MEDIEN

So viel zur Kinderarmut

Von wegen weniger arme Kinder: Was uns die Zahlen wirklich sagen

PETRA WEITZEL ist Redakteurin der ver.di PUBLIK

"Kinderarmut geht zurück", "Kinderarmut in Deutschland rückläufig", "Weniger minderjährige Hartz-IV-Empfänger seit 2006", "Boom am Arbeitsmarkt lindert Hartz-IV-Kinderarmut" - man muss sich die Schlagzeilen der Zeitungen landauf, landab, die anlässlich der jüngsten Auswertung der Bundesagentur für Arbeit platziert wurden, nur mal so reinziehen. Man könnte glatt auf die Idee kommen, rund um Deutschland versinkt der Rest Europas immer mehr in Armut, aber hierzulande geht's steil bergauf. Selbst die armen Kinder sind gar nicht mehr so arm dran. Krise? Ach was, alles halb so wild. Und die Kinder, die leider immer noch arm sind, die bekommen wir auch noch reich gerechnet.

Das Beispiel zeigt wieder einmal, wie die Medien oftmals völlig unreflektiert Behauptungen wie unverrückbare Tatsachen in die Öffentlichkeit bugsieren, wo sie sich dann festsetzen. Und wir reden hier nicht von irgendwelchen Boulevardblättern. Unter den oben zitierten Beispielen tummeln sich auch vermeintlich seriöse Tageszeitungen wie die Süddeutsche und die Frankfurter Allgemeine. Kaum jemand hat die Statistik hinterfragt oder überhaupt in Frage gestellt. Denn tatsächlich hat sich der Anteil der Hartz-IV-Kinder seit 2005 so gut wie nicht geändert. Vor sieben Jahren waren es noch 15 Prozent, heute sind es 14,9 Prozent. Allein die Zahl der Kinder unter 15 Jahren ist generell gesunken, wie der Paritätische Gesamtverband zu Recht feststellte. Es sind einfach mal 750 000 weniger als noch vor ein paar Jahren.

Und auch allein die Tatsache, dass weniger Kinder Hartz-IV beziehen, heißt noch lange nicht, dass die anderen der Armut entkommen sind. Nahezu 7,5 Millionen Menschen, darunter viele mit Kindern, arbeiten in Deutschland mittlerweile zu Niedriglöhnen. So viel zum Boom am Arbeitsmarkt. Und zum medialen Umgang mit Statistiken.