Portrait

Es begann mit dem Löffel

Die Jubilarfeiern von ver.di geraten zunehmend zu spannenden Begegnungen. Die Kriegs- und Nachkriegsgeneration fasziniert die Jugend mit unpathetischen, ehrlichen Berichten und Biografien. So auch Günter Lucks (87). Der Drucker, Autor und einstige Kindersoldat ist auch nach 60 Jahren Gewerkschaft in der Seniorenarbeit aktiv. Dies ist seine Geschichte

Von Hans Wille

Günter Lucks ist 16 Jahre alt, als er Anfang 1945 als überzeugter Hitlerjunge von Hamburg aus freiwillig in den Krieg zieht. Ungefragt wird er Mitglied der SS, die den Kindersoldaten mit Talent am Gewehr als Scharfschützen in vorderster Front verheizt. Schon schwer verwundet, ballert er dort wie wild in die Luft, bis ihm ein russischer Soldat eine noch warme Gewehrmündung an die Stirn drückt - und er in sowjetische Krieggefangenschaft gerät.

"Man musste das alles wegdrängen können", sagt der 87-jährige Günter Lucks heute. Er konnte verdrängen; vergessen aber nicht. "Für mich endete der Krieg erst 1950", schrieb er im Jahr 2005 der Hamburger Morgenpost. Die hatte Zeitzeugen aufgerufen, ihre Erinnerungen an das Kriegsende im Mai 1945 zu schildern.

Das Gewehr auf meiner Stirn

Es ist genau der 8. Mai 1945, der Tag der Befreiung in Deutschland, als Günter Lucks im tschechischen Pisek den warmen Gewehrlauf an der Stirn spürt. Der sowjetische Soldat schießt nicht. Mit diesem Schock beginnen für den 16-Jährigen fünf Jahre als Zwangsarbeiter in verschiedenen Kriegsgefangenenlagern der Sowjetunion. Er erlebt Hunger und Kälte, Angst und Tod - aber auch die erste Liebe - ehe ihn die Sowjetunion Anfang 1950 zurück nach Hamburg entlässt.

Erst 2005, durch die Lektüre der Hamburger Morgenpost, erfährt der damals 49-jährige Sohn Günter Lucks' von dem entsicherten Gewehr auf Papas Stirn. "Jetzt verstehe ich, dass du immer den Löffel beiseite schiebst, wenn ich damit im Gespräch auf dich zeige", sagt er. Dem Vater ist die Geste mit dem Löffel gar nicht bewusst. "Das war wohl eine instinktive Abwehrreaktion gegen das Gewehr auf meiner Stirn. Das Gefühl lässt einen sein Leben lang nicht mehr los", sagt der Vater heute.

"Papa, schreib das auf", hatte ihm sein Sohn noch geraten. Seit 2008 holt Günter Lucks sehr bewusst die verdrängten Erinnerungen hervor. Und schreibt sie auf. Drei Bücher hat er inzwischen zusammen mit Harald Stutte, dem Redakteur der Hamburger Morgenpost, der 2005 die Zeitzeugen suchte, verfasst: über seine persönlichen Erinnerungen und die einiger Kriegskameraden.

Viel Anerkennung hat er dafür erhalten, auch von allerhöchsten Stellen: Altkanzler Helmut Schmidt hat ihm persönlich dafür gedankt, und Literaturnobelpreisträger Günter Grass schrieb, der Text habe ihn berührt: "Ich hoffe, dass mit Hilfe solch anschaulicher Beschreibungen Nachgeborene Gelegenheit haben, aus den Erfahrungen früher Generationen zu lernen."

"Inzwischen kann ich das alles hervorholen, wenn mich jemand danach fragt", sagt Günter Lucks. Und er wird gefragt: Als Ehrenamtlicher bei der Hamburger Zeitzeugenbörse beantwortet er vor Schulklassen auch, warum er freiwillig Nazi und Soldat geworden ist: "Ich war überzeugt von den Versprechungen der Hitlerregierung und wollte für mein Land kämpfen. Und ein wenig wollte ich wohl auch gegen meine kommunistische Familie rebellieren. Obwohl ich die niemals verraten hätte. Heute weiß ich", sagt er, "dass ich - wie meine ganze Generation - bösartig verführt worden bin".

Seine schlimmste Erinnerung ist die "Operation Gomorrha". Tausende britischer Brandbomben verursachen im Hochsommer 1943 mehrere Nächte lang einen brüllend heißen Feuersturm, der durch lichterloh brennende Stadtteile fegt. "Mein älterer Bruder Hermann ist seitdem spurlos verschwunden, weil er für mich Hilfe holen wollte." Vermutlich ist er wie zehntausende Hamburger bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. "Bis heute halte ich mir automatisch die Ohren zu, wenn Sirenen heulen", sagt Lucks.

Die Großeltern erzählen nichts

Eine andere Erfahrung zieht sich wie ein roter Faden durch alle Veranstaltungen, bei denen Günter Lucks heute regelmäßig berichtet: "Die Jugend will wissen, wie es damals war. Aber die Großeltern erzählen nichts." Bis heute ist offenbar der Schmerz der Erinnerung zu groß. Auch bei Günter Lucks hat das bewusste Hervorholen der Erinnerungen erst mit dem Hinweis auf die Geste mit dem Löffel begonnen. Als hätte sich ein Ventil geöffnet.

1950, wieder in Hamburg, führt Günter Lucks seine Lehre - "damals sagte man Lernzeit" - bei der Post weiter, die er wegen seines Kriegseinsatzes unterbrochen hatte. "Aber ich hatte eine Aversion gegen die Uniformen entwickelt, die wir Postler trugen, und auch gegen die gleichen alten Nazis, die immer noch meine Vorgesetzten waren. Deshalb habe ich mir die Freiheit genommen zu kündigen."

Die Prägung durch das Elternhaus kommt immer mehr zum Tragen: Der Vater war als Kommunist und Fahrradkurier an dem revolutionären Hamburger Aufstand von 1923 beteiligt, auch die Mutter, das Rote Lieschen genannt, und deren neuer Ehemann, Günters Stiefvater, gehörten zur kommunistischen Führungsriege in Hamburg. "Zuhause wurde auch in den Nazijahren offen über Politik geredet." Mit der Kündigung bei der Post lebt Günter Lucks die Haltung offen, in der ihn seine Eltern nur hinter vorgehaltener Hand erzogen hatten.

Der Gleichschritt war zu viel

Günter bekommt eine Stelle als Hilfsarbeiter "an der Rolle", im Rotationsdruck einer Hamburger Zeitungsdruckerei, heiratet und wird Vater. 1956 siedelt die junge Familie in die DDR über, weil Günter meint, dort entstehe das bessere Deutschland, das sozialistische und freie. Doch seine Meinung ändert sich schon bald, als er und alle anderen Werktätigen zwangsweise am 1. Mai zur Feier des Tages der Arbeit erscheinen müssen. "Dass ich dann auch noch im Gleichschritt marschieren sollte, war zu viel. Aus Protest ging ich nebenher auf dem Bürgersteig." Die Folge: Ärger und irgendwann Abmahnungen. Und als das Ehepaar Lucks einen Ausreiseantrag stellt, folgen Drohungen. Ein befreundeter Kollege warnt zum Glück vor einem verordneten Treffen, weil die Stasi - so munkelt man - Leute wie Lucks kurzerhand verschwinden lässt. Stattdessen der illegale Grenzübertritt - offiziell hieß das Republikflucht - 1957 ist die Familie wieder zurück in Hamburg.

FotoS: Edith Wagner

"Seitdem bin ich geheilt von verordneten Ideologien", sagt Günter Lucks, "und nicht mehr politisch aktiv. Nur noch gewerkschaftlich. Bis heute in der Seniorenarbeit". An seinem Jackett steckt die ver.di-Ehrennadel für 60 Jahre Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. 1951 ist er in die IG Druck und Papier eingetreten, und seitdem er 1962 beim Axel Springer Verlag an der Rolle angefangen hatte, konnte "der ewige Hilfsarbeiter", wie er sich selbst bezeichnet, genau 152 Kollegen von der Mitgliedschaft in der Gewerkschaft überzeugen.

Betriebsrat in drei Schichten

1984 ist Günter Lucks einer der Streikführer im 13-wöchigen Druckerstreik für die 35-Stunden-Woche. Als Streikposten lässt er einen Fremden im feinen Zwirn nicht in das Werk. Auch das gibt Ärger - es ist ein Mitglied des Konzernvorstands. Die Zivilklage des Konzerns gegen Günter Lucks und sieben weitere Streikende endet mit einer Geldstrafe von 300 DM. Das Geld zahlt die Gewerkschaft.

Im Laufe der Jahrzehnte hat Günter Lucks mit seiner Gesundheit bezahlt. Der Drei-Schicht-Betrieb bei Springer war aufreibend, ebenso die 24 Jahre als Mitglied im Betriebsrat, als Vertrauensmann, die Tätigkeit im Landesvorstand der IG Druck und Papier, als Bundesvorsitzender der Berufsgruppe grafische Hilfskräfte, die Teilnahme bei Verhandlungen mit dem Bundesverband Druck und die Mandate bei insgesamt sechs Gewerkschaftstagen. Manches Mal fuhr er direkt vom Flughafen nach einer auswärtigen Veranstatung wieder zur Schicht an die Rolle. "Nervenzusammenbruch", lautete schließlich die Diagnose seines Arztes drei Jahre vor der Rente. Heute würde man Burnout sagen. "Ich habe die ganze Betriebsratsarbeit und gewerkschaftliche Tätigkeit wohl auch deshalb gemacht", sagt Günter Lucks, "weil es beim Wegdrängen geholfen hat."


Die drei Bücher

von Günter Lucks und Harald Stutte sind beim Rowohlt Taschenbuch Verlag in Reinbek bei Hamburg erschienen:

Hitlers letztes Aufgebot. Meine Erlebnisse als SS-Kindersoldat. 2010. (Erschien auch auf Tschechisch und Slowakisch)

Hitlers vergessene Kinderarmee. 2014. (Erscheint demnächst auch auf Tschechisch)

Der rote Hitlerjunge. Meine Kindheit zwischen Kommunismus und Hakenkreuz. 2015. (Erscheint spätestens 2017 auch auf Niederländisch)


Die Zeitzeugenbörse Hamburg

organisiert vom seniorenbuero-Hamburg.de, vermittelt Menschen im Alter ab 60 Jahren an Schulklassen. Sie geben der jüngeren Generation ihre persönlichen Erfahrungen weiter und stellen sich den kritischen Fragen. Sie machen Geschichte von unten erlebbar, damit heute von gestern für morgen gelernt werden kann. Ähnliche Zeitzeugenbörsen gibt es in sehr vielen deutschen Städten.