Die Weihnachtspost

Eine wahre Geschichte...

Illustration: Stephanie F. Scholz

von Peter Ewald

Der 22. Dezember war in jenem Jahr ein Freitag. Ich arbeitete bei Siemens in Fürth bei Nürnberg als technischer Redakteur. Der letzte Arbeitstag vor Weihnachten ist in vielen Unternehmen ein kritisches Datum. Von Friede auf Erden kann da keine Rede sein. Was bis Weihnachten noch erledigt werden muss, steht in den Termin- und Projektplänen, meist mit dem Zusatz "sehr dringend".

Bei Siemens war der 22. Dezember besonders hektisch. Schon bei Arbeitsbeginn an diesem Freitag stand die Nervosität allen ins Gesicht geschrieben. Die Terminvorgaben des Kunden mussten eingehalten werden. Er hatte mit saftigen Konventionalstrafen gedroht, falls der Termin "Weihnachten" nicht eingehalten wird. Natürlich war man bei Siemens davon überzeugt, dass das zu schaffen sei. Wie hoch die Konventionalstrafe war, wusste ich nicht. Aber in der Gerüchteküche war von einem "sehr hohen Betrag" die Rede.

Als technischer Redakteur habe ich bei Siemens für ein Ski-Management in der Schweiz Teile der Anwender-Dokumentation geschrieben. Es war ein besonderes Projekt von Siemens, fast ein Prestigeobjekt; lange geplant, sehr aufwendig und einzigartig, ausgestattet mit allen technischen Finessen. Doch immer wieder gab es Verzögerungen, weil bei der Hardware und der Software unvorhersehbare Fehler auftraten. Die vorher fest zugesagten Termine mussten mehrfach verschoben werden; der Auftraggeber bestand jedoch auf Einhaltung des Endtermins "Weihnachten". Die Skisaison stand vor der Tür. Und das Ski-Management war eine tolle Sache: Der Skifahrer hatte eine Scheckkarte mit Chip am Anorak, und wenn er durch das Drehkreuz ging, wurden seine Daten aus dem Chip automatisch ausgelesen: die Zugangsberechtigung für den Lift, ob der Tarif und das Tarifgebiet für die vorgesehene Fahrt stimmte. Die anstehende Fahrt wurde von seinem Konto abgebucht, er konnte sofort im Lift hoch und losdüsen.

Ich war damals 55 Jahre alt. Viele in meinem Alter redeten nur noch von der vorgezogenen Rente und welche Mittelmeerkreuzfahrten sie dann machen werden. Ich nicht. Ich war zuvor fast zehn Jahre bei Triumph-Adler. Die AG für Büro- und Informationstechnik machte pleite, über 5000 Arbeitsplätze in der Region Nürnberg und deutschlandweit wurden vernichtet, auch meiner. Ich war arbeitslos. Meiner Frau waren unsere Zukunftsaussichten zu unsicher, die Kinder waren aus dem Haus, und sie reichte die Scheidung ein.

Termin ist Termin

An diesem Freitag, dem 22. Dezember, war bei Siemens die Hölle los. Einer der Hochleistungs-Kopierer, mit dem die Anwender-Dokumentationen gedruckt wurden, war wegen eines technischen Defekts ausgefallen. Nichts ging mehr. Der Kundendienst konnte frühestens in zwei Stunden kommen. Auf einem Stuhl im Großraumbüro saß schon über eine Stunde gelassen ein Mann, der Zeitung las. "Das ist der Kurier, der heute Nacht noch die Anwender-Dokumentationen per PKW in die Schweiz karren muss. Termin ist Termin!"

Den Job bei Siemens hatte ich über eine Zeitarbeitsfirma erhalten. Ich war froh und zuversichtlich, denn ich dachte, jetzt gehe es wieder aufwärts. Obwohl Leiharbeitsfirmen keinesfalls den besten Ruf haben, weil sie die Löhne und Gehälter der Leiharbeiter auf ein Minimum drücken, bei den Auftraggebern aber gutes Geld kassieren. Doch es besteht die Chance und Hoffnung, dass man übernommen wird und einen unbefristeten Arbeitsvertrag erhält, wenn man gute Arbeit leistet, sich bewährt und fleißig ist. Über ein halbes Jahr sah es bei Siemens auch sehr gut aus.

An diesem Freitag kam ich spät nach Hause. Als ich ging, war der Kurier gerade weg und der Chef wünschte mir ein frohes Weihnachtsfest, sagte auch, dass es mit meinem Arbeitseinsatz im nächsten Jahr weitergehen werde. "Auf alle Fälle", er sei sehr zufrieden mit meiner Arbeit, "sehr zufrieden". Erst vor zwei Tagen hatte ich Weihnachtspost von meiner Leiharbeitsfirma bekommen. Man wünschte mir frohe Weihnachten und ein gesundes neues Jahr, bedankte sich für die geleistete Arbeit, freute sich auf eine weitere gute Zusammenarbeit und im Chefsekretariat liege ein Dankeschön-Präsent für mich bereit.

Ich war natürlich am gleichen Tag noch hingefahren und erhielt eine Weinkiste aus Holz vom Weingut R & U, edle Weine seit 1831. Jeweils eine Flasche weiß, rosé und rot. Ich fuhr nach Hause und war guter Dinge. Am Samstag, den 23.12., kam die Gelbe Post um 11 Uhr. Keine Weihnachtspost diesmal, nur Werbung. Ich wohne in einer Nebenstraße mit wenig Verkehr. Kein Auto, alles war ruhig. Von der Küche aus kann ich auf die Straße schauen. Am späten Nachmittag machte ich mir einen Cappuccino. Ich dachte, wenn die gelbe Post vorbei ist, dann geht es mit meinem Job bei Siemens weiter. Plötzlich entstand Leben in der ruhigen Straße. Ein Auto kam. Ziemlich schnell, es bremste hektisch, fuhr zehn Meter weiter, setzte aber zurück. Und hielt genau vor meiner Haustür. Der Fahrer stieg eilig aus und steckte einen Brief in meinen Briefkasten. Doch noch Weihnachtspost für mich, dachte ich.

Mein Puls pochte und hämmerte

Die Leiharbeitsfirma teilte mir mit, dass mein Arbeitsverhältnis unter Einhaltung der Kündigungsfrist von 14 Tagen gekündigt sei, und deshalb das Arbeitsverhältnis fristgemäß am 5. Januar des folgenden Jahres ende. Ich habe nachgerechnet: Vom 23.12. bis zum 5.1. sind es genau 14 Tage. Ich saß in der Küche bei Dämmerlicht. Das Kündigungsschreiben der Leiharbeitsfirma in der Hand, unterschrieben von dem Geschäftsführer. Ich las es. 10-mal, 20-mal. Ich konnte es nicht glauben. Mein Puls pochte und hämmerte vor Enttäuschung, Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Ich wollte zum Telefon rennen und Siemens und die Leiharbeitsfirma anrufen und schreien. Aber wen erreicht man am Samstag, den 23. Dezember, einen Tag vor dem Heiligen Abend, um 19 Uhr?

Am Heiligen Abend war ich allein. Zum Weihnachtsgottesdienst um 17 Uhr ging ich diesmal nicht. Früher war es bei uns üblich, dass wir am Heiligen Abend den Weihnachtsgottesdienst besuchten, anschließend wurden die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet und die Geschenke ausgepackt. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf: Es kann ja sein, dass an diesem Abend die Herren von der Leiharbeitsfirma und von Siemens mit ihren Familien in der Kirche sind; denn Christen sind sie sicher auch und haben bei "Stille Nacht, heilige Nacht" für drei Minuten einmal nicht an Profit und Gewinnmaximierung gedacht.

Bei Siemens hatte ich auch an einer Dokumentation für ein Zutrittskontrollsystem mitgearbeitet, die noch nicht abgeschlossen war. Arbeit gab es bei Siemens für einen technischen Redakteur genug. Der nächste Kündigungstermin der Leiharbeitsfirma wäre zum 31. Januar gewesen. Nicht einmal diese 14 Tage konnten die abwarten. Vielleicht, weil ich im Januar Geburtstag habe und 56 Jahre alt wurde und ich ihrer Meinung nach schon zum alten Eisen gehöre.

Ich entkorkte die Flasche weiß meines Weihnachtspräsents der Leiharbeitsfirma und machte den Fernseher an. Das weihnachtliche Festprogramm begann; gespielt wurde das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach:

Jauchzet, frohlocket! Auf, preiset die Tage,
Rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!

Zunächst wollte ich den Fernseher gleich wieder abschalten. Jauchzen und frohlocken konnte ich an diesem Heiligen Abend nicht. Mir war ganz elend. Dann entkorkte ich die Flasche rosé meines Weihnachtspräsents und hörte weiter. Die herrliche Barockmusik beruhigte mich ein wenig und nach einer Weile stellte sich sogar so etwas wie eine weihnachtliche Stimmung bei mir ein. Eine innere Stimme spendete Trost und sagte: "Wer sich selbst aufgibt, der hat schon verloren". Nach dem Schluss-Choral des Weihnachtsoratoriums überfiel mich dann wieder das Elend. Ich schaltete den Fernseher aus. Die Flasche rosé war leer.