Houston

Cowboys im Weltall

Im Osten Texas begegnen sich All und Erde. Zu Besuch im Houston Space Center und auf dem Houston Livestock Rodeo

Von Jenny Mansch

In die Schwerelosigkeit reisen - ein bisschen wird das wahr im Houston Space Center

Foto: Andre Luetzen/laif

Die Reise ins All beginnt in einer Bimmelbahn. Wer sich im Vorfeld bereits online ein Time-Ticket für das Houston Space Center besorgt hat, kann an den langen Schlangen wartender Schülergruppen und internationaler Touristen vorbeigehen und gleich in der offenen Tram Platz nehmen. Sie fährt die Besucher / innen über das riesige Gelände des Ausbildungs- und Trainingszentrums, auf dem früher Rinderherden grasten und heute die Astronauten von morgen ausgebildet werden. Das Space Center von Houston ist das offizielle Besucherzentrum des benachbarten Lyndon B. Johnson Space Center, das seit 1961 die bemannte Raumfahrt der NASA koordiniert.

Die erste echte Attraktion wartet gleich am Eingang, der Independent Plaza; die Kameras klicken und Münder formen ein ehrfürchtiges Wow! Dort steht das Space Shuttle, eine Rekonstruktion der Space Shuttle-Raumfähre, die auf die Original NASA 905 montiert ist, einer Boeing 747. Mit dem Shuttle wollten sich die Amerikaner in den 70er Jahren im Wettlauf mit den Sowjets im All wieder in Stellung bringen. Nach Budget-Kürzungen der Regierung war jahrelang kein amerikanischer Astronaut mehr im All unterwegs gewesen.

Mit herzförmiger Klobrille ins All

Das Space Shuttle sollte Spionagesatelliten in die Umlaufbahn, aber auch Mann und Fracht zur ISS-Raumstation bringen. Durch die Wiederverwendbarkeit der abenteuerlichen Konstruktion einer auf ein Flugzeug geschraubten Raumfähre wollte man ganz einfach Geld sparen, was sich aber nie ausgezahlt hat. Gebaut in Kalifornien, musste die Zweierkombination 1981 zum ersten Start nach Florida verbracht werden, um dort mit dem Außentank verbunden und dann ins All geschossen zu werden.

Um das Gewicht der Doppelkonstruktion zu reduzieren, wurden dem Flugzeug sämtliche Isolierungen entrissen. Das sieht der Besucher im Innern von Boeing und Raumgleiter. Der 8-köpfigen Mannschaft hatte man zwar eine Art Tischensemble zur Geselligkeit gebaut, erinnert haben sich die Astronauten aber an den kältesten Flug ihrer Laufbahn.

"Mama, ich will nicht ins All!", klagt hinter uns auf den Stufen zum Raumgleiter ein kleiner Junge. "Keine Sorge, wir gucken uns das ja nur an", versucht die Mutter zu beruhigen. Erst der große Bruder schneidet die Diskussion ab und stellt fest, wie cool das doch wäre, jetzt damit in den Weltraum abzuheben. Kurz darauf stehen beide Jungs staunend vor der herzförmigen und recht kleinen Klobrille der Astronauten, sie sehen, wo sie geschlafen und gearbeitet haben. Und sie staunen über die vielen völlig analogen Hilfsmittel und Werkzeuge, die mit Alufolie abgeklebten Röhren und Kabel.

Der nächste Stopp mit der Bimmelbahn erinnert an Szenen aus dem Kino. Hinter der Scheibe des Mission Control Centers, der Bodenstation, saßen die Ehefrauen der Astronauten und barmten um die sichere Rückkehr ihrer hochfliegenden Ehemänner. Heute können hier die Besucher Platz nehmen und sich alles genau ansehen. Ein Ingenieur erscheint und erklärt, dass man diesen Raum nur noch für das jahrelange Training der Mitarbeiter verwendet. Erst, wenn sie alles aus dem Effeff beherrschen, werden sie im neuen Mission Control Center im Lyndon B. Johnson Center eingesetzt.

Weiter geht's zur Saturn 5, der Mondflugrakete, die am 14. Mai 1973 die Raumstation Skylab ins All brachte und danach einige Jahre in der Wüste herumgelegen hatte. Die Ausmaße dieser Rakete muss man sich schon erlaufen - rennt man daran entlang, kommt auch ein sportlicher Mensch aus der Puste, bevor er endlich bei den gigantischen Triebwerken angekommen ist.

Vor der Halle treffe ich auf das Ehepaar Randy Jay und Judy Brown. Beide tragen das gleiche T-Shirt, darauf steht im übertragenen Sinne: "Ihr könnt uns gar nichts, wir sind in Rente." Die beiden streiten sich gerade mit Judys Bruder Jerry, weil der Trump gewählt hat. Judy und ihr Mann sind beide Kriegsveteranen und haben Angst um ihre Krankenversicherung, über die ihre Kinder mitversichert sind. Sie sind von Obamacare überzeugt. "Ausgerechnet mein dicker Bruder ist gegen Obamacare, obwohl er mit seiner Leibesfülle bei Trump als ,vorbelastet' gilt und die ihn bald ordentlich schröpfen werden", ärgert sich Judy Brown.

Mit Fransenjacken zum Rodeo

An anderer Stelle der Stadt strömen geschätzt alle Cowboys und Cowgirls des Landes in die NRG-Halle zum Houston Livestock Show and Rodeo. Selbst die Kleinsten tragen Fransenjacken, Hüte und Cowboystiefel, oft im Partnerlook mit den Eltern. Das einwöchige Spektakel im März will in Texas niemand verpassen. In der Halle hatte erst im Februar der NFL-Superbowl stattgefunden, zu dem Lady Gaga eigens von der Decke hereingeschwebt kam. Heute liegt alles voller Sägespäne, in einem abgetrennten Teil drängeln sich schon die Schafe und warten auf das "Mutton bustin", das Schafe-Reiten des Rodeo-Nachwuchses.

Autsch - Rodeo in Houston

Foto: UPI/laif (unten)

Der Sound der Halle ist ein unglaubliches Getöse, eine Mischung aus Hardrock, der aus den Boxen knallt, der Stimme des Stadionsprechers und knallender Gatter, die sich hinter den furchteinflößend energetischen Rindern schließen. Sie öffnen sich erst, wenn der Cowboy nicht etwa auf ihnen sitzt, sondern auf dem Rücken liegt. Ein Tipp an den Cowboyhut und auf geht die Tür.

Mit Gewalt bäumt sich der Bulle auf, immer wieder wird der Reiter mit dem Rücken auf die Wirbelsäule des Bullen geschleudert wird. Ich möchte ihnen am liebsten ein Wärmepflaster reichen. Auf jeden Fall wünsche ich ihnen eine Krankenversicherung. Acht Sekunden müssen sich die Männer hoch und runterschleudern lassen, dann haben sie es geschafft. Nicht selten haben sie am Ende der Woche 50.000 Dollar verdient. Die wenigsten von ihnen arbeiten heute tatsächlich noch als Cowboys, für die meisten ist Rodeo ein Hobby.

In der Halle nebenan kann man sich die tierischen Protagonisten ansehen, gerade werden die Showbullen für morgen schön gemacht. Sie werden gestriegelt und gefönt, einige noch ein wenig in Form geschoren. Ist das nicht alles ein Riesenstress für die Tiere? "Nein", versichert der Pfleger in gelassenem Ton, "das stört die gar nicht. Die denken nur an ihre nächste Futterration." Dennoch steht draußen vor dem Eingang eine Demonstrantin von der Tierschutzorganisation PETA.

In der Lobby der Halle bietet ein gepflegter Cowboy seine Dienstleistung an. Er pimpt mit Dampf und seinen Händen alte Cowboyhüte auf. Gerade formt er einen gebrauchten Hut so, dass die Spitze wieder sitzt, wie sie soll. Mit einer schwungvollen Geste, in der Stolz und auch Eleganz seines Berufsstandes zum Ausdruck kommen, reicht er das fertige Produkt dem Kunden, einem älteren Texaner. Der setzt ihn sich auf, sieht herüber und fragt lachend: "How ya like me now?" Na, wie gefalle ich dir jetzt?

Mit fünf Jahren aufs Schaf

Vor dem Auftritt des Countrysängers Brad Paisley - vor ihm haben hier die Tage bereits Willie Nelson und ZZ Top gespielt - muss der hartgesottene Nachwuchs ran. Die Schafe stehen inzwischen bereit. Die fünf- bis zehnjährigen Reiter knabbern nervös an den Fingernägeln, der erste sitzt ohne Sattel auf und krallt sich in die Wolle, das Gatter öffnet sich. Das Schaf rast pfeilschnell in die Arena und wirft sich und den Reiter hin und her.

Die Texaner jubeln begeistert, als schließlich ein Sechsjähriger den Wettbewerb gewinnt. In ein paar Jahren wird auch er, das ist Tradition, die großen Bullen reiten. Und hat dann hoffentlich eine Krankenversicherung.

 

Anreise - z. B. mit British Airways über London Heathrow.

Hotel - z. B. Hotel Derek, 525 West Loop S, Houston, TX 77027, USA, www.hotelderek.com

Lektüre - Peter Meyer: Der erste Sohn (btb Verlag)

Musik: Willy Nelson, Wayne Jennings, Brad Paisley 

Links - Space Center Houston: http://spacecenter.org

Für Gruppenreservierungen: +1 281-283-4755; info@spacecenter.org

Houston Livestock Show and Rodeo:
www.rodeohouston.com
www.visithouston.com
www.visittexas.com