Druckindustrie

Streikerfahrene Blaumänner

Die Belegschaft der Frankfurter Societäts-Druckerei kämpft seit Jahren um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Nach dem letzten dreiwöchigen Streik ist die Druckerei vorerst gerettet

Von Michaela Böhm

Links: Patrik Gerlach – einer von 270 Beschäftigten
Mitte: Jürgen Hofmann – erfahrener Blaumann
Rechts: Oliver Reitz – morgens um 5 Uhr oft der Erste

Fotos: Bert Bostelmann

 

So viel Platz. Hier könnten fünf Gabelstapler nebeneinander fahren, ohne sich zu stören. Ist aber keiner unterwegs. Es ist leer und ruhig. Mittag – eine träge Zeit für eine Zeitungsdruckerei, wo immer nachts erst richtig was los ist. Doch große Druckereien produzieren auch tagsüber: Wochenzeitungen, Anzeigenblätter, Beilagen. Früher war das so.

Die Frankfurter Societäts-Druckerei ist eine der größten europäischen Rollenoffsetdruckereien und hat gerade ihren größten Auftrag verloren. Und ihren seit Jahrzehnten längsten Streik hinter sich.

Mitten in der Halle vom Versand stehen zwei und plaudern miteinander. Der eine Schichtführer, der andere Betriebsratsvorsitzender. „Den Streikbruch werde ich dir nicht verzeihen.“ Der Schichtführer lacht schief. Er arbeitet immer, wenn gestreikt wird. So wie alle anderen Schichtführer auch.

Die Belegschaft der Druckerei ist innerhalb von acht Wochen von einer Krise in die nächste gestoßen worden. Ihre Gegner: Ein Unternehmen, das seit langem versucht, sie in die Knie zu zwingen. Ein Arbeitgeberverband, der Tarifaustritte normal findet. Und eine Branche, die kaum einer beachtet. Mitten drin 270 Drucker und Helfer, Wickler und Fahrer, die sich wehren.

Die Nachtschicht geht nicht rein

Es ist der 24. Oktober. Die Societäts-Druckerei in Mörfelden liegt zwischen Autobahn und Frankfurter Flughafen, zwischen Flachbauten für Transport, Fahrzeugteile, Verpackungen. Ab und zu drückt ein Lastwagenfahrer aufs Gaspedal und rauscht über die schnurgerade Straße. Es ist 22 Uhr, die Spätschicht kommt aus der Druckerei heraus, die Nachtschicht geht nicht rein. Hier draußen im Nichts versammeln sich die Streikenden. Vor der Werkseinfahrt stellen sie sich für den Fotografen auf. „Mach mal“, sie sind ungeduldig, drängeln sich um den Betriebsratsvorsitzenden Nektarios Androulidakis, den hier alle Neki nennen. Und um Manfred Moos von ver.di Hessen. „Sagt endlich: Wie geht es weiter?“

Acht Tage zuvor hatte die Frühschicht noch für mehr Lohn gestreikt; fünf Prozent mehr Geld fordert ver.di weiterhin für die Druckindustrie. Jetzt hat ihr Arbeitgeber mitten in der Tarifrunde in einer Blitzaktion die Tarifbindung verlassen. „Alle Betriebsräte sollten hochkommen zum Geschäftsführer. Wir haben schon geahnt, was kommt“, erzählt Nektarios Androulidakis. Der Geschäftsführer erklärte den Tarifausstieg. Sie sind aufgestanden und gegangen. Was sollten sie noch dort? Nun streiken sie für einen Anerkennungstarifvertrag.

Die Spätschicht ist draußen, die Nachtschicht geht nicht rein – so hat der Streik in der Frankfurter Societäts-Druckerei begonnen

Viele sind 10, 20, 30 Jahre lang bei der Frankfurter Societäts-Druckerei beschäftigt. Immer mit Tarif. Jetzt auf einmal ohne? ­Manfred Moos erklärt den Männern vorm Werkstor, dass der gekündigte Tarifvertrag für Gewerkschaftsmitglieder nachwirkt und bloß keiner einen Einzelarbeitsvertrag unterschreiben soll. Zusammenstehen, beieinander bleiben, das ist jetzt wichtig.

Der Tarifvertrag in der Druckindustrie ist nicht irgendeiner. Da steht die 35-Stunden-Woche drin. Wie sonst nur in Tarifverträgen der IG Metall. Es waren die IG Metall und die kleine IG Druck und Papier – eine der Vorläufergewerkschaften von ver.di – die 1984 die Arbeitszeitverkürzung erstreikten. Die Arbeitgeber waren nicht zimperlich. Hetze in der Öffentlichkeit, Kriminalisierung der Streikenden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) ließ ihre vierseitige Notausgabe unter Polizeischutz per Hubschrauber trotz fehlender Genehmigung aus dem Hof der Societäts-Druckerei fliegen, damals noch in Frankfurt am Main.

Pinkelverbot als Antwort auf Streiks

Seit dieser Zeit ist die 35-Stunden-Woche den Arbeitgebern ein Ärgernis. Immer wieder versuchen sie, längere Arbeitszeiten durchzusetzen. In Betrieben und am Verhandlungstisch. Erst im vergangenen Jahr hat der Verband den Manteltarifvertrag ­gekündigt. Sie wollen Zuschläge kürzen, Urlaubs- und Jahresleistung verringern, Arbeitszeiten verlängern. Die Gespräche mit ver.di sind festgefahren, neue Termine nicht vereinbart.

Manche Arbeitgeber nehmen Streiks als das, was sie sind: ein Grundrecht der Beschäftigten. Andere reagieren beleidigt. Wie Jan Eric Rempel, Verlegersohn und noch nicht sehr lange Geschäftsführer der Druckerei. Er wolle keine Gewerkschaft im Betrieb sehen. Und rote Jacken auch nicht, ließ er den Betriebsrat wissen. Und außerdem sei es den Streikenden untersagt, die Toiletten im Gebäude zu benutzen. Pinkelverbot als Antwort auf die Streiks. „Herr-im-Hause-Allüren“, sagt Androulidakis.

Im April 2018 hatten die Zeitungsgruppe Ippen aus München und die Gießener Verlegerfamilie Rempel die Druckerei von der FAZ-Gruppe übernommen. Oder wie Spötter sagen: Der Regionalzeitungsfürst Ippen (Münchner Merkur und Offenbach Post) tut sich mit dem Provinzblattherausgeber (Gießener Allgemeine) zusammen. 80 Prozent und 20 Prozent. Ippen diktiert, Rempel spurt. Mit dem Kauf weitet die Ippen-Verlagsgruppe ihren Einfluss in Hessen weiter aus. Denn neben der fast 160 Jahre alten Druckerei gehörten auch die Frankfurter Rundschau und die Frankfurter Neue Presse zum Paket. Mit diesem Deal ist die Ippen-Gruppe im bundesweiten Ranking der Tageszeitungs-Verlage um zwei Ränge auf Platz 4 gestiegen.

Wo immer Ippen einsteigt, fliegt der Tarifvertrag weg. Auf dem Weg dahin spielen Ippens Geschäftsführer Standort gegen Standort aus, Belegschaft gegen Belegschaft. Die Strategie ist stets die gleiche: Ippen wechselt beim Arbeitgeberverband in die Mitgliedschaft ohne Tarifbindung und die Beschäftigten unterschreiben aus Angst, den Job zu verlieren, Einzelarbeitsverträge zu schlechteren Bedingungen. Damit ist bei gekündigten Tarifverträgen die Nachwirkung weg. Ist eine Belegschaft nicht bereit, künftig fünf Stunden gratis zu arbeiten, werden Druckaufträge abgezogen.

Einen Betrieb nach dem anderen bugsiert die Ippen-Gruppe in die Tariflosigkeit. Unter Tarif zu beschäftigen, lohnt sich für Ippen. Die Drucker verdienen monatlich bis zu 800 Euro netto weniger als mit Tarif, nicht eingerechnet die fünf zusätzlichen, unbezahlten Stunden pro Woche.

Als die Ippen-Gruppe die Societäts-Druckerei kaufte, war Geschäftsführer und Ippen-Neffe Daniel Schöningh eigens nach Mörfelden gereist. Er beruhigte die damals noch 300 Stammbeschäftigten: Für sie werde sich nichts ändern. Inzwischen sagt der Betriebsratsvorsitzende Neki Androulidakis: „Seitdem uns Ippen übernommen hat, kann ich mir alles vorstellen.“

Der Tarifausstieg war nicht alles. Einen Monat später – Ende November – erklären die Druckerei-Besitzer, mehr als 100 Beschäftigte entlassen zu wollen. Der Grund: Der Axel-Springer-Verlag hat den Druckauftrag gekündigt und lässt seit Anfang des Jahres eine Teilauflage der BILD und die Welt in einer fünf Autominuten entfernten Druckerei der Demirören-Gruppe produzieren, nach Presseberichten bekannt für ihre Nähe zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der Auftrag ist weg, die Maschinen stehen jetzt öfter still.

ver.di stellt eine mobile Toilette auf

Die Belegschaft streikt weiter. Ohne Pause. Für einen Anerkennungstarifvertrag. Und sie protestiert gegen die Massenentlassung. Morgens um 5 Uhr kommt der Erste, oft ist es Oliver Reitz, 49, Helfer in der Rotation. Nachts geht er oft als Letzter. Montag bis Freitag, Samstag und Sonntag. Für Licht und heißen Kaffee sorgt ein Generator, den die Vertrauensleute vor Jahren angeschafft haben. So viel wie im Dezember 2018 musste der noch nie laufen.

Sehr ernst – der Betriebsratsvorsitzende Nektarios Androulidakis (Mitte)

Wenige Meter neben dem Streikzelt hat ver.di eine mobile Toilette aufstellen lassen. Zuhause sind die Streikenden nur zum Schlafen und Duschen. Sie tragen die roten Jacken, die Jan Eric Rempel nicht mag, jetzt ständig. Am Ende werden sie fast drei Wochen gestreikt haben. „Liebe Leserinnen und Leser, wegen einer betriebsinternen Auseinandersetzung in ­einer unserer Druckereien können wir Ihnen die Zeitung leider nicht in der gewohnten Qualität liefern.“ Solche Info-Kästen wie in der FAZ erscheinen ähnlich auch in den anderen Zeitungen, die in der Societäts-Druckerei produziert werden. Politiker schreiben offene Briefe und appellieren an die Herausgeber und Chefredakteur*innen, auf die Druckerei einzuwirken, einen Anerkennungstarifvertrag mit ver.di abzuschließen. Die Antwort ist Schweigen.

Über den Konflikt in Mörfelden kein Wort. Die Zeitungen schreiben nichts, das Radio bleibt meist stumm, das Fernsehen sendet nur im Regionalprogramm. Und so erfährt kaum jemand, dass da draußen im Nichts zwischen Autobahn und Flughafen Druckereibeschäftigte Widerstand leisten.

Am Nikolaustag brechen sie auf nach Gießen. Dort, wo das Stammhaus der 20-Prozent-Rempel-Familie ihren Stammsitz hat. 250 Leute ziehen vors Verlagshaus. Mit dabei auch Redakteur*innen der Frankfurter Neuen Presse im Solidaritätsstreik. Von den Rempels lässt sich keiner blicken. Aber einige Redakteur*innen und Verlagsangestellte der Gießener Allgemeinen verlassen ihre Verlagsweihnachtsfeier, um sich dem Protest anzuschließen. Weihnachtsfeier bei Rempel – da geht es nicht üppig zu. Den Festangestellten wurde geraten, ihre Flasche Wein selbst mitzubringen, und die Freien gebeten, sich beim Essen zurückzuhalten, erzählen sie. Es reiche sonst nicht für alle.

Branche in der Krise

Neun Jahre ist es her, als die Belegschaft der Societäts-Druckerei in der Branche schlagartig bekannt wurde. 2010 wollte die FAZIT-Stiftung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Eigentümerin die Beschäftigten auf drei Firmen aufteilen. Verwaltung, Redaktion und Druckerei sollten ihre Geschäfte getrennt erledigen. Das Motiv: Wer erst einmal ausgegliedert hat, kann schneller fusioniert oder verkauft werden. Und den Betriebsrat schwächt es gleich mit. Einen Tarifvertrag sollte es nur noch für die Beschäftigten der Druckerei geben. Denn mit den streikerfahrenen Blaumännern wollte sich der Arbeitgeber nicht anlegen.

Die Belegschaft verteilte mehr als 35.000 Flugblätter an Bahnhöfen mit dem Titel ­„FAZit-Stiftung auf Schlecker-Kurs“. Und streikte. Allesamt – Drucker, Helfer, Redakteur*innen, Frauen und Männer aus der Kantine. Zehn Tage am Stück. Manch eine Zeitung erschien nur als Notausgabe, die FAZ reduziert. Das Ergebnis: Die Abspaltung konnte zwar nicht verhindert werden, aber der Tarifausstieg war verhindert – für alle Beschäftigten.

Warum war das gelungen? Die Zeit damals ist kaum mit der von heute zu vergleichen. Die Branche ist in der Krise. Zeitungen verlieren an Auflage und an Umfang, Anzeigen wandern ins Internet. Und: „Die FAZIT-Stiftung scheute die Öffentlichkeit und lenkte lieber ein“, mutmaßt Androulidakis. Otto Jäckel, Rechtsanwalt des Betriebsrats, antwortet mit Blick auf Rempel und Ippen trocken: „Wer keinen guten Ruf hat, was den Umgang mit seinen Beschäftigten angeht, muss auch nicht um ihn fürchten.“

Und wieder wird ein Teil der Druckerei zu Grabe getragen – Protest der Beschäftigten in Gießen, am Ippen-Stammsitz

Aber es gibt noch einen anderen Grund: In der Druckerei gibt es neben der regulären Belegschaft inzwischen eine weitere. Wie das Schattenkabinett in der Politik – bereit, bei einem Wahlsieg sofort anzutreten –, so hat die Societäts-Druckerei seit mehreren Jahren eine Schattenbelegschaft: Drucker, Helfer, Maschinenbediener, Einleger, Logistiker, angestellt bei verschiedenen Werkvertragsfirmen, eingesetzt in der Druckerei. Die meisten haben nur einen Zweck: Bei Streiks die Produktion zu übernehmen. Nicht zu vergessen fast 20 Schichtführer, übermäßig viele und mit einem Gehalt wie der Geschäftsführer eines mittleren Unternehmens erstaunlich gut bezahlt. Während die Stammbelegschaft – fast komplett – für den Tarifvertrag streikt und gegen die Entlassungen protestiert, unterlaufen sie drinnen die Streiks.

Als es am Verhandlungstisch darum geht, wie der Verlust des Arbeitsplatzes ausgeglichen werden kann, rechnet Jan Eric Rempel wieder mit spitzer Feder. Mit sehr spitzer: Die Jahresleistung sollte den Streikenden für die Streiktage anteilig gekürzt werden. Das nimmt Rempel später auf der Betriebsversammlung öffentlich zurück. Es ist der einzige Satz, den er auf der Veranstaltung sagt. Kein Wort des Bedauerns über den tiefsten personellen Einschnitt in der Druckerei.

Die Wucht des Streiks

Letztlich werden nicht 100 Kollegen entlassen, sondern gut ein Viertel weniger. „Angesichts der Zugeständnisse, die wir für die Beschäftigungssicherung von 25 Kolleginnen und Kollegen erreicht haben, kann sich auch der Sozialplan sehen lassen“, sagt Rechtsanwalt Jäckel. Es war die Wucht des Streiks und die Unnachgiebigkeit, mit der sich die gewerkschaftlich organisierte Mehrheit der Belegschaft Tag für Tag vors Tor gestellt hat, die zu diesem Ergebnis führten. „Wir haben zusammengestanden und gekämpft, obwohl viele befürchtet haben, dass sie morgen keinen Arbeitsplatz mehr haben“, sagt Neki Androulidakis.

Und dennoch verlieren sie Kollegen, Freunde, einen Teil der Familie. Auf der Kündigungsliste stehen Kollegen, die lange bei der Firma sind, einer seit über 20 Jahren, schwerbehindert, die Frau schwerkrank. Es war die letzte tarifgebundene Zeitungsdruckerei in Hessen.

Und noch fehlt der Anerkennungstarifvertrag. „Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, sagt Androulidakis, den alle Neki nennen.

 

Alpha Print Media-Druckerei geschlossen

Kurz nach Weihnachten hat die Belegschaft der insolventen Druckerei der ­Alpha Print Media (apm) in Darmstadt ­erfahren, dass auch der letzte Kaufinteressent abgesprungen ist. Die Insolvenzverwalterin gab darauf die Schließung bekannt, die 130 Beschäftigten sollten das Haus verlassen. In der apm-Druckerei wurden viele gewerkschaftliche Publikationen der IG Metall und ver.di, darunter auch ver.di publik, gedruckt. Im Oktober war die Insolvenz eröffnet worden. Doch schon bald verdichtete sich der Eindruck, dass die Eigner nur halbherzig und dilettantisch auf Investorensuche gegangen seien, so ver.di. Stattdessen seien immer neue Berater ins Haus geholt worden, die nur Kosten verursachten. Die Schließung wäre vermeidbar gewesen, wenn die ­Eigner tatsächlich ein Interesse daran gehabt hätten, den Standort zu erhalten. Jetzt ist nicht einmal sicher, ob der Sozialplan bezahlt werden kann.