Ecuador

Moderne Sklaverei

Interview mit Jorge Acosta. Der 57-Jährige war Pilot und versprühte Pestizide über Bananenplantagen in Ecuador - bis er die Gewerkschaft Astac gründete

Unterstützerinnen von Astac fordern: "Lidl, deine Zulieferer verseuchen unsere Umwelt. Wann ist damit Schluss?"

Foto: Katja Herold/Oxfam

ver.di publik - Vom Pestizidpiloten zum Gewerkschafter - wie verlief dein beruflicher Weg?

Jorge Acosta - Zuerst war ich Pilot beim Militär, danach bei einer Fluggesellschaft, schließlich arbeitete ich als Pestizidpilot in Ecuador. Das war übrigens mein am besten bezahlter Job.

ver.di publik - Welche Erfahrungen hast du als Pestizidpilot gemacht?

Acosta - Als ich anfing, wurden noch nicht so viele Pestizide eingesetzt. Es gab noch Regionen, in denen nur Öl gespritzt wurde. Ich habe überall in Ecuador gearbeitet, wo Bananen angebaut werden, sechs bis sieben Tage pro Woche. Im Laufe der Zeit wurden immer aggressivere Pestizide verwendet, schließlich hatte ich die ersten Gesundheitsprobleme.

ver.di publik - Was hast du dann unternommen?

Acosta - Ab 2008 bekamen viele Arbeiterinnen und Arbeiter Gesundheitsprobleme. Deshalb begann ich mit einigen Kollegen, auf eigene Faust die Auswirkungen der Chemikalien zu untersuchen. Wir fanden heraus, dass die Symptome durch das Pestizid Mancozeb hervorgerufen wurden. Wir Piloten litten unter Schwindel, Herzrasen, verschwommenem Sehen und sogar Ohnmachtsanfällen. Meistens traten die Symptome einige Stunden nach dem Sprühen von Mancozeb auf.

ver.di publik - Wie bist du in Kontakt mit den Arbeiterinnen und Arbeitern auf den Plantagen gekommen?

Acosta - Ich veranlasste in den USA eine Klage gegen Pestizidunternehmen, die diese Informationen verheimlicht hatten. Diese Nachricht motivierte viele Plantagenarbeiterinnen und -arbeiter, sich an mich zu wenden. Ich hörte ihre Geschichten über die Ausbeutung auf den Plantagen, Rechtsverletzungen und Krankheiten und sah, wie viele Menschen im Elend leben, obwohl sie im zweitwichtigsten Wirtschaftssektor Ecuadors arbeiten und die Unternehmen täglich reicher werden.

Jorge Acosta

Foto: Katja Herold/Oxfam

ver.di publik - Wie kam es dann zur Gründung der Gewerkschaft?

Acosta - Ich sagte den Arbeitern, dass sie ihre Lage nur verbessern können, wenn sie sich zusammenschließen. Doch die Erfahrungen bei der Gründung von Gewerkschaften in einzelnen Unternehmen waren sehr schlecht. In Ecuador können Gewerkschaften bisher nur auf Betriebsebene gegründet werden. Wenn es dazu kommt, werden Gewerkschaftsmitglieder oft verfolgt. Wir versuchten, diesmal größere Gewerkschaften zu gründen, mit Mitgliedern von unterschiedlichen Plantagen, aber allen wurde die Registrierung durch die Arbeitsbehörden verweigert. 2014 entschieden wir uns dann, mit Unterstützung der belgischen Gewerkschaft FOS die Gewerkschaft Astac für den gesamten Bananen-Sektor zu gründen.

ver.di publik - Und hat das geklappt?

Acosta - Astac hat drei Betriebsgewerkschaften bei der Gründung unterstützt. In zwei Fällen wurden sogar Killer beauftragt, um Aktive einzuschüchtern und die Gewerkschaften aufzulösen. Auch die dritte Gewerkschaft hatte Schwierigkeiten zu arbeiten. Anfang Juni hat aber sogar die Internationale Arbeitsorganisation, ILO, die ecuadorianischen Regierung aufgefordert, Astac anzuerkennen und die Gesetze zugunsten sektoraler - betriebsübergreifender - Gewerkschaften zu ändern. Aufgrund der restriktiven Gesetzeslage ist Astac jedoch bisher nur als Verein registriert.

ver.di publik - Was könnt ihr tun?

Acosta - Wir wollen sichtbar machen, welche Zustände in der Bananenproduktion herrschen, die sozialen und Umweltprobleme in die Öffentlichkeit bringen. Abgesehen von Klagen gegen die Kinderarbeit im Jahr 2000 sind die Rechtsverletzungen und die ungerechte Behandlung der Arbeiterinnen und Arbeiter noch zu wenig bekannt. Zu unseren Erfolgen zählen deshalb einige Reportagen im europäischen und ecuadorianischen Fernsehen und der Bericht des UN-Sonderberichterstatters, der sich mit uns getroffen hat. Er hat festgestellt, dass in Ecuador auf den Bananenplantagen eine "moderne Form der Sklaverei" existiert. Ein weiterer Erfolg ist, dass die Defensoria del Pueblo, die nationale Ombudsstelle in Ecuador, aufgrund der Beschwerden von Astac die Menschenrechtsverletzungen und Umweltverbrechen auf den Plantagen in einem offiziellen Beschluss bestätigt hat. Wir versuchen außerdem, die Aufmerksamkeit von EU-­Abgeordneten für unsere Themen zu gewinnen, und haben einen Beitrag zum Untersuchungsbericht 2017 der UN-Menschenrechtskommission eingereicht. Darin haben wir über die fehlende Gewerkschaftsfreiheit berichtet.

ver.di publik - Ihr habt im Mai in einem Schreiben an Lidl Deutschland von der Geschäftsführung gefordert, sich für die Rechte der Bananarbeiter/innen einzusetzen. Gibt es eine Antwort?

Acosta - Nein, Lidl hat noch nicht geantwortet. Ohne die Bananen-Unternehmen und unsere Regierung aus der Pflicht zu entlassen, glauben wir aber, dass Lidl und andere Discounter Kunden gewinnen, indem sie viel zu niedrige Preise für unsere Bananen bezahlen. Der Handel basiert auf Ungerechtigkeit. Das ist ein zentraler Grund für die Ausbeutung und die Umweltverschmutzung - nicht nur in Ecuador. Damit haben wir Lidl konfrontiert. Aber auch die Konsumenten sollten Lidl zur Rechenschaft ziehen. Lidl verkauft ihnen unsere Bananen mit Hilfe scheinbar nachhaltiger Zertifizierungen. Ich vertraue den Konsumenten und denke, dass sie ebenfalls reagieren werden.

ver.di publik - Was tut ihr für die Beschäftigten auf den Plantagen?

Acosta - Wir arbeiten auch mit der Kampagne Make Fruit Fair von Oxfam Deutschland zusammen, und mit der Unterstützung von FOS und Oxfam Deutschland veranstalten wir Schulungen über Arbeitsrechte, Gewerkschaftsfreiheit, Gesundheit, Umwelt und Geschlechtergerechtigkeit. Astac bietet auch kostenlose Rechtsberatungen für die Arbeiter an.

ver.di publik - Was hat dich persönlich bei euren Recherchen auf den Bananenplantagen besonders aufgewühlt?

Acosta - Es gibt wirklich noch Sklaverei dort. In den Gemeinden, die in den Plantagen liegen, haben die Männer und Frauen keine andere Möglichkeit, überhaupt Arbeit zu finden. Das nutzen die Unternehmen aus. Die Arbeiterinnen und Arbeiter müssen unmenschliche Behandlung und Umweltverschmutzung ertragen. Unsere Stärke liegt darin, dass die Bananenarbeiter durch ihre Erfahrung zu Spezialisten werden. Sie sind die Produzenten. Vielleicht wird Astac von den Bananen-Unternehmen auch deswegen gefürchtet.

ver.di publik - Wie viele Mitglieder hat Astac derzeit?

Acosta - Wegen unserer Aktionen für ihre Rechte haben viele Arbeiterinnen und Arbeiter Vertrauen zu Astac gewonnen. Wir haben zurzeit zirka 1.000 Mitglieder. Das ist noch keine große Anzahl, aber wir haben schon viel bewegt und hoffen, dass wir weiter wachsen werden, wenn Astac erstmal offiziell als Gewerkschaft registriert ist.

ver.di publik - Was sind eure weiteren Vorhaben, was plant ihr?

Acosta - Ich bin froh, dass Astac täglich stärker wird, dass wir unsere Anträge bei Behörden einreichen können, einen nachhaltigeren Bananenanbau fordern und die Bio-Produktion unterstützen. Die wichtigste Aufgabe von Gewerkschaften hier ist, darüber zu wachen, dass die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter respektiert werden. Zertifizierungen können die Menschenrechte nicht garantieren. Für Lidl und die anderen Märkte sind die Zertifizierungen im Gegensatz zu den Gewerkschaften eine praktische Lösung. Unser langfristiges Ziel sieht so aus: Wenn die Gesetzeslage in Ecuador sich geändert hat und sektorale Gewerkschaften zugelassen sind, werden wir für den ganzen Sektor die drei wichtigsten Aspekte verhandeln: Arbeitsrechte, Umweltrechte und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Ecuador ist der größte Bananen-Produzent weltweit - und wir wollen, dass Astac die größte Gewerkschaft in der Bananen-Industrie wird. In Ecuador sind 200.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in ihr beschäftigt. Wir wollen von den Unternehmen als gleichberechtigte Verhandlungspartner akzeptiert werden.

Interview: Claudia von Zglinicki; Dolmetscherin: Eva Vayhinger

 

Billige Bananen

In Ecuador gibt es 5.700 Bananenplantagen, viele haben weniger als 30 Arbei­ter/innen direkt angestellt - die gesetz­liche Mindestzahl, um eine Gewerkschaft zu gründen. Tausende Arbeiter/innen sind über Subunternehmen beschäftigt.

Im Rahmen der Kampagne "Make Fruit Fair" untersuchte Oxfam mit Astac und weiteren Organisationen die Arbeitsbedingungen auf Ananas- und Bananenplantagen in Ecuador und Costa Rica. Die Ergebnisse wurden 2016 in der Studie "Süße Früchte, bittere Wahrheit" veröffentlicht.

Im Juni 2016 trafen sich die Oxfam-Mitarbeiter und Gewerkschafter von Astac mit Vertretern von Lidl Deutschland und forderten sie auf, auf den Plantagen, die Lidl beliefern, zu besseren Arbeitsbedingungen und zur Durchsetzung der Menschenrechte beizutragen.

Das Unternehmen erklärte, Menschenrechte seien ihm wichtig, es konnten jedoch keine konkreten Vereinbarungen zum Thema Gewerkschaftsrechte getroffen werden.

Nach erneuten Untersuchungen auf den Plantagen wandte sich Astac 2017 erneut an Lidl. In dem Schreiben heißt es: "Leider müssen wir Sie darüber informieren, dass auch nach einem Jahr auf den Plantagen, von denen Sie Bananen beziehen, die Arbeitsbedingungen schlecht und die Menschenrechtsverletzungen gravierend sind... Die Löhne der meisten Arbeiter/innen reichen nicht aus... Sie sind durch den Einsatz hochgiftiger Pestizide ständig in Gefahr. Arbeiter/innen, die sich unserer Gewerkschaft anschließen wollen..., werden bedroht."

www.oxfam.de/astac-konfrontiert-lidl