Frauenwahlrecht

New York Anfang 1900: Wahlrechtsdemonstrantin auf der 5th Avenue im Kostüm der Jeanne d'Arc

Foto: ullstein bild [M]


Anlässlich des Jubiläums dokumentiert ver.di publik den Text "Unsere To-do-Liste ist immer noch lang" aus dem Sammelband 100 Jahre Frauenwahlrecht aus dem Ulrike Helmer Verlag

Von Sharon Adler

100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland - ein wichtiges, ein historisches Datum und Meilenstein in der Geschichte der Frauenemanzipation. Ein Schritt nach vorn, weg aus der Unmündigkeit, hin zu Selbst- und Mitbestimmung. Ein Grund zum Feiern. Oder etwa nicht? Frauen können doch heute alles erreichen. Frauen wählen und können gewählt werden. Sie sind Chefinnen oder Gründerinnen, vereinbaren locker Familie und Beruf, entscheiden, wann und wie viele Kinder sie bekommen möchten. Oder ob Familie überhaupt ein Thema für sie ist. Wen sie heiraten oder nicht. Ob sie eine Ausbildung machen oder studieren. Doch stimmt das wirklich? Und gilt das für alle Frauen?

In Deutschland ist das Bild einer Frau an der Spitze der Regierung, der Doktorin der Naturwissenschaften und Bundeskanzlerin Angela Merkel, schon längst nicht mehr außergewöhnlich, obwohl der Anfang ­alles andere als einfach war. Wir alle können uns noch gut daran erinnern, wie im Jahr 2005 der damalige Kanzler, der den verlorenen Wahlausgang nicht eingestehen wollte, vor laufenden Kameras Frau Merkel die Fähigkeit zu regieren absprechen wollte. Aber heute ist doch alles gut, oder? In einer öffentlich-rechtlichen Talk-Show wurde erst vor kurzem ernsthaft wieder darüber diskutiert, dass die Kanzlerin ja "keine klassische Frau" sei ...

So viele Gründe zum Weiterkämpfen

Und sonst so? 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts sind die Rechten (wieder einmal) gesellschaftsfähig, ­allen voran die AfD mit ihrer - ausgerechnet weiblichen - Vorsitzenden, die ganz legal gegen Flüchtlinge, Abtreibung und Lebensformen abseits rechter Ideologien hetzt. Die Lohn- und Geschlechtergerechtigkeit und eine Frauenquote ablehnt und die ein Frauenbild der 1950er Jahre propagiert, das die Frauen zurück an Heim und Herd verweist.

Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten können heute in Europa nicht nur in Eckkneipen, sondern ganz offen und legal gewählt in Talkshows und Parteitagen rassistische und frauenfeindliche Statements verbreiten und zu Hass und Intoleranz anstacheln. Dies ist umso erschreckender, als dass vor dem Hintergrund der Machtergreifung der Nationalsozialisten vor weniger als einhundert Jahren schon einmal Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti, politisch Andersdenkende, Lesben und Schwule verfolgt und ermordet wurden, die auch nicht in das Bild deren Ideologie passten. Geschichte wiederholt sich.

Einer der größten Misogynisten unserer Zeit ist der legal gewählte 45. US-amerikanische Präsident, gegen den weltweit vor allem die Frauen protestieren und anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März zum Streik aufgerufen haben: "A Day Without A Woman".

Auf der anderen Seite haben auffällig viele Frauen für Trump gestimmt. Bei der genaueren Betrachtung zeigt sich, dass die große Mehrzahl dieser Wählerinnen ein eher geringes Bildungsniveau hat. Was also ist zu tun? Keine Frage: Schaut frau global auf das Thema Gleichberechtigung, gilt auch heute noch die Feststellung: Die Bildungschancen von Mädchen und Frauen müssen deutlich verbessert werden.

"Welche Klasse unter den Arbeitern ist die elendeste? Die Frauen. Wer verdient 16 oder 18 Sous für zwölfstündige Arbeit? Die Frauen."

Hedwig Dohm, geborene Jülich / Schlesinger, 1874

Die Einführung des Wahlrechts für Frauen führte auch nicht automatisch zu einer ökonomischen Gleichberechtigung. Erst durch eine umfassende Reform des Ehe- und Familienrechts konnten ab dem 1. Juli 1977 "Ehefrauen eine Berufstätigkeit aufnehmen, ohne den Ehemann um Erlaubnis zu fragen". Zuvor konnte ein Ehemann sogar den Job seiner Frau ohne deren Einverständnis kündigen und er hatte das Recht, über ihr Geld frei zu verfügen. Frauen konnten bis Ende der 1950er noch nicht einmal ein eigenes Konto eröffnen.Und wie sieht es heute mit der (gleichen) Bezahlung aus? Welche Auswirkungen haben Berufswahl und Kinderkriegen auf den Gehaltszettel und die Rente? Was ist mit den vielen Freiberuflerinnen und selbstständigen Frauen ohne regelmäßiges Einkommen? Und warum eigentlich wird gerade von uns Journalistinnen so oft erwartet, dass wir - natürlich ohne Bezahlung - Moderationen übernehmen, "mal eben" Texte oder Buchbeiträge schreiben, Fotos zur Verfügung stellen, etc., etc.? Ich kenne keinen einzigen männlichen Journalisten, dem das Gleiche passiert. Und immer wieder. Dass Frauen umsonst arbeiten, hat eine (zu) lange Tradition; dass wir für unsere Arbeit und Zeit bezahlt werden wollen, müssen wir immer wieder neu einfordern.

100 Jahre Frauenwahlrecht. Ein Grund zum Feiern. Aber auch ein Grund, weiter und mehr von dem zu fordern, was uns zusteht. Gleiche und faire Bezahlung gehört definitiv dazu und wird durch Initiativen wie Equal Pay Day und FairPlay ist FairPay! öffentlich eingefordert.

Der Equal Pay Day markiert symbolisch den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied, der laut Statistischem Bundesamt gegenwärtig in Deutschland unbereinigt 21 Prozent beträgt. Umgerechnet resultieren daraus 77 Tage, die Frauen zum Jahresanfang länger arbeiten müssen als ein Mann, um auf denselben Verdienst zu kommen.

Stellen wir uns der Zukunft

Auch einhundert Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts ist noch längst nicht alles erreicht - die To-do-Liste zur Ein- und Durchführung weiterer Gesetze ist lang und auch in unserem Alltag gibt's noch ­einiges zu tun. Und das jeden Tag.

Machen wir also nicht nur konsequent von unserem Wahlrecht Gebrauch, das unsere Schwestern so hart für uns alle erkämpft haben. Stellen wir uns in Zukunft auch selber für politische Ämter zur Verfügung, um Demokratieprozesse im Sinne der Frauenbewegung und Gleichstellung weiter voranzutreiben. Oder engagieren wir uns auf öffentlichen Kundgebungen, um so noch präsenter und sichtbarer zu sein.

100 Jahre Frauenwahlrecht. Ein Grund zum Feiern. Und für mich und AVIVA-Berlin ein Grund, die Frauen zu unterstützen und in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, die sich gegen Alltagsdiskriminierung, Rassismus, Antisemitismus, ungleiche Bezahlung, Armut, Sexismus und für Frauen- und Menschenrechte, darunter Lohngerechtigkeit und Entgeltgleichheit, stark machen. Frau hat die Wahl.

Sharon Adler, geb. 1962 in Berlin, gründete 2000 das Frauen-Online-Magazin und Informationsportal AVIVA-Berlin, das sich für die Sichtbarmachung von Frauenbiografien, für interkulturelle Verständigung und gegen Rassismus, Sexismus und Antisemitismus einsetzt. Seit 30 Jahren arbeitet sie als Fotografin und hat u. a. den Bildband "Frauen und ihre Autos" produziert, um mit Klischeebildern aufzuräumen. 2012 war sie Trägerin des Berliner Frauenpreises und seit 2013 ist sie ehrenamtlich im Vorstand der Stiftung ZURÜCKGEBEN - Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft.

www.aviva-berlin.de

 





Das Buch

Isabel Rohner / Rebecca Beerheide (Hg.), 100 Jahre Frauenwahlrecht - Ziel erreicht! ...und weiter?, Ulrike Helmer Verlag 2017, Sulzbach/Taunus, 200 Seiten, 19 €, ISBN 978-3-89741-398-6

 

 

Gegen alle Widerstände

1791 Seit zwei Jahren dürfen in Frankreich die Männer wählen. Olympe de Gouges verfasst deshalb die "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin". Zwei Jahre später wird sie dafür enthauptet.

1849 bringt Louise Otto die wöchentlich erscheinende "Frauen-Zeitung" heraus. Schon in der ersten Ausgabe schreibt sie: "Wo sie das Volk meinen, zählen die ­Frauen nicht mit."

Louise Otto wird mehrfach verhört, ihr Haus durchsucht, 1850 das sächsische Pressegesetz geändert: Mit der "Lex ­Otto" ist Frauen nun die Herausgabe von Zeitungen untersagt.

1873 fordert die Schriftstellerin Hedwig Dohm das Stimmrecht für Frauen. Für sie ist das Wahlrecht Voraussetzung für jede weitere emanzipatorische Entwicklung und ein Grundrecht: "Menschenrechte ­haben kein Geschlecht", schreibt sie.

1875 fordert der Politiker August Bebel auf dem Gründungskongress der SPD ­gegen viele Widerstände das "Wahlrecht für alle Staatsangehörige". 1891 übernimmt die SPD die Forderung dann als ­erste und einzige deutsche Partei in ihr Programm.

1888 gründet Minna Cauer den Verein "Frauenwohl". Ein harmloser Name, der den Verein als Wohltätigkeitsverein ­tarnen soll, aber in Wahrheit stecken ­dahinter radikale Frauenrechtlerinnen.

1902 gründen die Juristin Anita Augsburg und ihre Gefährtin Lida Gustava Heymann den ersten deutschen Frauenstimmrechtsverein.

1904 finden gleich zwei internationale Konferenzen zum Frauenstimmrecht in Berlin statt.

1906 bekommen die Finninnen als erste Europäerinnen das Wahlrecht. Die Stimmrechtsbewegung nimmt weltweit Schwung auf.

1906 bis 1914 werfen in Großbritannien die Suffragetten dafür Schaufenster von Kaufhäusern ein, zünden große Landsitze an und verüben Bombenanschläge auf ­öffentliche Gebäude. Zahlreiche Inhaftierungen sind die Folge. Einige Frauen treten im Gefängnis in den Hungerstreik.

In Deutschland setzt sich die Gewerkschafterin Paula Thiede für das Frauenwahlrecht ein. Arbeiterinnen wie auch ­bürgerliche Frauen ziehen nun an einem Strang.

1914 verändert der Kriegsausbruch die ­Situation grundlegend: Der erste Weltkrieg zerbombt fast vollständig die internationalen Beziehungen der deutschen Frauenbewegung.

1915 organisiert Clara Zetkin trotzdem ­eine internationale sozialistische Frauenkonferenz in Bern. Sie wird daraufhin als Landesverräterin verfolgt.

1916 reicht der deutsche Reichsverband für Frauenstimmrecht das Wahlrecht erstmals beim Reichsparlament und allen ­Länderparlamenten ein.

1918 Mit dem Kriegsende wird der deutsche Kaiser aus dem Amt gefegt: Arbeiter- und Soldatenräte entstehen und der Rat der Volksbeauftragten beschließt, den Frauen das Wahlrecht zu gewähren.

1919 können Frauen im Januar zum ­ersten Mal in Deutschland wählen und ­gewählt werden. Jede Partei, selbst die, die das Frauenwahlrecht zuvor vehement abgelehnt hatten, kämpft nun um die Stimmen der Bürgerinnen. Die Wahlbeteiligung der Frauen beträgt 82 Prozent. Endlich können sie politisch ­mitbestimmen.