Krankenhäuser

Vor dem Kollaps

162.000 Vollzeitkräfte fehlen in Deutschlands Kliniken, das Pflegepersonal ächzt unter ständiger Überlastung. ver.di fordert deshalb von der neuen Bundesregierung eine gesetzliche Personalbemessung - sofort

von Petra Welzel

Wenn Krankenhäuser für Schlagzeilen sorgen, dann schon seit langem nicht mehr wegen einer bahnbrechenden Transplantation oder einer anderen herausragenden Leistung. Seit Jahren ist es eher so, dass Kliniken in den Focus der Öffentlichkeit geraten, weil wieder mal ein Keim eine Station befallen hat und Opfer zu beklagen sind. Der bekannteste Fall war zuletzt die Frühchenstation des Klinkums Bremen-Mitte, auf der zwischen November 2011 und Februar 2012 allein fünf Säuglinge an den Folgen des Befalls durch einen multiresistenten Darmkeim starben. Tatsächlich gehen Experten davon aus, dass sich jährlich rund 600.000 Patienten in deutschen Krankenhäusern mit Keimen infizieren, für 15.000 von ihnen endet die Infektion mit dem Tod. Und noch etwas wissen Experten wie die Mikrobiologen längst: Mangelnde Hygiene ist nur ein Teil des Problems, fehlendes Personal oft das größere Manko.

Chronisch unterbesetzt

ver.di hat in diesem Februar mit einem Personalcheck in 200 Krankenhäusern bundesweit auf eben diesen Personalmangel deutlich hingewiesen (ver.di PUBLIK 02_2013). Danach fehlen in den deutschen Kliniken 162.000 Beschäftigte, unter ihnen allein 70.000 Pflegekräfte. Aber auch Menschen, die nicht unmittelbar mit der Pflege der Patienten zu tun haben, können durch Flüchtigkeit wegen Zeitdrucks Keime in einen Operationssaal oder in ein Krankenzimmer schleusen. So ist beispielsweise die Sterilisation in einem Berliner Klinikum chronisch unterbesetzt. Da kann es dann schon mal passieren, dass die Zeit für eine wirksame Entkeimung unterschritten wird, weil ja noch so viel zu tun ist. Oder auf der Intensivstation im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus in Speyer muss inzwischen eine Intensivschwester drei Patienten betreuen, wo ein Schlüssel von eins zu eins notwendig ist. So bleibt nicht immer die Zeit, die Hände zu desinfizieren, wenn man von einem zum nächsten Patienten eilen muss. Ein Keim wandert da schnell mit.

Aber nicht nur die Gesundung der Kranken ist so gefährdet. Das Personal ächzt selbst unter der permanenten Überlastung. 2011 wurden 18,3 Millionen Patienten in den deutschen Krankenhäusern behandelt. Das waren eine Million mehr als noch im Jahr 2000. Tendenz: weiter steigend. Die Zahl der Ärzt/innen stieg im selben Zeitraum immerhin um 28 489, das sind 27,3 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten mit anderen Tätigkeiten in der Pflege, Therapie und Hauswirtschaft sank hingegen um 68.338 Vollzeitkräfte. Das sind 9,4 Prozent weniger als im Jahr 2000.

Mit einer Postkartenaktion wird ver.di ab dem 1. Oktober 2013 den Druck auf die Politik erhöhen

Personal vor dem Kollaps

ver.di fordert daher von der neuen Bundesregierung gleich zu Anfang der Legislaturperiode die Entscheidung für eine wirksame Soforthilfe. In den 90er Jahren hatte sich schon einmal die gesetzliche Pflegepersonal-Regelung bewährt. Insgesamt 21.000 Vollzeitstellen wurden damals zwischen 1993 bis 1996 geschaffen. Das ist das Mindeste, was auch heute drin sein sollte. Am Ende aber muss eine Personalbemessung für alle Berufe im Gesundheitswesen stehen. Das wäre ein Novum - ein dringend nötiges.

Es gibt keinen Grund und keine Zeit, länger zu warten. Eine Stationsschwester im Klinikum Bremen hat seit Jahren Bluthochdruck. Wenn sie arbeitet, macht sie kaum Pause. Zeit genug für die Patienten hat sie trotzdem nicht. Und sie ist nur ein Beispiel von vielen. Sie alle brauchen Hilfe, damit sie nicht kollabieren.