BUNDESWEHR

Hoffen auf Zeit

Kaufbeuren ist ein idyllischer Ort im Allgäu, die Arbeitslosigkeit niedrig. Jetzt hat die Bundeswehr angekündigt, ihren dortigen Standort mit 1100 Beschäftigten zu schließen

Seit die Bundeswehr vor fünf Monaten angekündigt hat, ihren Standort in Kaufbeuren zu schließen, wissen Simmulationsassistenin Heike Joanni (Foto unten) und Elektroniker Andreas Müller (oben) nicht, wie es weitergeht. Im Ort ist fast jede/r von der Schließung betroffen, sei es, weil er oder sie selbst bei der Bundeswehr beschäftigt ist, weil Verwandte, Freunde oder Nachbarn dort arbeiten, oder weil der eigene Job von der Bundeswehr abhängig ist

Fotos: Gérard Pleynet

von Heike Langenberg

Es ist eine kleine Zeremonie am Abend. Gegen 18 Uhr verlassen drei Soldaten das Wachgebäude am Fliegerhorst Kaufbeuren und gehen zum Fahnenmast vor dem Haus 1. Zwei von ihnen ziehen die dort hängende Deutschlandfahne nach unten, nehmen sie ab, falten sie so, dass der Bundesadler oben liegt, der dritte salutiert. Gemeinsam tragen sie das schwarz-rot-goldene Tuch zum Wachgebäude zurück. Morgen für Morgen wird die Fahne gehisst, Abend für Abend wieder eingeholt. Doch der Tag naht, an dem die Fahne zum letzten Mal nach unten gezogen wird. Ende Oktober 2011 hat Bundesverteidigungsminister Thomas de Mazière, CDU, angekündigt, dass die Bundeswehr auch den Standort Kaufbeuren schließen wird.

Hört man sich auf dem Fliegerhorst um, wissen alle noch, dass es der 26. Oktober war, an dem die Nachricht von der Schließung bekanntgegeben worden ist. Und jeder weiß noch genau, wie er davon erfahren hat. Die ersten hörten es morgens im Radio, meist auf dem Weg zur Arbeit. Andere sahen einen Bericht im lokalen Fernsehen. Langsam fraß sich die Botschaft als Gerücht durch den Standort, bis sie am Vormittag für alle zur Gewissheit wurde: Bei einer Pressekonferenz verkündete de Mazière, wie er die Bundeswehr von 250.000 auf 180.000 Soldaten begrenzen will. Dazu sollen zahlreiche Standorte in der Republik verkleinert, 31 von bisher 400 sogar ganz geschlossen werden, darunter Kaufbeuren. Bayerns Süden trifft die Reform besonders hart. Mehreren Standorten droht das Aus oder der Kahlschlag. So bleiben im knapp 40 Kilometer von Kaufbeuren entfernten Kempten von 870 Dienstposten ganze sechs übrig.

Der Fliegerhorst Kaufbeuren liegt oberhalb der 43.000-Einwohner-Stadt, ein Gelände so groß wie das Fürstentum Monaco. In der Ferne sieht man die Ausläufer der Alpen. Die Bundeswehr schult hier Fluglotsen und Mechaniker für die verschiedenen Waffensysteme. Die Landebahn nutzt schon seit Jahren nur noch ein Luftsportverein. Neben der Bahn viele Gebäude, ein-, zwei-, manchmal dreigeschossig, dazwischen kleine Straßen. Das Gelände wirkt wie ein Städtchen mit Sportanlagen, Feuerwehr, Kino und Kegelbahn.

Der Kommandeur

Oberst Richard Drexl ist Kommandeur der hier ansässigen Technischen Schule der Luftwaffe 1. Von Einschnitten war er ausgegangen, es war klar, dass die Bundeswehr ihre Verbände reduzieren wird. Aber gleich eine Schließung? "Damit habe ich nicht gerechnet", sagt er. Auch er hat die Nachricht auf dem Weg zur Arbeit im Radio gehört. "Es war eine Art kollektiver Depression", erinnert er sich an die Stimmung auf dem Fliegerhorst an jenem Tag.

"Die Schließung war nicht meine Wunschlösung", sagt er heute. "Doch wir haben uns der Entscheidung zu fügen." Die Sorgen der Beschäftigten kann er verstehen. "Aber die Bundeswehr ist ein sozialer Arbeitgeber", sagt er und verweist auf entsprechende Tarifverträge, die auch bislang schon die Folgen von Standortschließungen und -verlegungen aufgefangen haben. Doch er sagt auch, dass es für zahlreiche Beschäftigte schwierig werden kann, eine entsprechende Anstellung in der Nähe zu finden.

Die Zivilbeschäftigte

Die Bundeswehr ist der größte Arbeitgeber in Kaufbeuren. 1100 Beschäftigte hat sie hier, zwei Drittel von ihnen sind Soldat/innen, ein Drittel Zivilbeschäftigte. Eine der Zivilbeschäftigten ist Heike Joanni. Die 48-Jährige sitzt in einem abgedunkelten Raum, fliegt Tornados, Eurofighter und andere Flugzeuge, die für die Bundeswehr im Einsatz sind. Aber nur am Computer. Als Simulationsassistentin schafft sie gemeinsam mit ihren 17 Kolleg/innen die Kulissen, in denen die Bundeswehr ihre militärischen Fluglots/innen ausbildet. Die sitzen im Stock darüber inmitten der 3D-Darstellung eines Flugplatzes, geben den Pilot/innen die Kommandos, um sie sicher in die Luft und wieder auf die Erde zu geleiten.

Schließt der Fliegerhorst, soll die Fluglotsenausbildung nach Erndtebrück verlagert werden, 540 Kilometer entfernt, fünfeinhalb Stunden Fahrt. "Wir sind total im freien Fall", beschreibt Heike Joanni die Stimmung in ihrer Abteilung. "Wann wird geschlossen? Was wird aus uns?" Das Berufsbild der Simulationsassistent/innen gibt es bei der Bundeswehr bislang nur hier in Kaufbeuren. Einen Umzug kann sich Heike Joanni nicht vorstellen. Dazu sei sie zu fest in der Gegend verwurzelt, wie viele ihrer Kolleg/innen auch. In Erndtebrück müssten neue Simulationsassistent/innen geschult werden, in Kaufbeuren wären die Fachkräfte arbeitslos.

Seit zehn Jahren arbeitet Heike Joanni bei der Bundeswehr. Altenpflegerin hat sie gelernt, doch die Bandscheiben spielten nicht mehr mit. Das niedrigere Gehalt nahm die Alleinerziehende in Kauf, schließlich galt der Job als sicher. Bis zum 26. Oktober 2011 zumindest.

Jetzt hofft sie, dass die Bundeswehr den Standort bis mindestens 2018 hält. Dann wird sie 55. Der Tarifvertrag zum Umbau der Bundeswehr sieht vor, dass zivile Fachkräfte in diesem Alter ausscheiden können, wenn ihre Qualifikation nicht mehr gebraucht wird und sie seit mindestens 15 Jahren bei der Bundeswehr arbeiten. Allerdings läuft dieser Tarifvertrag 2017 aus. Über eine Verlängerung oder darüber, wie die angekündigten Standortschließungen abgefedert werden können, ist noch nicht verhandelt worden.

Der Personalrat

Die 55er Regelung sei zu einem Strohhalm geworden, an den sich viele in Kaufbeuren klammern, sagt Norbert Brennich. Er ist der stellvertretende Vorsitzende des Personalrats. Doch so einfach sei das nicht. Wenn die Bundeswehr meine, dass sie die Qualifikation an einem anderen Standort brauche, sei das vorzeitige Ausscheiden kein Selbstläufer. "Da wird noch einiges auf uns zukommen", sagt er. Schon jetzt müsse der Personalrat viel Aufbauarbeit leisten bei den Beschäftigten. Viele hätten innerlich gekündigt. Zermürbt von der Ungewissheit, wie es weitergeht, zermürbt, weil sie auch fünf Monate nach de Maizières Ankündigung noch nicht wissen, wann sie das genau erfahren werden.

Brennich selbst ist von der Schließung nicht betroffen. In fünf Jahren kann er regulär in Rente gehen. "Aber ich sehe nicht ein, dass ich die Füße stillhalte. Ich werde alles dafür tun, dass der Standort so lange wie möglich bleibt", sagt der weißhaarige Mann. Er redet viel mit den Kolleg/innen, aber auch - gemeinsam mit ver.di-Sekretär Manfred Heeb - mit der Stadtverwaltung, der Regierung von Schwaben oder Verantwortlichen in der Bundeswehr.

Brennich hofft auf Zeit. Je länger der Standort in Kaufbeuren erhalten bleibe, desto mehr Zivilbeschäftigte könnten noch in den vorzeitigen oder regulären Ruhestand gehen. Und er hofft, dass die Schulung für die Wartung des Tornados in Kaufbeuren bleibt, bis die Verwendung dieses Waffensystems ausläuft. Das wird in rund 15 Jahren der Fall sein, schätzt Brennich. Eine lange Zeit. Aber allein die Verlegung der technisch aufwändigen Schulung würde nach seiner Schätzung sechs bis sieben Jahre dauern. Um sie dann noch für etwa den gleichen Zeitraum dort aufrecht zu erhalten? Es wäre ein finanzieller Aufwand, der sich seiner Meinung nach nicht lohnt.

Der Elektroniker

Die Hoffnung von Andreas Müller heißt Untermeitingen. Dort, 30 Kilometer von Kaufbeuren entfernt, hat die Bundeswehr einen weiteren Standort, einen, der durch die Auflösung des Jagdbombergeschwaders zwar um 1000 Dienstposten reduziert werden soll, aber einen, an dem noch 500 Stellen erhalten bleiben. Doch nicht nur Müller hofft auf Untermeitingen. An mehreren Standorten im Süden Bayerns setzen Beschäftigte ihre Hoffnungen darauf - obwohl sie wissen, dass auch dort Stellen gestrichen werden.

Andreas Müller wohnt in Waltenhofen bei Kempten, bis nach Untermeitingen wären es für ihn rund 100 Kilometer Fahrt, die einfache Strecke. Der Elektroniker wartet die Flugzeuge und Geräte, die im Ausbildungsbetrieb eingesetzt werden. Für ihn habe Bundeswehr immer auch Ungewissheit bedeutet, sagt er. Spätestens alle zwei Jahre sei er intern versetzt worden, erst am Standort Memmingerberg und, nachdem dort 2003 das Jagdbombergeschwader 34 aufgelöst worden ist, auch in Kaufbeuren. Dort schraubt er gerade im olivgrünen Drillich an einem Triebwerk, richtet es so her, dass die Schulungsteilnehmer weiter daran üben können.

Die bisherigen Versetzungen seien "alle in einem räumlich überschaubaren Bereich" gewesen. Bei Untermeitingen fängt der kräftige Mann mit dem Schnauzer an zu rechnen. 1000 Kilometer in der Woche, 4000 im Monat, rund 500 Euro im Monat nur an Benzinkosten. Hinzu komme die Zeit, der Verschleiß am Auto. Aber hat er eine Wahl? "Wenn ich beim Bund bleiben will, gibt es für mich keine großen Alternativen", sagt er. Und außerhalb? "Da könnte ich mich dann einreihen bei den anderen arbeitslosen Elektronikern über fünfzig."

"Es ist politisch unfair, dass man die Leute so hängen lässt", sagt Heidi Meixelsberger, die ehrenamtlich bei ver.di im Vorstand der Landesfachgruppe Bund/Länder aktiv ist. Sie fürchtet, dass zwangsläufig Zivilangestellte ihren Job verlieren werden. Heinz Rößler, der sich im Landesfachgruppenvorstand Bundeswehr von ver.di Bayern engagiert, macht sich Sorgen insbesondere um die Beschäftigten zwischen Mitte 30 und Mitte 40. Spezialisierte Fachkräfte meist, außerhalb der Bundeswehr nur schwer einsetzbar und zu jung, um auf frühzeitige Verrentung zu hoffen. Schon jetzt gebe es viel Unzufriedenheit, weil sich einige wegbewerben wollen, aber nicht gehen dürfen, weil es am alten Standort ja noch einen Auftrag zu erfüllen gebe.

Der Hauptmann und der Feuerwehrmann

"Als Soldat muss man immer mit seiner Versetzung rechnen", sagt Hauptmann Patrik Kovács. Damit sollte eigentlich Schluss sein. Als er 1998 in Kaufbeuren stationiert wurde, war seine älteste Tochter siebeneinhalb Jahre alt. Damals hatte sie schon in sieben Wohnungen in fünf Bundesländern gewohnt. Das Schicksal eines Soldatenkindes. Mittlerweile ist die Familie in Marktoberdorf in der Nähe von Kaufbeuren sesshaft. Nun droht ein erneuter Umzug. Pendeln kommt für den 44-Jährigen nicht in Frage, die Familie soll zusam­men­bleiben. "Erst mal abwarten", sagt der Mann in der tarngefleckten Uniform, abwarten, bis der Zeitplan bekannt sei.

Auch Feuerwehrmann Christian Preißler blickt gelassen in die Zukunft. Feuerwehrleute werden bei der Bundeswehr gesucht, sagt er und blickt von seinem Leitstand aus auf das einsame Flugfeld vor ihm. Wo es für ihn weitergeht? Er weiß es nicht. "Wozu sich jetzt verrückt machen? Damit ist niemandem geholfen", sagt der sonnengebräunte Mann mit den blauen Augen. Mehr Gedanken macht er sich um die Stadt Kaufbeuren. Ziehe die Bundeswehr ab, verliere die Stadt viel Kaufkraft.

Der Bürgermeister und der Händler

Auf rund 40 Millionen Euro beziffert Oberbürgermeister Stefan Bosse, CSU, diese Summe. Eine Menge Geld für die Stadt. Nicht nur viele Soldaten und Zivilangestellte leben hier mit ihren Familien und konsumieren, auch rund 600 Schulungsteilnehmer/innen in der Kaserne pro Tag geben Geld in der Stadt aus. Unter anderem bei Guido Zeller, der eine Parfümerie und ein Kerzengeschäft in der Innenstadt betreibt. Besonders donnerstags oder freitags kaufen Schulungsteilnehmer/­innen bei ihm Gechenke für die Lieben daheim. Genau beziffern kann Zeller diese Einnahmen nicht. Aber sie werden wegfallen, wenn der Fliegerhorst schließt. Schon heute merkt er, dass die Unsicherheit über die Zukunft des Standorts die Bereitschaft der Kaufbeurener hemmt, Geld auszugeben.

Auch andere Bereiche wären von einem Abzug betroffen. Die Firma Kirchweihtal betreibt den öffentlichen Personennahverkehr in der Stadt und den angrenzenden Landkreisen. Viele ihrer Kund/innen sind Bundeswehrangehörige und ihre Familien. Deren Kinder besuchen die Kindergärten der Stadt. Die Folgen ihres Wegzugs vermag heute noch niemand realistisch zu berechnen. Hinzu kommt, dass sich viele Bundeswehrangehörige in der Stadt engagieren, sei es im Stadtrat oder in sozialen Einrichtungen.

"Der Abzug der Bundeswehr ist ein Schlag, den wir nicht allein bewältigen können", sagt Oberbürgermeister Stefan Bosse. Er hofft auf Hilfen vom Land und vom Bund. Bosse war vermutlich der erste Bürger der Stadt, der von der Standortschließung erfahren hat. Am 25. Oktober ist er abends von einem Bundestagsabgeordneten darüber informiert worden. Noch in der Nacht hat er angefangen, sich Gedanken zu machen, was aus dem Gelände werden kann. "Das hätte ich besser nicht gemacht", sagt er. Als er am nächsten Tag diese Gedanken öffentlich machte, hieß es, der Oberbürgermeister könne die Bundeswehr gar nicht schnell genug los werden. "Aber ich bin gelernter Polizeibeamter. Ich bin es gewohnt, eine Situation zu analysieren und nach vorne zu blicken."

Auch er hofft, führt Gespräche, knüpft Kontakte. Eine Idee ist, die Fluglotsenausbildung zu privatisieren und auf dem Standort zu belassen. Eine andere ist, neue Firmen auf dem frei werdenden Gelände anzusiedeln. Vielleicht könne doch die eine oder andere Einheit der Bundeswehr in Kaufbeuren bleiben, sagt Bosse und blickt aus seinem Amtszimmer auf die schmucke Kaufbeurener Innenstadt. An einem sonnigen Frühjahrstag sind hier auch morgens viele Menschen unterwegs.

Aber der Oberbürgermeister sieht auch, dass Kaufbeuren und insbesondere das Militärgelände verkehrstechnisch schlecht erschlossen sind. Kaufbeuren ist die einzige kreisfreie Stadt Deutschlands ohne Autobahnanschluss. Jetzt soll wenigstens die Straße zur nächsten Auffahrt vierspurig ausgebaut werden. Noch beträgt die Arbeitslosenquote in der Stadt 4,3 Prozent. Aber Kaufbeuren sei "wirtschaftsschwach", sagt der Oberbürgermeister. Zu lange habe sich die Kommune auf die Bundeswehr verlassen.

Wie nah Kommune und Technische Schule zusammenstehen, symbolisiert ein Brunnen in der Fußgängerzone. Er wurde im Ju­ni 2011 eingeweiht und erinnert an die 50-jährige Verbundenheit. Doch die ist vielleicht bald schon Vergangenheit.