Gesundheitswesen

Die Unbestechlichen

2007 gründeten elf Mediziner/innen die Initiative MEZIS – „Mein Essen zahle ich selbst – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte”. Die mittlerweile 159 Mitglieder der Vereinigung lassen sich von der Pharmaindustrie nicht bestechen

Welche Pillen von welchem Hersteller sucht er jetzt wohl aus?

foto: STEPHAN ELLERINGMANN/LAIF

VON UTA VON SCHRENK

Der Sündenfall liegt schon einige Jahre zurück. Vor etwa 13 Jahren besuchte Eckhard Schreiber-Weber, Allgemeinmediziner aus Bad Salzuflen, eine „Fortbildung“ mit seinen kleinen Zwillingen. Thema: Die Karl-May-Festspiele. Eingeladen zu dieser „medizinischen Fachveranstaltung“ hatte ihn „eine ausgesprochen nette Pharmavertreterin”. Nach dem Besuch verspürte Dr. Schreiber-Weber ein seltsames Symptom: „Ich merkte, dass ich Mühe hatte, das damals angepriesene Medikament gegen das gleichwertige, kostengünstigere Standardmedikament auszutauschen.” Dabei hatte er sich schon an der Universität als pharma-distanzierten Mediziner gesehen.

Wer bleibt denn da immun?

Das Krankheitsbild der nahezu zwanghaften Verschreiberei dürften die meisten deutschen Ärzt/innen schon am eigenen Leib erfahren haben, wenn auch nicht bewusst: In einer noch unveröffentlichten Studie gaben die meisten der über 200 befragten Mediziner an, immun gegen die Beeinflussungen der Pharmaindustrie zu sein – sie halten aber ihre Kolleg/innen für dreimal mehr beeinflusst.

Schätzungen zufolge sind rund 16 000 Pharmareferenten in deutschen Arztpraxen und Kliniken unterwegs. Macht rund 20 Millionen Besuche im Jahr. 2,5 Milliarden Euro lassen sich die Pharmaunternehmen diese Produktwerbung kosten, schätzen Fachleute. Oft genug werden die Werbegespräche materiell unterfüttert. 2005 wurde der Ratiopharm-Skandal bekannt. Das Pharmaunternehmen hatte Ärzt/innen mit Geld oder Geschenken systematisch dazu gebracht, die eigenen Präparate bevorzugt zu verordnen. Die Staatsanwaltschaft Ulm eröffnete 3 000 Ermittlungsverfahren. Bei der Pharmafirma Bayer wurde eine Kartei mit den Vorlieben niedergelassener Mediziner/innen geführt – bis hin zur bevorzugten Weinsorte. Das Ergebnis dieser Bemühungen: Entgegen unabhängiger Empfehlungen werden Medikamente mit wenig neuem Nutzen, aber hohen Kosten auf den Markt gedrückt. Dem Arzneiverordnungs-Report 2009 des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen zufolge haben die gesetzlichen Kassen im vergangenen Jahr 29,2 Milliarden Euro für Medikamente ausgegeben, fünf Prozent mehr als 2008. Die deutschen Medikamentenpreise sind Weltspitze. Wen wundert's, legen doch die Hersteller die Preise fest und nicht der Staat, wie in den meisten anderen Ländern üblich.

Pharmafrei...

Irgendwann hatte Eckhard Schreiber-Weber die manchmal netten, aber unangemeldeten, zeitfressenden Besuche der Pharmavertreter/innen satt. „Ich habe Haus und Praxis von sämtlichen Pharmageschenken entrümpelt.“ Der Erkenntnisgewinn: „Es gab nichts, was es nicht gab.” Medikamente, Kugelschreiber, Uhren, Wein, sogar einen Sonnenschirm fand Schreiber-Weber in seinem Sortiment. „Das war mein Schlüsselerlebnis.” Danach sagte er seinen Kolleg/innen von der unabhängigen BUKO Pharma-Kampagne: „Ich bin pharmafrei.” Als in diesem Kreis die Idee entstand, in Deutschland eine Ärzte-Organisation nach dem Vorbild der US-amerikanischen „no free lunch“ zu gründen, war Schreiber-Weber sofort dabei. Im Januar 2007 taten sich elf Ärztinnen und Ärzte zusammen und gründeten MEZIS – „Mein Essen zahle ich selbst – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte”.

Unter den Gründungsmitgliedern waren Prominente wie der ehemalige Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Bruno Müller-Oerlinghausen, und Axel Munte, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern. „Der Einfluss der Pharma­industrie in Deutschland ist mittlerweile so hoch, dass oft der Eindruck erweckt wird, man könne jedes medizinische Problem mit einer Tablette lösen”, sagt Schreiber-Weber. Dabei gingen Ernährungsumstellung, Bewegungstherapie, Psychotherapie oder Kneipp-Anwendungen oft weit mehr an die Ursache des Problems als ein Medikament.

Nach dem bereits erwähnten Arzneiverordnungs-Report könnten bei Arzneimitteln 3,4 Milliarden Euro gespart werden, davon 1,7 Milliarden Euro durch das Verschreiben preisgünstigerer wirkstoffgleicher Präparate. Doch der Einfluss der Pharmaindustrie reicht bis in die Spitze der Politik: 2003 kippte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nach einem Besuch der Pharma-Bosse die geplante Positivliste für Medikamente, deren Nutzen eindeutig nachgewiesen ist und die daher von den Kassen bezahlt werden sollten. Die Liste gibt es bis heute nicht.

...und vertreterfrei

Schreiber-Weber hängte stattdessen das Plakat mit den MEZIS-Zielen (siehe Kasten) in seiner Praxis auf und empfing keine Pharmavertreter/innen mehr. „Zu mir kommt keiner mehr, das hat sich schnell in der Branche herumgesprochen.” Seine Informationen über Nutzen und Nebenwirkungen von Medikamenten bezieht Schreiber-Weber nun aus unabhängigen Quellen wie dem arznei-telegramm, dem Arzneimittelbrief, den Richtlinien der Kassenärztlichen Vereinigung und den MEZIS-Nachrichten. Leider hat er in seinem Umkreis noch nicht viele MEZIS-Mitglieder. Regelmäßige Treffen gibt es bislang erst in Berlin und Niedersachsen. 159 Mitglieder hat die Vereinigung zurzeit, Einzelmitglieder und Vereinigungen wie die KV Bayern.

Der ärztliche Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, Klaus Lieb, Gründungsmitglied von MEZIS, hat für sein Haus ein Reglement im Umgang mit Pharmaherstellern und -vertretern durchgesetzt: Die Ärzt/innen auf den Stationen empfangen seit April 2008 keine Vertreter/innen mehr, Geschenke sind tabu, Fortbildungen werden ohne Unterstützung der Pharmaindustrie abgehalten und an Medikamentenstudien nimmt die Klinik nur teil, wenn die geprüften Substanzen „einen erkennbaren Fortschritt gegenüber bereits auf dem Markt befindlichen Substanzen erwarten lassen”. Dafür können die Pharmavertreter Neuerungen auf der ärztlichen Frühkonferenz präsentieren – in Absprache mit der Klinikleitung. „Uns war es wichtig, dass die wissenschaftlichen Informationen weiter fließen, wir uns aber in der Verordnung der Medikamente unsere Unabhängigkeit bewahren”, sagt Lieb. Der Kodex schließe die Teilnahme an einer Anwendungsbeobachtung nicht aus, wenn etwa seltene Nebenwirkungen eines neuen Medikaments in einer Studie überprüft werden. Anwendungsbeobachtungen, die nur Marketing-Zwecken dienen, gibt es in der Klinik nicht.

Auch gut fürs Budget

Seine MEZIS-Mitgliedschaft habe durchaus positive Nebenwirkungen auf seine Arbeit als Arzt, sagt Schreiber-Weber: Mehr Zeit für Patient/innen und Mitarbeiter/innen – und ein stets unterschrittenes Budget. „Ich muss keinem meiner Patienten ein notwendiges, aber teures Medikament verweigern – weil ich mein Budget insgesamt nicht sonderlich strapaziere.” Im Jahr 2008 lag Schreiber-Weber nach eigenen Angaben gut 87 000 Euro unter dem Richtlinienwert. Sein Rezept: Generika, keine überteuerten Scheininnovationen und wenn Medikamente nötig sind, dann altbewährte und dadurch günstige. „Viele Ärzte glauben, dass sie ihr Budget nicht einhalten können, wenn sie keine Musterpräparate von Pharmavertretern annehmen. Das ist aber Unsinn“, sagt Schreiber-Weber. „Wer sich pharmakritisch verhält, kommt gar nicht erst in Verordnungsschwierigkeiten.” www.mezis.de