Der stadtführer

Schwaben ist überall

In Berlin macht der Schwabe Reinhold Steinle Einheimischen und Berlin-Touristen den Problembezirk Neukölln schmackhaft. Damit die einen bleiben und die anderen wiederkommen

von Jenny Mansch

Ein Samstagnachmittag im Berliner Frühling, es bläst ein starker Wind kalt um die Ohren. Reinhold Steinle steht kerzengerade vor dem KGB 44, der "Kreativen Gesellschaft Berlins", in der Hertzbergstraße 1 am historischen Richardplatz in Neukölln und wartet. Zu seinen Füßen steht sein Markenzeichen, eine alte braune Ledertasche fürs Büro. Seitlich ragt aus ihr eine knallrote Plastik-Gerbera. "Ich hab' mir denkt", sagt der Stadtführer mit schwäbischem Akzent, "sollten die Gruppen mal größer werden, darf mir ja keiner verlorengehen. Und damit die sich orientieren könne, hab ich aus einem 1-Euro-Shop auf der Karl-Marx-Straße diese Gerbera gekauft. Das hatte auch preisliche Gründe."

Seit 2008 bietet der Mann mit der Ledertasche Stadtführungen in Berlin-Neukölln an. Damit ist er nicht der Einzige. Aber er ist der einzige Schwabe. Steinle ist eigentlich Nachlassverwalter von Beruf. Aber aus seiner Begeisterung für die Vielseitigkeit Neuköllns hat er eine Berufung gemacht und die Figur des Reinhold Steinle erfunden. "Neukölln positiv" lautet sein Thema. Auslöser war der schlechte Ruf des Bezirks. Steinle reißt seine Ledertasche auf, holt einen Zeitungsartikel heraus und liest vor: Da in Neukölln 99 Prozent der Bevölkerung im herkömmlichen Sinne kriminell sind und jeder jeden beklaut, gibt es keine Kriminalität in Neukölln. Hauptwirtschaftsfaktor ist der Handel mit Amphetaminen, Billigfusel, geklauten Fahrrädern, Baseballschlägern, Schusswaffen, Döner und asiatischem Fastfood.

Da ist dieser Neid

"Nur sowas stand damals in der Presse, da hab ich 'dacht, dagegen musst' was machen", erzählt der Beamte, der selbst im beschaulichen Nachbarbezirk Tempelhof wohnt, "sonscht kommet die ja älle zu uns nüber, wenn der Flughafen dazwischen zumacht."

"Ich seh' jetzt schon mehr Leut', wo das Hemd in der Hose drin tragen,
anstatt drüber. Und des isch scho', also für Neukölln,
ein ganz großer Fortschritt."

Es ist vor allem der historische Kern, das alte böhmische Rixdorf, an das der Mann sein Herz verloren hat. "Da ist die Schmiede, da ist der Droschkenkutscher Schöne, der böhmische Gottesacker. Ach...!", seufzt Steinle, der selten einen Satz zu Ende spricht und vor allem das "u" im Umlaut "au" in die Länge zieht. Aber am Richardplatz, erzählt er, hat er feststellen müssen, da ist auch Schwaben. Auch ganz ohne Schwaben: "Das ist dieser Neid, immer zu gucke, 'oh, in dem Café sitzet drei drin, aha, der macht jetzt a Stund' früher uff, ja, da mach ich jetzt anderthalb Stunden früher uff.' Das sind alles keine Schwaben, aber des gibt's hier genauso."

Reinhold Steinle führt vorwiegend Neuköllner und zunehmend Berlin-Touristen durch Neukölln. "Das war von Anfang an gut", erinnert er sich, "auch wenn gar keine Leut' komme sind." Inzwischen kommen viele. In diesem Jahr ist vor allem sein Zahlengedächtnis gefragt, denn ein Jubiläum jagt das nächste: Am 27. Januar 2012 feierte man hundert Jahre Umbenennung von Rixdorf in Neukölln, am 17. Juni wird in der Kirchgasse mit einer großen Kiez-Kaffeetafel die Einweihung des Denkmals König Friedrich I. vor 100 Jahren begangen, und das ganze Jahr hindurch wird der Einwanderung der böhmisch-protestantischen Glaubensflüchtlinge vor 275 Jahren gedacht. Gekommen waren sie 1737 auf Einladung des Soldatenkönigs, der nach dem 30-Jährigen Krieg seine entvölkerten Landstriche aufforsten musste und Arbeitskräfte brauchte. Am Richardplatz ließ er neun Doppelhäuser bauen, die nach einem Brand 1849 wieder aufgebaut wurden. Schnell bildete sich damals heraus, wofür Neukölln heute noch berüchtigt ist: ein Paralleluniversum. Skeptisch wie heute die türkischen, bosnischen, bulgarischen und arabischen Einwanderer, wurden damals die böhmischen Zuzügler von den Deutschen beäugt. Die frommen Protestanten, die zudem tschechisch sprachen, bewahrten ihre Traditionen, Trachten und Gebräuche, was sich bis heute an vielen Details im Stadtteil ablesen lässt.

Heikle Besuche im Heimatmuseum

"Ja", ruft Steinle und erzählt von seinen ersten Recherchen, "ich habe mich im Heimatmuseum warm gesessen, vielen Dank!" Das kleine Museum ist im ehemaligen Schulgebäude der Böhmen eingerichtet und durch verwinkelte Gässchen und alte Gärten zu erreichen. Frau Motel ist selbst böhmische Nachfahrin in zehnter Generation und führt durch die nach Themen gegliederten Abteilungen. Für Steinle immer ein heikler Besuch mit seinen Gruppen, die sich zu lange in den staunenswerten Details verlieren. "Da hab ich schon gedroht, die Führung sei dann hier eben beendet, das hat die gar net interessiert", empört sich der aufTiming angewiesene Stadtführer.

Heute sind 15 Personen zu seiner Rixdorf-Führung erschienen. Auch ein Ehepaar aus dem feinen Zehlendorf ist dabei. Sie wollen sich am Abend im Heimathafen Neukölln, einem beliebten Kulturveranstaltungsort auf der etwas verlotterten Karl-Marx-Straße, das Theaterstück "Arab Queen" ansehen. Ein Problemstück aus dem Problembezirk. Vorher aber haben sie noch Zeit für Steinles Führung. Als die Gruppe sich zur kleinen Bethlehem-Kirche bewegt, stoßen an der Ecke 15 weitere Leute dazu: der Chor der Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus Hamburg hat durch Mundpropaganda von seinen lustigen Führungen gehört und reiht sich ein.

Hingerissen, aber auch irritiert durch Steinles starken Akzent, lauschen sie seinen skurrilen Ausführungen. Etwa wenn es um den Schreibfehler auf dem Logo des neuen Bäckers in der Hertzbergstraße geht, der auf seinem Schild "Herzbäcker" das "t" vergessen hat. Oder wenn Steinle die Aufmerksamkeit auf die kleinen Korkfigürchen lenkt, die jemand auf einigen Straßenschildern angebracht hat: "Die hat der Yogalehrer Josef Foos von da vorne gemacht", ruft Steinle der Gruppe zu. "Das sind unterschiedliche Yogastellungen und die halten alle Windstärke 9 aus!"

Herrenabende in der Drogerie

Weiter geht's zum Böhmischen Platz, wo es Street Art gibt, vegane Cafés, ein Puppentheater und die alte Drogerie mit dem alten Klosterfrau-Melissengeist-Schild. "Leider ist der jetzt weggezogen, der hier Filmabende abgehalten hat", erzählt Steinle der staunenden Gruppe, "aber früher hat der hier Herrenabende veranstaltet. Da wurden Wiener Pornofilme von 1905 gezeigt, und es wurde geraucht. Und eine Frau hat live die Geräusche dazu gemacht. Also des war toll, war des!" Die Gruppe ist begeistert, während sie weiteren Informationen über tägliche Hundekotmengen, Spareinlagen der Neuköllner um 1911 oder die Arbeitsbedingungen der Dienstmädchen um 1890 in sich aufnehmen.

Spontan modifiziert Steinle seine Führungen auch mal. Dann geht er mit den Besuchern in ganz normale Geschäfte, und alle kommen mit der Lebensgeschichte des türkischen Besitzers und einem heißen Tee wieder heraus. Die Art, wie sich der Schwabe mit dem nicht sehr beliebten Akzent in diesen schroffen Kiez hinein engagiert hat, hat ihn bekannt gemacht. Steinle macht mit beim Kiezsender Neukölln-TV, rbb und ZDF waren schon da, und er ist umjubelter Moderator des jährlichen Propra'ci, des Rixdorfer Strohballenrennens rund um den Richardplatz. Verschiedene lokale Teams, zum Beispiel die Azubis vom Fleischer an der Ecke, treten hier als "Blutwurstritter" etwa gegen die türkischen "Melonenköpfe" an, um zwei schwere Heuballen rund um den Platz zu rollen. Ein jährliches September-Highlight, das nach langen elenden Jahren die Saufmeile "Singende klingende Sonnenallee" abgelöst hat.

Sein sichtlich guter Einfluss auf den Kiez erfüllt Reinhold Steinle mit einem gewissen Stolz. Er hat nämlich registriert, dass man sich hier in Sachen Mode etwas von ihm abgeschaut hat: "Ich seh' jetzt schon mehr Leut', wo das Hemd in der Hose drin tragen, anstatt drüber. Und des isch scho', also für Neukölln, ein ganz großer Fortschritt." Zum Schluss möchte er auch Herrn Buschkowsky, den rührigen Neuköllner Bürgermeister, zitieren. "Der sagt immer so schön", und Steinle wirft sich ein wenig in die Brust, "im Herzen ist jeder ein Neuköllner."

www.popraci.de
www.reinhold-steinle.de
www.museum-neukoelln.de
www.neukoelln-tv.de


Reinhold Steinle ist in Pfedelbach geboren und in Bietigheim-Bissingen aufgewachsen. Dort besuchte er eine Waldorfschule, "was ja wie ein Berlin in Schwaben ist". Nach dem Studium an der Fachhochschule des Bundes für Verwaltung in Mannheim zog er 1987 nach Berlin, "weil man da seine Ruhe hat". Sein Vater und Großvater waren höhere Beamte, die Mutter Hausfrau. Reinhold wurde 1989 ebenfalls verbeamtet und ist als Nachlassverwalter am Amtsgericht tätig, "natürlich bei vollem Lohnabzug". Er sucht und findet Erben, was heute nicht mehr so einen Spaß macht wie früher, "da alle nur noch Schulden hinterlassen". Seitdem konzentriert sich Steinle auf seine Tätigkeit als Stadtführer, Moderator und Comedian. Steinle lebt aus Überzeugung nicht in Neukölln, "ein bisschen Distanz muss sein", und führt aus ähnlichen Gründen eine Wochenend-Fernbeziehung mit Monika aus dem Bezirk Neu-Westend.