Die Gewächshaussklaven

In der andalusischen Provinz Almería im Südosten Spaniens wird Gemüse in Massen für deutsche Supermärkte angebaut. Eine kleine Landarbeitergewerkschaft kämpft für die Rechte billiger Arbeitskräfte aus Nordafrika - zumeist illegaler Immigranten

Von Eberhard SCHADE (Text) und Christian JUNGEBLODT (Fotos)

Gewächshäuser nördlich von La Mojonera

Es ist sieben Uhr am Morgen, Ortsausgang Mojonera, unweit der südspanischen Stadt El Ejido. Die Bars und Cafés sind noch zu. Kaum jemand beobachtet, was sich am Kreisverkehr jeden Morgen abspielt. Sieht die ein, zwei Dutzend Afrikaner, die an die Hauswand gelehnt stehen, warten und nach und nach aufgelesen werden von Männern mit Kleinbussen oder Jeeps. Die nähern sich erst im Schritttempo, verschwinden dann ganz schnell - in Richtung der riesigen Gewächshauser rund um Mojonera und El Ejido. Im Kreisverkehr fällt dann der Blick ganz automatisch auf das große Wahlplakat, von dem El Ejidos Bürgermeister herunterlächelt. "El Ejido in guten Händen", lautet sein Slogan, "gestern, heute und morgen."

Früher war Laaroussi Elmorabiti einer dieser Afrikaner, aufgesammelt vom Straßenrand. "Weiter, weiter", sagt er und wird mit jedem Kilometer merklich stiller. Die Fahrt vom südspanischen Almería über Mojonera ins 30 Kilometer entfernte El Ejido ist für den 39-Jährigen ein Trip zurück in ein trauriges Kapitel seines Lebens. Stoisch blickt der Marokkaner in das "Meer aus Plastik", wie die surreale Landschaft aus Gewächshäusern nicht weit von den Touristenstränden der Costa del Sol genannt wird. Plötzlich sagt er: "Halt, hier links." Auf einem ehemaligen Müllabladeplatz stehen drei zusammen gezimmerte Hütten aus Holzpaletten und Fetzen von Gewächshausfolie. "In der großen schlafen sie, die beiden anderen sind die Dusche und das Klo." 15 Erntearbeiter hausen hier, sagt Laaroussi, manche schon seit Jahren. Ohne Strom, ohne Trinkwasser. Zwischen Pestiziden und Müll. Gekocht und geduscht wird mit Wasser aus einem Bewässerungskanal. Laaroussi hat die Leitung selbst angezapft, weiß genau, wo sie verläuft.

Tomaten, für den Export nach Deutschland bestimmt

Das Meer aus Plastik nördlich von El Ejido

"Keiner da", sagt er, "alle arbeiten." Laaroussi muss es wissen. Er hat selbst hier, in den chabolas, den Elendsbehausungen, gelebt. Hat nebenan, in den Gewächshäusern, Gurken und Paprika geschnitten. "Keiner kommt an ihnen vorbei", sagt er, "sie sind für uns Afrikaner das Tor nach Europa." 30000 Hektar unter Plastik. In der Region Almería verhüllen die Folien Paprika, Tomaten, Gurken - aber auch das, was niemand sehen soll. Die Unterkünfte von mittlerweile 80000 Immigranten, die Hälfte ohne Papiere. Meist junge Männer aus Nord- und Schwarzafrika, die in Booten an der andalusischen Küste oder auf den Kanaren stranden. Tagsüber als Tagelöhner arbeiten. Und in Ghettos am Stadtrand oder den chabolas leben. Unsichtbar für Touristen und Spanier. Isoliert in einer Parallelwelt.

Laaroussi hat in Marokko Psychologie unterrichtet, bevor er nach El Ejido kam. Heute ist er Mitarbeiter der unabhängigen Landarbeitergewerkschaft Sindicato de Obreros del Campo (SOC). Die SOC, vor 30 Jahren kurz nach Francos Tod gegründet, wurde Ende der siebziger Jahre durch Aktionen wie Hungerstreiks, Landbesetzungen und Sternmärsche bekannt. Diese zielten vor allem auf eine umfassende Bodenreform ab. Seit dem Frühjahr 2000 ist die SOC in der Provinz Almería aktiv, unterstützt die Arbeitsmigranten. Anders als die großen gewerkschaftlichen Dachverbände erhält sie kaum finanzielle Unterstützung von der Regierung, ist auf Spenden angewiesen.

Eine frei verfügbare Masse

Die fünf Mitarbeiter in den drei Büros vor Ort wirken wie ein versprengtes Grüppchen von Idealisten. Dabei klingen die Ziele der SOC - gemessen an den Arbeitsbedingungen der Migranten - fast harmlos. Ähnlich wie in den workers centers in den USA will sie in der Zone der Gewächshäuser Orte für Zusammenkünfte schaffen, um Mindestlöhne streiten, zwischen Unternehmern und Arbeitern vermitteln. "Wenn schon die ganze Schattenwirtschaft hier von Immigranten getragen wird", sagt Laaroussi, "kann man doch erwarten, dass wir wenigstens wie Menschen behandelt werden."

Scharfe Worte, aus denen viel Bitterkeit spricht. Doch auch nüchterne Zahlen belegen, dass an der Grenze des modernen Europas die Rechte, die die SOC einfordert, schlicht ignoriert werden. Dabei hat das trockene Stück Land zwischen Meer und Gebirge heute eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Spaniens. Ein Reichtum, der auch mit Hilfe der Einwanderer erwirtschaftet wurde. Allerdings profitieren sie nicht davon. "Im Gegenteil", sagt Laaroussi. "Ein Immigrant verdient hier 30 Euro am Tag, arbeitet oft ohne Vertrag und kann von heute auf morgen auf die Straße gesetzt werden." Für den Arbeitgeber, den patrón, sind Afrikaner eine frei verfügbare Masse. "Sie sind die Sklaven von heute", so der Gewerkschaftsmann. Laaroussi geht wieder Richtung Auto. Er muss zurück nach Almería. Sein Kollege Spitou hat dort eine Versammlung vorbereitet. "Versammlungen sind etwas für politische Parteien", findet Laaroussi, "wir müssen in die Betriebe, mit den Arbeitern reden." Doch das ist schwierig. Die SOC hat kaum Spanier in ihren Reihen, in den Augen der patrones ist sie eine reine Interessenvertretung namenloser Immigranten.


Laaroussi Elmorabiti (li.) mit Immigranten

Während der Fahrt schweift Laroussis Blick über das endlos schmutzig weiße Plastikplanenmeer. Am Stadtrand von El Ejido dann tauchen Villen auf, vor denen große Geländewagen parken: die Häuser der patrones. Überall in der Stadt wird gebaut. Neben dem in weißem Marmor gefliesten Rathausplatz entsteht ein neues Einkaufszentrum. Die Blumenrabatten geharkt, die Fenster der Boutiquen und Bankfilialen immer frisch geputzt - alles hier wirkt übertrieben sauber, fast schon klinisch. Immigranten sieht man nirgends.

Der Name El Ejido steht noch immer für versteckten Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Nachdem ein geistig verwirrter Marokkaner im Februar 2000 eine junge Spanierin getötet hatte, brannte ein aufgebrachter Mob Geschäfte und Hütten von Marokkanern nieder. Die Bilder der Pogrome gehen durch alle Nachrichten. Der Bürgermeister guckt stillschweigend zu.

Als der Mob wütete

"Nach den Tumulten fingen wir mit Streiks an", sagt Laaroussi. Und plötzlich schien alles besser zu werden. Die patrones machten Zugeständnisse, sagten Stundenlöhne über vier Euro zu. Nur: Sie zahlen sie bis heute nicht.

Warum, darüber wollen sie nicht reden, schon gar nicht mit Journalisten. Auch der erzkonservative Bürgermeister Juan Enciso Ruiz blockt ab. Er duldet stillschweigend das, was die patrones tun. Verleugnet so tausende Arbeiter, die die Region doch dringend braucht.

Zwischenstopp beim Gemüsebauern. Nein, Manuel Flores Martinez will auch nicht über Immigranten sprechen. "Da wird viel aufgebauscht", sagt der 43-Jährige nur. Das Geschäft, findet er, läuft schon so schlecht genug.

"Richtig fett verdienen doch nur die ganz Großen", schimpft Martinez und meint damit die patrones mit über zehn Hektar Land, die Zwischenhändler und die großen Handelsketten. "Wie kann es sonst sein, dass ich nur 30 Cent für dasselbe Kilo Paprika bekomme, das bei Euch im Supermarkt ein paar Tage später für drei Euro verkauft wird?"

Junge Männer aus dem
Senegal beim Wäschewaschen

Spitou Mendy,
der Gewerkschafter im Gewächshaus

Gewerkschafter vor leeren Reihen

Als Laaroussi wenig später bei der SOC-Versammlung im Almerías Immigranten-Ghetto El Pouche eintrifft, ist sein Kollege längst da. Spitou Mendy faltet Flyer, tackert Flugblätter zusammen. Der 48-Jährige kommt aus dem Senegal, ist eigentlich Professor für Sprachen. Seit Anfang 2002 arbeitet er für die SOC. Die Stuhlreihen vor ihm sind leer. Nur ein Fotograf ist gekommen. Nach einer halben Stunde geht auch der - ohne Bilder. "Wir können nicht erwarten, dass die Leute zu uns kommen, wir müssen zu ihnen gehen", sagt Laaroussi wieder, diesmal in Richtung Spitou. Als der nicht reagiert, zieht der Marokkaner ab. Versucht in einem Café seine Landsleute zu überreden, noch zu kommen. Umsonst. Die Männer sind müde von der schweren Arbeit im Gewächshaus. Wollen lieber Karten spielen und Bier trinken statt Vorträge hören. Viele wollen gar nicht aufbegehren. Tagsüber versteckt hinter dichtem Plastik, ziehen sie sich abends zurück in ihr Ghetto. Auch Laaroussi trinkt ein Bier, geht dann ohne ein Wort nach Hause.

Spitou nimmt die Pleite gelassen. "Morgen ist auch noch ein Tag", sagt er nur.

Am nächsten Tag, Punkt 18 Uhr, im winzigen Büro der SOC. An der Wand noch der Aufruf zur Besetzung einer Finca zum 1. Mai, ein Che-Guevara-Poster. Vier Stuhlreihen und zwei Schreibtische sind zusammen geschoben, dahinter sitzen Spitou, Laaroussi und Laura, die dritte SOC-Mitarbeiterin. Immerhin, zur Info-Veranstaltung heute sind sechs Zuhörer gekommen.

Manuel Flores kann sich
keine Erntehelfer leisten

Hassan (re.) hat einen
Vertrag und dennoch Angst

Eine Handvoll Euro am Ende eines Tages

Einer von ihnen ist Hassan, ein junger Marokkaner. Der 26-Jährige ist nervös, will gleich erzählen, was ihn bedrückt. Spitou nickt. Und Hassan erzählt. Dass er Arbeit hat, sogar einen Vertrag. Sich gut mit seinem Chef versteht und der ihm eine kleine Wohnung besorgt hat. Dennoch hat Hassan ständig Angst, muss immer wieder untertauchen.

Schon einmal, im April 2004, wurde er aus Spanien ausgewiesen, weil er keinen festen Wohnsitz hatte. Fünf Jahre lang durfte er nicht zurück. Seine Familie aber würde ohne das Geld, das er in den Gewächshäusern verdient, verhungern - deshalb setzte er sich schon nach einem Jahr wieder in ein neun Meter langes Holzboot, riskierte erneut sein Leben. 30 Stunden lang mit 80 anderen - für eine Handvoll Euro am Tag.

"Was soll er sonst tun?", nimmt Spitou ihn stellvertretend für alle in Schutz. "In Afrika ist kein Geld, keine Arbeit. Im Fernsehen sehen sie dann Bilder aus Europa und denken: Warum sollen wir uns nicht ein bisschen von denen zurückholen, die uns kolonisiert haben?" Almería ist dabei gar nicht ihr Ziel. "Das Ziel ist Europa", sagt Spitou. Die Einreisebedingungen anderswo aber sind schwieriger. "Deshalb bleiben die meisten hier hängen", sagt Laaroussi, "einige von ihnen zerbrechen daran."

Hassan will kämpfen. Ab April 2009 braucht er sich nicht mehr zu verstecken. Mit Vertrag und Wohnung bekommt er dann eine Aufenthaltserlaubnis. Noch ein Jahr im Gewächshaus, dann darf er in ganz Spanien arbeiten. "Dann nochmal fünf Jahre", rechnet Spitou weiter, "und Hassan ist Europäer." Mit 37.

Zehn Jahre eines Leben, nur um zu überleben. Ohne Familie, ohne Arzt, ohne Orte der Begegnung, Ablenkung, Entspannung. "Wenigstens habe ich Arbeit", sagt Hassan, "muss nicht jeden Tag suchen." Wie so viele andere. Jeden Morgen, auf dem Straßenstrich der Gewächshaussklaven.


Vom Feinsten: El Ejidos Rathaus, Stadtverwaltung

Illegale Einwanderung nach Europa

Jedes Jahr bemühen sich zehntausende Afrikaner, nach Europa zu gelangen. Die meisten kommen aus Ländern südlich der Sahara, versuchen in kaum seetauglichen Booten die südlichen Inseln Spaniens im Atlantik oder Italiens im Mittelmeer zu erreichen. 2006 haben mehr als 26000 Afrikaner auf illegalem Weg die Kanarischen Inseln erreicht, rund fünf Mal so viele wie im Jahr zuvor. Malta und Italien sind mit einem ähnlichen Zustrom konfrontiert.

Seit Marokko seine Grenzen mit Hilfe der EU stärker abriegelt, weichen die Afrikaner auf die südliche Route via Westsahara, Mauretanien oder Senegal aus. Alle Migranten, die nicht die Anforderungen für Asyl erfüllen, will die spanische Regierung abschieben. Oft haben die "Boatpeople" aber keine Papiere. Weil die Staatsangehörigkeit nicht festgestellt werden kann, ist eine Abschiebung nicht möglich. Viele Migranten arbeiten auf den 32000 Hektar großen Gemüse- und Obstanbauflächen in der südspanischen Region Almería, dort werden sie als billige Arbeitskräfte ausgenutzt.

Täglich warten tausende Tagelöhner
auf ihre Anwerbung

El Ejido ist eine der reichsten
Kleinstädte in Spanien

Wahlplakat für den
ultrarechten Bürgermeister