagte: Ich werde geschlagen, ich wurde vergewaltigt, man hat mir ein Leid angetan." Frigga Haug richtet sich in ihrem Schreibtischstuhl auf. "Das konnte nicht gut gehen. Eine ganze Bewegung, die stark ist und sich darüber findet, dass schon wieder eine geschlagen wurde und weinend davon berichtet." Und dann schrieb sie einen Text zum Thema Opfer und Täter. Sie fragte darin, ob nicht Frauen an ihrer Unterdrückung beteiligt seien.

Ungeduldig streicht sich die 72-Jährige eine weiße Haarsträhne aus dem Gesicht. "Nur wenn wir sehen, dass wir selbst Täter sind, können wir das ändern und wir werden das ändern." Viele Texte von Frigga Haug wurden zu Klassikern der feministischen Bewegung und der Linken. Doch wie schaffte sie es, 50 Jahre lang diese vielen Aktivitäten unter einen Hut zu bekommen, noch dazu anfangs mit einem Kind? Ihr Ehemann kümmerte sich zwar auch um ihre Tochter, eilte aber ansonsten zu seinen eigenen politischen und theoretischen Veranstaltungen.

"Ich glaube, dass ich eine sehr disziplinierte Arbeiterin bin. Mein Leben ist bis heute aufgeteilt, weswegen ich die Vier-in-einem-Perspektive fast aus mir selber heraus entwickelte. Jeden Morgen sind vier Stunden Schreib- und Forschungszeit. Die frischen Stunden. Und danach habe ich die Seminare, Politik und Kind und Haushalt, ich koche sehr gerne und liebe Musik."

Die Vier-in-einem-Perspektive

Frigga Haugs Buch Die Vier-in-einem-Perspektive ist vor zwei Jahren erschienen. Es ist ihr gesammeltes Werk zum Thema Frauenunterdrückung und Veränderungsstrategien. In diesem Buch, das inzwischen in vielen Gewerkschafts- und Frauengruppen und in der Partei Die Linke diskutiert wird, rät sie dazu, unsere Lebenszeit in vier gleich große Bereiche aufzuteilen. Mehr als vier Stunden am Tag sollten wir nicht einer bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen. Die restlichen zwölf Stunden könnten wir uns dann Kultur und Weiterbildung, Politik, und nicht zuletzt der Zeit mit Menschen widmen. Natürlich sollen diese Utopie Männer wie Frauen leben.

"Sind elf Vorträge in zwei Wochen zu viel?" Frigga Haug gibt sich selbst die Antwort. "Ich glaube schon. In meinem Alter." Die Einsicht bleibt folgenlos, wie ihr voller Terminkalender zeigt. Vorträge, Workshops, Podiumsdiskussionen reihen sich aneinander. Wo bleibt da die Vier-in-einem-Perspektive? Nun gut, Frigga Haug ist pensioniert, da verfügt sie über zusätzliche vier Stunden. Und zum Ausgleich für die stressigen Vortragsreisen verbringt die feministische Sozialistin das halbe Jahr - den Winter - auf La Palma. Und schreibt und schreibt und schreibt. 

 Frigga Haug wurde am 28. November 1937 geboren, studierte in Berlin Psychologie, Soziologie und Geschichte an der Freien Universität. 1963 kam ihre Tochter auf die Welt. 1965 heiratete sie zum zweiten Mal, den Philosophen Wolfgang Fritz Haug. In Berlin trat sie Anfang der 60er Jahre dem Sozialistischen Studentenbund bei, 1968 führte die "Tomatenwurfrede", des "Aktionsrats zur Befreiung der Frau", dem sie angehörte, zum Eklat. Es war der Auftakt für die neue, zweite deutsche Frauenbewegung. Zusammen mit ihrem Mann gründete Haug vor über 50 Jahren den Argument Verlag, der Bücher zu Marxismus, Feminismus, Kritische Psychologie, soziale Medizin und Ideologietheorie herausgibt. Ende der 80er Jahren entstand innerhalb des Verlags die Frauenkrimireihe Ariadne, die heute ihre Tochter Else Laudan leitet. Weltweit bekannt wurde Frigga Haug mit ihrem feministischen Forschungsansatz "Erinnerungsarbeit". Von 1980 bis zu ihrer Emeritierung 2001 war sie Professorin an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik und arbeitete als Gastprofessorin an vielen internationalen Universitäten.