Nahverkehr Hessen

Wenn Busse still stehen

Fahrer der privaten Busunternehmen waren landesweit im Streik. Jetzt läuft eine Schlichtung

Keine Busspur im Schnee, hier rollt nichts - Streik am Römerhof (Frankfurt am Main)

Fotos: peter-juelich.com

Von Heide Platen

Dreimal "DANKE" sagten über 2.000 hessische Busfahrer/innen den Fahrgästen zu Beginn der Frühschicht am 23. Januar - für deren Unterstützung, für Verständnis und Loyalität. Und vor allem für starke Nerven beim Erdulden des zweiwöchigen landesweiten Streiks. Auf ihrem Flugblatt erklärten sie, warum der Arbeitskampf gegen die privaten Betriebe des Landesverbandes Hessischer Busunternehmen (LHO) für sie nach mehreren gescheiterten Verhandlungsrunden unausweichlich war: Der Tariflohn liegt derzeit bei zwölf Euro Grundlohn pro Stunde. Die aber gibt es nicht für die gesamte Schicht, sondern nur für die tatsächlich gefahrene Zeit. Fahrplanbedingte Stand- und Wendezeiten und die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen werden abgezogen. Das heißt, dass oft nur acht von manchmal täglich 14 Stunden Arbeit bezahlt werden.

"Wir sind mehr wert", ist das Fazit der Fahrer. "Wir fahren jeden Tag durch dichtesten Verkehr und tragen dabei Verantwortung für viele Menschen, denn wir befördern Sie, Ihre Kinder, Familien, Verwandten!"

Solidarität und Hassmails

Der Streik, mit dem ver.di einen Stundenlohn von 13,50 Euro, eine bessere Pausenregelung, betriebliche Altersversorgung und einen Urlaubstag mehr forderte, ist vorerst ausgesetzt. Es ging in der letzten Januarwoche in die Schlichtung. Die Verhandlungen sollen bis 5. Februar (nach Redaktionsschluss) dauern. Bis dahin herrscht Friedenspflicht.

Streikleiter Jochen Koppel sagt: "Es ist unglaublich, wie hart sich die Arbeitgeber gegen eine so geringe Lohnsteigerung gewehrt haben." Das Angebot, die Löhne bis Ende 2018 auf 12,65 Euro zu erhöhen, sei nicht akzeptabel gewesen. Deshalb hätten die Kollegen ihrerseits "Härte und Entschlossenheit gezeigt". Aber sie haben auch viel Solidarität untereinander und von außen erfahren. Kollegen mit anderen Tarifverträgen in Darmstadt, Hanau und Gießen unterstützten die Forderungen mit Solidaritätsstreiks. In Darmstadt war die Innenstadt zeitweilig verödet; auch die Straßenbahnen standen still. Die Streikenden demonstrierten vor den Depots. Die Unternehmer warfen den Fahrern deshalb Blockaden vor - zu Unrecht, wie die Fahrer sagen - und reagierten mit Aussperrung. Der Streik war in der Öffentlichkeit so umstritten wie selten einer. Bei ver.di, so Pressereferentin Ute Fritzel, kamen so viele "Hassmails und böse Telefonanrufe an wie noch nie zuvor". Straßenbefragungen zeigen die Polarisierung deutlich: einerseits sehr viel Verständnis, andererseits totale Ablehnung.

Sie wissen, was sie wollen: Steikende in Frankfurt am Main

Zu Besuch in Offenbach-Ost, als dort die grün-weißen Busse stillstehen: An den Fenstern hängen Streikplakate. Im Erdgeschoss des Depots treffen sich die Streikenden. "Die Leute", sagt ein Fahrer verwundert, "regen sich bei uns ja mehr auf als bei den Piloten." Eben drum, vermutet ein Kollege. Busfahren sei schließlich im Alltag überlebenswichtiger "als die Fliegerei", vor allem für diejenigen, die keine Alternative hätten für Arbeitsweg, Einkauf, Arztbesuch, Schul- und Kindergartenweg. "Also Leute wie du und ich!"

Früher Fachkraft, heute Sündenbock

Die Stimmung ist aufgeladen. Viele Ältere sind aktiv beim Streik dabei. Sie haben die Veränderungen und die Marginalisierung ihres Berufs durch die Privatisierung öffentlicher Verkehrsbetriebe über zwei Jahrzehnte miterlebt.

Harald Niepel ist so ein "alter Hase". Er sagt: "Die Wut ist gewachsen." Früher seien sie qualifizierte Fachkräfte gewesen, heute oft zu niedrig bezahlte Sündenböcke. Die Ausbildung sei schlechter geworden, der Stress größer. Fahrgäste ließen ihren Unmut über Engpässe und Planungsfehler vor allem an den Fahrern aus: "Fahrer werden beschimpft und bedroht." Zudem sei die Zukunft unsicher, die Altersversorgung werde zum Leben kaum ausreichen. "Viele Rentner fahren deshalb noch."

Der Betriebsratsvorsitzende Zacharias Leis erklärt, dass viele Fahrer nur Zeitverträge hätten und der früher öffentlich finanzierte Personenbeförderungsschein jetzt oft selbst bezahlt werden müsse. "Das kann 5.000 bis 10.000 Euro kosten." Ihm ist die Pausenregelung besonders wichtig. Manche Schichten seien geteilt, "die eine Hälfte ab morgens um vier bis um acht, die andere vom Mittag bis zum Abend". Die Arbeitnehmer hätten so eine doppelte Anfahrt, könnten nicht ausschlafen. "Das ist einfach unmenschlich!" Er ist sicher, dass die Streikbereitschaft nicht sinken wird, wenn sich die Arbeitgeber "weiterhin kaum bewegen".