Einer mit Haltung

Daniel Kahn (zweiter v. links) und seine Band The Painted Bird. Der Hund steht für den Titelsong seines neuen Albums "The Butcher's Share" Modell

Foto: Esra Rothoff

Jammern bringt's nicht, sagt Daniel Kahn. Der vielseitige Künstler spielt stattdessen Klezmer und Arbeiterlieder und erklärt das zur neuen deutschen Volksmusik. Ab Dezember tourt er mit seiner Band durch deutsche Städte

Von Thomas Winkler

Daniel Kahn ist ein Alleskönner. Er kann Musik und er kann Theater. Er schauspielert und kuratiert und singt. Er kann Akkordeon spielen, Gitarre, Klavier und noch ein paar Instrumente. Er kann Englisch, Jiddisch und Deutsch. Er kann tolle alte Lieder finden und tolle neue Lieder selber schreiben. Er kann ziemlich charmant sein, sehr schlau und auch noch witzig. Er kann, und das können gar nicht so viele, Politik und Musik eins werden lassen. Er kann einem mit einem Lied das Herz herausreißen und mit dem nächsten kann er es zum Tanzen bringen. Bloß Tee servieren, das kann Daniel Kahn nicht ganz so gut.

Nicht, dass er sich keine Mühe gäbe. Kahn hat den Wasserkocher angeworfen, die getrockneten Blätter in die Kanne rieseln lassen, die Gläser auf den Küchentisch gestellt, das kochende Wasser in die Kanne gekippt. Und dann hat er den Tee vergessen. Es gibt halt viel zu erzählen. Zum Beispiel darüber, wie Kahn einmal, das ist jetzt auch schon wieder lange her, als junger Mann in New Orleans für die Gewerkschaft gearbeitet hat.

Kahn war aus Detroit nach New Orleans gekommen. In der Autostadt Detroit mit ihren starken Gewerkschaften war er aufgewachsen, im tiefen Süden sollte er für die SEIU, die Service Employees International Union, Krankenpflegerinnen und -pfleger organisieren. Er lernte, dass "es immer noch ein echtes Prekariat gibt". Er lernte, dass es trotzdem gar nicht so einfach ist, dieses Prekariat zu organisieren, weil Gewerkschaften im Süden der USA traditionell einen schlechten Stand haben. Und er lernte vor allem eins: Man muss selbst in den entwickelten USA nur ein paar Hundert Kilometer fahren, um in einem ganz anderen Land zu sein, in einem Land, in dem existenzielle Arbeiterrechte eine Vertretung bitter nötig haben. "Gewerkschaften werden gebraucht, nicht nur in der dritten Welt, auch hier in unseren postindustriellen Gesellschaften", sagt Kahn. "Vielleicht müssen sich unsere ­Vorstellungen, was eine Gewerkschaft ist, erweitern, aber solange Menschen ausgebeutet werden, brauchen wir Institutionen, die für ihre Rechte kämpfen und Solidarität organisieren."

Lieder der Vorfahren

In New Orleans lernte er noch etwas, was vielleicht sogar noch entscheidender war für sein Leben: Kahn, der assimilierte Jude aus dem Norden, lernte in der Stadt, die sich als Geburtsort des Jazz feiern lässt, den Klezmer als lebendige, zeitgenössische Ausdrucksform kennen. Als er in einem Club erstmals Live-Klezmer hörte, "war ich hin und weg. Ich dachte: Das ist irgendwie jiddisch, aber toll. Funky und kantig, traurig und lustig." Die Musik wurde ihm zur "Tür in eine Welt, die mir vertraut und zugleich fremd war".

Er wurde zwar nicht religiös, aber entdeckte die jiddische Kulturbewegung in den USA, begann die Lieder seiner Vorfahren zu singen und so ihre Sprache zu lernen. Noch heute fühle er sich, sagt er, "wie ein Emigrant in Jiddischland". Seitdem verbindet Kahn diese beiden wichtigen Eindrücke aus seiner Zeit in New Orleans: Die jiddische Musik, für deren weltweite Renaissance er heute einer der treibenden Motoren ist. All seine Kunst, ist immer auch politisch, beruft sich auf linke Traditionen und hält ihre Werte hoch.

Wenn Daniel Kahn heute auf eine Bühne geht, ob als Musiker oder als Schauspieler oder am Maxim-Gorki-Theater als Mischung aus beidem, dann sind beide Traditionen präsent. Denn auch, wenn nicht alles, was der Musiker Kahn spielt, wie Klezmer klingt. Dessen einmalige Stimmung, jene beglückende Melancholie, diese traurige Fröhlichkeit der Volksmusik der europäischen Juden, die schwingt immer mit in seiner Musik. Und nicht jedes Lied, das er singt, ist ein Arbeiterkampflied oder ein alter Gewerkschafts-Song oder ein Lied wie "Silent Stars", das ein Partisan 1942 im Ghetto von Vilnius schrieb. Aber alles, auch das scheinbar Private, auch ein einfaches Liebeslied, auch das selbst geschriebene, alles besitzt eine politische Dimension, hat eine Haltung, und die ist links.

Heute trägt Kahn neben Hut gern Mützen, wie man sie bei Arbeitern auf alten Aufnahmen aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren sehen kann. Um Lieder für seine Programme zu finden, geht er oft noch weiter zurück in die Vergangenheit und findet dort ein Stück namens "Arbeter Froyen - Working Women", eine Huldigung an die sich in der Doppelbelastung zwischen Fabrik- und Hausarbeit aufopfernden Arbeiterfrauen. Aber wenn Kahn es singt, wirkt nicht nur das altehrwürdige Lied, das David Edelshtat schon 1891 schrieb, wieder zeitgemäß, sondern auch die Ideen, aus denen es hervorgegangen ist.

Wo der Wandel sichtbar wird

Umgekehrt wirken die Lieder, die Kahn selbst schreibt, nicht altmodisch, sondern zeitlos, weil sie sich oft auf die Historie beziehen, aber die alten Traditionen in die Gegenwart verlängern. Bestes Beispiel ist der Titelsong von "The Butcher‘s Share", in dem Kahn ein bitterböses Bild der modernen Welt zeichnet. Während der Marschrhythmus zur Demo ruft, erzählt Kahn von Neoliberalismus und Gentrifizierung, von Kriegen, die in unserem Namen geführt werden, und von der Scheinheiligkeit, die auch unter Linken grassiert. Um zu besichtigen, welche Auswirkungen das auf unseren Alltag hat, muss Kahn nur aus der Küche, in der der Tee mittlerweile immer kälter wird, hinaus und in sein Wohnzimmer gehen. Von dort kann er auf die belebte Neuköllner Straße schauen, wo zwischen dem vibrierenden Leben auch das Elend und die Hipster und die anderen Folgen des gesellschaftlichen Umbaus, der bald kommen wird, zu sehen sind.

Dagegen kann man ansingen. Mit neuen und mit alten Liedern, die immer noch aktuell sind: "Ich singe die alten Lieder nicht, weil es früher besser war, sondern, weil es früher auch schon schlimm war. Wir sind schließlich nicht die ersten, die mit Faschismus, Rassismus, Sexismus, mit Gier oder Krieg konfrontiert sind." Kahn spricht in einem mittlerweile nahezu perfekten Deutsch vom "Kampf für die gute Sache", vom "Widerstand", ohne dass es peinlich klingen könnte. Für ihn ist alles, die Lieder, die Auftritte, das Theater und früher die politische Arbeit, Teil ein und derselben Auseinandersetzung, eines Ringens um eine bessere, lebenswertere Welt gegen die Trumps, gegen Reaktion und Rechtsruck.

Träumt weiter!

Seine Heimat verlassen hat Kahn vor zwölf Jahren, damals war George W. Bush Präsident. Heute macht er gerne den Witz, er habe damals geglaubt, es könne nicht mehr schlimmer werden. Aber die Angst ist immer noch da, sie ist schlimmer geworden. Die AfD selbst, sagt Kahn, mache ihm als Jude persönlich keine Angst, aber "dass sie Teil einer internationalen Bewegung ist, das ist beängstigend". Und die Angst hat längst alle erfasst. Die einen haben Angst vor Flüchtlingen, vor Islamisierung, vor Kulturwandel, die anderen vor Rassismus, Faschismus, Nationalismus. Die Angst schweißt uns alle zusammen über ideologische und politische Grenzen hinweg, sagt Kahn. Die Angst sorgt vor allem dafür, und das sei die große Gefahr, "dass wir es nicht mehr wagen, von einer besseren Welt zu träumen". Aber wenn Daniel Kahn singt, dann glimmt er noch einmal auf, der Glaube daran, dass es eine bessere Welt geben kann. Der Tee ist kalt, die Hoffnung ist noch da.

 

Daniel Kahn

... wurde am 11. 9. 1978 in Detroit geboren, seine Eltern sind liberale Juden, die Urgroßeltern waren aus Osteuropa in die USA emigriert. Als 12-Jähriger beginnt er mit dem Theaterspielen, später studiert er Theater, Literatur und Politikwissenschaften. 2005 zieht Kahn nach Berlin, hier gründet er seine Formation The ­Painted Bird, spielt aber auch mit Bands wie Rotfront, The Brothers Nazaroff oder The Disorientalists. Er arbeitet auch immer wieder am Theater, inszeniert Stücke oder schauspielert in den USA. Als Komponist, Musikkurator und Schauspieler arbeitet Kahn in Berlin vor allem für Sermin Langhoff und ihre Idee vom "postmigrantischen Theater", zuerst am Ballhaus Naunynstraße, derzeit am Maxim-Gorki-Theater. Ende November ist das neue Album von Daniel Kahn & The Painted Bird erschienen: "The Butcher‘s Share" (Oriente ­Musik / Fenn)

Konzerte:

  • 15.12. Berlin (im Rahmen von Shtetl Neukölln)
  • 21.1. Dresden
  • 22.1. Leipzig
  • 24.1. München
  • 25.1. Reutlingen
  • 26.1. Ravensburg
  • 28.1. Heidelberg
  • 17.2. Geislingen
  • 22.2. Potsdam
  • 26.2. Frankfurt
  • 27.2. Hamburg