Feuerwehr

Die Bilder bleiben

Die Feuerwehrmänner brennen für ihren Beruf, aber der wird immer komplexer, weil sie schon lange nicht mehr nur zu Bränden und Unfällen ausrücken. Vor allem die zunehmende Gewalt ihnen gegenüber und das Versperren von Einsatzorten setzt den Feuerwehrleuten zu. Und immer geht ihr Blick wie bei den Erdmännchen nach oben zum Alarm

Wie im Film - wenn der Alarm schellt, müssen alle steil und tief die Rutschstange runter zum Einsatzwagen

Fotos: Bernd Hartung

Von Heide Platen

Es ist ein sonniger Wintertag im Februar. Und noch ist alles ganz ruhig bei der Feuerwache II, Bochum Mitte, mitten im Ruhrgebiet. Das Revier des Lösch- und Rettungsdienstes im halbrunden Klinkerbau zeigt den Besuchern, was es kann: Im Hof wird geübt, in den Hallen dürfen die blitzeblanken, riesigen Löschfahrzeuge bewundert werden. Der Bereitschaftsdienst hat sich im Obergeschoss zur morgendlichen Besprechung versammelt. Die Stimmung ist locker und freundlich, alle erzählen von sich, ihrer Arbeit, ihren Sorgen und Nöten, mehr aber noch von der Erfüllung und der Freude an ihrem Beruf. Wachvorsteher Stefan Nowak (47) hat den Besuch dorthin zur Kantine ins Obergeschoss geführt, vorbei an den Rutschstangen, die wirklich aussehen wie aus einem Film. Ja, da geht es steil und tief runter zu den Einsatzwagen. Nowak, ergrauendes Stoppelhaar, ein Bärtchen rund um den Mund, Lachfalten um die Augen, ist ein ausgeglichener Mann, der sich zwischendurch immer wieder Zeit nimmt, Fragen beantwortet, Scherze macht.

Hohe Ansprüche

Nowak ist gelernter Maschinenschlosser. Eine "der Feuerwehr dienliche", volle Berufsausbildung ist Bedingung dafür, die 18-monatige Zusatzausbildung überhaupt beginnen zu dürfen. Die körperlichen und medizinischen Eignungstests sind eine weitere Hürde: "Wir stellen hohe Ansprüche, aber die sind nicht unerreichbar." Ihm sei als Kind schon klar gewesen, dass er zur Feuerwehr wollte: "Ich wollte nie Lokomotivführer werden."

Anlass der Visite ist eine Studie, die die Akademie für Psychosomatik in der Arbeitswelt an der Röher Parkklinik (Eschwege) in Zusammenarbeit mit der ver.di-Fachgruppe Feuerwehr Nordrhein-Westfalen angestellt hat. Von Oktober bis Dezember 2016 lief eine Online-Befragung zu den Berufsbedingungen, der Stressbelastung und der Gefahr des Burnouts. Es antworteten 1.057 Teilnehmer, davon 813 aus der Berufsfeuerwehr. Dass rund die Hälfte seiner Kollegen in der Studie von Stress und erhöhter seelisch-körperliche Belastung berichteten, ist an diesem Morgen auf seiner Wache nicht zu merken.

Nowaks Stellvertreter Frank Hilbig (53) hat den Wandel der Zechenstadt Bochum miterlebt: "Die Schwerindustrie ging zurück, alles hat sich gewandelt." Die Aufgaben der Rettungs- und Feuerwachen sind gewachsen. Die meisten Rettungseinsätze erfordert der Straßenverkehr, dazu kommen technische Hilfeleistungen, "von der Ölspur auf der Straße bis zur Katze im Baum, einfach alles", und die Löscheinsätze vom Mülltonnen- bis zum großen Krankenhausbrand. Schadstoffe und neue Materialien erschweren die Arbeit. Die Feuerwehr ist außerdem zuständig für Brandschutz, Ausbildung und turnusmäßig vorgeschriebene Lehrgänge, Informationsveranstaltungen in Schulen und Kindergärten. Hilbig wünscht sich mehr Aufklärung schon von der ersten Kontaktaufnahme an. Ihre Notrufnummer sei eben die 112: "Viele wählen zuerst die 110 der Polizei."

"Wir gehen jedem Alarm nach"

Nowak sagt, dass das Anspruchsdenken in der Bevölkerung in den letzten Jahren gewachsen sei. Die berühmte Katze auf dem Baum, die sei da nur eine Variante. Das Tier komme meistens von selber wieder runter: "Ich habe noch kein Katzenskelett in einem Baum gesehen." Kinderstreiche, Fehlalarme durch defekte Anlagen kommen hinzu. "Wir gehen jedem Alarm nach." Beiden ist ein Fehlalarm dennoch lieber als ein zu spät ausgelöster. Kleine Brände werden oft unterschätzt.

Einsatz in der Innenstadt. Bei Sanierungsarbeiten wurde die Brandmeldeanlage durch den Baustaub ausgelöst. Der Einsatzleiter ist sauer, da bei Eintreffen noch Arbeiter in die Tiefgarage gehen

Obwohl die Feuerwehr "in der Beliebtheitsskala immer noch ganz oben" rangiere, fehle es, so Nowak, an Respekt: "Da hat sich so eine Antihaltung breit gemacht." Er erlebt allzu oft, dass Lösch- und vor allem Rettungspersonal von Patienten und deren Angehörigen angepöbelt und angegriffen wird. Betrunkene vergreifen sich an den Geräten, wollen mal den Schlauch anfassen oder ein Foto schießen. Außerdem häufen sich die Meldungen, dass die Helfer auf Autobahnen nicht zum Unfallort kommen können, weil die Autofahrer nicht gelernt haben oder nicht willens sind, Platz für die Rettungsgasse frei zu machen: "Die wissen es einfach nicht." "Gaffer" blockieren die Einsätze.

Oft aber rufen Menschen an, weil sie in ihrer Einsamkeit Angst bekommen: "Sie sind alleine, fühlen sich nicht gut und rufen den Rettungswagen." Der Familienzusammenhalt sei oft nicht da: "Die Menschen sind sehr, sehr einsam und unselbstständig. Sie wissen einfach nicht, was sie machen sollen." Nowak sieht die Steigerung der Belastungen auch in einer sich verändernden Gesellschaft: "Es sind oft nicht die Toten, die uns zu schaffen machen. Wir sehen, wie die Leute leben." Verrohung und Respektlosigkeit seien gewachsen. Er habe schon erlebt, dass Neugierige die Tücher von Unfallopfern hochheben, um zu fotografieren: "Jugendliche springen auf die Einsatzwagen auf, grölen und johlen."

An diesem ruhigen Tag müssen die Einsatzkräfte nur zweimal ausrücken. Einmal ist eine alte Frau in ihrer Wohnung gestürzt, ein aufmerksamer Nachbar hat das vom Fenster aus bemerkt. Das andere Mal ist es ein Fehlalarm an einem sensiblen Ort, in einer Tiefgarage mitten in der Bochumer Innenstadt. Hitze und Baustaub haben ihn ausgelöst. Die Feuerwehrleute sind froh, dass es dort nicht gebrannt hat, aber bei ihrer Rückkehr dennoch leicht angesäuert. Wieder war es so, dass Passanten die Zufahrt versperrten, im Weg standen und Selfies mit Löschfahrzeug fabrizierten. Die über der Garage liegenden Firmen und die Bauarbeiter haben sich ebenfalls nicht an die Notfallpläne gehalten. Sie hätten, Fehlalarm hin oder her, das Gebäude räumen müssen.

Übung und Überprüfung der Drehleiter auf dem Hof

Wie in einer Blase

Über Angriffe von außen klagen eigentlich fast alle Feuerwehrleute der Wache II, viel mehr als über andere Belastungen. Das deckt sich durchaus mit dem Ergebnis der Studie. Das größte Unbehagen bereitet auch dort allen Befragten die mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeit. Das nagt am Selbstwertgefühl. Stefan Nowak meint, dass auch die in langen Dienstjahren angesammelten Erfahrungen sich noch übertreffen können: "Nach 31 Jahren habe ich eine ganze Menge gesehen." Da gebe es Schlüsselerlebnisse, "die man nicht vergessen kann, die einen triggern: Mit zunehmendem Alter reagiert man ja auch anders." Mancher Erfahrungsbericht erinnere ihn an eine Szene aus dem Film Der Soldat James Ryan: "Da fällt Tom Hanks ins Wasser und erlebt alles wie in einer Blase."

Die Autorin der Studie "Seelenbrand?! Körperliche, seelische und mentale Belastung als Gesundheitsrisiko im Feuerwehrberuf, Diplom-Psychologin Katja Geuenich, verweist im Fazit der Studie darauf, dass die freiwillige Teilnahme einen "gewissen selbstselektiven Effekt" haben könnte. Es sei nicht unwahrscheinlich, dass "überproportional" Betroffene geantwortet haben. Das verzerre die Datenlage eventuell dort, "wo es um die Höhe bzw. Häufigkeit der Beschwerden geht, aber nicht dort, wo Zusammenhänge zwischen Stress und Risikofaktoren ermittelt werden". Zu oft hindere "die Schambarriere" Kollegen, offen über ihre Probleme zu reden. Fast die Hälfte der Befragten sah für sich erhöhte berufliche Belastungen, je fast ein Drittel berichteten über traumatische Erfahrungen und emotionale Belastungen durch das Miterleben von Schmerz und Leid. Bis zu 77 Prozent beklagten wachsende Gewaltbereitschaft, 53 Prozent berichteten, selbst schon verbal oder nonverbal angegriffen worden zu sein. Die psychische Belastung liege nach den Burnout-Screening-Skalen höher als bei der Normalbevölkerung.

Weiteres Fazit der Studie: Eigentlich leben Feuerwehrleute relativ gesund, der Krankenstand ist niedrig. Sie treiben viel Sport. Risikofaktoren sind Alkohol, und vor allem zu fettes Essen. Die häufigsten körperlichen Beschwerden, so das Ergebnis, sind Erkrankungen von Knochen und Gelenken und Verspannungen. Jeder Feuerwehrmann trägt beim Brandeinsatz Schutzkleidung und schweres Gerät. Das sei der Grund, so Wachvorsteher Nowak, warum zwar mittlerweile mehr Frauen im Rettungsdienst, aber eigentlich keine im Brandschutz eingesetzt werden: "Schleppen Sie mal mit der Ausrüstung noch einen Verletzten von 85 Kilo aus einem brennenden Zimmer." Deshalb bleibe der Löscheinsatz wohl auch weiterhin "eine ziemliche Männerdomäne".

Mittags dürfen sie selber Feuer machen

Nach der Mittagspause werden wie jeden Tag die Einsatzpläne besprochen, die hausinternen Aufgaben verteilt. In einer der Hallen trainiert eine Gruppe unter strenger Kontrolle für die turnusmäßig vorgeschriebene Eignungsprüfung des Rettungsdienstes. Vor dem Gebäude dröhnen die Kettensägen, eine willkommene Übung für die Auszubildenden. Sie beschneiden die Äste der Kastanien auf dem Grundstück und dürfen dafür mittags selber Feuer machen - beim gemeinsamen Würstchengrillen. Allen Kollegen ist deutlich anzumerken, dass sie ihren Beruf mögen und untereinander einen besonders guten Zusammenhalt haben. In der Kantine, auf den Gängen, in den Aufenthalts-, Schlaf- und Fitness-Räumen herrscht fast eine Atmosphäre wie in einer großen Wohngemeinschaft. Während der 24-Stunden-Schichten wird gemeinsam gelernt, trainiert, gespielt und gelesen. Die meisten sind mit der Arbeitszeit zufrieden, 24 Stunden Einsatz, 48 Stunden frei, sieben Schichten in drei Wochen. Das sei familienfreundlich.

Ihr Mittagessen kochen sich die Feuerwehrleute selbst. An diesem Tag gibt es in der Kantine "Männerportionen", riesige Schnitzel, Pommes und rote Paprikasoße. Zu fettes Essen? Die deftigen Brötchen am Morgen hatte Stefan Nowak gesund gelächelt: "Mett? Das heißt hier Feuerwehrmarmelade!" Die Wache II, sagt Zugführer Sven Zorn (32), sei "wie eine zweite Familie". Das allerwichtigste sei, sich im Ernstfall "100-prozentig aufeinander verlassen" zu können. Der ehemalige Industriemechaniker sammelte erste Erfahrungen bei der Freiwilligen Feuerwehr. Stress, meint er, gebe es nicht nur im Einsatz, sondern auch im Dienstalltag: "Es fehlt ganz stark an Organisation und mächtig an Personal."

Immer wieder müssen Engpässe ausgeglichen werden. Hart sei es auch, wenn in einer Schicht mehrere schwere Unfälle passieren. Auch er hatte seine Schlüsselerlebnisse. Da sei zum Beispiel das in einem Kleinwagen eingeklemmte Ehepaar gewesen: "Das hat mich belastet. Die Bilder werde ich nie vergessen." Er habe damals das Gefühl gehabt, "ich brauchte Urlaub". Mittlerweile sei das verarbeitet. Geholfen habe ihm aber nicht das hausinterne Team zur psychosozialen Unterstützung (PSU), sondern ein Pfarrer der Bochumer Notfallseelsorge. Er habe sich an neutraler Stelle alles von der Seele reden können und damit "eine sehr positive Erfahrung gemacht".

Manche Bilder von Einsätzen werden die Feuerwehrleute nicht mehr los

Sein Kollege Nils Hauptvogel (32), der nach seiner Ausbildung als Mechatroniker zur Feuerwehr kam, weil er einen abwechslungsreicheren Beruf suchte, sagt allerdings: "Den Stress macht man sich auch selber." Der Tod von Kindern geht ihm nahe, aber er versuche, solche Erfahrungen "nicht mit nach Hause zu nehmen."

Wenn er Probleme habe, sei es für ihn hilfreich, mit Kollegen darüber reden zu können. Sven Zorn bestätigt, dass die "Manöverkritik" nach dem Einsatz zur Verarbeitung beitrage. Jeder hier stelle sehr hohe Ansprüche an sich. Es tue gut, wenn man selbst mit sich unzufrieden sei, gesagt zu bekommen: "Das hast du gut gemacht!" Wenn er sich etwas wünschen könnte, wäre es eine Umstrukturierung, durch die Lösch- und Rettungsdienst deutlicher getrennt werden könnten.

Beide haben, ebenso wie ihr Chef, die Erfahrung gemacht, dass die Hemmschwelle, die Feuerwehr anzurufen, rapide gesunken sei. Hauptvogel sagt: "Da hat wer Kopfweh und ihm ist ein bisschen übel und schon ruft er an. Die verwechseln uns mit dem ärztlichen Notdienst." Manches empfinden die Feuerwehrleute mehr als dreist, zum Beispiel, wenn sich Patienten den Gang zum Arzt, die Wartezeit sparen oder nur ein Rezept wollen.

Wenn die zweite Lampe von links blinkt

"Eigentlich geht es uns doch trotzdem gut hier. Manchmal jammern auch wir auf hohem Niveau", sagt Sven Zorn. Dennoch: Ganz entspannt könne man nie sein: "Ich schlafe hier anders als zu Hause." Immer muss mit Alarm gerechnet werden: "Wir gucken immer nach oben wie die Erdmännchen." An den Decken hängen die Lichtleisten, die signalisieren, welcher Einsatz gefordert ist: Bei rot brennt es, gelb gilt dem Rettungsdienst, blau der technischen Hilfe. Wenn die zweite Lampe von links blinkt, bedeutet das, dass Menschenleben in Gefahr sind. Die akustischen Signale bleiben auch nach der Dienstzeit in den Köpfen der Feuerwehrleute: Der Gong bei einem schwedischen Möbelhaus und der in einem Einkaufszentrum klingen für sie wie der Einsatzalarm.

Laut der Studie wünschen sich die meisten Befragten eine bessere Information über die psychosoziale Unterstützung, mehr Gesundheitsfürsorge, Entspannungs- und Deeskalationstraining und ein früheres Renteneintrittsalter. Zu gesicherten Erkenntnissen über notwendige Maßnahmen seien jedoch, so Katja Geuenich, Langzeitstudien erforderlich. Wenn Stefan Nowak einen Wunsch frei hätte, dann den, "dass die Politik grundsätzlich versteht, warum wir mehr Personal fordern".

Die Anforderungen seien immer mehr gewachsen, das Personal dem aber nicht angepasst worden. Die Wichtigkeit der Feuerwehr erkenne die Gesellschaft immer erst im Ernstfall: "Das ist wie bei den Versicherungen. Solange wir sie nicht brauchen, kommen sie uns teuer vor."

 

Ausgebrannt

Ende letzten Jahres fragte die ver.di-Fachgruppe Feuerwehr in Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit der Röher Parkklinik Akademie online und anonym nach den Berufsbelastungen von Feuerwehrleuten. Die Stressbelastung im Beruf lag für 47 Prozent der 1.057 Teilnehmer über derjenigen der Normalpopulation. Eine erhöhte seelisch-körperliche Belastung wurde bei 50 Prozent ermittelt. Die meisten (86 Prozent) der Feuerwehrleute identifizierten sich sehr mit ihrem Beruf. Für burnout-gefährdet hielten sich 44 Prozent aller Befragten. 81 Prozent berichteten über körperliche Einschränkungen, die entweder aufgrund ihrer hohen Intensität oder Anzahl mit Leidensdruck verbunden sind. Für 13 Prozent galt dies in hohem bis sehr hohem Ausmaß. Zufriedenheit mit der betrieblichen Gesundheitsfürsorge war bei 27 Prozent gegeben. Die Ergebnisse stützen die hohe Bedeutung, die das Zusammenwirken von körperlichen und emotionalen Faktoren auf die Gesamtgesundheit und Leistungsfähigkeit hat.