Medien

Ein bitterer Abschied

Im Berliner Verlag bleibt nichts, wie es war. Die Redaktionen von Berliner Zeitung und Berliner Kurier werden zerschlagen, viele Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz

Von Silke Leuckfeld

Ab März sollen die Berliner Zeitung und der Berliner Kurier gemeinsam in einem Newsroom an einem anderen Standort an der Alten Jakobstraße in Berlin produziert werden. Das Verlagsgebäude am Alexanderplatz wird geräumt. Als Vorhut arbeiten am neuen Standort schon jetzt die Online-Beschäftigten und die Hauptstadtredaktion. Dass nicht alle mitziehen sollen, war bereits im Oktober 2016 klar: 50 Arbeitsplätze weniger wird es dort geben, Teile der Verlagsgruppe werden außerdem verlagert oder aufgelöst, ein Call-Center wird sogar verkauft. Bitter für die Beschäftigten, die häufig seit Jahrzehnten am Alexanderplatz arbeiten. Wer bisher für eines der beiden Blätter arbeitete, konnte sich auf einen Arbeitsplatz im neuen Gebäude bewerben, allerdings ohne die Garantie, auch genommen zu werden.

Sozialplan und Abfindungen ausgehandelt

Rund 450 Bewerbungen von innen und außen sollen eingegangen seien. Noch laufen die Bewerberrunden. 140 Stellen gibt es am neuen Standort, 30 entfallen auf die bereits umgezogenen Onliner und die Hauptstadtredaktion, 100 bis 110 Stellen werden nur teilweise mit den Alt-Beschäftigten besetzt. Für die, die gehen müssen, haben der Betriebsrat und die Gewerkschaften die Höhe der Abfindungen und eine Qualifizierungsgesellschaft ausgehandelt.

Fast 18 Stunden dauerten die Verhandlungen in der letzten Runde, dann einigten sich der Betriebsrat und die Geschäftsleitung am 18. Januar auf eine freiwillige Vereinbarung und einen Sozialplan, der auch als Sozialtarifvertrag von den Gewerkschaften übernommen wird.

Die Beschäftigten, die unter diesen Sozialplan fallen, bekommen eine Abfindung. Nach dem Sozialplan wird ein halbes Bruttomonatsgehalt, multipliziert mit der Zahl der Betriebszugehörigkeitsjahre, gezahlt. Addiert wird ein Arbeitsmarktfaktor für Mitarbeiter zwischen 50 und 62 Jahren, der zwischen 2.000 und 15.000 Euro liegt. Wer bereit ist, sich bis zu einem festgelegten Termin mit dem Verlag zu einigen, erhält noch einmal 0,2 Gehälter drauf, dazu eine Prämie von 15.000 Euro. Das klingt im ersten Moment, als wäre es am Ende viel, doch die Abfindung muss versteuert werden, ein großer Teil des Geldes wird an den Fiskus fließen. Und vor allem: Der Arbeitsplatz ist weg. Zwar wird noch eine Qualifizierungsgesellschaft eingerichtet, in die die Beschäftigten für einen Zeitraum von bis zu zwölf Monaten wechseln können, doch danach droht ihnen die Arbeitslosigkeit.

Vereinbart wurde, dass Verlagsangestellten in der Zeit bei der Qualifizierungsgesellschaft 80 Prozent und Redaktionsbeschäftigten 70 Prozent ihres bisherigen Nettogehalts gezahlt werden.

"Wir sind mit dem Ergebnis zufrieden, auch wenn wir für die Verlagsbereiche gern mehr herausgeholt hätten", sagt die Betriebsratsvorsitzende Renate Gensch. "Aber jetzt haben die Beschäftigten von zehn verschiedenen Unternehmen, die teilweise nicht mal einen Sozialplan hätten durchsetzen können, eine Mindestabfindung nebst Transfermaßnahmen." Mehr sei trotz der harten Verhandlung nicht drin gewesen.

Wenn der "Neustart" nicht klappt

Einige Beschäftigte gehen jetzt freiwillig, sie wollen nicht unter den neuen Bedingungen arbeiten. Die beiden Blätter - die traditionelle Tageszeitung Berliner Zeitung und das Boulevardblatt Berliner Kurier - sollen mit ihren Online-Ausgaben künftig in einer gemeinsamen Redaktion entstehen. Im Extremfall schreibt dann ein Journalist zu einem Thema einen Artikel für die Berliner Zeitung, dann noch einen für den Berliner Kurier und jeweils noch einen Text für die beiden Online-Ausgaben - alles unter Zeitdruck, mit verschiedenen Schwerpunkten und in jeweils anderem Stil. Etliche Beschäftigte haben deshalb darauf verzichtet, sich auf die neuen Arbeitsplätze zu bewerben.

Und auch das ist noch nicht abschließend geklärt: Unter welchen Bedingungen wird künftig im neuen Newsroom gearbeitet? Die Gewerkschaften verhandeln mit dem Arbeitgeber über einen Tarifvertrag. Im Januar fand die erste Verhandlungsrunde statt, der nächste Termin ist erst im März geplant.

Ob das neue Konzept aufgeht, bleibt abzuwarten. Der Eigentümer der Verlagsgruppe, die DuMont Mediengruppe, hat den Komplettumbau eingeleitet, weil die Auflagen - und auch die Erlöse - im Sinkflug sind. Klappt der sogenannte "Neustart" nicht, befürchten einige Beschäftigte, dass die Blätter ganz eingestellt werden - und auch die jetzt noch Verbleibenden in den kommenden Jahren ihren Arbeitsplatz verlieren. Sollte es dazu kommen, ist fraglich, ob künftig noch so viel gezahlt wird wie im Moment. Auch deshalb nehmen einige lieber jetzt die Abfindung.