Genossenschafter am Cello

Gregor Nowak leitet das Mendelssohn Kammerorchester Leipzig, eines der erfolgreichsten deutschen Nachwuchsorchester - als Unternehmer. Denn Angestelltenverträge bleiben für die meisten Musiker heutzutage ein Traum

Von Thomas Gerlach

Gregor Nowak

Geboren 1972 in Leipzig, studierte Violoncello an der Hochschule für Musik in Leipzig, seit 2000 künstlerischer und organisatorischer Leiter des Mendelssohn Kammerorchesters Leipzig. Im Orchester, ursprünglich ein Studentenensemble der Hochschule, musizieren junge Musiker, die überwiegend freiberuflich tätig sind, einige studieren noch, andere arbeiten im Gewandhausorchester. Das Repertoire umfasst Werke vom Barock bis zur Moderne, ein besonderes Augenmerk wird auf selten gespielte Stücke und auf Werke junger, zeitgenössischer Komponisten und auf die Nachwuchsförderung gelegt. Das Orchester ist als Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) eingetragen, die keine staatliche Förderung erhält. Für bestimmte Projekte, etwa in der Jugendförderung, wird das Orchester über einen Verein von der Stadt Leipzig und dem Land Sachsen gefördert.

Cellisten können sich nicht verstecken. Sie sind gut aus der Ferne auszumachen. Gregor Nowak, eh schon groß, witzelt lieber selbst zur Begrüßung. Ja, mit dem Cellokasten auf dem Rücken wirke man schon wie ferngesteuert. In Jeans und Lederjacke gleicht er den vielen Studenten, die hier vorbeieilen. Nichts deutet darauf hin, dass er in einem Orchester spielt, diesem gar vorsteht - wenn nicht der Cellokasten wäre, der silbern wie eine seltsam bauchige Rakete glänzt und ihn um einen Kopf überragt. So als würde das Instrument den Weg bestimmen.

In gewisser Weise ist das auch so. Der Bauer läuft dem Vieh hinterher, der Kaufmann dem Geschäft und der Musiker der "Mucke" - wie Pianisten, Violinisten und Cellisten etwas salopp ihren Broterwerb nennen. Auch Nowak redet bald davon, schließlich ist er nicht nur Cellist des Mendelssohn Kammerorchesters Leipzig, sondern auch dessen Kopf - und damit Geschäftsführer und künstlerischer Leiter eines Orchesters, das sich, kaum zehn Jahre alt, bundesweit einen Namen gemacht hat.

Als Gregor Nowak im Gewölbe der Moritzbastei, gewissermaßen dem Leipziger Studentenclub, sein Cello ablegt, räumt er gleich ein Missverständnis beiseite: Er ist kein Dirigent. Dieser mag dirigieren, doch welche Symphonie, mit welchen Musikern, das entscheidet der künstlerische Leiter. Und wo gespielt wird, ist Sache des Geschäftsführers. Gregor Nowak, 37 Jahre alt, hat also gut zu tun.

Das spürt man. Der Milchkaffee ist noch in Arbeit, da hat Nowak mit einigen Sätzen und knappen Gesten das Konzept umrissen, mit dem er im Begriff ist, den musikalischen Gipfel zu erklimmen: Das Mendelssohn Kam-merorchester sei kein zusammen gewürfelter Haufen von Musikern ohne Anstellung, die auf dem Sprung sind zum wahren, schönen und guten Orchesterleben. Nein, und Gregor Nowak beugt sich dabei weit vor, das Mendelssohn Kammerorchester will kei-ne "Mucke" runterspielen, sondern Maßstäbe setzen. Es ist ein Orchester im Geist Mendelssohn Bartholdys, kein Prekariat mit Musik. Der Komponist und Gewandhauskapellmeister holte zu Unrecht vergessene Werke wieder ans Licht, förderte aber ebenso junge Musiker. "Ästhetische und gesellschaftliche Werte vermitteln - junge Menschen für unsere Kultur begeistern - und höchste Qualität!" Das ist das Leitmotiv. Nowaks Hände dirigieren ein lautloses, doch furioses Stück.

Kein Prekariat mit Musik

Mit dem Wahren, Schönen und Guten hat Nowak so seine Erfahrung gemacht. Die Leistungsdichte und die Zahl der Musiker habe enorm zugenommen, allerdings nicht die Zahl der Stellen. Nein, es spricht sich nicht leicht von Niederlagen. Er habe seine größte nebenan im Gewandhaus erlitten. Zwei Cellisten wurden gebraucht, Nowak kam auf Platz drei. Aus der Traum vom Gewandhaus-Cellisten, wie sein Großvater einer war. "Das war natürlich ein harter Schlag", gibt Nowak zu. "Aber es war ein Glücksfall." Warum? "Weil ich gezwungen war, über andere Dinge nachzudenken." Etwa, was er künstlerisch erreichen will - und wie.

"Mancher mag Musiker für Feingeister halten, die ein Biotop benötigen.
Das ist ein Klischee."

foto: MARTIN JEHNICHEN

Mancher mag Musiker für Feingeister halten, die ein Biotop benötigen. Das mag an den feingliedrigen Händen liegen, auch an dem Immateriellen ihres Handwerks, aber in Wirklichkeit ist dieses Klischee durchgesessen wie ein Biedermeier-Sofa. Der Cellist Nowak wurde in der Krise zum Orchesterleiter. Ingenieure haben Unternehmen gegründet, Fünfsterneköche Restaurants und nun leiten Musiker Orchester. Not macht pragmatisch.

Und sie fördert Begabungen. Nowaks Gesicht hat sich aufgehellt. Ja, er habe neue Fähigkeiten entdeckt, Organisations- und Managementqualitäten etwa. Das Mendelssohn Kammerorchester ist eine GbR, Gesellschafter sind Gregor Nowak und Ehefrau Sibylle. Der Traditionsbruch vom Opa zum Enkel könnte kaum größer sein.

Eine Entscheidung mit Zukunft: Schließlich sind inzwischen weit mehr als die Hälfte der Musiker Freiberufler. So gesehen ist das Mendelssohn Kammerorchester nicht nur musikalisch "das derzeit spannendste Projekt der Musikstadt Leipzig" wie die Leipziger Volkszeitung schrieb.

Üppig ist die Gage nicht

Gregor Nowak schultert sein Cello. Es ist nur ein Steinwurf zum Gewandhaus. Gewandhaus? Ja, sein Orchester kooperiere mit dem großen Nachbarn, unter anderem stellt der Probenräume bereit. Zudem spielen bei Nowak auch Musiker des Toporchesters, Seite an Seite mit Studenten der Musikhochschule und Freiberuflern. Nowak stürmt mit großen Schritten durch die Katakomben, als wolle er gleich den Großen Saal - musikalisch der Olymp - besetzen. Nicht nur einmal scheint sein Cello an der Decke zu schrammen.

Die Eile ist unnötig, dort oben hat Nowaks Orchester inzwischen genauso gespielt wie ganz unten, bildlich gesprochen. "Haydn hinter Gittern" hieß das Programm, das sie in den Haftanstalten von Leipzig und Berlin-Moabit aufgeführt haben. Die harten Jungs hätten nach den Konzerten noch lange zusammen gesessen und geredet. Geradezu herzzerreißend, sagt Nowak.

Zwei Konzerte in Norddeutschland stehen an. Vor der Probe kommt Nowak auf die Honorare zu sprechen. Drei Proben- und zwei Konzerttage, unterm Strich reicht es zu einem unteren dreistelligen Betrag für jeden Musiker. Üppig ist das nicht. Die Einnahmen werden nahezu komplett ausgeschüttet, sagt Nowak, schließlich soll es nicht nur ein künstlerischer Anreiz sein, hier zu spielen. Inzwischen hat Cellist Nowak seinen Stuhl eingenommen. "Das beginnt sehr weich, sehr sprechend", sagt der Konzertmeister und lässt die Streicher proben.

Gregor Nowaks Orchester gleicht einer Genossenschaft, in der ein schmaler Ertrag ausgeschüttet wird. Doch der sollte sich bessern. Die Säle werden größer, die Besprechungen bleiben freundlich. Der Kritiker in Neumünster wird bald die "musikalischen Leckerbissen" rühmen. Derzeit werden sie hier noch geprobt. "Ich plädiere nicht für absolutes Tempo, sondern für absolute Klarheit!" ruft der Konzertmeister. Qualität geht eben vor.