Schlecker

Die Familienbande

Fünf Jahre nach der verheerenden Insolvenz des Drogerie-Imperiums wird abgerechnet. Der Unternehmer Anton Schlecker, seine Familie und zwei Wirtschaftsprüfer sind des vorsätzlichen Bankrotts angeklagt. Am 6. März hat in Stuttgart die Verhandlung begonnen

Die Schleckers, eine schrecklich nette Familie: In jeder Filiale musste im Büro ein Portrait von Anton Schlecker (2. von links) hängen

Fotos: ddp images, stratenschulte/dpa

Von Jenny Mansch

Diesen Satz hätte sie wohl besser nicht gesagt: "Es ist nichts mehr da, haben Sie das noch nicht verstanden?!", schnauzte Meike Schlecker, im Unternehmen für die Kommunikation zuständig, einen Journalisten an. Der hatte nochmal nachgefragt nach dem Privatvermögen der Unternehmerfamilie. Das war am 30. Januar 2012, und soeben war der entsetzten Öffentlichkeit mitgeteilt worden, dass das Unternehmen Schlecker Insolvenz anmelden musste und 25.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stünden. Mit Meike Schlecker war zum allerersten Mal jemand aus der Familie vor die Öffentlichkeit getreten, die Pressekonferenz fand in den Räumen der Ehinger Firmenzentrale statt. Anton Schlecker, der Verursacher der ganzen Misere, blieb dem Medienspektakel fern und schickte seine Tochter an die Front.

Entsprechend aufgeregt saß Meike Schlecker an jenem Januartag zwischen Arndt Geiwitz, dem Insolvenzverwalter, und Semi Sagur, dem Finanzvorstand von Schlecker, und bekräftigte: "Nochmal. Ich will mich hier nicht beschweren, wir werden zurechtkommen. Aber - es ist kein signifikantes Vermögen mehr da, das dem Unternehmen hätte helfen können, sonst hätten wir die Insolvenz nie angemeldet. Das können Sie mir wirklich glauben, sonst würde ich hier nicht sitzen."

Fünf Jahre, 204 Leitz-Ordner mit Ermittlungsakten und über 150 Kartons voller Beweismittel später, glaubt ihr die Staatsanwaltschaft Stuttgart jedenfalls nicht mehr. Sie hat im April 2016 Anklage wegen vorsätzlichen Bankrotts erhoben. Strafmaß: Bis zu zehn Jahre Haft. Viele hatten es vermutet, keiner wusste es genau: Die Familie soll doch noch kurz vor der Schlecker-Pleite rund 20 Millionen Euro in 36 Fällen beiseite geschafft haben. Während 25.000 überwiegend weibliche Beschäftigte vor der unverschuldeten Arbeitslosigkeit und völligen Verzweiflung standen.

Falsche Bilanzierung

Die Anklageschrift gegen Anton Schlecker, seine Kinder Meike und Lars sowie seine Ehefrau Christa, umfasst 270 Seiten. Mitangeklagt sind die beiden Schlecker-Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young, Professor Klaus R. Müller und Lothar Arnold. Sie sollen gegen ihre Berichtspflichten verstoßen haben und "die falsche Bilanzierung von Anton Schlecker zwar erkannt, aber keine Einwände erhoben, sondern attestiert haben, dass die Jahresabschlüsse 2009 und 2010 den gesetzlichen Vorschriften entsprachen", so die Anklage. Den beiden droht eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Lars und Meike Schlecker wird vorgeworfen, mittels einer Tochterfirma Geld abgezogen zu haben und Mutter Christa schnell noch mit 50.000 Euro für nie geleistete Beratertätigkeiten bedacht zu haben.

Kurz nach der Anklageerhebung im vergangenen April schnüffelte die Bild-Zeitung den vielen Gerüchten um den Lifestyle der Schleckers nach, was wohl nicht allzu schwer war. Denn Anton Schlecker fährt unverdrossen seinen Porsche 997 durch Ehingen, zugelassen auf seine Frau Christa, die selbst einen Aston Martin ihr Eigen nennt. Meike Schlecker lebt heute in einem Luxus-Appartement in London, das rund zehn Millionen Euro wert sein soll. Ihr Bruder Lars lebt im teuren Berliner Scheunenviertel. Das Ehepaar Schlecker bewohnt nach wie vor die Familienvilla in Stuttgart, die Christa Schlecker wie durch Zauberhand aus der Insolvenzmasse zurückkaufen konnte. Preis: 10 Millionen Euro.

Wie konnte es so weit kommen? Das fragten sich fast alle. Bis auf die Beschäftigten und die Betriebsrätinnen. Die wussten ziemlich genau, wie es so weit kommen konnte, doch auf sie hatte vorher niemand gehört. Als besonders fatal hatte sich die unzeitgemäße Unternehmensform von Schlecker erwiesen. Hier flog seit Jahrzehnten ein Unternehmer als "eingetragener Kaufmann" eines viel zu großen Unternehmens unter dem Radar jeglicher Wirtschaftsaufsicht. Er hatte weder eine Veröffentlichungspflicht von Gewinn-und Verlustrechnungen, noch sah er eine unternehmensinterne Kontrollinstanz vor, außerdem verbat er sich stets eine Einflussnahme des Gesamtbetriebsrats. Mitreden durfte dieser erst, als es um die verheerenden sozialen Folgen der einsam von Anton Schlecker getroffenen wirtschaftlichen Entscheidungen ging. Sie durften nur noch den Dreck wegräumen, den Schlecker ihnen hinterlassen hatte.

Die Bücher der Buchhaltung existierten meist nur in Anton Schleckers Kopf, weshalb die Sichtung und Aufarbeitung sowohl die Insolvenz sträflich verschleppt hatte, als auch die Klärung der Verhältnisse durch die Staatsanwaltschaft in die Länge von fünf Jahren zog.

Bitter für die Beschäftigten

Die Hoffnung, die Meike Schlecker und Insolvenzverwalter Geiwitz noch im Januar 2012 bei der Pressekonferenz äußerten, zerschlug sich schnell. Das Unternehmen Schlecker ließ sich nach der ebenfalls chaotisch verlaufenen Insolvenz nicht mehr retten. Die 2010 durch die Geschwister Meike und Lars gestartete Neustrukturierung der Schlecker-Läden war zu spät gekommen, war zu halbherzig und unausgegoren. Die Lieferanten blieben auf ihren Forderungen sitzen, und in zwei großen Schüben verloren erst im März 2012 rund 14.000 Mitarbeiterinnen ihren Job, im Juni schließlich gingen die weiteren 11.250 Frauen und schlossen die letzten Filialen ab. Für sie war das Ganze besonders bitter. Auch die Politik ließ sie im Stich. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler von der FDP verhinderte die Bürgschaft des Staates für eine Transfer­gesellschaft. Die hätte die Tausenden von Frauen auffangen und ihnen einen schmerzloseren Übergang in eine andere Beschäftigung sichern können. Das war der FDP nicht "mündig" genug, und so standen 25.000 Frauen vor einer unsicheren Zukunft in prekärer Beschäftigung durch Teilzeit, Minijob und Befristung, wenn sie überhaupt noch einen Job bekamen. Die Frauen waren arbeitslos und mussten gehen.

Die Frauen wehrten sich beständig

Dabei hatten sie sich gute Arbeitsbedingungen und Tarifverträge über die Jahre hart erkämpft, und die meisten arbeiteten gern "Für Sie vor Ort" in den Kiezen. Seit 1995 hatte Schlecker widerwillig Betriebsräte akzeptiert, wurde aber schon 1998 wegen Lohnbetrugs verurteilt: Er hatte seine Beschäftigten belogen und sie untertariflich bezahlt. Gegen all dies wehrten sich die Frauen beständig: "Die Schlecker-Frauen sind immer noch und trotz allem ein Beispiel für gewerkschaftliche Kraft und die Vision, mitzuhelfen, unsere Gesellschaft zu verändern", schreibt Achim Neumann von ver.di im Vorwort zu Der Fall Schlecker.

Doch die Schikanen gingen weiter. Die Frauen wurden kontrolliert und behindert, wo es nur ging. Auf ihren Rat, wenn es um das Sortiment ging, pfiffen die Schleckers. Abmahnungen, fiese Testkäufe, Kontrollen und null Kommunikation über die Bedürfnisse der Filialen machten allen Frauen das Leben schwer. Die Läden waren klein und veraltet. Als sich die Überfälle auf die Frauen in den unüberwachten und zum Schluss mit nur noch einer Verkäuferin ausgestatteten Läden häuften, verschlechterte sich das Image der Kette zusehends. Dann fehlte nur noch der Wirbel um die Gründung der eigenen Leiharbeitsfirma Meniar, mit der man die Löhne weiter drücken wollte, und die Kunden blieben aus. Sie gingen zur Konkurrenz, zu dm und Rossmann, die ständig in ihre Läden investiert hatten und attraktiver waren als die winzigen Schlecker-Läden in wenig besuchten Seitenstraßen. Die sahen nur billig aus, waren es aber nicht.

Und Kaufmann Schlecker, der sein Geschäftsmodell auch darauf begründet hatte, die Lieferanten erst dann zu bezahlen, wenn die gelieferte Ware verkauft war, agierte im Schneeballsystem vor sich hin, bis schließlich die Pleitenlawine ihn und 25.000 Frauen vom Platz fegte.

Nach der Zerschlagung des Unternehmens musste Anton Schlecker 10,1 Millionen Euro zahlen und war damit zivilrechtlich aus dem Schneider. Dann fiel Meike Schleckers berühmter Satz, es sei nichts mehr da. Die Vermieter der vielen Läden bekamen ihre Mieten, einige Lieferanten bekamen Geld zurück. Die Mitarbeiterinnen, die seit Insolvenzverkündung bangten, wie es mit ihnen weitergehen würde, bekamen nur die Kündigung, und die kam per Fax. Bis zum Ende der Schlecker-Läden haben die Frauen ihren Chef nie zu Gesicht bekommen. Nur seine Frau Christa war manchmal aufgetaucht. Um inkognito die Läden und die Beschäftigten auszuspionieren. Die letzten 11.000 Schlecker-Frauen aber zogen bis Juni 2012 tapfer noch mehrere stressige Ausverkäufe mit teilweise defekten Computersystemen durch, stellten sich den Fragen der Kunden, tippten jeden Preis einzeln in ihre Kassen, sie weinten und schlossen die letzten knapp 2.200 Läden von einstmals 10.600 am 8. Juli 2012 für immer ab. Ihnen bringt nun auch die strafrechtliche Abrechnung mit Schlecker nichts mehr. Außer vielleicht ein entfernt schimmerndes Gefühl von Gerechtigkeit.