Vulkaninsel

Das gibt es nur auf Madeira

Die landestypischen Besonderheiten der "Perle des Atlantiks" bringen ganz eigene Berufe hervor

Achtung keine Seifenkistenfahrer, sondern öffentlicher Personennahverkehr - mit dem Korbschlitten runter in die Inselhauptstadt Funchal

Foto: ullstein bild

Von Jenny Mansch

Zeit ist Geld. Auch auf der ruhigen Entspannungsinsel Madeira. "Schießen Sie los mit Ihren Fragen, ich muss gleich wieder hoch", keucht Ricardo. Der Korbschlittenfahrer ist völlig außer Atem. Das wäre jede/r von uns, nach der wilden Fahrt, die wir hinter uns haben. Dabei ist der 27-­Jährige sichtlich gut trainiert. Knappe fünf ­Kilometer haben er und sein Kollege unseren Korbschlitten von der hoch auf dem Berg gelegenen Kirche Nossa Senhora do Monte in die Hauptstadt Funchal unten im Tal manövriert. Mittels seitlich am Schlitten, dem "carro de cesto" oder auch "Sledgecar", befestigten Seilen schieben, bremsen und ziehen zwei Fahrer das Gefährt, das auf zwei Kufen wie auf Skiern die aalglatt gewetzte Asphaltstraße hinunterdüst. Das ist nicht nur schnell, das Sträßlein ist stellenweise eng und von kleinen uralten Mäuerchen und Häuschen gesäumt. Die Fahrgäste wirft es in den Kurven aneinander, es wird gekreischt und gejuchzt, die Fahrer erhöhen erfreut das Tempo.

Der Korb­schlittenfahrer

Was heute als Touristenattraktion beliebt und als Beruf einzigartig ist, war für die Bauern früher überlebenswichtig. Madeira, fruchtbarer Gipfel eines riesigen Vulkans, kann nur terrassenförmig bepflanzt und beackert werden. Noch heute gibt es auf Madeira keine industrielle Landwirtschaft. Um ihre Produkte aus den Bergen ins Tal zu transportieren, ließen sich die Bauern auf der damals straßenlosen Insel etwas einfallen: Sie flochten große, stabile Körbe, schraubten sie auf Kufen und balancierten so ihr Obst und Gemüse - anfangs noch über Kopfsteinpflaster - bergab zum Marktplatz in Funchal.

Ricardos dunkle Augen blitzen, seine Antworten stößt er knapp zwischen den Atemzügen aus: Ja, er macht den Job als Korbschlittenfahrer gern, obwohl es tierisch auf Rücken und Knie geht. Er hat eine Vollzeitstelle und "ein anständiges Gehalt" von 770 Euro im Monat, dazu kommt das Trinkgeld, am spendabelsten seien die Amerikaner. Das Ganze sei "ein lustiger Spaß" und seine Kunden seien stets gut gelaunt, wenn sie unten in Funchal dem schliddernden Wäschekorb entsteigen. Und, na klar, sein Sohn werde den Beruf später ebenfalls ergreifen, soviel steht fest. Und zack, weg ist er wieder.

Der Madeira-Weinbauer

Nach dieser Aufregung muss ein Madeira her. Mit der weltberühmten Weinspezialität prostete man sich einst anlässlich der Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zu, und auch Churchill schrieb glühende Dankesbriefe an die Exporteure. Da ist auch uns das Likörchen gerade recht. Zu Fuß geht es in das Weinhaus Blandy's. Im Keller des alten Gebäudes befindet sich ein Weinmuseum, hier sind auch besagte Briefe, Fotos, Weinpressen und alte Geschäftsbücher ausgestellt.

Was den Beruf des Madeira-Produzenten besonders macht, lernt man bei einer der Führungen durch die Weinkellerei. Es ist ein komplexes Geflecht aus sechs entscheidenden Rebsorten, aus edlen Lagerhölzern und Temperaturen, die den Trauben eine Reise durch die Tropen vorgaukeln. Beim Transport in die britischen Handelskolonien war den Seefahrern nämlich die positive Auswirkung der tropischen Grade auf den Geschmack des Weines aufgefallen. Dieser Tropeneffekt wird noch heute durch eine ausgeklügelte Umverteilung der Fässer nachgeahmt. Dies und die zuvor durch 96-prozentigen Alkohol gestoppte Gärung des Rebsaftes machen den besonderen Charakter des Likörweins aus.

Im Schankraum probieren sich die Besucher weiter durch fünf Jahre alten Medium dry Madeira, der mild und rund den Gaumen verlässt. Am Tisch wird philosophiert, was die kleine Traube des halbtrockenen 1850er Vedelho wohl alles gesehen haben mag auf ihrem Weg in die Karibik, da kommt der fünfjährige süße Madeira auf den Tisch. Er wird auf das Wohl der armen Sissi getrunken. Gleich um die Ecke im heutigen Casino Park-Hotel hatte sich die österreichische Kaiserin einst in der Quinta Vigia die Augen rot geweint.

Der Levadeiro

Auf einer Tagestour - die gesamte Insel lässt sich mit preiswerten Linienbussen erschließen - vom südlichen Funchal ins nordöstliche Santana begegnen den Besuchern weitere, auf Madeira typische Berufe. In den Choupana Hills, die hinter dem traumhaften Botanischen Garten beginnen, hat sich eine Gruppe Wanderer zusammengestellt und diskutiert mit dem Levada-Führer. Ganz Madeira ist von sogenannten Levadas durchzogen. Die schmalen Wassergräben am Straßenrand leiten das Regenwasser in geordnete Bahnen und verhindern gleichzeitig, dass man sich auf Madeira verlaufen kann. Folgt man einer Levada, kommt man stets zu einem Dorf.

Trotzdem braucht es für einige Wanderungen den Levada-Guide. Er führt sicher die teilweise steilen und schmalen Felsstiege entlang und kann einschätzen, wann es zu gefährlich ist. Zum Beispiel heute: "Ich sage Ihnen, vertrauen Sie mir. Die Sicht ist zu schlecht, wir nehmen die Route eine Etage tiefer." Gesagt, getan, die Gruppe greift zu den Wanderstöcken und verschwindet im weißen Nebel. Der Levada-Guide sorgt auch für die Pflege der Levadas, eine Laubsammel- und Reinhaltearbeit, für die gerade eine Stelle ausgeschrieben wurde und jede/r kann sich bewerben (siehe Kasten).

Der Exzentriker

Santana war früher eine Bauernsiedlung im Nordosten der Insel, die heute zu einem kleinen Themenpark umgerüstet ist. In den putzigen Häuschen gibt es nur noch Souvenirs. Aber beim Exzentriker, so nennen ihn hier alle, am Ende der Siedlung, ist alles noch genau wie früher. Er ist aus Südamerika zurückgekehrt, um hier in seinem alten Häuschen zu leben und allein von den Trinkgeldern seine ganze Familie zu ernähren. Wir bestaunen das Bett, in dem man ihn gezeugt hat, bekommen ­einen Schnaps und bewundern seinen ­verwunschenen Garten. Dann geht's zur Qunita do Furao, Mittagessen.

Der Espada-Angler

Der Schwarze Degenfisch, der Espada Preta, ist nicht schön, aber er ist eine Landesspezialität und schmeckt umso besser. Nur hier auf Madeira arbeiten die Fischer nicht frühmorgens. Sie stechen mitten in der Nacht in See, lassen ihre Angel, die sich am Ende in weitere Angelschnüre teilt, auf 1.000 Meter hinab und holen die Tiefseefische herauf, die währenddessen erst ihre schwarze Farbe entwickeln.

Der Dampfdestilliermeister

Auf dem Rückweg nach Funchal kurzer Stopp in der ältesten Zuckerrohrfabrik und Rumdestillation Casa do Rom Branca. Hier hat der Destilliermeister einen ebenfalls einzigartigen Job. In der Produktionshalle steht ein blau angestrichenes Eisenschwein, die einzige Dampfdestilliermaschine Europas. Der Destilliermeister steht den ganzen Tag im Alkoholdampf und überprüft Süße und Reifegrad des 50- bis 60-prozentigen Rums. Der Mann selbst ist heute nur in einem Vorführvideo zu sehen, wo er die Vorgänge des Destillierens erklärt. Auffällig sind seine geröteten Augen, und auf Nachfrage erfahren wir, dass der Job hart ist. "Da wird man schon etwas alkoholkrank, da kannst du nichts gegen machen", wird uns erklärt. Ja, gibt's denn für den Mann keinen Arbeitsschutz? Doch, doch: "Der geht dann zwischendurch immer mal raus an die frische Luft." Das Gewerkschaftsgemüt zieht sich kurz zusammen und betäubt den Schmerz fürs erste mit einem pur getrunkenen 60-Prozenter.

Madeira-Tipps