Kino

Die Kommune

Das Experiment, eine WG zu gründen, lässt sich gut an. Anna und Erik sind nicht auf Untermieter angewiesen, aber die neuen Mitbewohner bringen Schwung in ihren Alltag. Sie diskutieren, feiern, streiten, saunieren und haben Spaß. Regisseur Thomas Vinterberg, der in diese Geschichte auch eigene Erfahrungen einbringt, erinnert sich indes nicht nur vergnüglich, sondern vor allem ambivalent an alternative Lebensformen im Kopenhagen der 1970er Jahre, entlarvt Lügen, Selbstbetrug und fragwürdige Ideale der Achtundsechziger. Die Affäre mit einer Studentin bringt es mit sich, dass Eriks egozentrische, chauvinistische Seite zum Vorschein kommen. Hemmungslos und ohne Rücksicht auf Frau und Tochter quartiert der Architekt seine neue Freundin in der Kommune ein. Anna akzeptiert diese Zumutungen verständnisvoll, doch plötzlich versagt der toleranten Nachrichtensprecherin vor laufender Fernsehkamera die Stimme. Es tut weh, die eigentlich starke Frau so leiden zu sehen. Die großartige Trine Dyrholm lässt ihre Heldin sehr ergreifend zu Boden gehen. Aber zum Glück steht sie auch wieder auf. Kirsten Liese

DK 2015. R: THOMAS VINTERBERG: D: TRINE DYRHOLM, ULRICH THOMSEN, HELENE R. NEUMANN. 111 MIN. KINOSTART: 21. APRIL


Kein Zickenfox

Diese Musikdoku wartet mit spannend erzählten Portraits von Musikerinnen in allen Lebenslagen zwischen 21 und Mitte 80 auf. Vor 13 Jahren haben sich 66 Frauen aus Berlin-Kreuzberg und Neukölln zu dem weltweit einzigartigen sinfonischen Frauenblasorchester zusammengeschlossen. Auf der diesjährigen Berlinale wurde ihr Film präsentiert - und heimste prompt einen Publikumspreis ein. Es sind die knappen, unverstellten Statements der Frauen, die in die Doku hineinziehen. Eine Sozialarbeiterin um die 60, die Frauen im Knast betreut (anrührend) und im Orchester das Saxofon bläst, oder die Schlag­zeugerin (mit Supersoli), die ihr Haus schlagzeuggerecht umbaut. Um eine(n) geschehen ist es jedoch, wenn die Gruppe mit ihren Musical-Hits live aufspielt - wie in der Berliner Urania in diesem Frühjahr. Nach der Filmvorstellung rissen die Frauen 850 Zuschauer/innen im - ausverkauften - Kinosaal zu Begeisterungsstürmen hin. Also, den Film unbedingt anschauen. Oder gleich ein Instrument kaufen und loslegen. Denn der Ratschlag der Musikerinnen klingt nach in den Ohren: Wann, wenn nicht jetzt! Ulla Spiekermann

D 2016/DAGMAR JÄGER & KERSTIN POLTE/MITW. FRAUENBLASORCHESTER BERLIN/69 MIN., KINOSTART: 17.3.2016


Sing Street

Bekannt wurde er mit seinem anrührenden Film Once über einen verliebten Straßenmusiker. In Sing Street setzt der irische Regisseur John Carney auf einen Teenager mit Ambitionen. Zwar kann Conor weder singen noch Instrumente spielen, geschweige denn sich durchsetzen. Aber um sich seiner Traumfrau zu nähern, wirbt er sie für das Musikvideo seiner noch nicht existierenden Britpopband an. Die Motivation zu musizieren steigt. Die Band rekrutiert er einfach und optimistisch aus Schulbekanntschaften. Es funktioniert, scheue Schüler mausern sich zu kecken Jungmusikern. Sing Street zeigt das Dublin vor dem Celtic Tiger, dem Nationalstolz stiftenden Wirtschaftsboom. Conor revoltiert gegen sein rückständiges Land, gegen Schul- tyrannen, Liebeskummer und den Hausverkauf der Eltern, die die Verarmung in eine Trennung treibt. Alles ergibt Stoff für Conors Songtexte. Dem Schnitt und der in Conor vernarrten Kamera gibt es Gelegenheit für einen Mix aus Wunschträumen, den herrlich dilettantischen Musikvideos der Band und schließlich deren Profiversionen. Nicht nur Filmkritiker lachen vor Glück. Jutta Vahrson

IRL 2016. R: JOHN CARNEY. D: FERDIA WALSH-PEELO, JACK REYNOR, LUCY BOYNTON, MARIA DOYLE KENNEDY, 106 MIN., KINOSTART 26. 5. 16