Aus Erfahrung klug

Geiger, Schweißer, Abgeordneter - Benedikt Hopmann hat schon so einige Erfahrungen in der Arbeitswelt gemacht. Mit 45 Jahren studierte er Jura, heute arbeitet er als Rechtsanwalt. Derzeit vertritt er Barbara E. vor Gericht, jene Verkäuferin, die von einem Kunden vergessene Pfandbons im Wert von 1,30 Euro für sich eingelöst haben soll

"Die Beschäftigten haben immer Recht, die Gegenseite nie."

foto: RENATE KOSSMANN

Von Claudia von Zglinicki

"Alles ist noch offen." Und er will gewinnen. Es wäre auch für Benedikt Hopmann eine Niederlage, wenn seine Mandantin vor dem Berliner Landesarbeitsgericht den Prozess verlieren würde. Es ist der 27. Januar. Eben hat die Richterin die Entscheidung in der Berufung von Barbara E. gegen die Einzelhandelskette Kaisers-Tengelmann auf Ende Februar vertagt. Für einen Moment erstarrt der Saal, dann kommt Unruhe auf. Die Menschen - etwa 150, weit mehr als sonst im Arbeitsgericht - sehen sich verblüfft an. Die Spannung verpufft. Anwalt Hopmann und sein Kollege streifen die Roben ab. Hopmann sagt: "Wenn das Urteil verkündet ist, muss ich mit der Mandantin reden. Sie braucht einen neuen Lebensplan, unabhängig vom Ausgang der Sache."

Der Fall ist bundesweit bekannt geworden. Die Kassiererin E. hatte gegen ihre fristlose Kündigung geklagt, eine "Verdachtskündigung", in der die Unschuldsvermutung nicht mehr gilt. Nicht die Chefs müssen der Verkäuferin beweisen, dass sie Flaschenbons im Wert von 1,30 Euro gestohlen habe; sie muss beweisen, dass sie es nicht getan hat. Ihrem Anwalt vertraut sie, auch wenn der Prozess in erster Instanz verloren ging. Sie sagt: "Benno ist klasse!"

Fragt man Benedikt Hopmann nach einem Fall, hält es ihn nicht länger am Tisch. Er vergisst, den Kaffee einzugießen, für den er eben die Tassen gespült hat, und geht durch den Raum - wie in Anwaltsfilmen. Er hält ein Plädoyer, argumentiert sorgfältig. Liebling Arbeitsrecht. Am liebsten berät Hopmann Betriebsräte. Andere als Arbeitsrechtsfälle übernimmt er kaum. Seine Arbeit lebt vom Vertrauen.

Der Weg zum Betriebsrat

Benedikt Hopmann kommt aus Münster, "einer extrem katholischen Stadt", wie er sagt, "wo es den letzten Widerstand wohl in den Bauernkriegen gab." Er ist mit 20 aus der Kirche ausgetreten und nach der Schule mit Freunden herumgezogen. Musik hat ihn immer interessiert. Was er werden sollte, wusste er nicht recht, so fuhren sie durchs Land. Spielten in Fußgängerzonen irische Musik, mit Geigen, Gitarre und Akkordeon, wohnten nirgendwo, waren fahrendes Volk, wie er amüsiert feststellt. In Nürnberg wurden sie eines Tages in eine Rauferei verwickelt, die Polizei erschien, es war von Landstreicherei die Rede. Das Ende seiner Zeit als Musiker.

Hopmann zog nach Berlin. Er arbeitete bei den Deutschen Telefonwerken in der Dreherei und der Lackiererei. Er schweißte Wagen im Waggonbau zusammen. In einem Betrieb, der Teile für Busse herstellte, wählte man ihn Anfang der achtziger Jahre in den Betriebsrat und bald zum Vorsitzenden. "Damals ging es um die Verkürzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden. Morgens haben mir Kollegen die Gegenargumente aus der Bildzeitung erzählt. Aber dann zogen sie doch mit zur Kundgebung. Schließlich kam der Freitag, an dem sie zum ersten Mal eine Stunde früher nach Hause gehen konnten. Es herrschte völliges Schweigen. Dass so was möglich ist... Da musste ich nichts mehr kommentieren."

Als Betriebsrat hatte Hopmann zum ersten Mal mit dem Arbeits- und Sozialrecht zu tun. Allmählich verstand er, was diese Gesetze für Betriebsräte bedeuten. Und wie nützlich es ist, seine Rechte zu kennen.

Politik habe ihn schon immer interessiert, sagt der Anwalt. Er war in Berlin-Kreuzberg aktiv in der Mieterberatung, damals, in den Siebzigern, als ihm jeden Abend die Hausbesetzer ihre Geschichten erzählten. Seit 1980 saß er zunächst in der Bezirksverordnetenversammlung, dann im Abgeordnetenhaus. 1989 und 1990 war er Fraktionssprecher für Arbeit und Betriebe. 1991 beendete er seine Arbeit als Abgeordneter.

Jura - das lag nahe

In den Betrieb zurückzukehren war nicht möglich; der hatte inzwischen Insolvenz angemeldet. Hopmann fand als Schlosser keine Arbeit mehr. Er gab Betriebsrats-Seminare bei den Gewerkschaften, lebte sparsam und fragte sich, wie es weitergehen sollte. Viele Möglichkeiten sah er nicht für sich, mit 45. Nur eine Idee lag nahe: "Ich bewerbe mich mal - aus Jux. Vielleicht kann ich Jura studieren." Er konnte. Er bekam einen Studienplatz an der Freien Universität. Nach einem Semester wusste er: Das geht. Viele Professoren waren jünger als er, kurios. Ab dem zweiten Semester arbeitete er an der Universität als Tutor, im sechsten legte er das Staatsexamen ab. Nach dem zweijährigen Referendariat war klar: Er wird Rechtsanwalt, nichts anderes kommt in Frage. Nach zwei Jahren in einer großen Kanzlei gründete er eine eigene, zu der ein Kollege gehört, der einen ähnlich weiten Weg gegangen ist wie er.

An Hopmanns Pinnwand hängt ein Plakat der IG Metall zum Schillerjahr: "Verbunden sind auch die Schwachen mächtig." Der Anwalt ergänzt: "Ein guter Anwalt für Arbeitsrecht weiß, dass Rechtsfragen Machtfragen sind. Er sollte Karl Marx gelesen haben." Arbeitsrecht ist für Hopmann eine emotionale Sache: "Da wird klar, wie Leuten Rechte genommen werden. Ich kenne das, ich bin auch gekündigt worden, ich weiß, wie das ist. Ich denke: Die Beschäftigten haben immer Recht, die Gegenseite nie." Arbeitgeber vertritt er nicht. Ob damit mehr Geld zu verdienen wäre, fragt er sich nicht.

100000 Anwälte arbeiten in Deutschland, 10000 in Berlin. Hopmann spürt wenig von diesem Druck. Zwar nimmt die Zahl der Streitfälle beim Arbeitsgericht ab, seit der Kündigungsschutz gelockert wurde, der Streit zwischen Betriebsräten und Unternehmen jedoch wird härter. Was Barbara E. angeht, sind sich Mandantin und Anwalt einig: Sie werden vor das Bundesarbeitsgericht gehen und, wenn sie dort verlieren, vor das Bundesverfassungsgericht. Auch den Weg zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte scheut der Anwalt nicht.

Benedikt Hopmann

wurde 1949 in Münster geboren. Nach dem Abitur machte er Musik in einer Band. 1972 zog er nach Berlin, war dort Schweißer und Schlosser in verschiedenen Betrieben, Betriebsrat, dann Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg, danach des Berliner Abgeordnetenhauses. Er leitete Seminare, unter anderem für die Gewerkschaft HBV. 1995 bis 2000 studierte er Jura an der Freien Universität Berlin. Seitdem ist er Rechtsanwalt. Seine Lebensgefährtin ist schon im Ruhestand, sie hat zuvor in einer Kindertagesstätte gearbeitet.