Arbeitszeit

Immer mehr, schneller, länger

Hetze und Stress, das ist Alltag im Dienstleistungssektor

Von Marion Lühring

 

Überall im Dienstleistungssektor nimmt der Druck zu: Über 90 Prozent des Pflegepersonals berichten von Arbeitshetze und Zeitdruck. Drei von vier Pflegekräften können sich inzwischen nicht mehr vorstellen, in dem Beruf bis zur Rente zu arbeiten. Doch auch die IKT-Beschäftigten klagen über entgrenzte Arbeitszeiten, vor allem wenn sie ohne Arbeitszeiterfassung, mit sogenannter Vertrauensarbeitszeit arbeiten. Ständige Erreichbarkeit, Arbeitszeiten über 48 Wochenstunden und unbezahlte Arbeitszeiten sind für ein Drittel von ihnen beruflicher Alltag.

Im Einzelhandel sieht es nicht besser aus. Auch dort herrscht Druck. Die Folge: Jede/r Zweite fühlt sich emotional und ­körperlich schlapp, wenn der Arbeitstag endlich vorüber ist. In Banken klagt das Personal über eine zu hohe Arbeitsverdichtung, ebenfalls über Arbeitshetze, Zeitdruck, knappe Terminvorgaben und zu viele Aufgaben gleichzeitig. Und auch die Beschäftigten in den öffentlichen Verwaltungen stöhnen über immer mehr Arbeit. Hauptsächlich betroffen ist hier der Bereich, in dem mehr als zwei Drittel im intensiven Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern stehen.

Die Zeit fehlt

55 Prozent der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor fühlen sich bei der Arbeit häufig oder oft gehetzt oder stehen unter Zeitdruck, so die Auswertung einer ver.di-Studie zu "Arbeitszeit und Belastung" im Dienstleistungssektor. Eine Folge des Zeitdrucks seien Überstunden: Knapp zwei Milliarden waren es im Jahr 2016, eine Milliarde davon unbezahlt. Dabei gilt: Wo der Zeitdruck am stärksten ist, wird auch die meiste unbezahlte Arbeit geleistet, wie eine ver.di-Sonderauswertung zu unbezahlter Arbeit im Dienstleistungssektor zeigt. Von denjenigen, die oft unter Zeitdruck stehen, leisten 19 Prozent und bei den sehr häufig gehetzt Arbeitenden sogar 38 Prozent unbezahlte Überstunden, ergeben weitere ver.di-Untersuchungen. Überlange Arbeitszeiten sind Realität im Dienstleistungssektor: 40 Prozent der Beschäftigten kommen auf Wochenarbeitszeiten von über 43 Stunden. 18,6 Prozent der Beschäftigten kommen sogar auf mehr als 48 Stunden und damit in die Grauzone dessen, was das Arbeitszeitgesetz erlaubt. Diese langen Arbeitszeiten und der Druck belasten und wirken nachweislich negativ auf die psychische Gesundheit.

Personal unter Druck

In vielen Fällen sind die Leistungsanforderungen zu hoch gesteckt. Die häufigsten Gründe für die Arbeitshetze sind zu knappe Personalbemessung, zu viele gleichzeitig zu bearbeitende Projekte, ungeplante Zusatzaufgaben und zu knappe Termin- und Zeitvorgaben. "Wenn zu viel verlangt wird, dann ist das in der vereinbarten Zeit nicht mehr zu schaffen, dann wird schneller, dichter und länger gearbeitet", sagt Astrid Schmidt, die bei ver.di für das Thema Gute Arbeit zuständig ist. Doch anstatt mehr Leute einzustellen und die Arbeitsmengen realistisch zu bemessen, übertrügen Arbeitgeber immer öfter die Verantwortung für das Gelingen der Arbeitsanforderung auf die Beschäftigten, sagt Schmidt.

Diese sogenannte indirekte Steuerung erleben die Beschäftigten tagtäglich in der Pflege. Sie fühlen sich für das Wohl der Patienten verantwortlich. Deshalb kommen sie aus dem Frei, verzichten auf Pausen und machen Überstunden, und niemand kann sich dem entziehen, weiß Volker Mörbe, Personalrat am Stuttgarter Katharinenhospital. "Das Personal orientiert sich am Team", sagt Mörbe. Für den Einzelnen entstehe der Zwang, es so wie alle anderen zu machen. "Persönliche Einschränkungen gelten als kollegiales Verhalten", berichtet er. Wer da nicht mithalte, treffe auf Unverständnis und Ablehnung.

Den Gruppenzwang bestätigt auch die SAP-Betriebsrätin Sabine Deimel. Es gebe in vielen Bereichen die Erwartungshaltung, sich über die 40 Wochenstunden hinaus einzubringen. Diese Haltung schlage sich nicht selten in Beurteilungen und Karrierechancen nieder, ist aber auch innerhalb der Teams verbreitet. "Wir kennen auch Fälle, in denen der Druck zur Mehrarbeit durch die eigenen Kollegen und Teams aufgebaut wird", sagt die Betriebsrätin. "Das führt nicht selten zu noch größerer psychischer Belastung, als wenn der Druck nur von oben kommt."

Wichtige Stellschrauben

"Wenn wir über die Arbeitszeit sprechen, müssen wir auch über die Arbeitsintensität und die Menge reden", sagt Astrid Schmidt. Da gebe es ein Wechselverhältnis. Die besten Regelungen zu Arbeitszeiten kommen bei den Beschäftigten nicht an, wenn dahinter unrealistische Aufwandseinschätzungen und zu hohe Leistungsanforderungen stehen, sagt sie. Hier liegen die Ursachen von Verdichtung und Entgrenzung.

In der Pflege will ver.di deshalb nicht nur eine gesetzliche Personalbemessung erreichen, sondern auch tarifvertraglich Einfluss nehmen. Ein Beispiel ist der Tarifvertrag Entlastung an der Charité, der eine Mindestbesetzung für die Schichten vorschreibt und Bettenschließungen fordert, wenn sie nicht eingehalten wird.

Steuerungsmechanismen, die den Beschäftigten selbst die Verantwortung für das Erreichen ihrer Ziele und Aufgaben übertragen, führen oft dazu, dass das Personal sich selbst unter Druck setzt und die Schuld für den Arbeitsstress bei sich sucht. Wird die Verantwortung für das Ergebnis ins Team abgegeben, kommt noch das Gefühl hinzu, Arbeit auf die Kolleg/innen abzuwälzen, wenn man für sich selbst die Reißleine zieht. "Es ist eine Sache, diese Mechanismen zu erkennen. Eine andere Sache ist es, ihnen individuell etwas entgegenzusetzen", sagt Schmidt. "Dazu braucht es kollektive Antworten und gute tarifvertragliche sowie betriebliche Regelungen zur Arbeitsgestaltung und zum Belastungsschutz."


Lesetipps

Factsheet: Arbeitszeitrealitäten im Dienstleistungssektor, ver.di-Bereich Innovation und Gute Arbeit, September 2017

Studie: Arbeitszeit und Belastung, ver.di-Bereich Innovation und Gute Arbeit, 2016

Arbeitsberichterstattung Nr. 11: Arbeit umsonst, ver.di-Bereich Innovation und Gute Arbeit 2016

Jahrbuch Gute Arbeit 2016: Streit um Zeit, ver.di und IG Metall, 2016

www.innovation-gute-arbeit.verdi.de/themen/arbeitszeit