Asthma

Die verschwiegene Krankheit

Immer mehr Menschen erkranken an Asthma, meist schon im Kindesalter. Doch die Krankheit wird oft ignoriert, so auch von der asthmakranken, aber rotzfrechen Amelie. Ein bewegender Film über ein weit verbreitetes chronisches Leiden

Am Berg kann einem schon mal die Luft ausgehen - ob mit oder ohne Asthma. Gut, dass Amelie beim Aufstieg Bart hat

FOTO: MARTIN RATTINI/HELIOS.BZ

Von Petra Welzel

Wer einmal versucht, bei abgeklemmten Nasenflügeln durch den Mund mit einem Strohhalm Luft zu holen, erlebt, was Atemnot ist. Erfährt, was es heißt, nach Luft zu ringen. Bekommt ein Gefühl dafür, was es bedeutet, Asthma zu haben. Und das ist kein schönes Gefühl. Die Wangen blasen sich auf wie bei einem Luftballon, doch in die Lungen, wohin die Luft geraten soll, will sie nicht gelangen. Panik steigt auf, der Strohhalm wird ausgespuckt und mit offenem Mund nach Luft gejapst.

Diese Erfahrung müssen auch Amelies Eltern machen, die mit ihrer 13-jährigen Tochter zwar schon mehrfach auf der Intensivstation gelandet sind und natürlich wissen, dass ein Asthmaanfall tödlich enden kann. Doch sie haben ein großes Problem: Bisher verwehrt sich Amelie jeder Therapie, sie will ihre Krankheit einfach nicht annehmen, will sich ihr nicht stellen. Sie will wie jede andere Jugendliche frech und selbstbewusst durchs Leben schreiten, doch allein die Treppen im alten Mietshaus hinauf zur Wohnung ihrer Mutter schafft sie nur mit Pausen. Auf halbem Weg stockt ihr der Atem.

Bloß keine Schwäche zeigen

Amelie ist eine Filmfigur, mit der Natja Brunckhorst, die Drehbuchautorin des Films Amelie rennt, verarbeitet, was sie selbst durchlebt hat. Ihre eigene Tochter hat schon im Säuglingsalter Asthma bekommen und wollte das später im Kindesalter über viele Jahre nicht akzeptieren. "Asthma ist eine verschwiegene Krankheit, weil sie mit Schwäche assoziiert wird", sagt Natja Brunkhorst. Und ihre Tochter wollte nicht schwach sein, genauso wenig wie Amelie, die jede Erwähnung ihrer Krankheit und jede Attacke auf ihre Lungen mit ungeheurem Sprachwitz zu kontern weiß.

Endlich mal tief durchatmen: Amelie auf dem Gipfel

FOTO: MARTIN SCHLECHT

Tatsächlich leben laut dem deutschen Lungeninformationsdienst und dem Global Asthma Report über 300 Millionen Menschen weltweit mit dieser Erkrankung der Lungen und Bronchien. Ihre Bronchialschleimhäute sind dauerhaft entzündet und angeschwollen, was die Bronchien verengt und die Atmung extrem erschwert. Jährlich sterben weltweit 250.000 Menschen an Asthma. Es ist die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter, 10 bis 15 Prozent der Kinder sind allein in Deutschland betroffen, unter den Erwachsenen sind es immer noch 5 Prozent. Zudem: Seit hundert Jahren steigt die Zahl der Asthmakranken, viele Jahrzehnte vor allem in den Industrienationen. Und sind im Kindesalter überwiegend Jungen betroffen, kehrt sich bei den Erwachsenen das Verhältnis um. Unter ihnen sind es meist Frauen, die an Asthma leiden.

Und immer bergauf

Amelie hasst ihre Krankheit, verflucht sie. Erst recht, als ihre Eltern sie in ein Erholungsheim für atemwegskranke Kinder in die Berge bringen, nachdem sie in der Großstadt wieder einmal im Krankenhaus mit dem Leben gekämpft hat. Doch Amelie sprüht nur so vor Galgenhumor, als würde sie sich ihn mit jeder Dosierung ihres Asthma­sprays einverleiben. Natja Brunckhorsts Tochter war nicht weniger rebellisch, aber nie in den Bergen zu Behandlungen. Die Idee dazu kam Brunckhorst, als sie selbst kurz vor Beginn der Arbeit am Drehbuch in die Berge reiste. "Ich habe an mir selbst erfahren, wie heilsam es ist, bergauf zu gehen." Und so hat Amelies Geschichte jetzt etwas vom Lungensanatorium in Thomas Manns Zauberberg und etwas von Heidi, an deren Seite in den Bergen die schwächliche Klara aus der Stadt genest und der Ziegen-Peter eine Idee davon bekommt, wie die in der Stadt ticken, auch wenn er in diesem Film technisch schon voll aufgerüstet ist und das Melken der Kühe automatisch per Computer steuert.

Auf und davon

Hingegen spielt der Filmtitel eher mit dem deutschen Kultfilm Lola rennt von Tom Tykwer, in dem die Schauspielerin Franka Potente vor bald 20 Jahren in drei Episoden um ihres Freundes Willen dreimal um ihr Leben rannte. Amelie allerdings rennt nicht wirklich, und wenn sie es mal tut, gerät sie schnell aus der Puste. Aber sie rennt davon, von ihren Eltern, aus der Klinik, und meint, mit dem Kuhhirten Bart den Gipfel stürmen zu müssen. Noch auf dem Weg nach oben sagt sie: "Ich fluche, damit ich überhaupt noch merke, dass ich atme." Und der Film wäre nur halb so lustig, täte sie es nicht.

Aber die Sache ist ernst und der Gipfelsturm ein Wagnis, ein Abenteuer, das die beiden Hauptdarsteller, die 13-jährige Berlinerin Mia Kasalo als Amelie und der 15-jährige Tiroler Samuel Girardi als Bart, auf sich nehmen, als wäre sie tatsächlich asthmakrank und er direkt von der Kuhweide weg engagiert worden.

Amelie rennt ist ein Abenteuerfilm, ein Kinderfilm, ein Jugendfilm und auch ein Film für Erwachsene. Mit viel Witz und Situationskomik gibt er der weit verbreiteten Krankheit Asthma ein Gesicht. Natja Brunckhorsts Tochter ist heute 25 Jahre alt, und sie ist das Asthma wieder losgeworden. Ihr Asthmaspray trägt sie dennoch für alle Fälle immer noch bei sich. Amelie verliert ihr Spray, doch sie ist auf dem Weg - zu sich und ihrer Krankheit. Im Schlepptau dabei ihre gebannten Zuschauer.

Amelie rennt, Deutschland / Italien 2017, Regie: Tobias Wiemann, Drehbuch: Natja Brunckhorst, Darsteller: Mia Kasalo, Samuel Girardi, Susanne Bormann, Denis Moschitto und Jasmin Tabatabai, 97 Minuten, Kinostart 21. September 2017

 

Arbeiten mit Asthma

Bei etwa 9 bis 15 Prozent aller Betroffenen wird das Asthma durch eine Belastung mit bestimmten Stoffen im Arbeitsumfeld ausgelöst. Das sogenannte Berufsasthma betrifft meist Beschäftigte im Back- und Konditorhandwerk, medizinisches Pflegepersonal, Schweißer, Friseure, Floristen, Tischler und Beschäftigte in der Landwirtschaft. Bei jugendlichen Asthmatikern sind daher schon im Vorfeld behandelnde Ärzte und die Agentur für Arbeit gefordert, geeignete Berufe zu finden. Eine Eignung kann sich bereits bei einem Praktikum zeigen. Geeignet sind in jedem Fall Berufe mit geringer körperlicher und in­halativer Belastung wie Bürotätigkeiten, Berufe im pädagogischen und sozialen Bereich, Wachtätigkeiten, technische Berufe oder handwerkliche Berufe mit emissionsarmen Arbeitsplätzen wie etwa beim Optiker.

Ungeeignet sind Berufsfelder, in denen Stäube, Dämpfe oder Lösungsmittel sowie thermische Belastung die Atmung erschweren können. Mehlstaub im Backhandwerk, Tierhaare in der Landwirtschaft, Pollen in Gärtnereien, Holzstaub in der Holzverarbeitung, Arzneimittelstaub in der pharmazeutischen Industrie oder Färbemittel beim Friseur können ein be­stehendes Asthma verschlimmern oder die Krankheit auslösen.

Asthma kann als Berufskrankheit offiziell anerkannt werden. Voraussetzung ist die Verdachtsmeldung bei der zuständigen Berufsgenossenschaft. Bei anerkanntem Berufsasthma haben Beschäftigte Anspruch auf Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung. Dazu gehören etwa Behandlungskosten, Kosten für notwendige Umgestaltungen des Arbeits­platzes, Umschulungs- und Weiter­bildungsmaßnahmen sowie die Rente.

Der Schutz und die Unterstützung von Asthmatikern an ihrem Arbeitsplatz rücken zunehmend ins Bewusstsein. Viele Arbeitnehmer/innen sind durch ihr Asthma eingeschränkt leistungsfähig. Klimaanlagen trocknen die Luft und wirbeln Staub und Schadstoffe auf. Auch Teppiche und Vorhänge sind Staubfänger, dünsten aber auch Reinigungsmittel aus. Drucker und Kopierer reichern die Luft mit Tonerstaub, Ozon und Papierstaub an, auf Büro­pflanzen sammeln sich Staub auf den Blättern und Schimmel in der Erde.

Asthma-Betroffene sollten daher auf eine Klimaanlage verzichten, regelmäßig lüften, aber nicht zu Pollenflugzeiten, alle Oberflächen, Schreibtisch, Computer, Tastatur, täglich feucht abwischen und Drucker, Kopierer und andere Geräte in einem separaten Raum aufstellen.