Türkei

Sakine und Meryem auf dem Weg zu Kemal Uzun, der nach dem Militärputsch
in der Türkei nach Deutschland flüchtete


Links: Sakine Yilmaz: "Du weißt nicht, was dich erwartet."


Sakine und Meryem sind Freundinnen und Gewerkschafterinnen. Im Kampf für unabhängige Gewerkschaften und Arbeitsrechte haben sich ihre Wege immer wieder in der Türkei gekreuzt. Beide mussten schließlich fliehen. In Deutschland fanden sie sich wieder. Das ist ihre Geschichte

Von Özgür Deniz (Text) und Anita Schulz (Fotos)

Die beiden Frauen hatten einen kindlichen Traum: Sie stellten sich vor, in einer Schokoladenfabrik in der Schweiz zu arbeiten und ab und zu von der Schokolade zu naschen. Das war vor acht Jahren im Gefängnis Bergama in der ägäischen Küstenstadt Izmir. Sakine Yilmaz und Meryem Çag sind Gewerkschafterinnen aus der Türkei, die nach Deutschland geflüchtet sind. Meryem, aus dem hessischen Bad Nauheim nach Köln angereist, lacht, als Sakine ihr in ihrer kleinen Wohnung Schokolade anbietet. "Kannst du dich an unseren Traum erinnern?"

Im Kampf der Gewerkschaften um Unabhängigkeit und für Arbeitnehmerrechte ­haben sich die Frauen kennengelernt. In der Türkei bedeutete dieser Kampf Repression, Razzien, Festnahmen und Gefängnis. Immer wieder haben sich die Wege von ­Sakine und Meryem gekreuzt, sie sind beste Freundinnen geworden. Als Sakine 2009 mit 35 weiteren Kolleginnen und Kollegen ins Gefängnis Bergama eingeliefert wurde, konnte sie eine Person benennen, die Besuchsrecht hat. Sakine gab Meryem an. Doch zu einem Besuch kam es nicht. Auch Meryem wurde festgenommen und kam im selben Gefängnis in Untersuchungshaft. Sechs Monate haben beide dort ohne Anklageerhebung gesessen. Dort spannen sie ihren Traum von der Schokoladenfabrik.

Mit 23 Jahren hat Meryem zu arbeiten angefangen, als Bankangestellte im kurdischen Gercüş bei der staatlichen Ziraat Bankası. Dort begann sie, die anderen Beschäftigten gewerkschaftlich zu organisieren. Später arbeitete sie in Diyarbakir und Izmir. Als sie 2009, inzwischen 34 Jahre alt, verhaftet ­wurde, war sie Betriebsrätin bei der Zollbehörde in Izmir. Nach der Untersuchungshaft wurde sie entlassen und arbeitete jahrelang zuerst als Bildungssekretärin, später als Frauen­sekretärin in der Gewerkschaftszentrale der Bes-Sen, der Gewerkschaft für Büroangestellte, in Ankara.

"Die Arbeit mit Frauen war ungeheuer wichtig", sagt Meryem. "Die Hälfte unserer Mitglieder sind Frauen. Gewalt gegen Frauen und sexuelle Belästigung gehörten zum Alltag. Wir versuchten aufzuklären, organisierten mit Frauenverbänden Treffen, versuchten betroffenen Mitgliedern zu helfen." An das Gewerkschaftsmitglied Sevgi Pektaş erinnert sich Meryem noch genau. Sie wurde von ihrem Mann ermordet. Meryem ließ als Gewerkschaftssekretärin keinen Prozess­termin aus. "Wir wollten nicht, dass der Mörder mit mildernden Umständen davonkommt. Ob Gewalt gegen Frauen oder Unterdrückung der Kurden. Als Gewerkschafter kannst du gar nicht anders, als dich politisch einzumischen."

Sie haben nicht geschwiegen

Meryem hat sich eingemischt. Sie schwieg nicht zu den großen Themen, die die Türkei bewegten. Wochenlang mobilisierte sie in der Gewerkschaft für die Friedenskund­gebung in Ankara am 10. Oktober 2015. Der Gewerkschaftsdachverband KESK, zahlreiche Verbände, mehrere Parteien, die Ärztekammer und die Kammer der Ingenieure und Architekten hatten zu der Kundgebung für "Arbeit, Frieden und Demokratie" aufgerufen. Mit ihrer Freundin Sakine hat sie vor dem Hauptbahnhof in Ankara, wo die Kundgebung stattfand, um 8.30 Uhr ein ­Selfie geschossen. Meryem holt ihr Handy hervor und zeigt das Foto: zwei lächelnde, mutige Frauen. Eineinhalb Stunden später explodierten die Bomben von Selbstmordattentätern des Islamisches Staates und rissen 107 Menschen in den Tod. Über 500 Menschen wurden - zum Teil schwer - ­verletzt.

"Diejenigen, die Deutsch gelernt haben, haben es geschafft", hat Kemal Uzun Sakine gesagt

Im Augenblick der Explosion waren Meryem und Sakine nicht zusammen. Doch jetzt in Sakines Wohnung erinnern sich beide an den Geruch zerfetzter Köperteile, Leichen, Blut. Und an die Wasserwerfer der Polizei, die noch vor den Ambulanzen vor Ort waren und mit Wasser und chemischen Reizstoffen die Menschenmenge auseinandertrieben. Sakine muss immer wieder an die Frau mit Asthma denken. Sie stieß nur ein Flüstern hervor: "Ich kann nicht atmen." Die kleine, zierliche Sakine versuchte, sie zu einer Ambulanz zu schleppen. Später - durch Bekanntwerden interner Polizeikorrespondenz, die auch im Prozess zu Tage traten - sollte sich herausstellen, dass die Behörden vorab über die Identitäten der Selbstmordattentäter und die Attentatspläne informiert ­waren. Mit einer totalen Nachrichtensperre, die auch den Zugang zu Facebook und ­Twitter landesweit blockierte, versuchten die Herrschenden Protestreaktionen zu kontrollieren.

Meryem und Sakine sollten sich in den folgenden Tagen immer wieder begegnen. Vor den Krankenhäusern auf der Suche nach Freunden, vor dem Leichenschauhaus der Gerichtsmedizin und auf Beerdigungen.

Nach dem gescheiterten Putschversuch im Sommer 2016 wurde die gesamte politische Opposition unter dem Regime von Staatspräsident Tayyip Erdoğan zur Zielscheibe erklärt. Meryem erfährt im Mai 2017, dass der Oberste Gerichtshof ein Urteil aus dem Jahr 2011 bestätigt hat. Sie habe damals in Izmir als Mitglied ­einer terroristischen Organisation in der Gewerkschaft gearbeitet.

Als Beweis dienen Mitgliederversammlungen der Gewerkschaft, wo sie sich beispielsweise für muttersprachlichen Unterricht auf Kurdisch ausgesprochen habe. Oder die drei "illegalen Bücher", die die Polizei bei der Hausdurchsuchung fand und die sich in der Anklageschrift finden: zwei Romane und ein vom Verband der Schwulen und Lesbenbewegung herausgegebenes Handbuch. Sechs Jahre und drei Monate Gefängnis lautet das Urteil.

"Mama, geh weg"

Meryem taucht unter, lebt einen Monat in der Illegalität. Dann die abenteuerliche Flucht nach Deutschland. Umarmung mit Sakine, die schon vor einem Jahr aus der ­Türkei geflüchtet ist, in Düsseldorf. Ihre 16-jährige Tochter hat Meryem zurückgelassen. "Mama geh, ich möchte dich nicht wieder im Gefängnis sehen", habe sie gesagt. Sie war neun Jahre alt, als sie ihre Mutter im Gefängnis Bergama besucht hat. Und schon damals hatte sie lockige Haare. Die Leibesvisitation, bei der Hände des Wachpersonales ihr lockiges Haar durchstreiften, ist ein Trauma geblieben. Daran habe sie sich erinnert, als sie sagte: "Mama, geh weg".

"Düsseldorf war die erste Stadt in Deutschland, die ich gesehen habe", sagt Meryem. "Das ist ja wie bei uns zuhause, kam mir in den Sinn, als ich all die türkischen Geschäfte sah. Es war mir nicht fremd." Und da erinnert sie sich plötzlich wieder an das Gefängnis in Bergama. Auf Deutsch heißt Bergama ­Pergamon, das Gefängnis liegt unweit von der antiken Stätte entfernt. Dort hat sie von Peter Weiss "Die Ästhetik des Widerstandes" gelesen. Der autobiografische Roman beginnt im Pergamon-Museum in Berlin während des deutschen Faschismus. "Hitler-Deutschland, der spanische Bürgerkrieg, die Franco-Diktatur - alles im Buch kam mir überhaupt nicht fremd vor."

Deutschland hieß für beide Frauen zuerst einmal, von einem Asyl-Sammellager ins nächste geschoben zu werden. Röntgen, Fingerabdrücke, Impfungen. Meryem war zuerst in Bonn, dann in Gießen und schließlich in Friedberg. Sakine in Unna, Essen und Duisburg. "Es war so erniedrigend", sagt Meryem. "In Gießen musste ich lauter Papiere unterschreiben. Plötzlich grabschte der Mann meine Hand und drückte einen roten Stempel mit Nummern drauf. In dem Saal der Unterkunft sah ich dann ­lauter Menschen mit diesem Stempel. Es hatte etwas damit zu tun, dass wir nach Friedberg verlegt wurden." Die Koffer werden durchsucht. Alles aus Glas ist verboten. Spiegel werden weggenommen.

"Du kannst dich nicht freuen, der Tyrannei entkommen zu sein. Du weißt nicht, was dich erwartet", wirft Sakine ein. Dabei haben beide Glück. Ihre Asyl-Anträge werden zügig bearbeitet. Sakine wird im April als politischer Flüchtling anerkannt. Einen Monat später folgt Meryems Anerkennung.

Links: Meryem Çag: "Als Gewerkschafter kannst du gar nicht anders, als dich politisch einzumischen."
Rechts: Meryem und Sakine hatten einen Traum

Ihre Partnergewerkschaften in Deutschland, ver.di und GEW, hatten sich für sie eingesetzt. "Solidarität ist nichts abstraktes", sagt Sakine. Die ehemalige Generalsekretärin der Erziehungsgewerkschaft Eğitim-Sen kam mit einem Rucksack nach Deutschland. Nach Monaten der Illegalität in der Türkei zahlte sie einem Schlepperring 16.000 Euro, um versteckt in einem Sattelschlepper nach Deutschland zu gelangen.

In Frankfurt / Main ging sie schnurstracks zur Gewerkschaftszentrale der GEW. Sie kannte die Kollegen, weil sie als Beobachter / innen zu den Prozessen in der Türkei gekommen waren. Die Gewerkschaft besorgte ihr einen Anwalt für das Asylverfahren. Ihre erste Nacht in Deutschland verbrachte Sakine in einem kleinen Hotel am Mainufer, das ihr die Kolleg/innen organisiert hatten. "Es war ein wunderbares Hotel, und ich habe in meinem Zimmer geheult. Dann lauschte ich der Stimme fließenden Wassers. Es waren die Geräusche des sich bewegenden Flusses, die mich beruhigt haben."

Da ist es Erdogan aus dem Mund gerutscht

Viele Freunde und Mitstreiter von Sakine und Meryem sitzen im Gefängnis. Auch wenn die Gewerkschaften noch nicht verboten sind, versucht das Regime ihnen den Garaus zu machen. Führende Funktionäre werden festgenommen, ohnmächtig müssen Gewerkschaften mitansehen, wie ihre Mitglieder entlassen werden. Allein im Bereich Bildung und Erziehung sind über 40.000 Menschen entlassen worden - per Dekret von einem Tag auf den anderen. Es gibt nicht die Möglichkeit des Protestes oder der Klage vor dem Arbeitsgericht. Der Ausnahmezustand macht es möglich. Vor wenigen Monaten rutschte es Präsident Tayyip Erdoğan aus dem Mund, als er vor Unternehmern in Ankara eine Rede hielt: "Für euch haben wir den Ausnahmezustand eingeführt. Bei Gefahr eines Streiks greifen wir sofort ein."

Sakine war auf Gewerkschaftsveranstaltungen in Deutschland. Die Normalität hat sie irritiert. "Da redet man über Tarifverträge, Arbeitnehmerrechte und Arbeitsbedingungen. All das, wofür Gewerkschaften eigentlich da sind. Und worüber haben wir bei uns in der Türkei geredet? Festnahmen, Gefängnis, Beerdigungen."

Als Sakine noch im Asyllager in Unna war, kam Besuch von einem älteren Herrn. Der 77-jährige Kemal Uzun war vor fast 40 Jahren Vorsitzender der starken Lehrergewerkschaft. Als die Militärs 1980 putschten und sämtliche Parteien und Gewerkschaften zerschlugen, floh auch er nach Deutschland. Er brachte Sakine ein dickes Buch mit - eine autobiographische Abrechnung. "Lies es nicht jetzt, lies es später, hat er mir gesagt", erinnert sich Sakine. Doch sie befolgte den Ratschlag nicht. "Mir wurde angst und bange, als ich das Buch las. Nach jahrelangem Kampf in der Gewerkschaft hat er es nie verwunden, ein ganzes Leben im Exil zu verbringen. Werde ich auch so enden? Werde ich nie wieder in die Türkei zurückkehren? Werde ich es in Deutschland auch nicht schaffen?" Meryem sagt Sakine, dass sie im Kopf ganz durcheinander sei: "Die Logik sagt mir: Du bist für eine Weile hier. Das Gefühl sagt mir. Du bist auf Durchreise. Deutschland ist nur ein Zwischenstopp."

Sich Einlassen ist leichter gesagt als getan

An den Wochenenden besucht Meryem ­Sakine regelmäßig. Und schon immer wollte Meryem Kemal Uzun kennenlernen. An ­einem Novembersonntag ist es dann soweit. Uzun, schon zu Lebzeiten eine Legende der türkischen Gewerkschaftsbewegung, freut sich auf ihren Besuch. Die beiden Frauen machen sich auf den Weg nach Köln-Holweide, eine halbe Stunde Autofahrt vom Zentrum entfernt. Voller Respekt stellt sich Meryem, die neu Geflüchtete, bei Uzun vor. Und der nimmt kein Blatt vor den Mund, um Ratschläge zu erteilen: "Ihr seid jung. Macht ­etwas daraus. Diejenigen, die vor fast vierzig Jahren kamen und dachten, dass sich alles schnell ändern wird, kamen in Teufels Küche. Diejenigen, die Deutsch gelernt haben und sich auf das Leben hier eingelassen haben, haben es geschafft." Doch das Sich-Einlassen ist leichter gesagt als getan, wenn man täglich zum Smartphone greift, um zu erfahren, ob Freunde unter den ­irrwitzigsten Anschuldigungen verhaftet wurden.

Kemal Uzun, ehemaliger Vorsitzender der türkischen Lehrergewerkschaft

Und manches ist für die Frauen so gewohnt und überhaupt nicht fremd. "Als ich wegen der Arbeit nach Izmir zog, hieß es: Wir vermieten nicht an Kurden. Als ich nach dem Asylverfahren eine Wohnung in Bad Nauheim suchte, hieß es: Wir vermieten nicht an Flüchtlinge." Und Sakine denkt an die Jahre 2013 bis 2015, als sie immer wieder zusammen mit anderen Gewerkschaftern rund 10.000 syrischen Flüchtlingen im Lager Suruç halfen. Verpflegung, Bekleidung, Zelte - alles wurde von Gewerkschaften und NGO's getragen. "Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, dass ich eines Tages auch Flüchtling in einem anderen Land sein werde."

Und sie denkt an eine Gewerkschaftsveranstaltung in Stadthagen, wo sie über die Türkei referierte. Ein Dutzend Störer hatten sich eingefunden und brüllten "Vaterlands­verräterin". Ein Mann schrie: "Ihr macht die Türkei schlecht. Und mit unseren Steuer­geldern schmarotzt ihr als Asylanten in Deutschland."

Nach langem Suchen hat Sakine schließlich eine kleine Wohnung in Köln gefunden, in der sie nun wieder mit Meryem sitzt. Mitsamt der Möbel der verstorbenen Vormieterin hat sie die Wohnung übernommen: geblümte Tapeten, Jesus am Kreuz, Porzellan-Engel, Bilderrahmen und Fotos. Nichts hat sie verändert. Die verstorbene alte Frau sei ihr nah, obwohl sie sie nicht gekannt habe. "Sie hat alles hinterlassen. Ebenso wie ich. Ich habe meine Wohnung in Ankara hinterlassen, ohne etwas mitzunehmen. Letztendlich sind wir nur Gäste auf dieser Welt. Doch das darf uns nicht davon abhalten, für ein besseres Leben zu kämpfen."