Textilindustrie

Viel Stoff, wenig Lohn

Elf Jahre nach Ende des Welttextilabkommens haben nur die großen Textilkonzerne gewonnen, die Umwelt und vor allem die Beschäftigten sind die Verlierer

In einer Textilfabrik in Rajasthan/Nordindien

Foto: Franck Chaput/hemis.fr/laif

Von Petra Welzel

Bis zu 36 Personen braucht es, um eine Pyjamahose oder eine Boxershorts zu nähen. Ungelogen. Hildegard Hagemann von der katholischen Organisation Justitia et Pax hat 2014 selbst für ein paar Tage in der Näherei im indischen Silvassa mitgearbeitet, wo Hosen mit so vielen Händen gefertigt werden. Die unmittelbare Erfahrung anderer Arbeits- und Lebenswelten sind Teil von Exposure- und Dialogreisen, die ihre Organisation Politikern, Gewerkschaftern, aber auch Unternehmensmanagern und anderen anbietet. In ihrem Bericht über ihre persönliche Erfahrung schreibt Hildegard Hagemann: "Am Ende eines Films kann man über die Länge eines Abspanns oft nur Staunen! So viele Menschen tragen mit ihrer Arbeitszeit, ihren Fertigkeiten und ihrer Kreativität zum Kino-Hit bei. Bei Textilien steht nur ein Name - der Markenname."

Markennamen sind das, was alle kennen oder auch manchmal erst kennenlernen, wenn sie Kleidung in einem Geschäft oder immer häufiger online kaufen. Dass sich hinter jeder Hose, jeder Jacke, jedem Kleid, Rock oder auch Mantel zig Hände verbergen, blendet der Markenname aus. Auch dann noch, wenn sich mit ihm tragische Katastrophen mit tausenden Opfern wie im September 2012 beim Fabrikbrand von Ali Enterprises in Pakistan oder im April 2013 beim Fabrikeinsturz von Rana Plaza in Bangladesch verbinden. Für eine Weile berichten die Medien über sie, an den Jahrestagen wird vielleicht noch einmal daran erinnert, wenn es etwas Neues zu berichten gibt, zum Beispiel über immer noch ausstehende Entschädigungen, aber dann heißt es wieder: aus den Augen, aus der Öffentlichkeit, aus dem Sinn.

Millionen arbeiten zu Niedrigstlöhnen

Die Liste der Menschen, die dazu beitragen, dass der weltweite Textilhandel seit Jahren floriert, muss dabei noch erweitert werden. Bis eine Näherin ein Stoffteil an ihrer Nähmaschine anlegt, wird zum Beispiel in der Baumwollindustrie oft von zehntausenden Kindern Saatgut gewonnen, werden Baumwollfelder in der Regel immer noch ungeschützt mit Pestiziden besprüht und später von Millionen nackten Händen gepflückt. Und das alles zu absoluten Niedrigstlöhnen.

In Indien werden Kinder und Frauen zudem noch mieser bezahlt als Männer. Wenn sich eine Familie insgesamt an einen Landeigner verdingt, erhält oft allein das Familienoberhaupt den gesamten Lohn. Darüber hinaus sind Frauen und Kinder vor allem auch sexuellen Übergriffen und physischer Gewalt ausgeliefert. "Frauen und Kinder sind in jeglicher Hinsicht die Verwundbarsten in der Landwirtschaft", sagt Paulomee Mistry, Vizepräsidentin der Landarbeitergewerkschaft von Gujarat, einem der nördlichen indischen Bundesstaaten mit einer großen Baumwollwirtschaft. Ihre Gewerkschaft hilft Betroffenen.

Ähnliche Bedingungen herrschen auch in den weiteren Verarbeitungsschritten in den Baumwoll-Entkernungsfabriken und den Spinnereien. Dort sind die Beschäftigten zudem einem immensen Lärm ausgesetzt, Schichten rund um die Uhr bei gleichbleibenden Temperaturen von mehr als 30 Grad. Kühlere Temperaturen lassen die Baumwolle zerfasern. In der Wärme bleibt sie weich und zart und lässt sich erst zu dem Garn kämmen und spinnen, das von dort aus dann in Färbereien, Strickereien und Webereien ins In- und Ausland geliefert wird. Von wo aus wiederum Nähereien beliefert werden, um die Kleidung zu produzieren, die schließlich im weltweiten Handel landet.

Bis zu diesem Punkt haben mindestens noch einmal Dutzende von Menschen Hand angelegt, damit aus einem Samen auch eine Hose wird. Menschen, die sich hinter vielen Markennamen verbergen. Aber allein die Marken profitieren seit gut elf Jahren vom ausgelaufenen Welt­textilabkommen. Das war ein vom 1. Januar 1995 bis Ende 2004 gültiges internationales Abkommen für die gesamte Textil- und Bekleidungsindustrie. In den zehn Jahren seines Bestehens hat es den stufenweisen Übergang der zuvor durch Importquoten geschützten Branche zu einer der Welthandelsorganisation unterliegenden Branche geregelt. Das heißt: Seit 2005 ist der Handel mit Textilien vollständig liberalisiert, was nicht ohne Folgen, vor allem für die Beschäftigten, geblieben ist.

Diesen Folgen widmet sich auch ein neues Arbeitsheft der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung. Die beiden Autorinnen, Sabine Ferenschild von Südwind, Institut für Ökonomie und Ökomene, und Julia Schniewind, die ihre Masterarbeit in Volkswirtschaft über "zehn Jahre Liberalisierung im Welttextilhandel" geschrieben hat, haben sich dafür sieben Länder und Europa vorgenommen. Zu den sieben Ländern zählen China, Indien, Bangladesch, Vietnam, Indonesien, Kambodscha und die Türkei. In diesen Ländern hat es teilweise immense Veränderungen gegeben, seit der Handel mit Textilien ohne Beschränkungen ist.

Vor allem Bangladesch, Indien, Vietnam, Kambodscha und die Türkei haben seither eine wachsende Textilindustrie, alle Länder konnten ihre Weltmarktanteile steigern. Deutlicher Verlierer der Handelsliberalisierung ist hingegen Europa. Spielten die EU-Mitgliedsstaaten bis 2005 mit ihrer Textilproduktion noch weit oben mit, sind die Marktanteile seitdem erheblich gesunken. Und selbst in China, immer noch der weltgrößte Textilproduzent, schrumpft sie. Insgesamt gingen in der Volksrepublik zehn Millionen Arbeitsplätze in der Branche verloren. Die Studie basiert auf einer Vorgängerstudie, die mit dem Ende des Welttextilabkommens Prognosen aufstellte, wie der Welthandel zehn Jahre nach Ende des Abkommens aussehen werde. Festhalten können die Autorinnen, dass die zentralen Prognosen von damals eingetroffen sind. Die Branche hat eindeutig einen Wachstumsschub erfahren, es hat trotz Arbeitsplatzabbaus eine massive Verlagerung der Produktion nach China gegeben, eine Regionalisierung des Textilhandels hat sich vor allem für den asiatischen Raum ergeben, und der vorausgesehene soziale Wettlauf nach unten findet tatsächlich statt.

Letzteres hängt weitestgehend damit zusammen, dass sich die großen globalen Markenketten immer neue, immer billigere Produktionsstätten suchen, und Länder wie Bangladesch lange bereit waren, diesen Sog nach unten mitzutragen, um ihre Industrie zu stärken. Mit den oben benannten Folgen: Sinkende Löhne, prekäre Arbeitsverhältnisse und Arbeitsplätze, die Leib und Seele gefährden. Gewonnen haben also im Wesentlichen die großen Textilkonzerne. Profitiert haben auch Millionen Frauen, aber nur insofern, wenn sie Arbeit in der Branche gefunden haben und oft, so auch in Indien, am Heimarbeitsplatz das Familieneinkommen aufstocken können. Auskömmlich ist das Einkommen damit noch lange nicht.

Auch ein Jahrzehnt des Widerstands

In ihrer Studie zeigen die Autorinnen auch für jedes Land auf, inwieweit Organisationen, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft Einfluss auf die Bedingungen im weltweiten Textilhandel nehmen. Allen voran wird die Clean Clothes Campaign (Kampagne für saubere Kleidung), ein Netzwerk verschiedener Organisationen und Gewerkschaften, genannt, dem auch ver.di angehört. In ihrem Fazit kommen die Autorinnen zu dem Schluss: "Der Blick in viele Schwerpunktländer/-regionen zeigt, dass das letzte Jahrzehnt nicht nur von der Liberalisierung des Handels und der Ausbreitung informeller Arbeitsverhältnisse geprägt war. Es war auch ein Jahrzehnt des Widerstands von Beschäftigten und zivilgesellschaftlicher Initiativen, ohne die die Situation der Beschäftigten heute wahrscheinlich noch deutlich schlechter wäre."

Gut wird die Lage der Beschäftigten erst sein, wenn auf den Waschzetteln aller Kleidungsstücke neben dem Markennamen auch steht: Dieses Produkt wurde vollständig fair produziert.

Folgen des Freihandels, Arbeitsheft 85, Otto Brenner Stiftung, Frankfurt am Main 2016, 146 Seiten, zu bestellen oder downloaden unter www.otto-brenner-stiftung.de

QR-Code mit einem Smartphone scannen und direkt zum ver.di-Film Gefangen in der Baumwollkette gelangen.