Solidarität

Lasst Mumia endlich frei!

34 Jahre Haft, 30 davon isoliert im Todestrakt: Jetzt ist der Journalist und Gewerkschafter Mumia Abu-Jamal im Mahanoy-Gefängnis des US-Bundesstaates Pennsylvania schwer erkrankt. Seine medizinische Versorgung ist unzureichend, Unter­suchungsergebnisse werden zurückgehalten. Für den politischen Gefangenen geht es um Leben und Tod.

"Er ist nicht frei, weil wir nicht frei sind"

Illustration: Kevin ‘Rashid' Johnsond

Am 30. März wurde bekannt, dass der zu lebenslanger Haft verurteilte US-amerikanische Journalist Mumia Abu-Jamal vom Gefängnis auf die Intensivstation eines Krankenhauses verlegt werden musste. Seine Familie und seine Verteidigung waren über die plötzliche und lebensbedrohende Verschlechterung seiner durch die langjährige Haft angegriffenen Gesundheit nicht verständigt worden. Nach wie vor weigert sich die Gefängnisbehörde, die Ergebnisse diverser ärztlicher Untersuchungen seinen Angehörigen und seiner Verteidigung mitzuteilen. Die mündlich gegebenen Auskünfte über seinen Diabetes und den extremen, häufig blutenden Hautausschlag sind für eine Diagnose durch unabhängige Ärzte seines Vertrauens nicht ausreichend. Die Tatsache, dass es für den Journalisten und Gewerkschafter und damit unseren Kollegen Mumia Abu-Jamal jetzt, nachdem 2011 die Todesstrafe gegen ihn in lebenslange Haft umgewandelt wurde, erneut um Leben oder Tod geht, wirft Fragen auf, denen wir uns als Teil der internationalen Solidaritätsbewegung nicht entziehen können.

Vor einem Jahr haben wir an dieser Stelle anlässlich des 60. Geburtstages von Mumia über seinen Leidensweg berichtet (ver.di publik 3_2014). 34 Jahre inhaftiert, davon 30 Jahre im Todestrakt, seit dem Schuldspruch in einem Gerichtsverfahren, dessen Aufhebung wegen "rassistischer Verhandlungsführung und als Verstoß gegen die US-Verfassung sowie internationale Menschenrechtsgarantien" von seinen Anwälten bis heute vergeblich gefordert wird. 30 Jahre in einem Betonraum von wenig mehr als zwei mal drei Metern, Hofgang in einem verdrahteten Käfig, den Mumia mit einem Hundezwinger verglich. "Was man draußen im Fernsehen über Knast und Todestrakt gezeigt bekommt, das ist nicht die Wirklichkeit, das sind nicht wir. Wir sind nicht in einem Film, wir sind wirklich im Todestrakt. Deshalb kann ich über gewisse Dinge nicht schreiben, weil das den Leuten draußen so fremd vorkommen würde, dass sie es nicht fassen würden, weil es so unvorstellbar ist." 30 Jahre Isolation: "Jeder Tag haargenau wie der andere, und die einzige Chance, dass sich daran etwas ändert, ist die, dass du ihn veränderst, durch dein Handeln darin etwas Neues entstehen lässt."

In größerer Gefahr als zuvor

Allein diese wenigen Hinweise dürften ausreichen, die Folgen der bisherigen Haftjahre für die gesundheitliche Entwicklung Mumias anzudeuten. Dass Gefängnisleitung, Justiz und Regierung des US-Bundesstaates Pennsylvania, die für den Gefangenen zuständig sind, die seit seiner Erkrankung wieder zunehmenden Proteste bislang ignorieren, bestätigt die Warnung seines früheren Verteidigers Robert R. Bryan vom 20. Januar 2010 in Erwartung der Umwandlung der Todesstrafe in lebenslange Haft: "Mumias Körper ist eingesperrt, aber sein Geist und seine Feder sind frei. Deswegen wollen sie ihn umbringen. Er ist nun in noch größerer Gefahr als zuvor."

Wir können davon ausgehen, dass fast alles, was mit den Inhaftierten - ob hierzulande oder in den US-Gefängnissen - geschieht, kontrolliert und auf Anweisung ausgeführt wird; auch was unterlassen wird, ist in der Regel beabsichtigt. Nicht nur der unter Tränen abgebrochene Besuch von Wadiya, Mumias Frau, der aufgrund vielfacher Eingaben und Proteste der Besuch ihres schwerkranken Mannes erlaubt worden war, legt nahe, dass Mumias gesundheitliche Versorgung bewusst vernachlässigt wird.

Das Guantanamo-Rot seines Overalls, seine Gefangenennummer AM 8335 - machen ihn zu einem der massenhaft Namenlosen, deren Identität gegen eine Buchstaben- und Zahlenfolge ausgetauscht ist. Was ihnen geschieht, ob als sklavengleiche Arbeitskräfte innerhalb der USA, in Lagern wie Abu Ghraib oder Guantanamo oder als Ausgelagerte in Foltereinrichtungen gefügiger Regime, ist weder willkürlich noch Zufall, sondern gewollt, systembedingt. Gebilligt und praktiziert von zahlreichen anderen Ländern, auch von Deutschland: Es sei nur erinnert an Oury Jalloh, der 2005 in Dessau im Polizeigewahrsam verbrannte. Schon Bertolt Brecht sagte zum Thema Folter: "Die Geschäfte des Kapitalismus sind nun in verschiedenen Ländern (ihre Zahl wächst) ohne Rohheit nicht mehr zu machen. Manche glauben noch, es ginge doch; aber ein Blick in ihre Kontobücher wird sie früher oder später vom Gegenteil überzeugen. Das ist nur eine Zeitfrage. Wir müssen sagen, dass gefoltert wird, weil die Eigentumsverhältnisse bleiben sollen. Freilich, wenn wir dies sagen, verlieren wir viele Freunde, die gegen das Foltern sind, weil sie glauben, die Eigentumsverhältnisse könnten auch ohne Foltern aufrechterhalten bleiben (was unwahr ist)."

Der Widerstand nimmt zu

Der Widerstand gegen das, was politischen Gefangenen wie Mumia Abu-Jamal angetan wird, nimmt wieder zu, weltweit. Seine unzureichende medizinische Versorgung hat bereits jetzt zur Folge, dass er seine wöchentlichen Kolumnen, in Deutschland abgedruckt in der Berliner Tageszeitung junge Welt, nicht mehr schreiben kann. Die "Stimme der Stimmlosen", wie Mumia in den USA genannt wird, ist verstummt.

Rolf Becker ist Film- und Theaterschauspieler und seit Jahrzehnten gewerkschaftlich aktiv bei IG Medien und ver.di. Schon lange auch kümmert er sich solidarisch um den in den USA seit 34 Jahren gefangen gehaltenen Mumia Abu-Jamal, den er 2009 in seiner Todeszelle besuchen konnte

foto: Endig/picture alliance

30 Jahre Todeszelle und vier weitere Haftjahre hatten ihn nicht zum Schweigen bringen können: "Du musst durchschauen, warum das so läuft, du musst politisch dafür arbeiten, dass sich das ändert." Woche für Woche erschienen in mehreren Ländern seine kritischen Stellungnahmen: "Wenn an der Wall Street die Champagnerkorken knallen, gab es in Harlem noch nie einen Grund zum Feiern." Schreiben ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, die das Geschriebene für den Schreibenden hat. Aber gefesselt, selbst im Krankenbett, kann er seine Botschaft kaum noch vermitteln. Eine Mitteilung Mumias erreichte uns dennoch, gesendet vom Gefängnissender "Prison Radio", Mitte April: "Ich bin noch nicht wieder an dem Punkt, an dem ich zuvor war."

Wir können dazu beitragen, dass Mumia Abu-Jamal diesen Punkt wieder erreicht, dass er wieder schreib- und handlungsfähig wird, lebensfähig. Sein Überleben setzt ein Ende der Haft voraus, der Haft bis zum Tod, des "slow death row". Unsere Forderung kann nur lauten: Free Mumia, lasst Mumia frei! Lasst uns, wie von Angela Davis vorgeschlagen, als Teil der weltweiten Bewegung für Mumias Freilassung "zum Schlüssel werden, der seine Gefängniszelle öffnet" (s. Kasten).

In den USA gehört Mumia der United Automobile Workers (UAW) Union an, die auch Journalisten und Schriftsteller gewerkschaftlich organisiert. Lebte er in Deutschland, wäre er Mitglied unserer Gewerkschaft ver.di. Der Landesbezirk Berlin-Brandenburg der Deutschen Journalisten-Union (dju) in ver.di hat Mumia schon vor vielen Jahren zum Ehrenmitglied ernannt. Wie wäre es, wenn wir ihm die Ehrenmitgliedschaft der gesamten Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft antragen? So, wie ihn die Stadt Paris 2003 zum Ehrenbürger ernannt hat. Lasst uns darüber sprechen und entscheiden.

von Rolf Becker


Angela Davis' Aufruf zur Kampagne

"Mumia liegt mir am Herzen. Er hat so oft für andere gesprochen, jetzt müssen wir für ihn eintreten! Überflutet den Gouverneur von Pennsylvania mit FREEDOM POSTCARDS für Mumia! Gouverneur Tom Wolf hat die Macht, Mumia die Freiheit zu gewähren und genau das fordern wir von ihm! Schickt unsere Postkarten und fordert: FREIHEIT für MUMIA ABU-JAMAL! JETZT!" 

Die Postkartenvordrucke können auf der Kampagnenseite: www.bring-mumia-home.de heruntergeladen werden.