Für immer jung

Kuren und baden in Heilbädern hat Tradition in Deutschland. Mit dem Wellness-Trend verkaufen sich bessere Hotels als Wohlfühloasen. Der Verbraucher kämpft sich mühsam durch den Angebots-Dschungel und falsche Etiketten. Tipps für den Wohlfühlurlaub

VON EDITH KRESTA


Antike Spuren in Bad Wildbad: Die Römer
kultivierten das Badewesen in Deutschland

FOTO: LANGE / LAIF

Anti-aging Treatment in der Therme, Klimawanderung in der aerosolen Brandungszone der Ostsee mit Elementen aus dem Qi Gong, Feuer und Eis, kalt und heiß, wechselwarme Fußbäder und kleines Meersalzpeeling am Strand - ein Auszug aus dem Angebot des Strandhotels Ostseeblick auf Usedom. Die Region Mecklenburg-Vorpommern will sich als deutsche Wellness-Hochburg etablieren. Immerhin wurde hier 1793 das älteste Seebad Deutschlands, Heiligendamm, erbaut.

Deutschland hat eine jahrhundertealte Bäderkultur mit über 300 Heilbädern und Kurorten. Thermalwasser und Sole sind die natürlichen Ressourcen dieser Kurtradition. Bereits die Römer wussten um die heilsame Wirkung der Thermalquellen und kultivierten das Badewesen in Deutschland.

Vom Treffpunkt der Adeligen zum Kurwesen des Sozialstaats

Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelten sich die Heilbäder zu Treffpunkten der Adeligen und Wohlhabenden in Baden-Baden, Wiesbaden oder Bad Neuenahr. Man genoss die lindernde und vorbeugende Wirkung der natürlichen Heilmittel, des Bodens, des Meeres und des Klimas. Sebastian Kneipp zog mit seiner weltberühmt gewordenen Physiotherapie Tausende zur Kur nach Deutschland. "Made in Germany" gilt im Bäderwesen als Inbegriff für Qualität sowohl für die Güte der ortstypischen Heilmittel als auch für die medizinisch-therapeutische Fachkompetenz.

Die Badekultur der Adligen setzte sich im Kurwesen des Sozialstaates fort - weniger glitzernd, aber effektiv und demokratisch. Durch die Kostendämpfung im Gesundheitswesen bleiben den Kurorten nun die Gäste weg, dafür ist die selbst organisierte und selbst bezahlte Gesundheitsvorsorge und Prävention gefragt. Solche gesundheitsbewussten, potenziellen Kunden bewerben heute Kureinrichtungen, Rehakliniken und Wellness-Hotels in gleichem Maße. Auch verstaubte Kurorte sind deshalb längst auf den Wellness-Trend aufgesprungen und bieten Kuren light. Beispielsweise Bad Neuenahr: "Komposition Rosenblüte - Jugendliche Kraft, belebende Frische. Dazu gehören Trockenbürstenmassage, Ahr-Trester-Peeling Ganzmassage mit Ahr-Rotwein und Rosenessenzen."

Verwöhnprogramme mit Sinnesrausch

Ob fernöstliche Behandlungsmethoden von Ayurveda bis chinesischer Medizin oder althergebrachte, heimatverbundene Therapien mit Sole und Thermalwasser - der Wellness-Trend vermengt die Elemente oft wahllos. Wellness ist nicht mehr wegzudenken aus dem touristischen Angebot. Sie adelt jedes Hotel und kein Hotel der höheren Kategorie kann auf einen, wenn auch noch so kleinen Wellness-Bereich verzichten. Wellness, das ist zunächst Sauna und Whirlpool, tröstende Buddhas und Räucherstäbchen beim Honig-Salz-Peeling. Wellness, das ist Verwöhnprogramm mit Sinnesrausch im luxuriösen Ambiente. Und das tut einfach gut. Wellness, das ist die neue, alte Vorstellung vom Jungbrunnen. Doch Wellness will mehr sein als süße Regression: Sie versteht sich auch als Trend zu mehr Gesundheit.

Der Kerngedanke der Wellness-Angebote verspricht: Krankheiten erst gar nicht entstehen zu lassen, indem ein Gleichklang von Seele, Geist und Körper hergestellt wird. Da ist es natürlich nicht mit einer Ayurveda-Massage und Frühstücks-Meditation im 5-Sterne-Hotel getan. Auch das Wellness-Angebot in Betrieben, die Massagebank und Sauna in ihren Keller einbauen, ist oft unqualifiziert. Aber nach außen verkauft sich ein Unternehmen erstmal gut damit.

Den Arzt zu Rate ziehen

Mehr fachliche Kompetenz suggeriert der neue Begriff der Medical Wellness. "Dabei", sagt Lutz Langwitz vom Medical Wellness Verband, "ist es das wichtigste Kriterium, das ein Arzt zu Rate gezogen wird." Denn Medical Wellness will die Gesundheit durch eine diagnostisch begründete Lebensstiländerung stabilisieren und verbessern. Im Zentrum stehen alltägliche Verhaltensweisen und Einstellungen, die im Sinne einer besseren Gesundheit veränderungsbedürftig sind. Dabei werden nicht nur Blutwerte und Gesundheitsrisiken getestet, sondern beispielsweise auch der Body Mass Index und körperliche Leistungsfähigkeit. Doch auch bei den Angeboten der Medical Wellness ist die Bandbreite kaum zu überschauen. Sie reicht bis hin zu Schönheitsoperationen. Viele touristische Unternehmen machen mit unprofessioneller Medical Wellness ihre Geschäfte. Auch hier ist der Name oft reines Marketing.

Auf der sicheren Seite in den klassischen Kurorten

Aber wie soll sich der Verbaucher im Angebots-Dschungel orientieren? Und welche Qualitätskriterien gibt es? Der Deutsche Wellness Verband hat klare Qualitäts-Standards und Mindestanforderungen an die Anbieter definiert. Spezialisten, die sich mit Erfolg einer entsprechenden Prüfung unterziehen, werden vom Deutschen Wellness Verband zertifiziert. Der unabhängige TÜV Rheinland prüft Medical Wellness Angebote (siehe Interview) und die Wellness-Hotels in Deutschland. Auf deren Homepage stellen sich 44 bundesweit ausgewählte Wellness-Hotels vor. Alle sind mit dem Qualitätsprädikat der Vereinigung ausgezeichnet. Und der Medical Wellness Verband hat seit Frühjahr eine Kriterienliste für Angebote erstellt. Anbieter, die diesen Kritierien entsprechen, sollen fürderhin auch für Präventionsleistungen der Krankenkassen in Frage kommen.

Wellness-Programme mit fachärztlicher Begleitung sind vor allem für Menschen mit Risikofaktoren oder bereits manifesten chronischen Erkrankungen sinnvoll. Hierzu gehören Personen mit Rückenbeschwerden, rheumatischen Erkrankungen, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht. Eine sichere Bank ist dabei immer das Angebot der klassischen Kurorte, die auf bestimmte Krankheitsbilder spezialisiert sind und in der Regel auch ausgebildete Therapeuten beschäftigen. Viele Hotels bilden diese in Schnellkursen mehr schlecht als recht aus.

Medizinische Leistungen haben heute immer mehr den Charakter eines Konsumguts, einer auf dem freien Markt angebotenen Dienstleistung. Denn je leerer die Kassen der Krankenversicherungen, desto mehr werden Patienten zu Kunden auf dem Freizeitmarkt. "Wir wollen uns gut fühlen und ein schönes, interessantes, faszinierendes Leben haben. Mit dem Erlebnismarkt setzt die größte Mobilisierung des Placebo-Effekts ein, die es je gegeben hat", urteilt der Soziologe Gerhard Schulze über die Versprechungen auf dem Wellness-Markt. Körperliche Fitness und Gesundheit werden dabei auch zu Klassenattributen. "Der Bildungsstand eines Menschen spiegelt sich in seiner Gesundheit wieder," sagt Professor Ulrich Keil, Epidomologe an der Uni Münster. Der Bildungsstand oder der Kontostand? Denn die neuen, verlockenden Angebote für Gesundheit und ewige Jugend muss man sich vor allem leisten können.

ADRESSEN

Medical Wellness Verband

Der Verband gibt Verbrauchern Orientierungshilfe in einem Markt, der sich aufgrund seines raschen Wachstums wenig transparent präsentiert. Er bietet Anbietern im Medical-Wellness-Markt ein Forum zur Bündelung ihrer Tätigkeiten und zur Abstimmung aktueller Ergebnisse von Forschung und Lehre. Er erstellt Qualitätsstandards, nach denen Medical-Wellness-Anbieter zertifiziert, Produkte geprüft und Begriffe des Bereichs Medical Wellness geschützt werden. Wichtigstes Kriterium: Ein Arzt muss hinzugezogen werden.

Twin-Towers-Berlin, Fanny-Zobel-Str. 9, 12435 Berlin, Tel. 030/81873310,

Fax 030/81873349, E-Mail kontakt@dmwv.de, www.dmwv.de


Wellness-Hotels-Deutschland GMBH

44 bundesweit ausgewählte Wellnesshotels, die alle mit dem Qualitätsprädikat des Wellness-Baums ausgezeichnet sind. 1997 wurden die Wellness-Hotels-Deutschland gegründet. Hier wurden erstmals Qualitätskriterien für Wellness- Hotels definiert und seitdem weiterentwickelt.

Wellness-Hotels-Deutschland GmbH, Haroldstraße 14, 40213 Düsseldorf,

Tel. 0211/6796979, Fax 0211/6796968, E-Mail post@w-h-d.de, www.w-h-d.de


Der Deutsche Wellness Verband e.V.

Er wurde 1990 gegründet. Neben der Betreuung seiner Mitglieder versteht er sich als kompetenter Vermittler zwischen Wellness-Nachfrage und qualifiziertem Angebot. Neusser Straße 35, 40219 Düsseldorf, Tel. 0211/1682090, Fax 0211/1682095, E-Mail info@wellnessverband.de,

www.wellnessverband.de