Gegen Rechts

„Ich werde nicht aufhören“

Birgit Mair ist Pädagogin, Journalistin, ver.di-Mitglied und Antirassismus-Trainerin. Auch nachdem sie im Mai von einem AfD-Abgeordneten körperlich angegangen wurde, gibt sie ihren Kampf gegen Rechte und Hardcore-Nazis nicht auf

Foto: Sonja Och

Von Heinz Wraneschitz

Als ein herausgehobenes AfD-Mitglied Anfang Mai im bayerischen Greding ­einen Fotografen und eine Journalistin körperlich bedrängt, nimmt kaum ein ­Medium davon Notiz. Gerade mal die ­Lokalzeitung Hilpoltsteiner Kurier berichtet etwas ausführlicher. Dabei existiert von dem Übergriff sogar ein Video.

Möglicherweise hat sich der bayerische Flügel der selbsternannten „Alternative für Deutschland“, AfD, ganz bewusst den Ort im Grenzgebiet zwischen Mittelfranken, Oberbayern und der Oberpfalz als ­Tagungsstätte ausgesucht. Die Zuständigkeit einzelner Redaktionen für Greding ist nicht immer eindeutig, nur ein Mal im Jahr ist der Ort Pflichtprogramm von Presse, Funk und Fernsehen: Der Trachtenmarkt lockt zigtausende Besucher*innen an, und da dürfen überregionale Reporter*innen natürlich nicht fehlen.

„Kein Kaff zu klein für Protest“

Im Mai traf sich im Gredinger „Hippodrom“ hingegen Süddeutschlands Rechtsaußen-Flügel der AfD, und das Interesse war gering. Warum sich die Rechtsaußen der ohnehin rechtsgerichteten Partei um ihren Guru Björn „Bernd“ Höcke, den Thüringer AfD-Landeschef, ausgerechnet diesen Saal am ersten Maiwochenende als Treffpunkt ausgesucht haben, ist unbekannt. In direkter Nachbarschaft ist eine Flüchtlingsunterkunft angesiedelt, und der Swingerclub im Keller macht das Hippodrom nicht gerade zur besten Adresse der Gegend. Etwa 100 Meter von der Halle entfernt hatten sich gut 50 AfD-Kritiker der Initiative „Greding ist bunt“ versammelt. Mit Buhrufen, Pfiffen und Plakaten wie „Kein Kaff zu klein für Protest“ demonstrierten sie gegen Höcke und Co. Direkt gegenüber vom Tagungsort standen Medienleute. Auf zwei Journalisten unter ihnen hatten es einige AfD-Anhänger offensichtlich abgesehen. Dabei tat sich Dubravko Mandic aus Freiburg hervor, unter anderem Kandidat der Partei bei der letzten Bundestagswahl. Einen Fotografen „ging er an: ‚Löschen! Löschen! Auch Journalisten dürfen keine Porträtaufnahmen machen‘, schrie er mit zeitweise feuchter Aussprache, sodass dem Mann der Speichel um die Ohren flog“, wie der Hilpoltsteiner ­Kurier berichtete. Und: „Später entriss ­Mandic einer Journalistin das Smart­phone.“

Morddrohungen gehen ein

Die angegriffene Journalistin ist Birgit Mair. Sie hat sich als Autorin kritischer Beiträge über Rechtsradikalismus einen Namen gemacht; seit einigen Jahren ist sie aktiv im Arbeitskreis „Antirassis­mus/Antifaschismus“ bei ver.di Mittelfranken, seit 2019 dessen stellvertretende Sprecherin. Mair entwickelt Dokumentationen über Nazis früher und heute, ist seit 2008 aktiv im Nürnberger Bündnis „Nazistopp“ und arbeitet mit Parteistiftungen und Schulen zusammen.

Ihre Aufklärungsarbeit bringt ihr auch schon mal Morddrohungen ein: „Wir sind trotz Polizeiaktion nicht tot. Aber du bald, wenn du nicht besser aufpasst.“ Schon deshalb lasse sie natürlich immer Vorsicht walten, wenn sie in der Nähe rechter Gruppierungen sei, sagt Mair ein paar Wochen später. Das Vor-Ort-Sein sei aber wichtig. „Meinen Expertenstatus habe ich, weil ich selber recherchiere. Wenn ich sage, bei dieser oder jener Veranstaltung waren Bundestags-, Landtags-, Bezirksabgeordnete, dann muss ich das auch nachweisen.“ Deshalb war sie auch in ­Greding anwesend.

Umso schockierter war Birgit Mair, als der AfD-Mann „mich als Frau anging und mir das Smartphone aus der Hand riss. Das ist mir noch nie passiert. Nicht mal bei Hard­core-Nazis“. Sie filmte gerade die Szenerie um das Hippodrom. Aber schlimmer als der Verlust des Videos wäre etwas anderes gewesen: Auf dem Gerät sind auch all ihre Kontakte gespeichert.

Die Polizei hält sich zu diesem Zeitpunkt noch etwas abseits und zurück, das ist auf Fotos anderer Journalisten dokumentiert. Doch Birgit Mair hat Glück im Unglück: Nachdem ein Polizeibeamter den Handy-Raffer dazu auffordert, übergibt der ihm das Mobiltelefon. Und der Polizist überreicht es kurz darauf wieder der Besitzerin.

Ermittlungen laufen

Was nun genau auf dem Telefon von besagtem Film übrig ist, will Birgit Mair nicht sagen. Nur so viel: „Ich habe den Angreifer angezeigt.“ Die Ermittlungen dauern bis heute an, so die zuständige Staats­anwaltschaft Nürnberg Fürth. Dagegen wurde die Beschuldigung einiger Pressevertreter durch fünf AfD-Leute ­„wegen Verstoßes gegen das Kunsturheberrechtgesetz“ eingestellt. ­Die Staatsanwaltschaft konnte „keinen Straftatbestand“  erkennen, dagegen aber laufe eine Beschwerde.

Mairs freie journalistische Tätigkeit ist das eine. Die zweiten 50 Prozent ihrer ­Arbeitszeit stellt sie als Angestellte dem ISFBB e.V. zur Verfügung, dem „Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, ­Bildung und Beratung e.V.“ in Nürnberg. Gegründet wurde der Verein 2004, „weil wir unbedingt bei ‚Hitlers Sklaven‘ mitmachen wollten, einem internationalen Forschungsprojekt. Dabei wurden insgesamt 600 ehemalige Sklavenarbeiter aus dem dritten Reich interviewt, nach wissenschaftlichen Standards“, erinnert sich die Diplom-Sozialwirtin. Europaweit haben 26 andere Organisationen daran mitge­arbeitet. Die Vernetzung untereinander sei bis heute intakt.

Auf „Hitlers Sklaven“ folgten geförderte Projekte wie die Seminarreihe „Antisemitismus und Faschismus“ als kostenloses Angebot für Schulen. Zwischen 2009 und 2012 wurden mit EU-Förderung Zeitzeugen befragt, Fachtagungen veranstaltet, Filme von Überlebenden des Holocaust gedreht. „Seitdem geht es mit der Förderung bergab“, sagt Mair.

Deshalb finanziert sich das ISFBB heute völlig anders. Eigenproduzierte Ausstellungen werden verliehen. Eine sehr erfolgreiche darunter heißt „Die Opfer des NSU“. Die ­Tafeln werden ständig aktualisiert und existieren in siebenfacher Auflage. Darauf geht es um Menschen, deren Verwandte durch die NSU-Neonazis aus Thüringen ermordet oder verletzt wurden. Daneben befragt das ISFBB in öffent­lichen Veranstaltungen Zeitzeugen der Nazizeit oder leistet Bildungsarbeit an Schulen. Etwa 100 Termine im Jahr nimmt das ISFBB wahr – meist in Person der Angestellten Birgit Mair. Dabei gibt es oft ­Kooperationen mit anderen Bildungs­einrichtungen wie Volkshochschulen.

Da muss sie einfach Stellung beziehen

Mair macht keinen Hehl daraus, dass sie und der von ihr mitgegründete Verein laufend von Rechtsaußen verleumdet werden. Doch von Anfang an habe sie sich von der Polizei auch immer gut beschützt gefühlt, „die nehmen das ernst“. Und über manches kann Birgit Mair im Rückblick sogar lachen: „Das Flugblatt eines NPDlers in Insingen ging nach hinten los: Dank dieser Diffamierung war unser Seminar im Pfarrhaus vor ein paar Jahren absolut voll.“

Doch im Mai, nach der Gredinger ­Attacke „hatte ich sogar Schwindelan­fälle“, sagt Mair. „Ich werde in den nächsten Monaten die AfD bewusst meiden, mir geht meine Gesundheit vor.“ Dennoch ­haben die Rechten mit dem Angriff nicht viel erreicht, sagt Mair auch: „Ich werde nicht aufhören, mich zu positionieren, mich der antisozialen Politik der AfD zu widmen. Deren Rhetorik steht im krassen Gegensatz zu dem, was sie offiziell verkündet. Wenn Sichert sagt, wir sind die Partei des kleinen Mannes, dann ist das nur verlogen.“ Das Bundestagsmitglied Martin Sichert ist Landesvorsitzender der AfD in Bayern. Er wohnt wie Birgit Mair in Nürnberg. Sie kann gar nicht anders, als Stellung zu beziehen.

 

Kurz und knapp

Birgit Mair (52), verheiratet, ein Kind, ist Antirassismus-Trainerin, Pädagogin, Autorin, Journalistin – und noch vieles mehr. Als Österreicherin geboren, hat sie seit langem einen deutschen Pass. Nach Absolvierung der Bundeshandelsschule in Innsbruck, arbeitet Mair im Sekretariat des städtischen Presse- und Informationsamts Nürnberg. Dort wird sie vom Dienst freigestellte, stellvertretende Gesamt­vertrauensperson der ausländischen Beschäftigten bei der Stadtverwaltung. Eine Befragung ergibt schon damals: 12 Prozent dieser Mitarbeiter*innen haben Erfahrungen mit Rassismus. Ihr Studium als Diplom-Sozialwirtin an der Friedrich-­Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg schließt Mair mit einer Diplomarbeit über Josef Jakubowicz ab, ein polnisch-deutscher Holocaustüberlebender, der elf Lager überstand. Das Studium finanziert sie unter anderem durch die Mitarbeit in der Ausstellung „Faszination und Gewalt“ in der Nürnberger Zeppelintribüne. Zudem bringt sie ausländischen Frauen und Mädchen „Deutsch als Fremdsprache“ bei. Nach dem Studium führt sie am Pädagogischen Institut der Stadt Nürnberg antirassistische und interkulturelle Trainings durch. Seit 2004 engagiert sie sich im und außerhalb des „Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, ­Bildung und Beratung“ in Nürnberg gegen extrem rechte Menschen und ­Strömungen.    WRA