BRASILIEN

Sie gingen hin und fingen an

Seit sechs Jahren steht das Recht auf ein Grundeinkommen in der brasilianischen Verfassung - doch viel ist seitdem nicht passiert. Ein junges Paar wollte nicht länger warten und startete ein eigenes Projekt. Ein Besuch in einem Dorf, das Geschichte schreiben will

Der Weg nach Quatinga Velho führt durch tiefe Täler in den Urwald hinein

Fotos: Karen Naundorf

Von Karen Naundorf

Bruna hat die Abkürzung durch den Urwald genommen, der kleine Fiat ist mit rötlichem Lehm bespritzt. Kaum sehen die Kinder das graue Auto, rennen sie zum Straßenrand, Spielzeuge im Arm: "Chega a Bruna, Bruna kommt!" Sie hüpfen ungeduldig auf der Stelle, bis der Fiat vor ihrem Haus hält. Die junge Frau öffnet den Kofferraum, nimmt Spielsachen entgegen, teilt neue aus. In Quatinga Velho, 50 Kilometer von der 20 Millionen-Metropole São Paulo entfernt, beginnt ihr Traum von einer besseren Welt. Mit Stoff-Einhörnern, Plastik-Treckern, Gesellschaftsspielen und Mickey-Mouse-Heften. Und 30 Reais pro Einwohner, das sind rund 14 Euro im Monat.

Brasilien ist eins der Länder mit den größten Einkommensunterschieden überhaupt. Viele Eltern haben nicht genug, um Schulhefte oder Gemüse zu kaufen, geschweige denn Spielzeug. Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung verdienen mehr als die Hälfte der Einkommen im Land, die ärmsten zehn haben zusammen nicht einmal ein Prozent der Einkünfte. Für die ganz Armen gibt es die "bolsa familia", ein Programm, das an die deutsche Sozialhilfe erinnert, aber nicht ausreicht. Der scheidende Präsident Lula da Silva weiß um die Armut im Land: Vor sechs Jahren wurde unter seiner Regie das - weltweit einzigartige - Gesetz 10.835/2004 in der Verfassung des Landes verankert, es legt das Recht aller Brasilianer auf ein bedingungsloses Grundeinkommen fest. "Schrittweise" soll es eingeführt werden. Ein dehnbarer Begriff. "Wer weiß, ob es jemals dazu kommt!", sagt Bruna, eine drahtige Frau mit langen braunen Haaren und der Energie einer Macherin.

Die Idee

Bruna Pereira und ihr Freund Marcus Brancaglione, seinerzeit beide Mitte 30, lernten sich als Angestellte einer Umweltorganisation kennen. "Wir verteilten Flyer zum Thema Recycling. Die Leute sollten Müll trennen, aber sie hatten Hunger", sagt Bruna, eine studierte Biologin. Die beiden entschieden, nicht länger auf die Politiker zu warten und die Idee der renda básica auf eigene Faust umzusetzen: "Was sonst kann so schnell und effektiv die Armut lindern?" Viele Freunde schüttelten den Kopf: Den Job kündigen? Um wildfremden Menschen jeden Monat Geld, das man erst noch auftreiben musste, auszuzahlen? Doch das Paar ließ sich nicht beirren, gründete die Organisation Recivitas und schmiedete einen Plan.

Bruna ist mit ihrem Fiat gekommen, die Kinder tauschen Spielsachen bei ihr

Schritt eins: Sie suchten in den Bergen bei São Paulo einen Ort, klein genug für ein Pilotprojekt. Die Wahl fiel auf Quatinga Velho: Straßen ohne Asphalt, etwa 100 Einwohner. Einfache Leute, die als schlecht bezahlte Landarbeiter oder unregelmäßig als Erntehelfer arbeiten. Eine kleine Kirche, in die alle paar Monate ein Pfarrer kommt, gegenüber eine Telefonzelle, das nächste Geschäft ist einen Ort weiter. Ein gutes Testgelände, fanden Bruna und ihr Freund Marcus.

Schritt zwei: Sie mieteten eine billige Wohnung im Nachbardorf Paranapiacaba, einst von britischen Eisenbahnern im englischen Stil erbaut. Als sie in das denkmalgeschützte Häuschen einzogen, schrieb Bruna in Anlehnung an den französischen Schriftsteller Jean Cocteau mit blauer Kreide in der Küche an die Wand: "Weil sie nicht wussten, dass es unmöglich war, gingen sie hin und machten."

Schritt drei: Sie sammelten Spielzeugspenden, der Fiat wurde zur Spielothek. Kinder, die selbst nur wenig hatten, spendeten ihre Plüschtiere oder Comics, damit auch andere damit spielen konnten. Viele hielten zum ersten Mal im Leben eine Puppe oder ein Puzzle in der Hand. So lernten Bruna und Marcus die Leute im Dorf kennen.

Schritt vier: Sie fuhren nach São Paulo und überzeugten Unternehmer, Verwandte und Freunde von der Idee des Grundeinkommens. Und von der Notwendigkeit, mit einem Pilotprojekt zu zeigen, dass das Konzept kein Hirngespinst sei. Die ersten Spenden kamen bald.

Schritt fünf: Sie riefen die Dorfbewohner zusammen. Erklärten, dass ab sofort jeder in Quatinga Velho eine renda básica, ein Grundeinkommen von 30 Reais, 14 Euro pro Monat, bekomme, wenn er wolle. Egal, ob eine Familie das Geld nötig habe oder nicht. Dass dies ein verfassungsmäßiges Recht sei. Und sie, Bruna und Marcus, ihnen Zugang zu diesem Grundrecht verschaffen wollten.

Stolz und Vorurteil

Es war still im Versammlungsraum, keiner stellte Fragen, erinnert sich Mara, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern: "Wahrscheinlich dachten Bruna und Marcus, wir würden sie vor Freude umarmen. Aber wir glaubten kein Wort. Ich war mir sicher, dass ein Politiker auf Stimmenfang dahinter steckte. Oder die Mafia. Dass wir einfachen Leute dafür benutzt werden sollten, schmutziges Geld zu waschen."

Das monatliche Grundeinkommen für Natalia, ordentlich zusammen geheftet

Kurz vorm Urwald - in Paranapiacaba leben Bruna und ihr Freund Marcus

Sergios Ernte reicht zum Überleben, für die Ausbildung seiner Kinder nicht

Mara und ihr Mann Sergio wollten keine Geschenke. Sie waren stolz, es aus eigener Kraft geschafft zu haben. Erst vor drei Jahren waren sie aus einer Favela, einem Armutsviertel in São Paulo aufs Land gezogen, um als Hausmeister eine kleine Finca zu hüten. Sergio, Stadtmensch und gelernter Zimmermann, ließ sich von den Nachbarn zeigen, wie man Maniok-Wurzeln erntet, Zuckerrohr anpflanzt, Salatköpfe großzieht. So hatte die Familie schnell genug, um zu überleben. "Aber zu wenig, um den Kindern eine bessere Zukunft zu bieten. Wir möchten, dass sie eine Ausbildung machen", sagt Mara. Mit einem Einkommen von 620 Reais, etwa 280 Euro, liegt Sergios Hausmeistergehalt knapp über der Einkommensgrenze für staatliche Hilfen. "Wir zögerten, aber wir sagten zu." Sergio und Mara waren unter den ersten im Dorf, die das Geld annahmen. "Ihr gehört also auch zu dieser Bande!", sagten die Leute im Dorf.

Das war vor zwei Jahren. Heute bekommen mehr als 60 Personen in Quatinga Velho jeden Monat Geld von Recivitas. Alle Spenden gehen direkt in das Projekt, den eigenen Lebensunterhalt verdienen Bruna Pereira und ihr Freund mit dem Internetkanal TV Ong.

"Von der ersten renda básica haben wir eine Brille für unsere Kleine gekauft", sagt Mara, eine fröhliche Frau im Nickipulli, die auch Fremde herzlich umarmt. "Seit kurzem haben wir einen Computer, die Kinder sollen die moderne Welt verstehen." Sie nutzt das Grundeinkommen auch als Investitionskapital. Kauft Kondensmilch und Milchpulver, mischt beides mit Fruchtextrakt zu künstlich-süßem Softeis, verkauft ein Töpfchen für 50 Cent. "Ohne das Geld von Bruna könnte ich das nicht machen."

Der Senator

Als im Januar 2004 das Grundeinkommen in die brasilianische Verfassung aufgenommen wurde, hatte Eduardo Suplicy Tränen in den Augen. Jahrelang hatte der Senator sich für eine renda básica eingesetzt. "Ein Grundeinkommen für alle sorgt für Gerechtigkeit und sozialen Frieden", sagt Suplicy. Er ist einer der wenigen Politiker in Brasilien, dem die Leute vertrauen. Der ohne Bodyguards unbehelligt durch eine Favela laufen kann. Selbst bei jungen Leuten ist der 69-Jährige beliebt. Spätestens seit er die Racionais MCs, in Brasilien beliebte Rapper, im Kongress mit einem Lied zitierte, das die Gewalt in den Armenvierteln beschreibt. Am Ende des Raps legte Suplicy die Hände zusammen, streckte die Arme und einen Finger aus und rief "Ratatatatatatata!" in den Saal, als hätte er ein Maschinengewehr in der Hand. Das Video der Rede wurde in YouTube zum Hit. "Ratatatatata", zitierte Suplicy die Rapper auch, als er in einem Jugendgefängnis über die renda básica sprach. "Die meisten sagten mir, sie hätten niemanden überfallen, wenn die Familie genug zuessen gehabt hätte."

Für Suplicy scheint ein Grundeinkommen ein Allheilmittel gegen Armut und Konflikte zu sein. Mit dem Konzept könne man sogar im Irak für Frieden sorgen, meint er: "Dort gibt es so viel Öl. Warum nicht die Gewinne auf die Bevölkerung umlegen? Und in Europa würde man die Scham derer, die staatliche Hilfen bekommen, vermeiden und Bürokratiekosten senken."

Das Rentnerpaar Odelson und Lourdes nehmen ihre renda básica entgegen

Senator Eduardo Suplicy rappt - wenn es sein muss - fürs Grundeinkommen

Seit bald zwei Jahren fährt Bruna jedes Wochenende nach Quatinga Velho. Mit Spielzeugen im Kofferraum und einmal im Monat mit Geldscheinen im Handschuhfach, ordentlich gefaltet und mit Büroklammern zusammengeheftet. Die Rentner Odelson und Lourdes, die das Geld für Medikamente brauchen und ein paar Schweine davon gekauft haben, machen sich Sorgen. "Alle wissen, dass Bruna Geld dabei hat, hoffentlich passiert ihr nichts", sagt Lourdes. "Sie bräuchte ein gepanzertes Fahrzeug!"

Die Zukunft

Die Auswirkungen des Grundeinkommens auf die Wirtschaft sind nur schwer zu messen. Da es in Quatinga Velho keine Läden gibt, kaufen die Bewohner anderswo ein. "Wir möchten die Idee in einem weiteren Ort umsetzen und dort die Effekte zusammen mit Wirtschaftsstudenten dokumentieren. Noch reicht das Geld nicht für ein weiteres Projekt. Wir überlegen, einen Fonds einzurichten", sagt Bruna. In Quatinga Velho sei der Erfolg der renda básica mit bloßem Auge zu erkennen: "Viele Kinder haben zum ersten Mal Schuhe und sie sind besser ernährt als früher. Zum Beispiel die von Irene."

Als sie Brunas Fiat sieht, kommt Irene zum Gartenzaun aus Stacheldraht, die jüngste Tochter auf dem Arm. Auf der anderen Straßenseite spielt einer ihrer Söhne mit einer Machete, schlägt den Weg durchs Unterholz frei. "Nicht in den Wald!" ruft Irene ihm zu. "Denk dran, da sind Kobras, die sind giftig und beißen!" Auch Irene war zuerst misstrauisch und lehnte das Geld ab, obwohl sie zu den Ärmsten im Dorf gehört. Mit ihrem Mann und den sieben Kindern lebte sie in einem selbst gezimmerten Holzhäuschen, kaum drei auf drei Meter groß, die nackte Erde war der Fußboden. Trotzdem: Geldgeschenke annehmen, das ging gegen den Stolz. Erst nach Monaten verstand ihr Mann, dass jeder im Dorf das Recht auf die renda básica hat und das Geld kein Almosen für Familien ist, deren Männer die Versorgerrolle nicht erfüllen können. "Von den ersten Zahlungen kauften wir Zement und Steine. Mein Mann hat das Haus dann selbst gebaut", sagt Irene. "Jetzt kaufen wir Lebensmittel. Ich weiß nicht, wie wir es ohne das Grundeinkommen geschafft hätten."

Wie Bruna und Marcus will auch Senator Suplicy weiter für ein Grundeinkommen für alle Brasilianer kämpfen. Dass er deshalb als Träumer abgestempelt wird, ist ihm egal: "Goethe soll gesagt haben: Wenn ein Mensch einen Traum hat und sich mit der Kraft seiner Seele dafür einsetzt, verschwört sich das Universum zu seinen Gunsten."