Buch

Feinde der Demokratie

Werner Rügemer: Rating Agenturen/ Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart | Als scheinbar neutrales Faktum wird in den Nachrichten die Bewertung der Kreditwürdigkeit von Staaten durch die drei großen US- amerikanischen Rating-Agenturen Standard&Poor's (S&P), Moody's und Fitch verkündet. Fast jede/r glaubt zu wissen, was "AAA" bedeutet, und dass Benotungen schon mal - wie vor einiger Zeit für Frankreich - "aus Versehen" falsch sind. Vor der großen Bankenkrise waren Benotungen für "Finanzprodukte" oft falsch, was kleine Anleger viel Geld gekostet hat. Grundsätzlich aber haften die Rating-Agenturen nie, auch nicht bei Betrug. Sie stehen quasi außerhalb des Rechtsstaates und seiner Gesetze. Wem gehören aber diese Agenturen, wie funktioniert ihre Macht, mit der demokratische Regierungen gestürzt und durch ehemalige Bankmanager (Monti, Papademos) ersetzt werden? Das hat bislang niemand erklärt - eine merkwürdige journalistische Recherchelücke, obwohl doch die EU sich selbst seit Jahrzehnten dem Rating aus den USA unterwirft. Der Kölner Publizist Werner Rügemer hat nun die verschachtelten Strukturen akribisch aufgedröselt und Schritt für Schritt die Entstehung, die Instrumente und die Wirkung der Agenturen und ihrer Rankings erklärt. Ergebnis: Eigentümer sind die großen Hedgefonds, dieselben, die auch Miteigentümer der wichtigsten Investmentbanken und multinationalen Konzerne sind; ihre Benotungen sind "einseitige, strategiebedingte Instrumente mächtiger Finanzakteure", die von den westlichen Regierungen "die hoheitliche Aufgabe" bekommen haben, das Kreditwesen zu regulieren.

Staatlich geschützt haben diese Weltkonzerne kein Interesse am Schuldenabbau, wie behauptet wird, sondern umgekehrt ist ihr lukrativer Auftrag die immerwährende Kreditvergabe an Länder, Kommunen und Unternehmen. Ihr Interesse sind Niedriglöhne, systematische Überschuldung, Privatisierungen, Steuersenkungen. Die "Meister der Geheimhaltung" sitzen in Steueroasen und sind untereinander verfilzt: "Die Agentur-Eigentümer sind gleichzeitig an allen Investmentbanken und an allen US-Unternehmen beteiligt, die zum Index der 500 wichtigsten Unternehmen gehören, der von S&P erstellt wird und eine Grundlage für die spekulativen Transaktionen der Eigentümer bildet." Rügemers beeindruckende Recherche ist keine leichte Lektüre, der sich aber nicht entziehen darf, wer wissen will, wer unsere Demokratie bedroht. Eingestreute Info-Kästen und eine kluge Gliederung erleichtern das Verständnis. Seine Reformvorschläge gegen die "Unkultur der Verantwortungs- und Haftungslosigkeit" wirken gegen die Resignation, die manch einen angesichts der übermächtig scheinenden Finanzindustrie beschleichen mag. Ulla Lessmann

TRANSCRIPT VERLAG, 195 S., 18,80 €

Gesellschaft Seite 9


Leonhard F. Seidl: Mutterkorn | Der Altenpfleger Albin leidet unter den Spätfolgen seiner Drogenabhängigkeit. Er kommt vom Kiffen nicht los, er hört Stimmen und macht sich noch immer Vorwürfe wegen des Freitods seiner Freundin. So entschließt er sich zu einem Klinikaufenthalt. Dort gerät er in eine WG, in der vier Rechte das Sagen haben. Albin erinnert sich an seine Zeit als Punk in der linken Szene, als er von Faschos verprügelt wurde, zur Drogenbeschaffung nach Amsterdam fuhr, bei den Krawallen um die besetzte Sprengel-Fabrik in Hannover dabei war und 1992 in Rostock-Lichtenhagen die Angriffe auf Asylanten miterlebt hat. Diese massivsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte jähren sich im August zum zwanzigsten Mal. Das schmale, leicht verständliche Buch des Sozialpädagogen Seidl eignet sich durchaus als Grundlage für die Bearbeitung dieser Themen in den Sekundarschulen.      Katja Hille

KULTURMASCHINEN VERLAG 2011, 165 S., 14,90 €


Chaim Noll: Kolja. Geschichten aus Israel | Der Berliner Schriftsteller Chaim Noll wanderte 1995 nach Israel aus. Die Geschichten, die der Band Kolja versammelt, zeigen, dass die Liebe zu seiner neuen Heimat ihn nicht blind macht, sondern sehend: für die Schönheiten und Chancen, für die Gefahren und Absurditäten. Er erzählt mit dem Blick eines Eingewanderten, der oft noch desorientiert ist, was es uns leichter macht, den Alltag in diesem Land zu begreifen. Die Nähe des Krieges schreibt viele Geschichten um, die Notwendigkeit, sich zu entscheiden, bringt Menschen schneller zusammen. Wie in der Erzählung Seelsorge, wo ein Mädchen aus München für ihren Freund, den Soldaten, zum jüdischen Glauben konvertiert. Was die Geschichten auszeichnet, ist ein feiner, oft komischer Sinn für das Wunder, für unmöglich Erscheinendes, das sich aber doch ereignet: Das kann in einer einmaligen Mischung aus Kafka und Kishon eine Erfahrung mit der unbarmherzigen Bürokratie sein, die plötzlich Gnade zeigt.    Bettina Klix

VERBRECHER VERLAG 2012, 285 S., 24 €


Jason: Ich habe Adolf Hitler getötet | Berlin. Auftragsmorde sind legalisiert und allgegenwärtig. Ein Killer wird beauftragt, mit Hilfe einer Zeitmaschine 50 Jahre zurück zu reisen, um Adolf Hitler zu töten. Der Plan misslingt, und Hitler entkommt in die Gegenwart. Da die Energie der Zeitmaschine jedoch nur für zwei Reisen ausreicht, bleibt dem Killer nichts anderes übrig, als zu warten. Sichtlich gealtert will er fünf Jahrzehnte später endlich seinen Auftrag zu Ende bringen. Dabei begegnet er erneut einer alten Liebe… Jasons vermenschlichte Tiere kommen bei dieser Graphic Novel innerhalb eines streng angelegten Seitenaufbaus in reduziertem Strich daher. Die Zeitreisegeschichten zu eigenen Widersprüchen werden von ihm in den präzise getakteten Erzählrhythmus integriert. Und: Mit perfekt ins-zenierten Spannungsbögen gelingt dem norwegischen Künstler die überzeugende Darstellung einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte. Ohne viel Worte und vornehmlich durch bildliches Erzählen entsteht so aus der Alltäglichkeit des Unfassbaren eine lakonische und bisweilen desillusionierende Groteske, in der Hitler nur ein Mittel zum erzählerischen Zweck ist. Oliver Ristau

COMIC, REPRODUKT VERLAG, A. D. FRANZÖSISCHEN V. MIREILLE ONON, 48 S., 13 €