Porträt

 

Foto oben: Monika Hoßfeld in ihrem Garten
Foto unten:: Das erste Klebemarkenheft ihrer Gewerkschaft von 1967

Fotos: Peter Jülich

Monika Hoßfeld hat einen großen Sinn für Gerechtigkeit, für Kinder, Zuckertüten, den Garten, fürs Schreiben, Reisen und seit 50 Jahren auch für die Gewerkschaft

Von Heide Platen

Endstation U-Bahn 7 im Frankfurter Stadtteil Enkheim. Monika Hoßfeld (70) steht schon bereit, klein, zierlich und ein Wirbelsturm voller Energie. Am Telefon hat sie vorher die günstigste Anreise ausgetüftelt. Die Autofahrt von Enkheim nach Maintal, Ortsteil Hochstadt, ist kurz. Daheim warten schon ein selbst gemachter Auberginenauflauf, natürlich eigene Ernte aus dem Garten, und hessische Laugenbrezeln. Sie und Ehemann Udo sind unübersehbar ein eingespieltes Team, diesmal ist er der perfekte Gastgeber, Monika Hoßfeld muss erzählen. So viel und so reichlich, dass es einem vorkommt, als hätte sie mehrere Leben, mindestens aber ­eines sehr intensiv gelebt.

Erst "Spieletante"...

Geboren ist sie in Stuttgart. Ihr Elternhaus hat sie für damalige Zeiten sehr früh verlassen und eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht: "Da hieß das noch Kindergärtnerin und hatte das Image so einer Spieletante." 1967 arbeitete sie in einem Kinderheim in Gießen. Die Kinder waren zusammengewürfelt aus Problemfällen, Behinderten, sogenannten Schwererziehbaren, und Kindern, die damals ihren ­ledigen Müttern fortgenommen worden waren. Die Verantwortung war groß, die Schichten lang. Die junge Frau wohnte im Heim und musste oft 24 Stunden präsent sein: "Da wurde ich erwachsen gemacht."

Ihrem Gerechtigkeitssinn widerstrebte es schon damals, die geringe Bezahlung und die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung ihres schweren Berufs zu akzeptieren: "Die haben mich voll ausgenutzt." Gehalt? "So was fragt man nicht", wurde ihr gesagt, "das sei doch ein sozialer Beruf." In ihrer Verzweiflung bat sie ihren Vater um Rat: "Der war ein alter Gewerkschafter." Er empfahl ihr, dort um Hilfe zu bitten: "Da habe ich mir ein Herz gefasst und bin dahingegangen." Sie trat in die ÖTV ein, die für sie eine hohe Nachzahlung erstritt: "Das fand ich ganz toll!"

Auf dem Esstisch im hellen Wohnzimmer, einem gewachsenen, liebevollen Gemisch aus alt und modern, liegt das erste, graue Mitgliedsbüchlein mit den Klebemarken vom November 1967, Jahresbeitrag damals zehn D-Mark, daneben die Ehren­nadel für 50 Jahre Gewerkschaftsmitgliedschaft.

...dann "Emanze"

Sie gewann an Selbstbewusstsein, wollte mehr kennen-, Neues dazulernen, wechselte die Arbeitsplätze, suchte schwierige Aufgaben, arbeitete in einem sozialen Brennpunkt, in einem Betriebskindergarten, einer Privatschule, einer Klinik und wehrte sich immer wieder gegen "Inkompetenz und Ausbeutung. Ich war schon immer rebellisch". Die 1968er-Revolte in Frankfurt habe sie aber "eigentlich nur so beobachtet", sich jedoch einen Satz genau gemerkt: "Wer sich nicht wehrt, endet am Herd." Das wollte sie nicht, wohl aber Familie und Beruf zusammenbringen. Auch das sei damals, nach ihrer Heirat 1969, von Eltern und Schwiegereltern mit Missfallen beobachtet worden.

Monika Hoßfeld bildete sich mit Gewerkschaftshilfe weiter, übernahm leitende Funktionen, wurde Personalrätin: "Ich hatte das Gefühl, dass ich auch mal was zurückgeben muss." Dass sie einen ersten Streik ausgerechnet wegen eines Bildungsurlaubs verpasste, findet sie heute noch "so bitter". Sie setzte sich für bessere Bezahlung ein, warnte vor Altersarmut. "Weil ich wollte, dass Frauen unabhängig von Männern sein können, galt ich als Emanze." Ihr erster PC-Kurs hieß "Mehr Grips durch Chips". Da sei sie gefragt worden, ob es um eine Kartoffeldiät gehe.

Jetzt Verlegerin...

Monika Hoßfeld hätte den Ruhestand als Bruch empfinden können: "Keine Kinder mehr um mich." Die eigenen zwei sind inzwischen längst erwachsen. Stattdessen ist sie Unternehmerin geworden und verbindet einen großen Teil ihrer Interessen miteinander. Schon immer habe sie neben zahlreichen Ehrenämtern in Kirche und Kommunen geschrieben, sich Geschichten für Kinder ausgedacht, mit ihnen Zeitungen gebastelt. Sie besuchte die Frankfurter Universität des 3. Lebensalters (U3L), spielte Theater und fand in einem Schreib-Workshop Gleichgesinnte. Sieben Frauen und drei Männer gründeten 2010 zusammen den UniScripta Verlag als GmbH, und veröffentlichen seither gemeinsam Krimis, Romane, Kurzgeschichten, ein Kinderbuch, ein Theaterstück: "Ich bin bei uns die Jüngste."

Krimis haben mittlerweile alle Verlagsmitglieder ins Programm geliefert. Der von Hoßfeld heißt Vergessene Kindheit und thema­tisiert Missbrauch, Verdrängung und Trauma. Gemeinsam gaben sie einen Band ­Kriminalgeschichten rund um den Frankfurter Hauptbahnhof heraus. Die Autor/innen reisen seither viel, vor allem in der ­Region, lesen in Schulen, Büchereien, Gemeindehäusern, stellen auf kleinen Messen aus. Oft wird sie gefragt, ob ihr Buch autobiographisch sei. "Teils schon", sagt sie, "aber ich habe auch viel Phantasie." Und: "Es geht um Bewusstes und Unbewusstes."

Reich sind die zehn Senioren mit ihrem Autorenverlag UniScripta nicht geworden: "Wir müssen schwer baggern, damit wir verkaufen." Aber die Arbeit, so Hoßfeld, mache viel Freude und setze dem heutigen, knallharten Verlagsgeschäft und dem manchmal sogar betrügerischen Umgang mancher Firmen mit Autoren etwas entgegen. Die Senioren organisieren alles bis auf Druck und Covergestaltung selbst, Vertrieb, Buchhaltung, Werbung, Internet-Seiten, Prospekte, Flyer. Sie legen die Druckkosten vor und ziehen jeweils am Jahresende Bilanz.

Die Bücher erscheinen als Taschenbücher, die meisten auch als E-Books. Mit dem Kinderbuch Wenn der Elefant blinzelt und der Leopard gähnt hat Monika Hoßfeld es geschafft, ihr zweites Ruhestandshobby, das Reisen, mit dem Schreiben zu verbinden. Es entstand nach einer Südafrikareise. Ehemann Udo hatte während ­einer Safari Leoparden, Elefanten, Löwen, Giraffen, Zebras fotografiert. Sie erfand die Geschichte eines kleinen Jungen, der alle diese Lebewesen bestaunen darf. Sie stellt das Buch immer wieder in Kindergärten und sozialen Einrichtungen vor. Udo Hoßfeld zeigt dazu eine Dia-Show. Im Frühjahr waren sie auf Kuba und haben die Schönheit der Insel, aber auch die Kontraste, die Armut, den Mangel im Bild ­festgehalten: "Wir wollen immer mit den Einheimischen Kontakt halten." Ihre Eindrücke verarbeiten die beiden hinterher zu wunderschönen privaten Fotobüchern.

...und Sammlerin

Das Reisen verbindet sich homogen mit ihrer anderen, eher ungewöhnlichen Passion: Sie sammelt Zucker, Tütchen, Würfel, Zuckerhüte aus aller Welt. Im ersten Stock hat sie einen ganzen Raum dafür. In Ordnern, Alben, Regalen, Fotoschubladen sind die Sammlerstücke nach Themen sortiert: Länder, Airlines, Motive. Dazwischen sitzen auch noch mehrere Dutzend Teddybären, vorwie- gend kleine von der Firma mit dem Knopf im Ohr. Wenn sie einmal schlechte Laune habe, erschöpft oder traurig sei, rate ihr Mann ihr: "Geh in dein Zuckerzimmer." Das sei Entspannung und Freude, vor allem, wenn ihr Sammler aus aller Welt Zucker per Luftpost schicken. Das Hobby bescherte ihr auch persönliche Kontakte in viele Länder. Und natürlich Reisen zu Tauschbörsen nach Frankreich, mehrmals in die USA: "Die großen Reisen kamen erst, als wir Rentner waren." Und vom Zucker zieht sie gleich wieder eine Verbindung zu den ­Büchern. Sie hat das Coverbild ihres Krimis auf Zuckertütchen drucken lassen.

Dass die Gewerkschaft in ihrem Leben auch weiter eine Rolle spielen würde, hatte sie beim Ausscheiden aus dem Berufsleben nicht gedacht. Aber "die Rentnertruppe" des ver.di-Bezirks Hanau/Main-Kinzig füge sich wunderbar in ihr neues Leben. Lesungen zum Internationalen Frauentag, Geschichten für die Weihnachtsfeiern. Und immer wieder dazulernen und staunen: "Ich komme an Orte, die ich sonst nie gesehen hätte." Gemeinsam wandern sie, haben die Frankfurter Börse, die Europäische Zentralbank besucht. Dass sie allerdings schon 50 Jahre dabei sei, das "hatte ich eigentlich ganz vergessen". Daran ­haben sie erst die Zusendung der Ehrennadel und die Einladung zu einer Extra-Feier wieder erinnert.