Arbeitsmarkt

Die deutsche Job-AG

Marta E. ist berufslos. Das jedenfalls sagen die für sie zuständigen Mitarbeiter in der Münchner Agentur für Arbeit. Dabei ist die Mitvierzigerin studierte Politologin und ausgebildete Referentin für Öffentlichkeitsarbeit. Aber auf dem Arbeitsmarkt von heute ist das nicht mehr viel wert. Sie hat weder in dem einen noch in dem anderen Beruf in den letzten fünf Jahren gearbeitet. Und deshalb hat sie arbeitsmarktstatistisch betrachtet keinen Beruf mehr. Mit einem Federstrich, beziehungsweise heutzutage mit der Löschtaste, ist das, was man einmal gelernt hat, weg. Radfahren, Autofahren, Schwimmen, all das verlernt man angeblich nicht, wenn man es einmal erlernt hat. Nur für den Beruf, für den man einige Jahre investiert hat, gilt das nicht.

Marta E. hangelt sich seit Abschluss ihrer Ausbildungen im September 1996 von einer Stelle zur nächsten, immer wieder unterbrochen von Zeiten der Arbeitslosigkeit und Fortbildungen, um mit Entwicklungen in ihrem Beruf mitzuhalten. Zurzeit arbeitet sie auf einer befristeten Stelle bei einer gGmbH, in einem vom Europäischen Sozialfonds geförderten Projekt, in dem es um Fachkräftesicherung geht. Seither wundert sie sich nicht mehr über den viel beschworenen und drohenden Fachkräftemangel. Ihre eigene Geschichte und die Fakten, die sie im Rahmen des Projekts zusammenträgt, zeigen ihr die reale Lage: "Ich habe keinen Beruf mehr und sehr viele andere auch nicht mehr." Vor allem Fachkräfte nicht.

Das Heer der atypisch Beschäftigten

So einfach ist das. Passt so am besten in die Statistik. Und nach der haben wir schon im zweiten Jahr in Folge eine derart niedrige Zahl von Arbeitslosen, dass manche Statistiker schon von baldiger Vollbeschäftigung sprechen. Gern wird dabei außer Acht gelassen, dass seit 1991 bis heute anhaltend das Heer der sogenannten "atypisch Beschäftigten" massiv wächst. Zu den Menschen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen zählen Frauen wie Marta E., also alle befristet Beschäftigten, aber auch Mini- und Midi-Jobber, Teilzeitbeschäftigte mit einer Wochenarbeitszeit unter 20 Stunden und Leiharbeitnehmer/innen und Werkverträgler. Summa summarum waren das 2011 insgesamt 7,81 Millionen Menschen, davon allein 4,89 Millionen Personen, die ausschließlich einen Mini-Job auf 400 Euro-Basis hatten.

Das sind fast acht Millionen Menschen in prekären, also unsicheren Arbeitsverhältnissen. Acht Millionen von insgesamt 41 Millionen Beschäftigten in Deutschland, gut ein Fünftel aller Beschäftigten, die keine lebenssichernden Einkommen haben. Laut dem Statistischen Bundesamt sind knapp 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland von Armut bedroht. Das mögen im Vergleich zu Bulgarien, wo bereits die Hälfte der Bevölkerung verarmt ist, wenige sein. Aber die unsicheren Beschäftigungsverhältnisse sind bis 2010 gegenüber 1991 um 3,5 Millionen angestiegen, die Normalarbeitsverhältnisse, also sozialversicherungspflichtige Voll- und Teilzeitstellen über 20 Stunden, um 3,8 Millionen gesunken.

18.500 Zeitarbeitsfirmen

Dass diese Entwicklung anhält, legen andere Zahlen nahe: Insgesamt 18.500 Firmen sind inzwischen bei der Agentur für Arbeit gemeldet, die Menschen auf Arbeitsplätze verleihen oder sie per Werkvertrag für andere Auftraggeber arbeiten lassen. Mit der "Agenda 2010", den Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Bundesregierung ab 2003, hat sich die Anzahl der Verliehenen nahezu verfünffacht. David H. zählt zu den Menschen, die verliehen werden. Seit vier Jahren verleiht ihn das Zeitarbeitsunternehmen Stark an die Axel Springer AG. In der Weiterverarbeitung in Springers größter Druckerei in Berlin Spandau verdient David H. als Schichtleiter mit 800 Euro netto nur rund ein Drittel von dem, was sein Kollege, der noch bei Axel Springer beschäftigt ist, am Monatsende erhält.

Und David H. ist nur einer von vielen. Allein in seinem Betrieb besteht mittlerweile fast die Hälfte der Belegschaft aus Leiharbeitnehmer/innen und Werkverträglern. Die offizielle Zahl der Leiharbeitsbeschäftigten lag zuletzt im Jahr 2012 bei 822.000. Sie ist seit 2010 zugunsten der Personen mit Werkverträgen gesunken. Zusammen dürften sie die Millionengrenze sprengen, aber genaue Zahlen über Menschen mit Werkverträgen werden bisher nicht statistisch erfasst.

Es ist auch nicht wirklich gewollt. Die gesamte Automobilindustrie hat sich mit dem unter Rot-Grün gelockerten Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, in dem die Befristung der Leiharbeit aufgehoben ist, bestens arrangiert. Und längst auch der Handel und die Gesundheitswirtschaft. 2,14 Euro Stundenlohn für das Füllen von Supermarktregalen, bei 80 Stunden einen Monatslohn von 171,93 Euro? Hat es alles schon gegeben, zum Beispiel beim Handelsunternehmen Tegut. Das hat für das Regale-Füllen in seinen Supermärkten einen Werkvertrag mit der Zeitarbeitsfirma Combera Handelsservice GmbH abgeschlossen, und die hat wiederum diesen unterirdischen Lohn gezahlt.

Jahrmarkt für Billigjobs

Vielleicht ist das nur ein extremer Ausreißer. Aber er ist symptomatisch für den deutschen Arbeitsmarkt, auf dem fast nur noch unsichere Arbeitsverhältnisse wie auf dem Jahrmarkt feilgeboten werden. "Wer arbeitet, muss davon seine Familie ernähren können?", fragte unlängst Spiegel online den Arbeitsforscher Joachim Möller, der das verneinte. Freilich mit keinem Wort erwähnend, dass wir schon seit langem nicht mehr in einer Gesellschaft leben, in der eine einzelne Person mit ihrem Einkommen eine mehrköpfige Familie versorgt. Das doppelte Einkommen - es ist längst der Normalfall. Nur, auch doppelte Einkommen reichen oft längst nicht mehr für den Unterhalt einer Familie. Nach Meinung des Arbeitsforschers ist es aber völlig okay, dass diese Einkommen dann aus Steuergeldern aufgestockt werden. Das ist ein Skandal.

2012 bezogen insgesamt knapp 4,5 Millionen Menschen Arbeitslosengeld II, auch Hartz IV genannt. 1,3 Millionen dieser Bezieher/innen waren erwerbstätig, mussten also aufstocken. Aus Steuergeldern mussten allein für sie sieben Milliarden Euro aufgebracht werden, weil die Arbeitgeber Niedriglöhne zahlen. Im Einzelhandel sind es 1,5 Milliarden Euro gewesen, die die Unternehmen dank der Politik sparen konnten.

David H. klagt im Übrigen auf gleiche Bezahlung und hat am Landesarbeitsgericht Berlin vorerst schon mal Recht bekommen. Ein Fall, der Schule machen sollte. Weil es ein entscheidender Unterschied ist, ob man oder frau mit 800 Euro oder 2000 Euro nach Hause geht.

Kostenlose Beratung

Allen ver.di-Mitgliedern steht eine kostenfreie Internetberatung zur Verfügung, bei der jederzeit Informationen zum Arbeitslosengeld II/SGB II und zum Arbeitslosengeld I/SGB III abgerufen werden können. Eine Beratung besteht auch für Personen, die einen Mini-Job annehmen, von dem sie nicht leben können. Die Beantwortung von Anfragen erfolgt in der Regel binnen dreier Tage (in komplizierteren Fällen in maximal fünf Tagen).

http://www.verdi-aufstockerberatung.de
www.verdi-erwerbslosenberatung.de


Wanderausstellung

Vom 13. bis zum 30. Juni ist in der ver.di-Bundesverwaltung in Berlin die Fotoausstellung "Prekäres Leben Prekäre Arbeit Prekäre Zukunft" vom Fototeam Hessen zu sehen. 20 Tafeln porträtieren prekär Beschäftigte aus Hessen. Auf einer Bildhälfte ist jeweils die Silhouette einer Person zu sehen, auf der anderen ein Foto aus ihrer Lebens- oder Arbeitssituation. Ab 1. Juli soll die Ausstellung wandern. Wer sich für sie interessiert, melde sich bitte bei Manfred Semmler, m.j.semmler@t-online.de

 

„Meinen Beruf habe ich mir bewusst ausgesucht“

Georgia M., 52, alleinerziehend, 2 Kinder, ein Kind lebt noch bei ihr, Heilpädagogin in Teilzeit, Monatslohn: 1200 Euro netto

"Als ich vor zehn Jahren zur Pflege- und Lebensgemeinschaft Autismus in Wuppertal gekommen bin, hatte ich noch einen Tarifvertrag. 2007 ist die Einrichtung dann aus dem Verband ausgetreten. Seither haben wir zwei Entlohnungssysteme, eines für die sogenannten MA, die nach Tarif bezahlt werden, sozusagen Altlasten für den Arbeitgeber, und eines für diejenigen, die einen Hausvertrag haben. Was total ungerecht ist. Ich bin seinerzeit auf einer halben Stelle angestellt worden, mit der mündlichen Zusage, eine Vollzeitstelle zu bekommen. Die habe ich bis heute nicht. Meinen Beruf habe ich mir bewusst ausgesucht. Ich begleite Menschen und unterstütze sie. Das hat verschiedene Facetten. Medizinische Kenntnisse sind wichtig, um Krankheiten zu erkennen und dann die richtigen Maßnahmen einzuleiten. Ich bin mit knapp sechs Jahren als eines der ersten Gastarbeiterkinder überhaupt aus Griechenland nach Hohenlimburg in Hagen gekommen, damals in den Sechzigern, als alles schon einmal unsicher war wie jetzt in Griechenland.

Das erste, was ich hier bekommen habe, war ein blaues Auge. Wir waren den Deutschen so fremd wie sie uns. Das gab manche Prügelei auf der Straße. Ich musste meine kleineren Geschwister betreuen und für die Eltern dolmetschen. Ich musste also schon früh helfen und habe das auch zu meinem Beruf gemacht. Ich bin mit der Gewerkschaft aufgewachsen, mein Vater war in Griechenland Gewerkschafter, aber die meisten Griechen an sich sind nicht initiativ. Die denken, bloß nicht aufmucken, wir dürfen hier arbeiten. Mehr wollen sie nicht. Ich habe vor zwei Jahren eine griechische Frauengruppe gegründet, und über die Frauen erreiche ich auch die Familien. Ganz allmählich ändert sich da etwas an den Denkmustern, aber auch daran, welche Ansprüche man stellen darf. Bei unseren Treffen behandeln wir immer andere Themen. Mal geht es um das innere Kind, mal um Krankheitsbilder oder um Erziehung. Ich versuche, aus den Frauen die Übermutter rauszubekommen, weil sie bis heute unbewusst ein Vorbild ist. Ich mache das ehrenamtlich, weil es mir wichtig ist.

Um meine Vollzeitstelle kämpfe ich nicht mehr. Aber ich habe inzwischen noch einen Zweitjob beim Jugendamt, betreue Familien und Jugendliche auf 400-Euro-Basis, die auch versteuert werden müssen. Bei 1000 Euro Fixkosten im Monat brauche ich das Geld, andernfalls wäre ich auf Unterstützung angewiesen."


„Ich klage auf gleiche Bezahlung“

DAVID H., 53, verheiratet, 2 Kinder, Schichtleiter in der Weiterverarbeitung im Axel-Springer-Druckhaus in Berlin-Spandau, Monatslohn: 800 Euro netto

"Zwei Metallbänke mit Tisch unter einer Treppe, das ist unser Pausenraum. Zwei Meter entfernt von der laufenden Maschine. In die Kantine können die Leiharbeiter bei uns nicht gehen. Weil wir mehr als die Springer-Beschäftigten bezahlen müssen, und die Preise echt saftig sind. Wir sind hier im Druckhaus 230 Leiharbeiter und knapp 300 Springer-Leute. Ich fege auch die Straße, wenn der Stundenlohn stimmt, aber hier stimmt er schon lange nicht mehr. Die Beilagen-Einleger von Springer haben einen Stundenlohn von 14,38 Euro. Unsere Leute, die danebenstehen und genau die gleiche Arbeit machen, bekommen 6,19 Euro die Stunde. Ich als Schichtleiter verdiene 7,16 Euro die Stunde, mein Springer-Kollege 19,38 Euro. Aber ich nehme das nicht mehr hin, dass sich unsere Leute für so einen Stundenlohn quälen. Wir haben insgesamt 165 Rentner und 29 Schwerbehinderte unter uns. Eine Rentnerin, ungefähr 60 Jahre alt, ist schon ganz am Ende, schnauft nur noch. Auf sie achte ich besonders, man hat ja eine Verantwortung.

Bei einem Kollegen, den ich zum Ende des Monats mal zuhause besucht habe, stand im Kühlschrank nichts weiter als eine Flasche Mineralwasser. Das ist doch unvorstellbar, dass man nichts mehr zu essen hat. Ich habe vor Gericht unseren Arbeitgeber, die Stark GmbH, eine Leiharbeitsfirma, auf gleiche Bezahlung verklagt, also equal pay, wie man das nennt. Weil der Stundenlohn eben nicht stimmt, bekommen wir nämlich auch keine jungen und starken Leute. Unser Durchschnittsalter liegt bei 45 bis 60 Jahren.

Wir haben Ingenieure, Ärzte, Studenten, Schlosser, Rentner und Rentnerinnen unter uns. Gut ein Drittel sind Frauen. 16 von meinen Kollegen klagen ebenfalls auf equal pay. Aber hier stimmen ja auch andere Dinge nicht, abgesehen von der Bezahlung. Vor einem Jahr wurden die Stapler-Fahrer abgeschafft. Jetzt ziehen wir ungefähr eine Tonne vom Wickel mit Beilagen von Maschine eins bis zu Maschine neun. Es gibt keine Bremse, die Unfallgefahr ist groß, und zudem ziehen wir das Dreifache von dem, was ein Mensch ziehen darf. An solchen Stellen versuchen wir, mit dem Betriebsrat etwas zu verändern. Oder an unserem Pausenraum, der keiner ist. Ich bin seit zwei Jahren auch Mitglied im Betriebsrat. Vor dem Landesarbeitsgericht bin ich mit meiner Klage auf gleiche Bezahlung inzwischen schon erfolgreich gewesen, aber Stark hat noch die Möglichkeit, Revision einzulegen. Dann geht's vorm Bundesarbeitsgericht weiter. Ich will keine Abfindung, das nutzt gar nichts, dann geht es im Betrieb ja so weiter."


„80 Prozent der Stellenangebote sind unter aller Kanone“

Marta E., 46, Politologin und Public-Relations-Referentin, derzeit befristet bis Ende 2013, Vollzeit, 1950 Euro netto

"Ich bewerbe mich mein ganzes Leben. Doch wenn ich zurückblicke, dann bestand mein Arbeitsleben zu 25 Prozent aus Arbeitslosigkeit beziehungsweise Qualifizierungen. Ich habe Politikwissenschaften studiert und war nach dem Studium erst mal arbeitslos. Damals bin ich für eine Zusatzqualifizierung zur Public-Relations-Referentin von Erlangen nach München umgezogen, weil ich das nur dort machen konnte. Danach hatte ich bisher im Prinzip nur zwei Verträge, die einer Festanstellung nahe kamen. Bei einer Software-AG habe ich 1999 in Teilzeit im Callcenter angefangen. Das war aber seinerzeit noch eine andere Arbeit als heute. Die Kunden bekamen Unterstützung auf hohem Niveau von uns. Intern habe ich mich dann auf eine Vollzeitstelle als Marketingassistentin beworben und die Stelle auch bekommen. Doch die Abteilung wurde nach sechs Monaten wieder eingestampft. So hatte ich dann eine Vollzeitstelle im Callcenter. Als 2001 der gesamte sogenannte neue Markt kriselte, in dem auch die AG agierte, wurde jede dritte Stelle abgebaut. Ich zählte zu den ersten, die gehen mussten. Ich war die Jüngste, ohne Kinder, die einzige mit einem Studium und auf einer Vollzeitstelle und somit die Teuerste.

Danach habe ich einen Vertrag bei einem Einzelhändler unterschrieben, der antiquarisches Geschirr verkauft. Aber nach Unterschreiben des Vertrags sollte ich in der Mittagspause auf einmal wahlweise für meinen Chef einkaufen, das Klo putzen oder den Hund ausführen. Da habe ich mich natürlich geweigert, weil ich ja nicht als Haushaltshilfe eingestellt worden war. Nach der Probezeit hatte ich die Kündigung. Genauso schnell ging es später mit meiner PR-Stelle bei einem Artenschutzverein. Das war mein Ding, aber meine Chefinnen lehnten alle meine Vorschläge ab, weil sie so etwas noch nie gemacht hätten und das ja auch Geld kosten würde, was ich an Öffentlichkeitsarbeit ausgearbeitet hatte. Wir kamen da nicht zusammen. Nach der Probezeit war ich auch dort weg.

Meine längste Stelle hatte ich bisher für fünf Jahre. Als IT-Teamassistentin in einem Projekt. Ich habe zunächst als Leiharbeiterin angefangen auf dieser Stelle. Weil ich meine Bewerbungen zuvor an so ziemlich alle Zeitarbeitsfirmen geschickt hatte, war ich gleichzeitig von dreien für diese Stelle empfohlen worden. Mein Arbeitgeber entlieh mich von der billigsten Leiharbeitsfirma, übernahm mich aber später. Mit Projektende war auch diese Stelle futsch. Jetzt habe ich nach Arbeitslosigkeit und einer Fortbildung zur Online Marketing Managerin seit November 2012 wieder nur eine befristete Stelle bei einem Projekt im Öffentlichen Dienst, eine Schwangerschaftsvertretung für eine Frau, die selbst befristet ist. Bisher bin ich immer noch an Hartz IV vorbeigekommen, aber ich bin jetzt 46 und ich weiß genau, wie es sein wird, wenn eine fünf vorne steht. Das erste Mal hieß es mit 39, dass ich ja schon ganz schön alt bin. 80 Prozent aller Stellenangebote sind unter aller Kanone, unter den anderen 20 Prozent wird es für mich immer enger werden."


„Ich werde nicht von Hartz IV leben können“

Friedrich Karl B., 59, geschieden, 2 Kinder, lebt auf einem Campingplatz bei Groß Gerau, war zuletzt als Schulhausmeister beschäftigt, für 1140 Euro netto im Monat

"Ich habe immer wieder von vorne angefangen, ganz oft in meinem Leben. Gelernt habe ich Fernmeldetechniker. Aber ich habe schon immer gern gebaut. Und ich liebe Schrägen. 1976 habe ich mit einem Freund meine erste Schreinerei aufgebaut. Dann wurde am Flughafen in Nürnberg eine große Schreinerei für 30.000 DM verkauft und mit der habe ich mich allein selbstständig gemacht. Das lief zwei, drei Jahre gut, bis eine Küche nicht mehr bezahlt werden konnte. Mit einem Schlag lief das Geschäft nicht mehr. Ich habe Konkurs angemeldet, die Bank hat umgeschuldet, meine Eltern haben gebürgt. Ich habe mich seither nicht mehr verschuldet. Habe erstmal in einem Restaurant geputzt und Mülleimer geleert. Aber ich wollte weiter Möbel bauen. Und habe dann über Ebay angefangen, mit Bambus und Holz zu handeln, und schließlich aus Bambus meine erste Theke für das Restaurant gebaut, in dem ich gejobbt habe. Aus Bambus habe ich dann alles Mögliche gebaut, Betten, Tische, Stühle, so ziemlich alles.

Bergab ging es mit dem Alkohol. Es kam zur Trennung von meiner Frau und den Kindern, ich saß auf einmal allein in unserem Haus und war depressiv. Ich bin dann zur Suchthilfe gegangen, für die ich später viele Jahre ehrenamtlich tätig war. Vor vier Jahren bin ich nach Groß Gerau gekommen, wegen der Liebe. Aber sie hielt nicht lange. Ich hatte irgendwann nur noch das Auto meines Sohnes, kein Geld und keine Arbeit mehr. Der Tod wäre eine Erlösung gewesen, aber ich bin dann in die Obdachloseneinrichtung gegangen, über die ich zu einer Wohnung und schließlich über die Job-Agentur zu der Fortbildung zum Schulhausmeister gekommen bin. Da habe ich zuletzt 1140 Euro netto verdient, aber jetzt ist die Förderung der Stelle nach drei Jahren ausgelaufen. Die brauchen mich in der Schule, aber die Schule hat kein Geld für die Stelle. Die bekommen als nächstes wieder einen Neuen aus der Förderungsmaßnahme, den ja die Agentur bezahlt.

Ich lebe hier auf dem Campingplatz, weil das am billigsten ist, 2000 Euro im Jahr für den Platz, Strom und Wasser. Aber ich weiß genau, dass ich nicht von Hartz IV werde leben können. Ich werde noch einmal von vorne anfangen müssen."