PORTRÄT

Die Unerschrockene

Camila Vallejo aus Chile fordert ein Ende von Bildung als Ware. Die 23-Jährige weiß inzwischen über eine Million Landsleute hinter sich

"Ich bin objektiv hübsch und ich habe kein Problem damit es auszusprechen, aber mein Aussehen habe ich mir nicht ausgesucht - im Gegensatz zu meinen Überzeugungen."

foto: Renate Kossmann

von Annette Jensen

"Wir wollen das Bildungssystem nicht ein bisschen verbessern, sondern es grundlegend ändern." Auf faule Kompromisse lässt sich die charismatische Chilenin Camila Vallejo nicht ein. Die 23-Jährige kann nicht nur präzise analysieren, sondern auch klar und gut formulieren. Dabei wirkt sie natürlich und ganz ohne Starallüren - so wie die engagierte Camila von nebenan.

Im April vergangenen Jahres hat die junge Frau zum ersten Mal zu einer Studentendemo aufgerufen. Damals kamen 8000 Menschen. Inzwischen hat sich die Bewegung auf ganz Chile ausgedehnt und breite Bevölkerungsschichten tragen sie mit. Es geht um Grundsätzliches: Bisher galt der schmale, 4300 Kilometer lange Staat als neoliberales Paradies für ausländische Investoren - ein Erbe der 1989 zu Ende gegangenen Pinochet-Diktatur. Das wollen Camila Vallejo und ihre Mitstreiter/innen nun ändern. Zur Bewegung gehören neben den Studierenden auch Arbeiter/innen, die vom kargen Mindestlohn nicht leben können, und Umweltschützer, die neue Staudämme des spanischen Energieriesen Endesa verhindern wollen.

Ein weiblicher Che Guevara?

Ohne Zweifel: Camila Vallejo ist eine hübsche Frau - eine Tatsache, die manche Journalisten dazu veranlassen, sie zu einer Heldin wie aus einem Revoluzzerfilm zu stilisieren oder einen weiblichen Che Guevara in sie hinein zu projizieren. Als erste weibliche Präsidentin der wichtigsten Studentenorganisation in Chile, FECH, fühlt sie sich diskriminiert, als sie zu Anfang ihrer Amtszeit ständig gefragt wird, ob es für sie als Frau nicht schwierig sei auf diesem Posten. "Alle sprachen davon, dass ich eine Frau bin, und interessierten sich nicht für mein politisches Projekt." Auch die permanenten Hinweise auf ihre schönen Augen und die langen Haare gehen ihr auf die Nerven. "Ich bin objektiv hübsch und ich habe kein Problem damit es auszusprechen, aber mein Aussehen habe ich mir nicht ausgesucht - im Gegensatz zu meinen Überzeugungen." Bald merkt sie jedoch, dass ihre Weiblichkeit ihr viele Türen zu Talkshows öffnet und sie nutzt die Gelegenheiten, um ihre Botschaften rüberzubringen.

Camila Vallejo wirkt selbstbewusst, aber nicht eitel. Als sie Anfang Februar auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der GEW durch Deutschland tourt, ist sie zusammen mit einer anderen Studentin und einem Vertreter des chilenischen Gewerkschaftsbundes CUT unterwegs. Interviews mit ihr alleine lehnt sie ab; es gehe schließlich nicht um ihre Person, sondern um das Anliegen ihrer politischen Bewegung.

Etwa eine Million Menschen demonstrieren inzwischen für die Forderungen von Camila Vallejo auf Chiles Straßen und bringen damit die konservative Regierung in arge Bedrängnis. Laut Umfragen stehen sogar 80 Prozent hinter dem Protest. Denn der jungen Frau gelingt es klar zu machen, dass das Bildungssystem nur ein besonders deutlicher Ausdruck eines extrem ungerechten Wirtschaftssystems ist.

Sie braucht Zeit zum Diskutieren

Chiles Bildungs- und Gesundheitswesen sind größtenteils privatisiert, und auch die Wasserversorgung liegt in der Hand von Konzernen. In keinem anderen Land der OECD zahlt der Staat einen so geringen Anteil für höhere Schulen und Universitäten wie in Chile. Mit durchschnittlich 60.000 Dollar Schulden starten junge Menschen mit akademischer Ausbildung ins Berufsleben. Zugleich belegen die Ergebnisse der Pisa-Studie, dass Bildungserfolg in Chile stärker als in jedem anderen Land mit Ausnahme von Peru von der sozialen Herkunft abhängt. "Bildungs-Apartheid" nennt Camila Vallejo das.

Seit 2006 studiert sie Geografie an der Universität in Santiago, die zwar offiziell eine staatliche Hochschule ist, aber trotzdem je nach Fakultät zwischen 3200 und 6900 Dollar Studiengebühren pro Jahr erhebt. Ihr Vater ist Kleinunternehmer, die sechsköpfige Familie gehört zur unteren Mittelschicht und lebt in einer Mietwohnung. Beide Eltern stammen aus armen Verhältnissen und haben sich in den 70ern der kommunistischen Partei angeschlossen. Auch Camila tritt 2007 in den kommunistischen Jugendverband ein. Doch anders als ihre Eltern hat sie die Diktatur nicht mehr erlebt; als Augusto Pinochet 1990 abtrat, ist Camila Vallejo nicht einmal zwei Jahre alt. "Unsere Generation hat keine Furcht. Und daher haben wir im Gegensatz zu unseren Eltern keine Probleme anzuprangern, dass es in Chile Missbrauch und Repression gibt." Außerdem hätten sie als junge Leute den Vorteil, noch keine Verantwortung für eine Familie tragen zu müssen. Insofern sei es kein Wunder, dass die Bewegung bei den Jungen ihren Ausgang nahm, sagt sie.

Seit neun Monaten sind viele Universitäten und höhere Schulen in Chile besetzt. Camila Vallejo und ihre Freunde übernachten häufig im "Ehrensaal", den sie in "Revolutionssaal" umbenannt haben. Statt Unterricht gibt es pausenlos Meetings. "Wir brauchen Zeit um zu diskutieren und uns zu organisieren - und unsere Professoren unterstützen das", sagt sie. Dabei geht es zum einen darum, dass Bildung in Chile heute quasi den Status eines Konsumguts hat, das man für viel Geld kaufen muss. Zugleich ist die Qualität vieler Privathochschulen extrem schlecht, die Abbruchquoten liegen manchmal bei 60 Prozent; nur wenige Reiche können sich den Besuch einer Elite-Uni leisten.

Andererseits wollen die Studierenden aber auch Einfluss auf die Lehrinhalte nehmen. Geistes- und Sozialwissenschaften würden immer weiter an den Rand gedrängt, eine umfassende Vorstellung von Bildung sei längst ersetzt durch die Frage, was sich wirtschaftlich am besten verwerten lässt, sagt Camila Vallejo.

Den Präsidenten weist sie kühl zurück

Schon mehrmals sah sich Chiles Präsident Sebastián Piñera genötigt, eine von der Studentenführerin geleitete Delegation zu empfangen. Ihre Forderung nach einem in der Verfassung festgeschriebenen sozialen Recht auf kostenlose Bildung konterte der Multimilliardär, der durch Baufirmen und Bankgeschäfte reich geworden ist, mit dem vielzitierten Satz: "Nichts im Leben ist kostenlos." Sein Angebot, ein bisschen mehr Geld für die öffentlichen Hochschulen bereitzustellen, wies Vallejo kühl zurück.

Zwei Bildungsminister mussten bereits zurücktreten, und im vergangenen Herbst organisierte der Gewerkschaftsbund CUT einen zweitägigen Generalstreik, der sich ebenso gegen das privatisierte Renten- und Gesundheitssystem richtete wie gegen die Bildungspolitik. Vielerorts gibt es jetzt offene Versammlungen, wo über ein "neues Chile" diskutiert wird. Derweil kann sich die Regierung nur noch auf 23 Prozent Zustimmung stützen.

Mal reagiert Piñera mit Dialog, mal mit Repression. Ein neues Gesetz sieht drakonische Strafen vor für Hausbesetzer, Vermummte und Demonstrant/innen, die sich einer Festnahme widersetzen - und lässt viele Bürger/innen zu Kochtopf und Löffel greifen und stundenlang am offenen Fenster trommeln; eine Aktionsform aus Zeiten der Diktatur.

Die Familie bangt um ihr Leben

Die meisten Medien aber stützen die Regierung: Die beiden größten Tageszeitungen stammen noch aus PinochetZeiten und ein großer Fernsehsender gehört dem Präsidenten. So können die Protestierenden ihre Position in Chile fast ausschließlich nur übers Internet verbreiten. Deshalb sei es ja auch so wich-tig, dass internationale Medien über die Bewegung berichteten, sagt Camila Vallejo auf einer Pressekonferenz in Berlin. In ihrer Heimat kann sie in der Öffentlichkeit inzwischen nur noch mit Bodyguards auftreten; nach Morddrohungen bangt ihre Familie um ihr Leben.

Doch Camila Vallejo wirkt nicht ängstlich, und ihr Ziel scheint ihr nicht fern. "Ich will nicht unendlich kämpfen, aber wir hören natürlich erst auf, wenn unsere Forderungen umgesetzt sind." Dann möchte sie ihr Geografiestudium beenden. "Das Fach hat ja auch viel mit Wirtschaft und Politik zu tun", betont sie. Irgendwo im Grenzgebiet zwischen wissenschaftlichen Analysen und politischer Praxis sieht sie ihre berufliche Zukunft. Viele Kommentatoren erwarten, dass sie sich für die nächsten Wahlen im Jahr 2014 als Abgeordnete aufstellen lässt. Ausschließen will Camila Vallejo das nicht. "Wenn wir uns entscheiden, dass es Sinn macht, ins Parla­ment zu gehen, dann stellt sich die Frage, wer kandidiert." Auch sie werde es sich dann überlegen. Doch bis es soweit ist, wird in Chile wohl noch eine ganze Menge passieren.