Kleingärten

Mit Kartoffeln gegen Spekulation

Sie sind das Idyll für Menschen mit kleinem Geldbeutel, aber sie sind vom Verkauf bedroht. Die Laubenpieper wehren sich - auch in Berlin

Für viele wird der Traum von der eigenen grünen Lunge zum Alptraum von Riesenbaggern

Foto: Anika Buessemeier / laif

Von Geneviève Hesse

Die Weltwirtschaft mag wackeln - Kürbisse und Äpfelbäume wurzeln fest in der Erde. Vielleicht erleben Kleingärten deswegen gerade eine Renaissance. Das ursprüngliche Konzept vom selbstgezüchteten Obst und Gemüse um die Ecke - inklusive preiswerter Erholung - wird für Stadtmenschen wieder attraktiv. Gartenzwerge sind out - eine neue Kultur des urbanen Pflanzens ist dran. Die Wartelisten für Kleingärten in den Innenstädten der deutschen Metropolen sind voll. Oft sind die Bewerber Familien mit Kleinkindern.

Tomaten züchten ist sozial

Auch im Ausland bekommt urbane Landwirtschaft frischen Wind. In Metropolen wie Detroit, Los Angeles oder New York beweisen es die von der Krise gebeutelten Bürger: Es lohnt sich, die Brachen der Innenstadt zu beackern. Im vergangenen Frühling pflanzten selbst die First Lady Michelle Obama und Queen Elizabeth II. Gemüse in ihren Gärten mitten in der Stadt. Ziel ihrer Inszenierung: Möglichst viele Stadtbewohner sollen ebenfalls ihre eigenen Tomaten züchten, denn das ist sozial und gesund.

Ohne seinen Garten "Am Fenn" in Wilmersdorf wüsste der alleinverdienende Lastkraftfahrer Mile Mikitsch nicht, wie er für seine fünfköpfige Familie sorgen soll. "Wir kaufen schon lange kein Obst und Gemüse mehr ein. Wenn meine Frau kocht, hole ich die Zutaten frisch aus dem Garten in drei Minuten - alles bio", sagt er stolz. Ein anderer Garten am Stadtrand etwa käme schon wegen der Spritkosten für ihn nicht in Frage. "Das ist hier unser Urlaubsersatz. Die Kinder sind glücklich, auch im Winter. Nach Feierabend sind meine Kopfschmerzen in einer Stunde weg, wenn ich im Garten arbeite." Seit einigen Monaten ist der 52-jährige Kroate auf Kurzarbeit gestellt. Er hat schon Alpträume von Riesenbaggern gehabt, die seine Gartenidylle zerstören. "Die Wohlhabenden sollten daran denken, dass auch der kleine Mann seine Kinder glücklich machen möchte".

Anders sieht es allerdings der Berliner Senat. In einem Arbeitspapier vom Mai 2009 stellt er das Überleben der 170 Kolonien auf öffentlichen Grundstücken der Innenstadt in Frage. Fünf von ihnen sollen bis 2010 gekündigt werden, 22 weitere im Jahr 2014. Was aus dem Rest nach 2020 werden soll, sei noch offen. Der Verkauf mancher Grundstücke durch den Liegenschaftsfonds Berlin würde Geld in die leeren Stadtkassen bringen. Eine weitflächige Anlage in Neukölln soll für den Bau des Rütli-Campus ausweichen - eine andere im Bezirk Treptow-Köpenick für den Bau der Süd- Ost-Verbindung.

"Nirgendwo behandelt die Stadt Kleingärtner so gnadenlos als Baulandreserve wie gerade Berlin", stellt Theresia Theobald, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Kleingärten, fest. "Die Hauptstadt hat genug andere Freiflächen für eventuelle Investoren. Außerdem arbeiten Kleingärtner nicht nur im Eigen- interesse, sondern sie sorgen für Frischluftschneisen. Auch die soziale Ebene ist wichtig: Kolonien waren schon immer für Menschen mit kleinem Geldbeutel. Reichere kaufen Villen mit Garten im Grunewald."

Obst und Gemüse

Immer mehr Deutsche brauchen ihren Garten zur Selbstversorgung. Laut einer Studie von eBay Deutschland ist im ersten Quartal 2009 die Nachfrage im Bereich Nutzpflanzen gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um 40 Prozent gestiegen.

In Brandenburg befreien engagierte Bürgerinnen und Bürger derzeit die unverpachteten Gärten von ihrer Obstlast, die Ernte stellen sie den Tafeln zur Verfügung und unterstützen so Hartz-IV-Empfänger.

Literaturtipp: Wladimir Kaminer: Mein Leben im Schrebergarten Goldmann/Manhattan, 17,95 €

Weichen für die Reichen

Der Widerstand der Laubenpieper formiert sich. Im Sommer demonstrierten sie im Rathaus Schöneberg. An den Zäunen der bedrohten Kolonien schießen Schilder empor: "Müssen wir weichen für die Reichen?" "Kinder brauchen grün zum Spielen, daher werden wir auch 2010 nicht gehen." Unterschriften werden gesammelt, die Medien alarmiert.

Politisch bewegt sich auch gerade etwas. Der Rat der Bürgermeister empfahl eine Bestandssicherung aller Anlagen bis 2020. Im Abgeordnetenhaus stellten die Grünen und die CDU Anträge gegen das Arbeitspapier des Senats. "Einige Abgeordnete der SPD und der Linken wollen zwar manche Kleingärten endgültig absichern. Aber gerade nicht die Filetstücke der Innenstadt", sagt Peter Ehrenberg, Vorsitzender des Landesverbandes der Kleingartenkolonien in Berlin. Sein Verband setzt sich für eine unbefristete Absicherung aller bestehenden Kleingärten ein. Sein Motto: "Wer verkauft seine grünen Lungen schon?" Noch vor Ende des Jahres will der Senat eine Entscheidung fällen.

Tritt der Ernstfall ein, wollen die Berliner Kolonisten alle möglichen Rechtswege gehen. Der Verein "Am Fenn" hat die Beiträge in den "Kampffonds" für eventuelle Prozesse von 1,10 auf 2 € im Jahr erhöht.

Oft wird der Widerstand der Wilmersdorfer Kolonie "Württemberg" erwähnt. Der erste Kündigungstermin war im Oktober 2008. 30 der insgesamt 48 Kleingärtner sind damals gegen eine Abfindung von 3 000 Euro eingeknickt. Aber 18 wollen von ihren Parzellen immer noch nicht runter. Sie setzten die gesamte Vereinskasse für Prozesse gegen den Liegenschaftsfonds Berlin ein. Dieser hat einen Verkaufsvertrag mit einem Investor unterschrieben. Drei der hartgesottenen Kleingärtner haben ihre Prozesse Mitte Oktober in der Berufung verloren. Am 25. November besteht für die 15 übrigen Kleingärtner noch eine letzte Hoffnung vor dem Landgericht. Allerdings drohe ihnen der Liegenschaftsfonds Berlin zur Zeit mit einem Schadenersatzanspruch, falls sie nicht bereits vor dem eigentlichen Kündigungstermin, dem 30. November 2009, die Grundstücke "kampflos verlassen", sagt der Rechtsanwalt und Kleingärtner Michael Plassmann, Sprecher der Bürgerinitiative "Gärten retten!".

Hoffnung fürs Stadtgrüne

Unklar sei noch, wie viele beim Gerichtstermin erscheinen werden. "Manche haben Familien und können eine Schadenersatzklage in Millionenhöhe - ganz unabhängig von der Berechtigung - nicht riskieren." Der neue Grundstücksbesitzer habe gar kein Geld für den geplanten Bau. Daher bestehe zur Zeit die Gefahr einer Stadtbrache, "anstatt die grüne Oase zumindest befristet für den Kiez zu retten", so Plassmann.

Bremst die Wirtschaftskrise die Investitionen in den Beton - dann gibt es wieder Hoffnung für das Stadtgrüne.