Jubiläum

Auf hoher See

Seit 150 Jahren rettet die spendenfinanzierte Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, kurz DGzRS, Menschenleben. Auch der Kreuzer „Hermann Helms“ kommt in ihren Gebieten auf Nord- und Ostsee zum Einsatz. Er ist Arbeitsplatz für neun Männer, die ohne Feierabend und Anweisung von oben zusammen leben und auf Rettungseinsätze warten. Bericht von einem ungewöhnlichen Arbeitsplatz

fotos: Peter Neumann

von Hans Wille

Vor dem Richter und auf hoher See sei man allein in Gottes Hand, heißt es. Mit Glück kommt man auf dem Meer in die Hände der Seenotretter, jener Männer, die raus aufs Meer fahren, wenn andere nicht mehr aus eigener Kraft in den Hafen kommen. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger wird Ende Mai 150 Jahre alt. Seit 1865 finanziert sich die DGzRS ausschließlich über Spenden, heute betreibt sie mit rund 180 fest angestellten Seenotrettern 20 Seenotrettungskreuzer. Einer davon ist die "Hermann Helms" in Cuxhaven.

Mann über Bord! Notruf einer Segeljacht östlich Neuwerk. Maschinist Axel Berg eilt runter in den Maschinenraum und betätigt Knöpfe, Hebel und Schalter, bis die drei Motoren mit einem höllischen Lärm laufen. Holger Wolpers wartet am offenen Fahrstand, bis die beiden anderen Kollegen das Landstromkabel und die Leinen losgemacht haben, legt ab und fährt mit schnell steigendem Tempo auf die graue Nordsee vor Cuxhaven. Das alles passiert in weniger als zwei Minuten.

Biene, das wendige Beiboot

"Heute ist das nur eine Übung, aber im Ernstfall muss das aus dem Tiefschlaf heraus sitzen", sagt Holger Wolpers, der Vormann oder auch Kapitän. Tag und Nacht lebt er mit den drei anderen Männern auf dem 27,5 Meter langen Schiff. Zwei sind nautische Offiziere und zwei ausgebildete Maschinisten, jeder hat seinen festen Arbeitsbereich: Holger Wolpers und Axel Berg fahren und warten den großen Rettungskreuzer, die beiden anderen die "Biene", das wendige Beiboot mit dem geringen Tiefgang. Jeder kann aber auch möglichst viele Bereiche vom Job des anderen. Es kann ja vorkommen, dass einer bei einem Einsatz verletzt wird.

Seenotrettung im Mittelmeer

In einer aktuellen Stellungnahme bedauert die DGzRS die Einstellung des Projekts "Mare Nostrum"und plädiert dringend für eine umgehende Wiederaufnahme dieses oder eines vergleichbaren Projekts zur Rettung der Flüchtlinge im Mittelmeer. Die DGzRS, die bereits die International Organization for Migrants in Genf beriet, steht deshalb auch jetzt bereit, um entsprechende Stellen in Sachfragen zu unterstützen.

"Mare Nostrum" war ein im Oktober 2013 gestartetes Hilfsprogramm der italienischen Marine und Küstenwache, um schiffbrüchige Flüchtlinge aus meist nordafrikanischen Ländern zu retten, die versuchen, über das Mittelmeer Italien zu erreichen. Schon nach einem Jahr wurde die Marineoperation im Herbst 2014 aus finanziellen Gründen eingestellt, obwohl bis dahin an die hunderttausend Flüchtlinge gerettet werden konnten. Zuvor hatte Italien wiederholt eine gesamteuropäische Verteilung der Lasten bei der Rettung und Unterbringung von Flüchtlingen angemahnt.

Nach zwei Wochen übernimmt ein anderer Vormann das Kommando an Deck und die kleine Kajüte im Vorschiff. Die drei anderen Männer wechseln um eine Woche versetzt mit dem zweiten Dreierteam. So kennt jeder Vormann beide Teams, die Stärken und Schwächen jedes einzelnen. Komplettiert wird die ganze Besatzung durch einen fünften Nautiker, den Springer für Urlaubs- und Krankheitszeiten. Diese neun Männer nennen die "Hermann Helms" ihren Arbeitsplatz. Einen ganz besonderen Arbeitsplatz. Denn es gibt keinen Vorgesetzten, der morgens sagt, was zu tun ist. "Im Grunde sind wir sehr eigenständig", sagt Holger Wolpers. "Solange das Schiff einsatzfähig und in Schuss ist, und alle vier Mann an Bord sind, haben wir freie Hand. Dadurch ist das ein lockeres Arbeiten."

Kein Wunder, dass er nahezu täglich Bewerbungen von hoch qualifizierten Seeleuten erhält. Viel Berufserfahrung ist sicherlich gut. Besser sind Zusatzqualifikationen wie medizinische Kenntnisse oder ein Handwerk. Wichtig ist aber auch, ob einer ins Team passt. Deshalb geht ein Kandidat für eine Woche probeweise an Bord. Wie ist er als Mensch? Wie im Konfliktfall? Kann er kochen und putzen? Sieht er die Arbeit und erledigt sie auch? Nur wenn alle Mann an Bord sagen: "Ja, der passt zu uns", kann der Neue die eigentliche Probezeit beginnen.

Die meisten Kollegen bleiben eh lange. Der letzte Wechsel ist sieben Jahre her. "Ich wäre schön blöd, hier zu kündigen", sagt der Maschinist Axel Berg, der seit zwölf Jahren zur Crew gehört. Auch wenn die eigene Kabine an Bord kleiner ist, als für eine Gefängniszelle vorgeschrieben. Frau und Kinder sieht er zwei Wochen lang nicht. Und Alkohol ist sowieso tabu. Zudem gibt es keinen geregelten Feierabend. Denn jederzeit kann der Notruf kommen. Und wenn abends um elf der Motor ausfällt, reparieren die Männer so lange, bis die Maschine wieder läuft. Selbst wenn das die halbe Nacht dauert. "Natürlich geben wir dann der MRCC, der Seenotleitzentrale der DGzRS in Bremen Bescheid, dass sie uns möglichst lange schlafen lassen", sagt Axel Berg. Es sei denn, es gibt einen Einsatz.

Bei Sturm und hohem Seegang sind sie im Einsatz - die Seenotretter

Das passierte im vergangenen Jahr einhundert Mal. Oftmals wegen eines Feuers auf einem Handelsschiff oder weil ein Freizeitkapitän vergessen hat, Diesel zu tanken oder die Seekarte genau zu lesen. Nur vier Mal musste die "Hermann Helms" ablegen, weil es im engsten Wortsinne um die Rettung Schiffbrüchiger ging.

Alle Fischer auf dem Kiel

So im April 2014, als sich das Fangnetz eines Fischkutters am Grund der Elbmündung verheddert und die tückische Strömung das Schiff binnen weniger Sekunden unter Wasser zerrt. Der Kapitän kann nur noch über Funk "Wir kentern!" rufen. Ein Fischkutter in Sichtweite funkt die Nachricht und Positionsangabe weiter. Die Seenotretter, die stets mit einem Ohr den Funk abhören, lassen ohne viele Worte das Abendessen stehen. Zwei Minuten später liegen "alle Hebel auf dem Tisch", nähert sich das Schiff mit voller Kraft dem gekenterten Boot, das binnen 30 Sekunden in Sicht ist. Alle drei Fischer sitzen auf dem Kiel. Gott sei Dank. Wegen des ablaufenden Wassers konnte der andere Fischkutter das im Wattengebiet gekenterte Schiff nicht erreichen. Das Tochterboot "Biene" rollt rückwärts aus dem aufgeklappten Heck der "Hermann Helms" und holt die drei sichtlich verängstigten Seeleute in Sicherheit.

Zum Glück waren die Koordina­ten des Unglücks bekannt, zudem ein Schiff in Sichtweite

Wenn aber nur der ungefähre Unglücksort bekannt ist, dann aktiviert die Seenotleitzentrale alles was greifbar ist: Eigene Rettungskreuzer, Berufsschiffe, Behördenschiffe, Marine und sogar Marinehelikopter. Der Vormann hält den Kontakt zu allen Beteiligten und dirigiert sie im Suchgebiet, das nach einem Raster durchkämmt wird. Dann hantiert Holger Wolpers mit zwei Funkgeräten, zwei Handys, hat die See und die elektronische Karte im Blick und steuert auch noch seinen Rettungskreuzer. "Solange der Gesuchte noch über Wasser ist, finden wir ihn auch. Das ist nur eine Frage der Zeit."

Leider erreicht die DGzRS häufig ein Fehlalarm, etwa wenn wieder jemand vom Strand aus den Kopf eines Seehundes weit draußen für den eines Schwimmers hält und befürchtet, der Mensch komme nicht mehr allein an Land. "Natürlich nehmen wir den Notruf ernst und suchen mit allen verfügbaren Booten die Badebucht ab. Wir können ja nicht nichts tun!"

150 Jahre Seenotrettung

Vom 29. bis 31. Mai begeht die DGzRS ihren 150-sten Geburtstag in Bremen und Bremerhaven mit ihrem Schirmherren, Bundespräsident Joachim Gauck, weiteren Gästen, Musik und Schiffstaufen. Im Internet unter www.150-jahre-seenotretter.de ist das ganze Festprogramm zu finden sowie mehrere Wege, einmalig oder regelmäßig für die Seenotretter zu spenden. Die DGzRS finanziert sich ausschließlich über Spenden.