interview

"Wir lassen uns nicht fertig machen"

Uli Kring, Betriebsratsvorsitzender der Aldi-Gesellschaft Bad Laasphe, über das System Aldi

Foto: Christian Jungeblodt

ver.di publik - Bei Aldi Nord wird heftig Stimmung gegen einige Betriebsräte geschürt - hat es das schon mal so gegeben?

Uli Kring - Ja, das ist für uns leider nichts völlig Neues. Eine ähnliche Situation hat es schon 1991 gegeben, als die Aldi-typischen Bis-Zu-Zeiten gegen Widerstände durchgedrückt wurden. Der Arbeitgeber sicherte sich damit pauschal Mehrarbeit beim Verkaufspersonal: Die Kolleginnen und Kollegen mussten seither regelmäßig bis zu drei Stunden pro Woche länger arbeiten, die Filialleitungen sogar 7,5 Stunden.

ver.di publik - Und in jüngster Vergangenheit?

Kring - Auch als vor drei Jahren die Backstationen eingeführt wurden, hat man wieder massiv Stimmung gegen Betriebsräte gemacht, die gute Arbeitszeitregelungen aushandeln wollten. Unsere Geschäftsleitung unterstellte, wir wollten die Backstationen verhindern, und drohte, den Fuhrpark auszugliedern und eventuell acht Filialen zu schließen. Damals hat man gezielt bei den Filialleitungen mobilisiert und genau das geschieht jetzt wieder, um das neue Arbeitszeit- und Vergütungsmodell und neue Arbeitsverträge zu erzwingen.

ver.di publik - Was passiert da konkret? 

Kring - Damit er die kritikwürdigen Vereinbarungen unterschreibt, werden in der Aldi-Gesellschaft Horst Unterschriften gegen den Betriebsrat gesammelt. Bei uns in Bad Laasphe ist gedroht worden, die Gesellschaft werde aufgeteilt, wenn wir nicht auf den Kurs der Geschäftsführung einschwenken. In Schwelm wurde einer Betriebsratskollegin in einem Schreiben an alle Beschäftigten vorgeworfen, es wäre ihr menschlich völlig egal, wenn die Regionalgesellschaft geschlossen würde. Das ist absolut unter der Gürtellinie.

ver.di publik - Aldi beherrscht offenbar das Spiel mit der Angst ... 

Kring - Egal, ob es sich um Fuhrpark, Lager, Verwaltung oder Filialen handelt - mit existenziellen Ängsten jongliert Aldi Nord als Arbeitgeber seit Jahren, wenn die Betriebsräte kleingemacht werden sollen. Das ist nicht so leicht wegzustecken. Denn wir sind ja mit viel Herzblut dabei, die Interessen unserer Kolleginnen und Kollegen zu schützen, und dann kommen solche persönlichen Angriffe wie in Schwelm oder Drohungen mit einem kompletten Investitionstopp wie in Beucha. Das ist unterste Schiene, aber wir lassen uns nicht fertig machen. 

ver.di publik - Welche Kritik habt ihr am neuen Arbeitszeit- und Vergütungsmodell?

Kring - Wir fordern seit langem, dass eine minutengenaue elektronische Zeiterfassung eingeführt wird, damit keine unbezahlte Mehrarbeit mehr anfallen kann. Eine korrekte Erfassung der Arbeitszeit ist mit dem neuen Modell nicht gewährleistet.

ver.di publik - Ein Beispiel?

Kring - Wenn eine Kassiererin aus der Pause herausgeklingelt wird, kann es schnell Probleme geben: Sind bereits neun Minuten oder mehr vergangen, werden die kompletten 15 Minuten abgezogen. Aber sie muss der Sache hinterherlaufen, damit das korrigiert wird. Ähnlich verhält es sich, wenn sich das Arbeitsende hinauszögert. Das System dokumentiert dann nur die Arbeitszeit, die geplant war, plus fünf Minuten. Es sei denn, der oder die Betroffene fordert eine Korrektur ein.

ver.di publik - Was hat es mit den neuen Arbeitsverträgen auf sich?

Kring - Die Zeiterfassung soll nur kommen, wenn 90 Prozent der Beschäftigten neue, schlechtere Arbeitsverträge unterschreiben. Aldi Nord will sich durch neue Formulierungen offenbar die Möglichkeit verschaffen, aus den Tarifverträgen auszusteigen und eventuell einen viel schlechteren Haustarifvertrag mit einer gelben Pseudo-Gewerkschaft abzuschließen. Der Tarifausstieg ist bisher nur als letzter Ausweg bezeichnet worden, falls es Aldi mal schlecht geht, aber wer weiß. 

ver.di publik - Welche Kröten sollt ihr noch schlucken?

Kring - Wir als Betriebsräte sollen darüber hinaus Betriebsvereinbarungen zustimmen, die in Teilen tarif- und gesetzwidrig sind und mit denen wir unsere Mitbestimmung in Arbeitszeitfragen, insbesondere bei Mehrarbeit, auf einen Schlag aufgeben. Über den Weg von Arbeitszeitkonten will Aldi Nord die Flexibilisierung des Personaleinsatzes so auf die Spitze treiben.

ver.di publik - Wie wehrt ihr euch?

Kring - In allen Aldi-Gesellschaften, wo sich die Betriebsräte nicht erpressen lassen wollen, setzen wir auf sachliche Aufklärung. Bei uns in Bad Laasphe haben wir zum Beispiel im letzten Herbst eine Befragung gemacht und die Beschäftigten haben sich mehrheitlich dafür ausgesprochen, dass die Arbeitszeiterfassung ohne neue Arbeitsverträge im Verkauf eingeführt werden soll. 91 Prozent der Teilnehmenden haben so entschieden, wobei die Beteiligung bei immerhin fast 60 Prozent lag. Als Betriebsräte der Aldi-Gesellschaften wollen wir über den Weg von Einigungsstellen, die das Betriebsverfassungsgesetz vorsieht, unsere Mitbestimmung durchsetzen. Nur so gibt es die Chance für eine korrekte elektronische Zeiterfassung, die dafür sorgt, dass die Kolleginnen und Kollegen keine unbezahlten Minuten und Stunden mehr leisten müssen.

Interview: Andreas Hamann

"Wir als Betriebsräte sollen Betriebs­verein­barungen zustimmen, 
die in Teilen tarif- und gesetzwidrig sind"