Der Blick hinter die fremde Wohnungstür

Rund hundert „Fälle“ muss jeder Sozialarbeiter in den Berliner Jugendämtern betreuen. Und die Arbeitsbelastung steigt immer mehr. Dabei geht es oft um misshandelte und vernachlässigte Kinder

VON SILKE LEUCKFELD

Hinter dieser Tür blieben vier Kinder allein

FOTO: GRIMM / DPA / LBN

Alleingelassen in der vermüllten Wohnung, geschlagen, verwahrlost. Die Schreckensmeldungen in Berlin reißen seit Jahresbeginn nicht ab. 15 extreme Fälle von misshandelten, getöteten und vernachlässigten Kindern wurden seit Januar in der Hauptstadt diskutiert. Eine Liste, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Wenn ein Fall bekannt wird, steht das Jugendamt in der Schusslinie: Von "desinteressiert" bis "unfähig" reicht die Palette der Vorwürfe. Welche Möglichkeiten die Beschäftigten tatsächlich haben und wie ihre Situation aussieht, wird selten berücksichtigt.

Ein Brandbrief aus Neukölln an den Senat

Im November 2006 hatten Sozialarbeiter/innen aus Berlin-Neukölln einen Brandbrief an den zuständigen Senator, die Direktorin des Jugendamtes, die Bezirksstadträtin für Jugend und den Bezirksbürgermeister geschrieben. Der Kinder- und Jugendschutz könne angesichts der immer schwierigeren Arbeitssituation nicht mehr garantiert werden, ließen sie die politisch Verantwortlichen wissen. So seien frei gewordene Stellen nicht mehr besetzt, der bezirkseigene Pflegekinderdienst und die Stellen im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst abgebaut worden.

Auch die Sozialarbeiter in Berlin-Mitte teilten ihren Vorgesetzten schriftlich mit, dass "der Kinderschutz nicht mehr ausreichend gewährleistet" sei. In zwölf Punkten listeten sie ihre unverhältnismäßig steigende Belastung, die harte Sparpolitik und ausufernde Bürokratie auf. "Wir sind inzwischen nur noch zu einem Drittel Sozialarbeiter/innen, zu zwei Dritteln leisten wir Verwaltungstätigkeiten", beklagten sie. Ihr Fazit: Die Kinder bleiben dabei auf der Strecke!

Schon im Januar 2006 hat ver.di Berlin-Brandenburg auf die dramatische Situation hingewiesen: 33 Millionen Euro sollen in Berlin innerhalb von zwei Jahren bei den Hilfen zur Erziehung gekürzt werden, obwohl der Verfügungsrahmen seit 2002 schon um 128 Millionen Euro verringert worden war. Allein im Bezirk Tempelhof-Schöneberg sind die Sozialarbeiterstellen von 130 auf 87 geschrumpft. Dem steht die Kriminalstatistik der Berliner Polizei für 2006 gegenüber: 563 Fälle von Kindesmisshandlung (das sind 91 Fälle und 19,3 Prozent mehr als 2005) und 582 Verletzungen der Fürsorge- und Erziehungspflicht (268 Fälle und 85,4 Prozent mehr als im Vorjahr). Dabei sind diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs.

Reicht ein Brief aus?

Die Jugendämter erhalten von Nachbarn, aber auch aus Schulen, Kindergärten und von Familienangehörigen Hinweise. Innerhalb von zwei bis drei Stunden reagieren die Sozialarbeiter der Jugendämter, das ist ihr Alltag: Zunächst wird recherchiert, ob schon Kontakte zu der Familie bestanden, ob irgendetwas bekannt ist. Dann wird entschieden, ob die Familie sofort "aufgesucht" werden muss oder ob zunächst ein Brief ausreicht. Oft schwer zu entscheiden.

Supervision findet nicht statt

"Wir stellen uns immer die Frage, was kannst Du verantworten?", erzählt Birgit Lange, Sozialarbeiterin in Berlin-Neukölln und Mitglied im ver.di-Landesfachgruppenvorstand Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe. Diese Frage begleitet die Sozialarbeiter täglich, bei jeder Akte und jedem Fall. Rund 100 hat jede/r von ihnen zu betreuen. Und die Arbeitsbelastung steigt. Weil freie Stellen nicht mehr besetzt werden, droht die Überalterung in den Jugendämtern. Die hohe Stressbelastung führt zu Langzeiterkrankungen, die wiederum die Arbeitsbelastung für die Kollegen erhöhen - ein Teufelskreis. Auch wenn Sozialarbeiter nicht zimperlich sein dürfen, der Blick hinter die Wohnungstüren ist manchmal schwer zu verkraften. Supervision, um das Erlebte zu verarbeiten, steht ihnen nicht zu. Untereinander, im Gespräch, versuchen sie sich selbst zu helfen.

Achim Christophersen, der Berliner Fachgruppenvorsitzende, arbeitete vor 15 Jahren als Sozialarbeiter im Kinder- und Gesundheitsdienst. "Damals konnten wir noch alle Familien mit Neugeborenen einmal besuchen. Das geht schon längst nicht mehr." Außerdem werden die Hilfen, die das Jugendamt anbieten darf, immer weiter zusammengestrichen. Ob es sich um die Stundenzahl von Familienhelfern, stationäre Unterbringung oder Therapien handelt, überall wird gekürzt. Dabei ist es das Ziel der Jugendämter, den Kindern die Familie wenn möglich zu erhalten. "Die Bindung zwischen Kindern und Eltern ist das höchste Gut", betont Lange. Ein Kind aus der Familie zu nehmen ist immer die letzte Möglichkeit.