Durch den guten Ruf gerettet

Sie ist die Vorsitzende des Europäischen Gewerkschaftsbundes und des schwedischen Gewerkschaftsdachverbandes LO: Wanja Lundby-Wedin. Weil sie eine überhöhte Pensionszahlung abgenickt hatte, muss sie sich nun neues Vertrauen erarbeiten

"Ich war immer die große Schwester, die für alles verantwortlich war."

foto: Liesa Johannssen

von Reinhard Wolff

Sechs Tage bis Ostern, abends kurz vor 20 Uhr. Wanja Lundby-Wedin eröffnet eine völlig überfüllte Pressekonferenz. Die Medienvertreter drängeln sich in der Zentrale der "Landsorganisationen" (LO), wie der schwedische Gewerkschaftsdachverband heißt. Die Stockholmer nennen das Gebäude am Norra Bantorget "LO-Borgen", Burg, wegen seiner charakteristischen Türme. Seit Stunden haben sie auf einen Bescheid gewartet. Gibt es einen Rücktritt? Die Vorsitzende der "Landsorganisationen" hat einen der schwersten Tage in diesem Amt hinter sich. "Nun müssen wir zusammenstehen und ein Gegengewicht bilden zu der lohnfeindlichen Politik, die jetzt geführt wird. Und unsere Mitglieder müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Organisation auf ihrer Seite steht", beginnt sie ihre Stellungnahme.

Acht Stunden lang hatten die Vorsitzenden der LO-Mitgliedsgewerkschaften auf einer über Nacht einberufenen Krisensitzung über Wanja Lundby-Wedins weitere Zukunft beraten. Drei dieser 15 Einzelgewerkschaften hatten vorab Zweifel geäußert, ob sie noch die richtige Person an der Spitze der schwedischen Gewerkschaftsbewegung sei. Zwei Tage zuvor war eine Umfrage veröffentlicht worden, wonach 54 Prozent der LO-Mitglieder das nicht mehr glauben.

Neun Jahre im Amt und dreimal ohne Gegenkandidaten wiedergewählt - bislang hatte Wanja Lundby-Wedin, 56 Jahre, gelernte Krankenschwester, für ihre Arbeit als LO-Vorsitzende fast durchweg nur höchstes Lob erhalten: sympathisch, überaus populär, allseits geschätzt, zuverlässig und erfolgreich. Doch nun hatte das Vertrauen in sie plötzlich einen Knacks bekommen. Als Mitglied im Aufsichtsrat von "AMF Pension", einer von Gewerkschaften und Arbeitgeberverband gemeinsam verwalteten Rentenkasse, hatte sie für einen Vorstandsvorsitzenden eine Pensions- und Bonusregelung mit zu verantworten, welche an der Basis mit Recht für Aufruhr gesorgt hatte. Wie will Schwedens oberste Gewerkschafterin noch glaubwürdig gegen das seit langem kritisierte Bonussystem agieren, wenn sie selbst umgerechnet 10 Millionen Euro für einen nach zehn Jahren ausscheidenden "AMF"-Chef für angemessen hält?

Stets skandalfreie Laufbahn

Wanja Lundby-Wedin hatte schlicht nicht aufgepasst. Hatte eine abstrakte und komplizierte Bonusregelung gutgeheißen und versäumt, die konkreten Zahlen, die am Ende herauskommen würden, nachzurechnen. Eine Erklärung, an der die Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften nicht zweifelten. Und damit ein Fehler, in dem sie keinen Grund für einen Rücktritt sahen. Vor allem angesichts der bisher skandalfreien Laufbahn von Wanja Lundby-Wedin. "Ihr Ruf als durch und durch ehrliche Person hat sie gerettet", formulierte ein Fernsehkommentator.

Wenn die "AMF-Affäre" eine Schwäche enthüllte, dann die, dass Wanja Lundby-Wedin offenbar nicht Nein sagen konnte, wenn neue Aufträge an sie herangetragen wurden. Im Laufe der Jahre hatten sich ihre Posten gehäuft. Anfang 2009 saß sie in nicht weniger als 24 Aufsichtsräten. Da waren Fehler programmiert.

Dass sie nicht Nein sagen konnte, hatte allerdings auch ihren Weg an die Spitze der Gewerkschaftsbewegung geebnet. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester kam sie als 20-Jährige an das Stockholmer Zentralkrankenhaus Danderyd. Trat in die Kommunalarbeiter-Gewerkschaft ein und wurde gleich gewerkschaftliche Vertrauensperson für ihre Krankenhaus-abteilung. "Ich wurde gefragt, ob ich das nicht machen will. Besuchte den einen und anderen Studienzirkel, rückte in den Krankenhaus-Personalrat nach. Und so ging das eben weiter. Ich habe mich nie um einen Posten beworben. Wurde eigentlich immer gefragt", sagt sie selbst.

Es war als Zeichen einer Epochenwende gedeutet worden, als mit Wanja Lundby-Wedin im Jahre 2000 nicht nur erstmals eine Frau, sondern auch die Vertreterin einer Dienstleistungsgewerkschaft den höchsten Posten des Dachverbands LO übernahm. Und nicht mehr die bislang auf dieses Amt abonnierten Vorsitzenden der Metall- und anderen Industriegewerkschaften. Einfach war dieser Weg für sie nicht, sagt sie: "Plötzlich stehst du im Rampenlicht, bist immer Zentralgestalt. Ich habe ja auch mal schlechte Tage. Wo ich am liebsten diesen oder jenen Termin absagen möchte. Aber das geht nicht." Eine ihrer ersten Amtshandlungen war es, den Kampf gegen ungleiche Löhne für Männer und Frauen zu einer zentralen Frage der Tarifvertragspolitik der schwedischen Gewerkschaften zu erklären.

Die schwedische Gewerkschaftsbewegung ist eine der stärksten der Welt. Auch wenn einzelne Gewerkschaften mit einem Negativtrend bei den Mitgliederzahlen zu kämpfen haben. Der Organisationsgrad war in den letzten Jahren im Schnitt um fünf auf rund 80 Prozent gefallen. Viele Beschäftigte in den Niedriglohngruppen meinten, sich die Gewerkschaftsbeiträge sparen zu können. "Wenn man in der letzten schweren Wirtschaftskrise noch ein Kind war und nicht mitbekommen hat, was passieren kann, ist so ein Denken nicht verwunderlich", kommentierte Wanja Lundby-Wedin diese Entwicklung im Sommer vergangenen Jahres. Wie Recht die Gewerkschafterin damit hatte, zeigt eine seit einigen Monaten in Gang gekommene Trendwende mit wieder steigenden Mitgliederzahlen. Die aktuelle Wirtschaftskrise hinterlässt auch hier Spuren.

Konzentration auf Europa

Wie geht es für die LO-Vorsitzende weiter nach ihrer persönlichen Krise? Bei "AMF Pension" hat sie den Aufsichtsratsposten niedergelegt. Die meisten anderen sollen folgen. "Mein Fokus werden nun ganz die berechtigten Erwartungen der Mitglieder und die großen Herausforderungen sein, vor denen die Gewerkschaftsbewegung steht", versprach Lundby-Wedin, nachdem ihr von den LO-Gewerkschaften neues Vertrauen geschenkt worden war. Konkret will sie neben dem schwedischen Vorsitz nur noch den des Europäischen Gewerkschaftsbundes EGB behalten. Zur Vorsitzenden des EGB, der 60 Millionen Mitglieder in 35 Ländern vertritt, war sie im Mai 2007 gewählt worden.

Wanja Lundby-Wedin beklagt, dass der Europäische Gerichtshof die Balance zwischen europäischem Binnenmarkt und nationalen Gesetzen in seiner Rechtsprechung immer weiter zugunsten der EU-Regeln verschoben hat. Während Gewerkschaftsrechte mit Hinweis auf die Freiheit des Kapitals und des Dienstleistungsverkehrs eingeschränkt werden. Umso wichtiger ist nun die Zusammensetzung des neu zu wählenden Europa-Parlamentes. So viel steht fest: Was die Situation der Gewerkschaften in Europa anbelangt, hat der EGB, und damit Wanja Lundby-Wedin, einiges zu tun.

Das angeschlagene Vertrauen vieler Gewerkschafter/innen hofft sie wiederzugewinnen. "Ich habe so viel Selbstvertrauen, dass ich mir einbilde, ich bin das, was ich bin, weil ich hart gearbeitet und einen guten Job gemacht habe", erklärt sie. An Selbstbewusstsein mangelt es Wanja Lundby- Wedin jedenfalls nicht.

Wanja Lundby-Wedin, geboren am 19. Oktober 1952, wuchs in einer Arbeiterfamilie in Stockholm auf. Der Vater war Lastwagenfahrer, die Mutter Hausfrau. "Ein Telefon konnten wir uns nicht leisten." Sie ist verheiratet mit Lennart, einem pensionierten Ombudsman der Metallarbeitergewerkschaft. Das Paar hat zwei Kinder und zwei Enkel. "Ein Auto haben wir nicht, aber ein Sommerhaus auf Husarö" - einer Insel im Stockholmer Schärengarten. "Dort und bei der Gymnastik erhole ich mich", sagt sie. Außerdem singt sie in einem Chor und hat eine Vorliebe für Taizé-Messen. Ihre Vision: Eine Gesellschaft, in der alle ein "gutes Leben leben können". In der nicht Klasse, Geschlecht oder ethnische Herkunft über die Lebensbedingungen bestimmen. "Ich besitze nur eine einzige Aktie", betont sie gerne: "Vom Stockholmer Folkets Hus", dem traditionellen Arbeitertreffpunkt "Haus des Volkes".