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ver.di-Organizerin Thuy Linh Pham (unten re.) mit Erzieherinnen, einem Erzieher und einer Kollegin in der Kita Ringelblume in Erfurt – sie sind dort jetzt zu 100 Prozent organisiertFotos: Christian Jungeblodt

"Viele Sorgen führen zu vielen ver.di-Beitritten", so könnte eine Formel lauten, die auf den Punkt bringt, was gerade in Kindertagesstätten in Thüringen passiert. 200 neue Mitglieder hat ver.di dort seit März gewonnen, weil die Unzufriedenheit unter den Kita-Beschäftigten groß ist. Organizer*innen von ver.di waren mitten auf der Höhe der Pandemie vor Ort unterwegs, um sich über die Lage der Beschäftigten zu informieren und gemeinsam für Verbesserungen einzusetzen – natürlich unter Beachtung von Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen.

"Wir wollten uns durch Corona nicht abschrecken lassen. Die Menschen in den Kitas haben ja auch gearbeitet", sagt Franziska Bruder, die das bundesweit angelegte Organizing-Projekt für Deutschlands Kindertagesstätten leitet. Angesteckt habe sich niemand. Und niemand habe Viren in die Kitas getragen. "Wir haben uns regelmäßig testen lassen und bei schönem Wetter saßen wir draußen auf dem Spielplatz mit zwei Metern Abstand und FFP2-Masken. Manchmal haben wir uns auch nur online getroffen", so Bruder. "Und", betont sie, "uns ist es wichtig, für die Beschäftigten da zu sein und von ihren brennenden Sorgen und Nöten zu erfahren."

Trotz hoher Infektionszahlen in Thüringen waren die Kitas der Arbeiterwohlfahrt in diesem Jahr geöffnet und zu 90 Prozent belegt. "Der Druck der Beschäftigten war riesig", sagt Organizerin Thuy Linh Pham. "Einerseits waren sie besorgt, selbst zu erkranken, andererseits hatten sie den Anspruch, für die Kinder voll da zu sein." Besonders bitter: Viele AWO-Beschäftigte haben keine Corona-Prämie bekommen. Das richte sich danach, bei welchem Kreisverband sie angestellt seien.

Das Organizing-Team hat in den Thüringer AWO-Kitas von Nöten gehört, die ganz typisch für die Branche sind und vor allem besonders häufig für Frauenberufe gelten: Die Gehälter sind zu niedrig, die finanzielle Bewertung der Arbeit erfolgt nach Gutdünken und die Belastung ist extrem. Frustrierend war für die Kita-Beschäftigten der AWO in Thüringen zudem, dass in den Medien fast nur über "geschlossene Kitas und Schulen" berichtet wurde. Im Alltag erlebten sie aber geöffnete Einrichtungen und höhere Anforderungen wie zusätzliche Hygienemaßnahmen und fehlende Kolleg*innen, die sie vertreten mussten. Auch zuhause war die Belastung höher als sonst. Viele Erzieherinnen haben selbst Kinder und Familien.

Das Projekt, das auf vier Jahre ausgerichtet ist, hatte in Thüringen einen erfolgreichen Auftakt. Die Organizer*innen haben rund die Hälfte der 120 AWO-Einrichtungen aufgesucht. Auch in Sachsen-Anhalt sind sie unterwegs gewesen. Dort geht es um den Ausbau der ver.di-Arbeit beim kommunalen Eigenbetrieb der Kindertagesstätten in Halle mit 55 Einrichtungen. Nach und nach wird das Organizing-Projekt so auf ganz Deutschland ausgeweitet und je nach Bedarf werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Als nächstes geht es nach Hamburg und Bremen und dann in die anderen Bundesländer.

Bedarf wächst, Personal fehlt

In den Kitas in Deutschland fehlen rund 173.000 Fachkräfte. Das hat eine bundesweite Befragung ergeben, die ver.di in diesem Jahr über einen Zeitraum von fünf Wochen in Kindertagesstätten durchgeführt hat. Demnach fehlen im Durchschnitt pro Kita drei Vollzeitkräfte, um auf die Bedürfnisse der Kinder gut eingehen zu können. Der Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für Kinder ab 6 Jahren erfordere den weiteren Aufbau von Personal. Die Folge: Der Personalmangel wird immer größer. Es sind überwiegend Frauen, die in der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten. Sie sollen auch künftig den steigenden Bildungs- und Betreuungsbedarf stemmen. Doch schon viel zu lange wird der Fachkräftemangel auf ihrem Rücken ausgetragen. Das kann so nicht weitergehen.

"Um mehr für die Beschäftigten in den Kitas zu erreichen, müssen sich mehr Kolleg*innen gewerkschaftlich organisieren", sagt Thuy Linh Pham. "Tarifverträge fallen nun mal nicht vom Himmel." Einen haben die Kita-Beschäftigten in Thüringen gerade gemeinsam dank neuer ver.di-Mitgliederstärke ausgehandelt. In der Gehaltsrunde mit dem Arbeitgeberverband der AWO Thüringen gab es Ende Juni eine Einigung. Der alte Tarifvertrag, der noch von der inzwischen für tarifunfähig eingestuften DHV-Vereinigung abgeschlossen war, ist nun durch einen ver.di-Tarifvertrag abgelöst, zunächst mit einer Gehaltserhöhung von zweimal 3 Prozent.

Ziel ist, dass die Beschäftigten künftig auf Grundlage des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst vergütet werden. Schon im Herbst stehen bei der AWO in Thüringen auch die Manteltarifverhandlungen an. Dabei geht es um die Arbeitsbedingungen wie Arbeitszeit und Urlaubsregelung. "Wir dürfen jetzt nicht nachlassen. Der erste Schritt ist gemacht, aber zur weiteren Aufwertung dieses Berufs gehören auch qualitative Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, die nur durch den Druck der organisierten Beschäftigten erreicht werden können", sagt Thuy Linh Pham.

Zu 100 Prozent organisiert

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Eine Wundertüte hilft, viele ver.di-Mitglieder helfen noch mehr

Kita-Leiter Norman Vida Szücs ist mit gutem Beispiel vorangegangen und nicht nur ver.di-Mitglied geworden, sondern hat sich auch als Mitglied für die Tarifkommission aufstellen und wählen lassen. Die Kita Ringelblume in Erfurt, in der er arbeitet, ist nun zu 100 Prozent organisiert. "Ich möchte als Verantwortlicher in der Leitungsposition gutes Personal finden. Dazu sind eine gute Entlohnung und Wertschätzung wesentlich", sagt Norman Vida Szücs. Hinzu kommen die besonderen Anliegen der Leiterinnen und Leiter, um die er sich auch kümmern will.

Lysanne Amthor ist Erzieherin in der Kita Sommerau in Zella Mehlis. Sie hat sich bewusst für die AWO als Arbeitgeber entschieden, weil sie sich dort wohlfühlt. Doch bei der Bezahlung klafft eine Lücke zu den städtischen Trägern. "Deshalb fand ich es cool, dass ver.di zu uns gekommen ist. Das gibt uns Aufwind. Ich bin Mitglied geworden, weil ich etwas verändern will."

Ismail Doğru war für ver.di in Sachsen-Anhalt unterwegs im kommunalen Kita-Eigenbetrieb in Halle. "Wir hatten zwar schon Mitglieder dort, doch die Bereitschaft, sich selbst zu organisieren und einzubringen, war dort bislang nicht besonders ausgeprägt. Wir mussten erst einmal erläutern, was Gewerkschaft bedeutet, und dass wir eine Mitgliederorganisation sind, die durch ihre Mitgliederstärke Erfolge hat." Auch in Halle ist ver.di auf viele Probleme der Beschäftigten gestoßen. Allerdings ging es nicht in erster Linie ums Gehalt, da die Beschäftigten bereits nach TVöD bezahlt werden, sondern um mehr Personal und Entlastung.

Zu einer ver.di-Informationsveranstaltung zum Kita-Personalcheck in Halle kamen erstmals 40 Pias (Praxisintegrierte Auszubildende), Kita-Beschäftigte und Kita-Leiterinnen. "Das ist erfreulich. So viele waren es noch nie", sagt Ismail Doğru. Erfolg habe das Projekt dann, wenn die Kolleg*innen feststellen, dass sie sich in ver.di organisieren und aktiv werden müssen, um gemeinsam ihre Probleme zu lösen.

Projektleiterin Franziska Bruder, die oft mit in die Kita-Betriebe geht, macht dabei immer wieder klar: "ver.di ist eine Mitgliederorganisation. Ihr habt es in der Hand, etwas für euch zu erreichen. Wenn wir viele sind, dann erreichen wir auch viel."