Der Kampf ums Kaufhaus

Bis zu 56 000 Arbeitsplätze sind bei Arcandor bedroht

Von Andreas Hamann

Arcandor sei gerettet, verkündete Ex-Vorstandschef Middelhoff im Februar. Dann kam der schwärzeste Tag der Firmengeschichte: Am 9. Juni musste sein Nachfolger Karl-Gerhard Eick Insolvenz für die Holding des Handels- und Touristikkonzerns anmelden. Es folgten über 20 Einzelgesellschaften. Darunter Karstadt, Quelle und Primondo.

Nach dem ersten Schock stellte sich Wut ein. "Warum helfen die Opel, uns aber lassen sie im Stich?", hieß es. Das Nein zu staatlichen Bürgschaften sorgt für Verbitterung. Ebenso die Argumentation, die Arcandor-Situation habe nichts mit der Finanzkrise zu tun. Denn alle wissen, dass die Banken eine Kreditverlängerung nur versagt haben, weil sie selbst in Schwierigkeiten geraten waren. "Wer Lösungen will, findet Wege. Wer keine Lösung will, findet Gründe", sagte ver.di-Vizechefin Margret Mönig-Raane an die Adresse der Kanzlerin gerichtet. Auch die Eigentümer, Banken und Vermieter hätten nicht genug Engagement gezeigt.

Ohne Karstadt stirbt die Innenstadt

Eine Unternehmensgruppe mit einem Jahresumsatz von rund 20 Milliarden Euro ist ins Wanken geraten. Bis zu 56 000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, dazu unzählige Jobs bei Dienstleistern. Allein bei der Post-Logistiktochter DHL sind 5 000 Menschen vorwiegend für Arcandor tätig. Für Karstadt spricht der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg allerdings davon, dass der Geschäftsbetrieb bis Jahresende finanziell gesichert sei. Auch bei Quelle ringt man intensiv darum, die Liquidität dauerhaft zu garantieren. Ende Juni sagen der Bund, Bayern und Sachsen einen "Massekredit" über 50 Millionen Euro zu.

Endgültig entscheidet das Amtsgericht Essen Ende August über die Insolvenzen; solange sind auch die Löhne und Gehälter über die Bundesagentur für Arbeit gesichert. ver.di und die Betriebsräte weisen immer wieder darauf hin, wie negativ sich die Arcandor-Krise auf die Gesellschaft auswirken kann. "Ohne Karstadt stirbt die Innenstadt", hieß es auch Ende Mai bei einer Kundgebung mit 8 000 Menschen vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. Die Sorge, dass ganze City-Bereiche verwaisen könnten, falls der Magnet Warenhaus dicht gemacht wird, teilen viele Bürgermeister. Karstadt-Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt zählt auf, worum es jetzt geht: "Beschäftigungssicherung, Standort- sicherung, Zukunftssicherung."

Dass Karstadt schon mal mit dem Spruch "Ruinieren Sie uns!" geworben hat, wirft ein Schlaglicht auf die brenzlige Lage. Preiskriege und ein Übermaß an Flächen heizen den Verdrängungswettbewerb an, doch die Politik schaut fast tatenlos zu. Jedes Jahr wächst die Verkaufsfläche in Deutschland um eine bis 1,5 Millionen Quadratmeter, ohne dass die Kaufkraft mithält. Das fegt viele Geschäfte vom Markt. Hinzu kommen veränderte Konsummuster, die von Shopping-Centern, Fachmärkten, Internethändlern und Discountern erzeugt und bedient werden. Karstadt und andere haben lange unzureichend reagiert - und es gab weitere gravierende Managementfehler, die den Umsatz drückten. Zu den prominenten Opfern zählt aktuell neben Woolworth auch Hertie: in die Pleite getrieben durch völlig überhöhte Mieten des Investors Dawnay Day.

Perlen vor die Säue

Bei Arcandor werden jetzt die Weichen gestellt, wie es ab September dieses Jahres weiter geht. Blitzverkäufe hat Klaus-Hubert Görg abgelehnt. Ziel sei der Erhalt des Konzerns. Pläne der Metro Group, 60 von 90 Karstadt-Häusern mit Kaufhof zu fusionieren, liegen damit vorerst auf Eis. Von den Insolvenzen ausgenommen sind der Reiseveranstalter Thomas Cook, die Spezialversender und der Shopping-Kanal HSE 24.

Vorstandschef Eick hält an einem Konsolidierungsmodell fest, das er im April vorgestellt hat. Es trifft unter anderem zwölf Warenhäuser, einschließlich der Perlen KaDeWe, Oberpollinger und Alsterhaus, sowie 115 Quelle-Technikcenter. Sie sollen nicht mehr Kerngeschäft sein; als Optionen werden auch Verkäufe und Schließungen genannt. Gewerkschaft und Betriebsräte kritisieren das. Im Gläubigerausschuss wollen sie alternative Ideen für ein Sanierungskonzept einfordern. A und O ist laut Margret Mönig-Raane "der Erhalt möglichst vieler und möglichst zukunftsfähiger Arbeitsplätze".

Von wegen Zukunftspakt

An der Gesundung von Karstadt, Quelle und ihren Schwestern wirken ver.di, die Beschäftigten und ihre Interessenvertretungen intensiv mit. Und das seit fünf Jahren. Von 2004 datiert der erste Sanierungstarifvertrag, der Beschäftigungssicherung garantierte. Ein "Zukunftspakt" für drei Jahre, bei dem die Belegschaften 345 Millionen Euro als Rettungsbeitrag hergeben, wurde 2008 vereinbart. Auch das erklärt die Hoffnung, dass das Ruder noch herumgerissen werden kann.