Interview

Was macht Gewerkschaftsmacht ?

Der Hamburger Historiker Karl Christian Führer hat die Ära des einstigen ÖTV-Vorsitzenden Heinz Kluncker und die Frage nach seiner Macht unter die Lupe genommen

29. April 1981: Der ÖTV-Vorsitzende Heinz Kluncker beim Abstieg in die Kölner "Unterwelt" am Ebertplatz - er will sich selbst ein Bild von den Arbeitsbedingungen der Kanalarbeiter machen

Foto: Egon Steiner/dpa Picture-Alliance

ver.di publik - Ihr aktuelles Buch zeichnet ein differenziertes Bild der Gewerkschaft ÖTV und ihres langjährigen Vorsitzenden Heinz Kluncker. Es zeigt Stärken und Schwächen der Gewerkschaftsmacht auf, speziell im öffentlichen Dienst. Kluncker wurde 1964 mit 39 Jahren Vorsitzender einer Gewerkschaft, in der sehr unterschiedliche Berufstätige organisiert waren. Welche Interessen und Interessengegensätze gab es damals?
Karl Christian Führer - Die ÖTV befand sich in einer besonderen Situation. Ihr fehlte das identitätsstiftende Element, wie es die Industriegewerkschaften, etwa die IG Metall, aufweisen. Die ÖTV organisierte Arbeiter, Angestellte und Beamte in völlig unterschiedlichen Berufen und mit enormen Differenzen bei den Einkommen. Es gab Mitglieder mit hohen wie auch sehr niedrigen Einkommen, die Bandbreite reichte von den Lufthansa-Piloten bis zu den Reinigungskräften in Schulen und Behörden. Wie formuliert man da Tarifforderungen? Reine Prozentforderungen oder Forderungen mit sozial ausgleichenden Elementen? Für beides galten gute Argumente: Für die Prozentforderung sprach die Hoffnung der Gewerkschaft, auch für Fachkräfte im öffentlichen Dienst attraktiv zu sein, aber die Lohnabstände würden so immer größer. Eine sozial ausgleichende Tarifpolitik konnte den besonders schlecht bezahlten Arbeitern und Arbeiterinnen helfen. Die sozial ausgleichende Tarifpolitik war die Hauptstrategie in den 1970er Jahren, und sie war in der Mitgliedschaft verankert. Allerdings musste man auch die Konsequenzen sehen: Bei den weniger qualifizierten und geringer verdienenden Arbeitskräften verteuerte sich damit im Vergleich zur Privatwirtschaft die Arbeit, und die öffentlichen Arbeitgeber fingen an, diese Bereiche Schritt für Schritt auszugliedern.

ver.di publik - Dem Buch zufolge war Heinz Kluncker kein großer Freund dieser Tarifpolitik.
Führer - Ja, er hat diese Konsequenz schon früh erkannt. Aber das drang nicht in die Mitgliedschaft hinein. Bei den sehr demokratisch organisierten Diskussionsrunden zur Tarifpolitik hat sich für sozial ausgleichende Forderungen immer eine Mehrheit gebildet.

ver.di publik - In der öffentlichen Wahrnehmung war die Tarifpolitik der ÖTV nicht unumstritten. So kam es vor, dass im kommunalen Bereich auf beiden Seiten der Verhandlungen Gewerkschafter saßen, etwa auf der Arbeitgeberseite SPD-Kommunalpolitiker mit einem Gewerkschaftsbuch, zumeist der ÖTV. War das von Vorteil?
Führer - Heinz Kluncker war - wie die meisten seiner Vorstandsmitglieder - Sozialdemokrat. Man könnte vermuten, dass Tarifpolitik für die Gewerkschaft so eher leichter war, obgleich der Vorwurf der Kungelei in der Luft lag. Aber Politik folgte ja anderen Kriterien. Politiker, zumal auf der Kommunalebene, brauchten Wählerstimmen. Man muss sehen, dass der öffentliche Dienst in dieser Zeit nicht das beste Ansehen hatte. Er sei ineffizient und zu teuer, hieß es. Personalkosten im öffentlichen Dienst schlagen sich unmittelbar in den öffentlichen Haushalten nieder. Höhere Kosten für öffentliche Dienstleistungen konnten zu höheren Preisen für Bus und Tram, für Gas, Wasser und Müllabfuhr führen. So hatten Kommunalpolitiker durchaus ein Interesse daran, dass die Personalkosten nicht allzusehr stiegen. Also war das Verhältnis zwischen Gewerkschaftern und Politikern immer konfliktträchtig.

ver.di publik - Bis weit in die 1960er Jahre hinein reklamierte die ÖTV einen tarifpolitischen Nachholbedarf. Gab es den tatsächlich?
Führer - Ja. Die Arbeitseinkommen im öffentlichen Dienst lagen bis zu einem Drittel unter denen der Privatwirtschaft, der Industrie. Es gab noch Effekte aus den Sparmaßnahmen aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise von 1929. Und es gab im öffentlichen Dienst keinen sogenannten Lohndrift wie in der Privatwirtschaft, wo aufgrund von Arbeitskräftemangel seinerzeit fast überall Aufschläge zum Tarif gezahlt wurden.

ver.di publik - Der Tarifstreit im öffentlichen Dienst im Frühjahr 1974 hat in der Öffentlichkeit heftige Reaktionen ausgelöst. Die Medien kritisierten in großer Einigkeit die ÖTV mit ihrer Forderung nach 15 Prozent mehr Lohn. Es hat sich über Jahrzehnte die Legende gehalten, der damalige Streik der ÖTV habe zum Rücktritt von Willy Brandt, dem ersten sozialdemokratischen Kanzler, geführt. War das wirklich so?
Führer - Was man heute gesichert sagen kann: Brandt war ein Verlierer dieses Arbeitskampfes. Er hatte zuvor mehrmals eine absolute Obergrenze von zehn Prozent vorgegeben: Alles, was darüber hinausgehe, gefährde die Stabilität im Lande. Brandt war in dieser Frage beratungsresistent. Es gab in der SPD-Spitze Stimmen, die ihn gewarnt hatten, so der damalige SPD-Bundesgeschäftsführer Holger Börner oder Wohnungsbauminister Hans-Jochen Vogel. Obwohl Brandt in der Mitgliedschaft großes Ansehen hatte, war das für die ÖTV eine Provokation. Heinz Kluncker war sich im Klaren, dass er hier nicht einknicken konnte. Man muss sich vergegenwärtigen, dass im Februar 1974 die Teuerungsrate zwischen neun und zehn Prozent lag. Nach drei Streiktagen wurde ein Kompromiss gefunden, der etwa bei durchschnittlich zwölf Prozent lag. Viele ÖTV-Mitglieder waren mit dem Ergebnis aber überhaupt nicht zufrieden. Das alles war in vielerlei Hinsicht tarifpolitischer Alltag. Hätte Willy Brandt sich selbst vorab nicht so eindeutig festgelegt, wäre der Tarifabschluss rasch vergessen worden. So aber blieb der Bundeskanzler politisch ramponiert zurück. Ohne Not hatte sich Brandt selbst einen Misserfolg organisiert. Sein Rücktritt Monate später hatte aber andere, komplexere Hintergründe.

ver.di publik - Hat sich etwas im Klima zwischen Gewerkschaft und Regierung verändert?
Führer - Ja, ganz enorm. Das war ein Klimasturz. Es gab damals in der Regierung Überlegungen, die Kommunen aus dem einheitlichen Tarifgebiet des öffentlichen Dienstes auszuklammern. Das hätte die ÖTV stark getroffen, hatte sie doch gerade dort ihre Mobilitätsstärke. Dazu ist es damals zwar nicht gekommen, aber die ÖTV musste ein Schlichtungsabkommen akzeptieren, das sie zuvor immer strikt abgelehnt hatte.

ver.di publik - Was hat die ÖTV zusammengehalten?
Führer - Heinz Kluncker war sicher die zentrale Identifikationsfigur. Das ist eine bemerkenswerte persönliche Leistung. Er kam ja nicht aus dem öffentlichen Dienst. Er hatte eine kaufmännische Lehre absolviert, hatte an der Akademie für Gemeinwirtschaft studiert und war 1952 als Volontär in die ÖTV-Zentrale gekommen.

ver.di publik - Wenn man die Ära Kluncker mit der Gegenwart vergleicht, mit ver.di - gibt es Parallelen?
Führer - Die gibt es. In Klunckers Ära fiel Mitte der 1970er Jahre der ökonomische Bruch in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Boom der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg war vorbei, neue wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen kamen zum Tragen, etwa die steigende Arbeitslosigkeit. Die wirtschaftlichen Wachstumsraten fielen klein aus, und es war schwieriger, etwas zu verteilen. Das traf die ÖTV besonders, weil die öffentlichen Haushalte wachsende Defizite auswiesen. Hinzu kamen die Privatisierung und das Outsourcing. ver.di sieht sich vor ähnlichen Herausforderungen. Bei ver.di sehe ich das Problem des verbindenden Elements noch größer als bei der damaligen ÖTV. Wo ist die Identität der hochgradig verschiedenen Berufsgruppen und Branchen?

ver.di publik - Gibt es ein politisches Vermächtnis von Heinz Kluncker?
Führer - Eine Gewerkschaft bekommt Probleme, wenn sie ihre Erfolge als gesichert erachtet. Beständige Wachsamkeit ist ihre Hauptaufgabe. Denn Situationen können morgen schon total anders aussehen als heute.

Interview: Gunter Lange


Karl Christian Führer

Foto: Privat

Heinz Kluncker (1925 - 2005)

Von 1964 bis 1982 Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV).

Die ÖTV war mit knapp einer Million Mitgliedern die zweitgrößte Gewerkschaft im DGB. 2001 schloss sie sich mit vier anderen Gewerkschaften zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di zusammen.

Der Hamburger Historiker Karl Christian Führer porträtiert Kluncker mit seiner Gewerkschaft im Kontext einer markanten Epoche der Bundesrepublik. Das Buch geht über die Tarifpolitik hinaus, beschreibt Versuche gewerkschaftlicher Ostpolitik, die Modernisierung einer Gewerkschaft und die politische Positionierung am Beispiel der Notstandsgesetzgebung und des Radikalenerlasses. Führer skizziert 25 Jahre Gewerkschaftspolitik im öffentlichen Dienst mit Distanz und Tiefgang.

Karl Christian Führer: Gewerkschaftsmacht und ihre Grenzen - Die ÖTV und ihr Vorsitzender Heinz Kluncker, transcript Verlag, Bielefeld, 2017, 650 Seiten, 49,99 €